Der Gedanke an den Kaufmann belästigte Ilja nicht, und überhaupt beunruhigten ihn seine düstern Gedanken nicht weiter – sie lagen sanft und weich an der Oberfläche seiner Seele, umwogten sie gleichsam wie die Wolken den Mond. Die Farben auf dem Bilde »Menschliche Altersstufen« erschienen, durch die Schleierhülle der Gedanken gesehen, ein wenig blasser, und es war, als ob ein Fleck auf das Bild fiele. Jedesmal, wenn die Ermordung Poluektows Lunew durch den Kopf ging, sagte er sich in aller Ruhe, daß doch im Leben Gerechtigkeit herrschen müsse, daß also früher oder später den Menschen die Strafe für seine Sünden ereile. Während er aber so dachte, spähte er scharf in die dunkle Ecke des Zimmers, wo es so ganz besonders still war und aus dem Dunkel sich eine bestimmte Gestalt zu formen schien ... Dann entkleidete sich Ilja, legte sich ins Bett und löschte die Lampe aus. Er blies sie nicht auf einmal aus, sondern drehte erst die Schraube, die den Docht bewegte, hin und her. Die Flamme der Lampe verschwand beinahe und flackerte wieder empor, und die Finsternis hüpfte bald um das Bett herum, bald stürzte sie sich von allen Seiten darauf, um dann wieder in die Ecken des Zimmers zurückzuweichen. Ilja beobachtete, wie die unfühlbaren schwarzen Wogen ihn zu verschlingen suchten, und spielte so eine ganze Weile mit der Finsternis; die weitgeöffneten Augen durchtasteten gleichsam das Dunkel, als wollte er darin mit seinem Blick etwas fangen ... Endlich zuckte die Flamme zum letztenmal auf und verschwand; das Dunkel füllte für einen Augenblick das ganze Zimmer, schien aber noch nicht beruhigt nach dem Kampfe mit dem Licht und schwankte hin und her. Und mit einemmal trat aus ihm vor Iljas Augen als trüb-blauer Fleck das Fenster hervor. In mondhellen Nächten fielen auf den Tisch und den Fußboden von dem eisernen Gitter vor dem Fenster schwarze Schattenstreifen. In dem Zimmer herrschte eine so gespannte Stille, daß es schien, als müsse alles darin erzittern, wenn jemand nur einen starken Atemzug tat. Lunew hüllte sich fest in seine Decke, umwickelte namentlich seinen Hals sehr sorgfältig und schaute, das Gesicht freilassend, so lange in das Dunkel des Zimmers, bis der Schlaf ihn übermannte. Am Morgen erwachte er rüstig und beruhigt, und er schämte sich fast, wenn er sich der Torheiten vom Abend vorher erinnerte. Er trank mit Gawrik den Morgentee auf dem Ladentisch und besah sich sein Magazin, als wenn es für ihn etwas ganz Neues wäre. Zuweilen erschien Pawel bei ihm von seiner Arbeit – voll Schmutz und Talg, in einer Bluse, die zahlreiche Brandlöcher aufwies, mit rußgeschwärztem Gesichte. Er hatte wieder Arbeit bei einem Brunnenmacher und schleppte einen Kessel mit Zinn, eine Anzahl Bleiröhren und einen Lötkolben mit sich herum. Er hatte es immer eilig, nach Hause zu kommen, und wenn Ilja ihm zuredete, doch noch ein Weilchen zu bleiben, sagte er mit verlegenem Lächeln:
»Ich kann nicht! Ich komm' mir immer vor, Bruder, als hätt' ich zu Hause einen Vogel Phönix im Bauer sitzen, und das Bauer wäre für ihn zu schwach. Ganze Tage lang sitzt sie dort allein ... und wer will's sagen, woran sie denkt? Ein langweiliges Leben hat für sie begonnen ... ich begreif das sehr gut ... Ja, wenn wir ein Kind hätten!«
Und Gratschew seufzte tief ... Eines Tages sagte er finster zu seinem Freunde:
»Alles Wasser hab' ich von meinem Garten abgeleitet ... wenn's mich nur nicht überschwemmt!«
Ein andermal, als Ilja fragte, ob Gratschew noch Verse schreibe, antwortete dieser lachend:
»Mit dem Finger an den Himmel, ja ... Ach, hol' der Teufel die Verse! Das ist kein Geschäft für uns arme Scharwerker ... Ich sitz' jetzt ganz auf dem Trocknen, Bruder. Nicht ein Funken im Kopfe ... nicht ein Fünkchen! Stets nur an sie muß ich denken ... nach ihr meine Sinne lenken ... Wenn ich löte ein Rohr... oder ein Brunnenloch bohr' ... Immer gehn durch den Schädel Gedanken mir an mein Mädel ... Siehst du, das sind jetzt meine Verse, ha ha! Leicht fällt ihr übrigens das Leben auch nicht ...«
»Und dir?« fragte Ilja.
»Auch mir fällt's schwer, natürlich ... Wenn ich ihr doch mehr bieten könnte – sie ist so an Fröhlichkeit gewöhnt ... siehst du! Immer denkt sie ans Geld. Wenn man nur irgendwoher recht viel Geld kriegen könnte – sagt sie – dann wäre alles mit einemmal umgewandelt ... Dumm bin ich gewesen, sagt sie ... hätte irgend 'nen Kaufmann bestehlen sollen ... Lauter Unsinn redet sie. Alles, weil ich ihr leid tu' ... ach ... ich versteh' sie! ... Es fällt ihr gar zu schwer ...«
Und plötzlich wurde er unruhig und lief fort.
Öfters kam auch zu Ilja der zerlumpte, halbnackte Schuster mit seiner unvermeidlichen Harmonika unterm Arm. Er erzählte von den Geschehnissen in Filimonows Hause und von Jakow. Mager, schmutzig und zerzaust, drückte sich Perfischka in der Tür des Ladens herum, lachte übers ganze Gesicht und ließ seiner Zunge freien Lauf:
»Petrucha hat also geheiratet – ein Weib wie 'ne rote Rübe, und einen Stiefsohn dazu wie 'ne Möhre. Einen ganzen Garten, bei Gott! Das Weib ist dick, kurz und rot, und ihr Gesicht drei Stockwerke hoch. Ein dreifaches Kinn nämlich hat sie – und nur einen Mund. Und Äuglein dazu wie ein Schweinchen ... Und ihr Herr Sohn – der ist gelb und lang und trägt eine Brille. Ein Aristokrat! Er heißt Ssawwa, und er spricht durch die Nase ... ist vor der Frau Mama gar artig und ehrbar, und hinter ihrem Rücken der erste Bummler. Eine saubere Gesellschaft ... allen Respekt! ... Und Jaschka, der macht jetzt 'ne Miene, als wenn er in irgend 'ne Ritze kriechen wollte, wie 'ne erschrockene Schwabe. Er trinkt insgeheim, der arme Junge, und hustet öffentlich so laut, wie er kann. Der Herr Papa hat ihm jedenfalls die Lunge beschädigt, und zwar ganz gehörig! Sie beißen tüchtig auf ihn los – und der Junge ist weich, da werden sie ihn leicht verdauen ... Dein Onkel hat aus Kiew einen Brief geschickt ... ich glaube, seine Mühe ist vergeblich: einen Buckligen läßt man sicher nicht in den Himmel 'rein! ... Und Matizas Beine sind ganz gelähmt: im Wagen fährt sie jetzt. Hat sich 'nen Blinden angenommen, hat ihn vorgespannt und lenkt ihn wie ein Pferd – zum Lachen ist's. Na, sie ernähren sich doch schließlich beide – teilen redlich halb und halb, was sie erbetteln ... Ein Prachtweib, behaupt' ich, diese Matiza! Und hätt' ich nicht eine gar so gute Frau gehabt – ich hätt' unbedingt eben diese Matiza geheiratet ... Hab' in meinem Leben nur zwei so grundbrave Weiber kennengelernt: meine Frau und die Matiza... Sie trinkt ja, das ist richtig ... gute Menschen sind eben allemal Saufsäcke ...«
»Und was macht Maschutka?« fragte ihn Ilja.
Bei der Erwähnung seiner Tochter schwand das Lächeln von dem Gesichte des Schusters, und seine Spaße verstummten, wie wenn ein Herbstwind welke Blätter vom Baume schüttelte. Sein gelbes Gesicht verlängerte sich, und er sprach leise und verlegen:
»Mir ist nichts von ihr bekannt ... Chrjenow sagte zu mir einfach: zeig' dich ja nicht in der Nähe, sonst kriegt sie ihre Prügel ... Spendier' doch was, Ilja Jakowlewitsch, daß ich mir ein Gläschen kaufen kann ...«
»Es geht mit dir abwärts, Perfilij!« sagte Ilja mitleidvoll.
»Unwiderruflich abwärts geht's«, bestätigte der Schuster gelassen. »Viele Leute werden um mich trauern, wenn ich sterbe!« fuhr er dann selbstbewußt fort. »Denn ich bin ein lustiger Bruder und weiß die Leute zu unterhalten. Alle jammern: Ach und Weh! O Sünde – o je!... Und da komm' ich mit einemmal, sing' ihnen ein Lied vor und bring' sie zum Lachen. Ob du für'n Groschen gesündigt hast oder, für tausend Rubel – sterben mußt du so und so, und die Teufel werden dich auf gleiche Weise peinigen ... Laßt auch mal 'nen lustigen Menschen auf Erden leben!...«