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So schwatzend, lachend und sich ereifernd, glich er ganz einem zerzausten alten Zeisig. Schließlich verschwand er aus dem Laden, und Ilja begleitete ihn zur Tür, nickte ihm zu und lächelte. Er fühlte, daß Perfischka ihm leid tat, und sagte sich andrerseits, daß sein Mitleid nicht angebracht sei. Seine Vergangenheit lag noch so gar nicht weit zurück, und alles, was ihn daran erinnerte, versetzte ihn in Unruhe. Er glich einem Menschen, der müde ist und sich zum Ausruhen hingelegt hat, an dessen Ohr aber die Herbstfliegen zudringlich summen und ihn am Schlaf verhindern. Wenn Ilja mit Pawel plauderte oder Perfischkas Erzählungen anhörte, lächelte er teilnahmsvoll, nickte mit dem Kopfe und wartete, bis sie endlich gingen. Pawels Reden namentlich machten auf ihn oft einen peinlichen Eindruck. Er bot ihm immer wieder Geld an und meinte achselzuckend:

»Auf andre Weise kann ich dir nicht helfen ... Höchstens, daß ich dir rate: laß deine Wjera laufen ...«

»Das kann ich nicht«, sagte Pawel leise. »Man läßt jemanden laufen, den man nicht nötig hat ... ich aber hab' Wjera sehr nötig ... Leider wollen andere sie mir entreißen. Da liegt der Haken! ... Und vielleicht lieb' ich sie gar nicht mit der Seele, sondern aus Bosheit und Trotz. Sie ist das Beste, was das Leben mir geboten hat – mein Stückchen Glück. Soll ich mir das rauben lassen? Was bleibt mir dann übrig? ... Nein, ich tret' sie keinem ab – um keinen Preis! Töten werde ich sie, aber nicht von ihr lassen ...«

Gratschews mageres Gesicht bedeckte sich mit roten Flecken, und er ballte trotzig die Fäuste.

»Hast du denn bemerkt, daß sie hinter ihr her sind?«

»Das nicht ...«

»Wen meinst du also, wenn du sagst: man wolle sie dir entreißen?« fragte Ilja nachdenklich.

»Es gibt eben solch eine Gewalt ... die sie mir entreißen will ... Ach, zum Teufel! Mein Vater ist eines Weibes wegen zugrunde gegangen, und ich habe, scheint's, dasselbe Los zu erwarten ...«

»Dir ist eben nicht zu helfen!« sagte Lunew, und er fühlte dabei eine gewisse Genugtuung. Er bedauerte Pawel noch mehr als Perfischka, und wenn Gratschew so recht voll Haß und Wut sprach, erwachte auch in Iljas Herzen der Haß gegen irgend jemand. Aber der Feind, der Pawel gekränkt und sein Glück zerstört hatte, ließ sich nicht blicken – er blieb unsichtbar. Und Lunew fühlte, daß sein Haß ebenso überflüssig war wie sein Mitleid, wie fast alle seine Gefühle gegen andere Menschen. Alle diese Empfindungen schienen ihm unnötig und überflüssig.

»Ich weiß es – mir kann kein Mensch helfen ...« erwiderte ihm Pawel finster. Er sah dem Kameraden mit forschendem Blick in das Gesicht und fuhr mit fester, unheimlicher Zuversicht fort: »Du hast dich in diesen Winkel zurückgezogen – und gedenkst hier ruhig zu sitzen ... Ich aber sage dir: schon gibt es jemand, der in der Nacht nicht schlafen kann, sondern immer nur darauf sinnt, wie er dich hier herausbeißen könnte ... Und sie werden dich herausbeißen – oder du selbst gibst die Sache auf ...«

»Da kannst du lange warten!« sagte Ilja lachend.

Aber Gratschew blieb bei seiner Meinung. Er blickte dem Freunde scharf ins Gesicht und redete hartnäckig auf ihn ein.

»Und ich sage dir – du gibst es auf! Nicht von der Art ist dein Charakter, daß du dein ganzes Leben still und friedlich in einem dunklen Loch verbringen könntest. Entweder fängst du an zu trinken, oder du machst Bankrott ... irgend etwas wird jedenfalls mit dir geschehen ...«

»Aber weshalb denn?« rief Lunew verwundert.

»Nun, so ... Es steht dir nicht an, so ruhig zu leben ... Du bist ein prächtiger Kerl, ein Mensch, der eine Seele besitzt ... Es gibt solche Menschen: ihr ganzes Leben lang halten sie sich gerade, sind niemals krank, und mit einemmal geht's: schwapp!«

»Was – schwapp?«

»Sie fallen hin und sind tot ...«

Ilja lachte, streckte seine Glieder, ließ seine straffen Muskel spielen und seufzte dann tief, aus voller Brust.

»Das ist ja alles Unsinn!« sagte er.

Am Abend jedoch, als er vor dem Samowar saß, erinnerte er sich unwillkürlich der Worte Gratschews und dachte über seine geschäftlichen Beziehungen zu Madame Awtonomow nach. Erfreut über ihren Vorschlag, auf gemeinsame Kosten einen Laden aufzumachen, hatte er allem zugestimmt, was sie ihm vorgeschlagen hatte. Und jetzt ward ihm plötzlich klar, daß, obschon er mehr als sie in das Geschäft eingelegt hatte, er eher ihr Kommis als ihr Kompagnon war. Diese Entdeckung versetzte ihn in Bestürzung und Wut.

»Aha! Darum also umarmst du mich so herzhaft – willst dich unbemerkt an meine Taschen heranmachen!« sprach er in Gedanken zu Tatjana Wlaßjewna. Und er beschloß, sein letztes Geld dranzugehen, um seiner Geliebten das Ladengeschäft abzukaufen und die Beziehungen zu ihr abzubrechen.

Es ward ihm nicht schwer, diesen Entschluß zu fassen. Tatjana Wlaßjewna war ihm in letzter Zeit geradezu lästig gefallen, er konnte sich an ihre immer seltsameren Zärtlichkeiten nicht gewöhnen und sagte ihr eines Tages ins Gesicht:

»Was für ein schamloses Weibsbild bist du doch, Tanja!«

Aber sie hatte auf seine Bemerkung nur ein Kichern als Antwort. Sie erzählte ihm nach wie vor Geschichten aus den Kreisen ihrer Bekannten, und eines Tages bemerkte Ilja zweifelnd:

»Wenn du die Wahrheit sagst, Tatjana, dann ist euer sogenanntes anständiges Leben nicht einen Schuß Pulver wert!«

»Weshalb denn? Es ist doch recht lustig so!« versetzte sie achselzuckend.

»Eine saubere Lustigkeit! Am Tage – nichts als Knickerei, und in der Nacht – Ausschweifungen ...« »Wie naiv du doch bist!« rief Tatjana Wlaßjewna lachend.

Und sie begann wieder vor ihm das saubere, bürgerlich-anständige, behagliche Leben zu rühmen und bemühte sich, den Schmutz und die Roheiten dieses Lebens zu beschönigen.

»Ist denn das gut so?« fragte Ilja.

»Du bist doch ein spaßiger Mensch! Ich sage nicht, daß es gut ist, aber wenn's nicht so wäre, dann wär's eben – langweilig!«

Zuweilen belehrte sie ihn:

»Es ist Zeit, daß du endlich deine Zitzhemden ablegst: anständige Leute tragen Leinenwäsche ... Und dann gib acht, wie ich die Worte ausspreche, und lerne sie richtig aussprechen! Es heißt ›tausend‹ und nicht ›dausend‹, wie du zu sagen pflegst; und man sagt auch nicht ›wennehr‹, sondern ›wenn‹ ... Du bist jetzt kein Bauer mehr, mußt also auch deine Bauernsprache ablegen.«

Immer häufiger wies sie auf diesen Unterschied zwischen ihm, dem Bauernburschen, und ihr selbst, der gebildeten Frau, hin, und nicht selten verletzten diese Hinweise Ilja. Als er noch mit Olympiada zusammenlebte, hatte er doch zuweilen das Gefühl gehabt, als ob dieses Weib ihm nahestände wie ein guter Kamerad. Tatjana Wlaßjewna weckte niemals ein kameradschaftliches Gefühl in ihm; er sah, daß sie interessanter war als Olympiada, doch hatte er die Achtung vor ihr ganz und gar verloren. Als er noch bei Awtonomows wohnte, hatte er öfter gehört, wie Tatjana Wlaßjewna vor dem Schlafengehen mitten in dem hastig hingemurmelten Vaterunser plötzlich ihren Gatten anfuhr:

»Kirja, steh auf und mach' die Küchentür zu – es zieht so! ...«

»Warum kniest du auch auf dem kalten Fußboden!« antwortete ihr Kirik träg.

»Sei still, stör' mich nicht!« flüsterte sie darauf – und fuhr fort in ihrem rasch hingeflüsterten Gebet: »Schenk' Deine Gnade, o Herr, Deinen Knechten Wlaß, Nikolaj, dem frommen Asketen Mardarij ... und Deinen Mägden Eudoxia und Maria ... schenk' auch Gesundheit, o Herr, der Tatjana, dem Kirik, dem Sserafim ...«

Diese Hast ihres Gebets gefiel Ilja nicht: er begriff, daß sie nicht aus innerem Bedürfnis, sondern aus Gewohnheit betete.