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»Glaubst du an Gott, Tatjana?« fragte er sie eines Tages.

»Was für eine Frage!« rief sie verwundert. »Natürlich glaube ich an ihn! Warum fragst du?«

»So ... weil du es bei deinem Gebet immer so eilig hast, Schluß zu machen ...« sagte Ilja lächelnd.

»Man sagt nicht ›Schluß machen‹, sondern ›fertig werden‹«, belehrte ihn Tatjana Wlaßjewna. »Merk' dir das endlich! Ich werde am Tage immer so müde, siehst du, daß Gott mir meine Flüchtigkeit sicher verzeiht.« Und in überzeugtem Tone fügte sie, mit einem sinnenden Aufblick nach oben, hinzu: »Er verzeiht alles. Er ist barmherzig ...«

»Dazu habt ihr Ihn auch nur nötig, daß Er euch eure Gemeinheiten verzeihe«, dachte Ilja bitter. Ganz anders hatte Olympiada ihre Gebete verrichtet. Sie hatte stets lange und schweigend vor den Heiligenbildern gekniet, neigte den Kopf immer tief auf die Brust und verharrte so unbeweglich, wie versteinert ... Ihr Gesicht war düster und streng, und wenn man sie nach etwas fragte, antwortete sie nicht.

Jetzt, da Lunew begriff, daß Tatjana Wlaßjewna ihn in der Angelegenheit mit dem Laden geschickt übertölpelt hatte, empfand er einen heftigen Widerwillen gegen sie.

»Wenn sie mir fremd wäre,« sagte er sich im stillen – »dann wollte ich nichts sagen. Alle sind darauf bedacht, ihre Mitmenschen zu betrügen ... Aber sie ist doch gewissermaßen ... mein Weib ... sie küßt und liebkost mich ... die abscheuliche Katze! ... Nur die ärgste Dirne kann so handeln ...«

Sein Benehmen gegen sie ward kühl und zurückhaltend, und er suchte ihren zärtlichen Annäherungen unter allerhand Vorwänden aus dem Wege zu gehen.

Um jene Zeit tauchte eine neue weibliche Erscheinung in seinem Lebenskreise auf. Es war Gawriks Schwester, die zuweilen in den Laden kam, um nach ihrem Bruder zu sehen. Sie war hochgewachsen, schlank und wohlgebaut, doch gar nicht hübsch, und wenn auch Gawrik versicherte, daß sie erst neunzehn Jahre alt sei, schien sie doch Ilja weit älter zu sein. Ihr Gesicht war lang, gelb und verhärmt; die hohe Stirn war von feinen Fältchen durchfurcht. Die weiten Löcher ihrer Entennase schienen wie im Zorn aufgeblasen, und die dünnen Lippen des kleinen Mundes waren stets fest geschlossen. Sie sprach mit deutlicher Betonung, doch offenbar ungern, durch die Zähne; ihre Gang war rasch, und sie ging mit hoch erhobenem Kopfe, als rühmte sie sich ihres häßlichen Gesichtes. Es war jedoch möglich, daß ihr Kopf durch den dicken, langen Zopf schwarzer Haare nach rückwärts gezogen wurde ... Die großen, schwarzen Augen dieses Mädchens blickten streng und ernst, und alle Züge ihres Gesichts gaben zusammengenommen ihrer Erscheinung einen auffallend geraden und unbeugsamen Ausdruck. Lunew fühlte sich schüchtern ihr gegenüber; sie erschien ihm stolz und erweckte in ihm Achtung. Jedesmal, wenn sie in dem Laden erschien, reichte er ihr höflich einen Stuhl und lud sie ein:

»Bitte, setzen Sie sich!«

»Ich danke!« antwortete sie mit kurzer Verneigung des Kopfes und nahm Platz. Lunew betrachtete verstohlen ihr Gesicht, das sich so scharf von allen ihm bisher bekannten Frauengesichtern unterschied, und musterte ihr braunes, sehr abgetragenes Kleid, ihre geflickten Schuhe, und ihren gelben Strohhut. Sie saß da und sprach mit ihrem Bruder, und während sie mit den langen Fingern ihrer rechten Hand unhörbar auf ihrem Knie trommelte, schwang sie in der Linken ein durch einen Riemen zusammengehaltenes Paket Bücher. Es hatte für Ilja etwas Überraschendes, ein Mädchen, das so schlecht angezogen war, so stolz zu sehen. Zwei, drei Minuten saß sie in dem Laden, dann sagte sie zu ihrem Bruder:

»Na, leb' wohl! Mach' nicht zu viel Dummheiten! ...«

Und dem Prinzipal des Bruders schweigend mit dem Kopf zunickend, ging sie mit dem raschen Schritt eines tapferen Soldaten, der auf den Feind losstürmt, ihrer Wege.

»Wie ist doch deine Schwester so ... streng!« sagte einmal Lunew zu Gawrik.

Gawrik blies seine Nase auf, riß die Augen weit auf, spreizte die Lippen auseinander und gab so seinem Gesichte einen absichtlich karikierten Ausdruck, der es dem Gesichte seiner Schwester auffallend ähnlich machte. Dann erklärte er dem Prinzipal lächelnd:

»So sieht sie aus ... aber sie verstellt sich ...«

»Warum sollte sie sich verstellen?«

»So ... sie liebt es, sich zu verstellen! Auch ich kann jedes beliebige Gesicht nachmachen ...«

Ilja interessierte sich lebhaft für das Mädchen, und wie früher von Tatjana Wlaßjewna, so dachte er jetzt von dieser:

»Eine solche müßte ich heiraten ...«

Eines Tages brachte sie ein dickes Buch mit und sagte zu ihrem Bruder:

»Da, lies ...«

»Was ist es denn? Darf ich's mir mal ansehen?« fragte Ilja höflich.

Sie nahm das Buch aus den Händen des Bruders, reichte es Lunew und sagte:

»Don Quixote ist's ... Die Geschichte eines wackeren Ritters ...«

»Ah! Von Rittern hab' ich auch viel gelesen«, sprach Ilja mit liebenswürdigem Lächeln, während er ihr ins Gesicht sah.

Ihre Augenbrauen zuckten, und sie sagte in beabsichtigt trockenem Tone:

»Sie haben Märchen gelesen – das hier aber ist ein schönes, verständiges Buch. Darin wird ein Mensch beschrieben, der sich der Verteidigung der Unglücklichen, von menschlicher Ungerechtigkeit Unterdrückten geweiht hat... Dieser Mensch war stets bereit, sein Leben für das Glück anderer zu opfern – verstehen Sie? Das Buch ist in komischem Tone gehalten – aber das verlangte der Geschmack der Zeit, in der es geschrieben ist ... Man muß es mit Ernst lesen.«

»So wollen wir's auch lesen«, sagte Ilja.

Es war das erstemal, daß das Mädchen mit ihm sprach. Er empfand dabei eine ganz besondere Genugtuung und lächelte. Sie aber sah ihm ins Gesicht und sagte trocken:

»Ich glaube nicht, daß es Ihnen gefallen wird ...«

Und sie ging. Es schien Ilja, daß sie das Wort »Ihnen« besonders deutlich betont hatte. Das verletzte ihn, und er sagte zu Gawrik, der sich die Bilder in dem Buche besah: »Na, jetzt ist keine Zeit zum Lesen ...«

»Es sind doch keine Kunden da!« versetzte Gawrik, ohne das Buch zu schließen.

Ilja sah ihn an und schwieg. In seiner Erinnerung klangen die Worte des Mädchens über das Buch nach. Und von ihr selbst dachte er mit Mißbehagen in seinem Herzen:

»Was für eine ... wichtige Person!«

XXI

Die Zeit floß dahin. Ilja stand hinter dem Ladentisch, drehte seinen Schnurrbart und verkaufte seine Ware, aber es schien ihm doch, daß die Tage gar zu langsam dahingingen. Zuweilen verspürte er den Wunsch, den Laden zu schließen und irgendwohin Spazieren zu gehen, doch er wußte, daß dies für sein Geschäft nicht gut sein würde, und so blieb er. Auch am Abend konnte er den Laden nicht verlassen: Gawrik hatte Angst, allein dazubleiben, und es war auch gefährlich, ihm das Geschäft anzuvertrauen. Er konnte leicht einen Brand anstiften oder einen Spitzbuben einlassen. Das Geschäft ließ sich nicht übel an: Ilja dachte schon daran, einen Gehilfen anzunehmen. Sein Verhältnis zur Awtonomowa hatte sich nach und nach gelockert, und Tatjana Wlaßjewna schien damit ganz zufrieden. Sie grüßte kurz, wenn sie kam, und beschäftigte sich hauptsächlich mit einer sehr eingehenden Revision der Tageskasse. Wenn sie, in Iljas Zimmer sitzend, mit den Kugeln der Rechenmaschine klapperte, fühlte er, daß dieses Weib mit dem Vogelgesicht ihm zuwider war. Zuweilen jedoch erschien sie bei ihm vergnügt und munter, scherzte, kokettierte mit ihren Augen und nannte Ilja ihren Kompagnon. Dann ließ er sich hinreißen, und es erneuerte sich wieder das, was er im stillen eine »abscheuliche Gemeinheit« nannte.

Ab und zu kam auch Kirik in den Laden, pflanzte sich breit auf den Stuhl neben dem Ladentisch hin und spaßte mit den Nähterinnen, die in den Laden kamen. Er hatte bereits seine Polizeiuniform ausgezogen, trug einen bequemen Zivilanzug und rühmte sich seiner Erfolge in der neuen Prokuristenstellung.