»Sechzig Rubel Gehalt und mindestens ebensoviel Nebenverdienst – nicht übel, was? Mit dem Nebenverdienst bin ich vorsichtig, halte mich ganz auf gesetzlicher Bahn ... Wir haben eine neue Wohnung – hast du schon gehört? Ein reizendes Quartier! Und eine Köchin haben wir gemietet – großartig kocht sie, die Kanaille! ... Vom Herbst an wird bei uns großer Empfang sein, wir werden Karten spielen ... Nett soll's werden, hol's der Teufel! Prächtig werden wir unsere Zeit verbringen, und wir hoffen auch, in der Lotterie zu gewinnen. Wir sind ja zwei, die mitspielen, ich und meine Frau – eins muß doch immer gewinnen! so bringen wir wieder ein, was uns die Gastereien kosten ... Ho ho, meiner Seele! Das nennt man billig und angenehm leben! ...«
Er machte sich 's noch bequemer auf dem Stuhle, rauchte sich eine Zigarette an, stieß den Rauch weit von sich und fuhr in gedämpftem Tone fort:
»Da bin ich neulich über Land gefahren, Bruder – hast du schon gehört? Ich sag' dir: Mädel gibt es da ... der reine Zucker! Weißt du, solche Naturkinder ... so kernig, weißt du, so drall ... Und billig ist dir das, der Teufel soll mich holen! Ein Gläschen Likör, ein Pfund Pfefferkuchen – und sie ist dein!«
Lunew hörte zu und schwieg. Er bedauerte Kirik im Grunde genommen, ohne sich eigentlich Rechenschaft darüber abzulegen, warum er diesen dicken, beschränkten Burschen bedauerte. Gleichzeitig aber hatte er jedesmal Lust, bei Awtonomows Anblick zu lachen. Er glaubte die Erzählungen Kiriks von seinen ländlichen Erfolgen nicht. Es schien ihm, daß Kirik aufschneide und nach fremden Berichten erzähle. Und war Ilja in schlechter Stimmung, dann dachte er beim Anhören von Kiriks Prahlereien:
»Du Knicker!«
»Jawohl, Bruder, großartig ist das – so im Schoße der Natur der Liebe zu huldigen ... in schlichter Schäferhütte, wie es in den Büchern heißt!«
»Wenn aber Tatjana Wlaßjewna davon was erfährt?«
»Sie will davon gar nichts erfahren«, versetzte Kirik und blinzelte ihm lustig zu. »Sie weiß, daß sie gar nicht nötig hat, das zu wissen! ... Wir Männer sind eben von Natur wie die Hähne ... Na, und du, Bruder – hast du nicht auch schon deine Dame?«
»Ich bekenne mich schuldig«, sprach Ilja lächelnd.
»Eine Nähterin? Was? So 'ne pikante Brünette ...«
»Nein, keine Nähterin.«
»Oder 'ne Köchin? Eine Köchin ist auch nicht übel, die ist so hübsch warm und fürsorglich ...«
Ilja lachte wie toll, und dieses Lachen überzeugte Kirik davon, daß es in der Tat eine Köchin war.
»Mußt sie öfter wechseln, nicht immer bei derselben bleiben«, riet er Ilja mit Kennermiene.
»Wie kommen Sie darauf, daß es gerade eine Köchin oder eine Nähterin sein muß? Bin ich denn keiner andern wert?«
»Sie stehen dir, Bruder, nach deiner gesellschaftlichen Stellung näher als alle anderen ... Du kannst doch nicht eine Liebschaft mit einer Dame oder einem Mädchen aus der guten Gesellschaft beginnen, das gibst du doch zu!«
»Weshalb denn nicht?«
»Ach, das ist doch klar! Ich will dich nicht beleidigen, aber du bleibst doch immer, mein Freund ... versteh mich recht! ... ein einfacher Mensch ... ein Bauer sozusagen.«
»Ich habe aber wirklich eine Liebschaft mit einer Dame«, sagte Ilja und schüttelte sich vor Lachen.
»Kleiner Spaßvogel!« rief Kirik und lachte gleichfalls aus vollem Halse.
Sobald jedoch Awtonomow weg war und Lunew über die Worte des neugebackenen Prokuristen nachdachte, fühlte er, daß sie für ihn beleidigend waren. Es war ihm klar, daß Kirik, wenn er auch sonst ein gutmütiger Bursche war, sich doch für einen ganz besonderen Menschen hielt, mit dem er, Ilja, sich gar nicht vergleichen konnte. Und dabei hatten doch beide, Awtonomow wie seine Frau, von ihm einen recht ansehnlichen Vorteil. Perfischka hatte ihm erzählt, daß Petrucha sich über seinen Laden lustig mache und ihn einen Spitzbuben nenne. Und Jakow hatte dem Schuster gesagt, daß er, Ilja, früher besser, herzlicher und nicht so eingebildet gewesen sei wie jetzt. Auch Gawriks Schwester suchte Ilja jedesmal einzuprägen, daß er nicht ihresgleichen war. Sie, die Tochter eines Briefträgers, die fast in Lumpen gekleidet war, schaute ihn an, als ob sie darüber zürnte, daß er auf derselben Erde lebe wie sie. Iljas Eigenliebe war, seit er den Laden eröffnet hatte, beträchtlich gewachsen, und er war noch empfindlicher geworden als früher. Sein Interesse für dieses eigengeartete, wenn auch nicht schöne Mädchen entwickelte sich mit jedem Tage mehr; er hätte gar zu gern gewußt, woher sie, dieses arme Ding, ihren Stolz nahm, der ihm immer mehr imponierte. Sie sprach ihn nie zuerst an, und das kränkte ihn. Ihr Bruder war doch schließlich nur sein Laufbursche, schon darum hätte sie gegen ihn, den Prinzipal, freundlicher sein sollen.
»Ich lese Ihr Buch vom Don Quixote«, sagte er zu ihr eines Tages.
»Nun, gefällt es Ihnen?« fragte sie ihn, ohne ihn anzusehen.
»Ausgezeichnet gefällt es mir. Es ist so spaßig ... ein sonderbarer Mensch war's doch!«
Sie sah ihn an, und es war IIja, als ob ihre schwarzen, stolzen Augen voll Hohn auf seinem Gesicht hafteten.
»Das wußte ich ja, daß Sie irgend so was sagen würden«, sprach sie langsam, mit scharfer Betonung.
Ilja glaubte aus ihren Worten etwas Beleidigendes, Feindseliges herauszuhören.
»Bin mal ein ungebildeter Mensch«, sagte er achselzuckend.
Sie gab ihm keine Antwort und tat, als ob sie ihn gar nicht gehört hätte.
Und wieder nahm von Iljas Seele jene bittere Stimmung Besitz, die schon daraus geschwunden schien – wiederum empfand er den alten Haß gegen die Menschen, grübelte lange und hartnäckig nach über die Gerechtigkeit in der Welt, über seine Schuld und das, was ihn in der Zukunft erwartete ... Sollte er immer so weiterleben – vom Morgen bis zum Abend in seinem Laden hocken, ganz allein mit seinen Gedanken beim Samowar sitzen und dann schlafen gehen, um am nächsten Morgen abermals in dem Laden zu stehen? Er wußte, daß viele kleine Ladenhändler, oder vielleicht alle, in dieser Weise lebten, aber er hatte zahlreiche Gründe, sowohl in seinem äußern wie in seinem innern Leben, die ihn berechtigten, sich für einen ganz besonderen Menschen zu halten, der den übrigen nicht ähnlich war. Jakows Worte fielen ihm ein:
»Gott möge dir kein Glück geben ... du bist so habgierig ...«
Diese Worte schienen ihm tief beleidigend. Nein, er war nicht habgierig. Er wollte ganz einfach nichts weiter, als behaglich und ruhig leben, von allen Menschen geachtet sein und nicht auf Schritt und Tritt von den andern hören:
»Siehst du, Ilja Lunew – ich bin besser als du! ...«
Und wiederum dachte er darüber nach, was ihn wohl in der Zukunft erwarte. Wird ihn für den Mord die Strafe ereilen oder nicht? Zuweilen schien es ihm, daß, wenn sie ihn treffen sollte, dies eine Ungerechtigkeit sein würde ... In der Stadt, sagte er sich, leben zahlreiche Mörder, Wüstlinge und Räuber. Alle diese haben mit Vorsatz gehandelt, und von vielen weiß man es auch – und dennoch leben sie, genießen die Freuden des Daseins und sind bisher von ihrer Strafe nicht ereilt worden. Von Rechts wegen aber sollte jede Kränkung, die ein Mensch dem andern zufügt, an dem Schuldigen gerächt werden. Auch die Bibel spricht an mehr als einer Stelle diesen Grundsatz aus. Diese Gedanken rissen die alten Wunden in seinem Herzen wieder auf, und ein heißes Gefühl der Rachsucht schrie in ihm nach Vergeltung für sein zerstörtes Leben. Zuweilen kam ihm der Gedanke, noch eine andere verwegene Tat zu vollbringen, vielleicht Petrucha Filimonows Haus anzuzünden, und wenn es dann brannte und von allen Seiten Menschen herzustürzten, ihnen zuzurufen:
»Ich habe es angezündet! Und ich habe auch den Kaufmann Poluektow ermordet.«
Die Menschen würden ihn ergreifen und vor Gericht schleppen, und er würde, wie sein Vater, nach Sibirien deportiert werden ... Dieser Gedanke steigerte den Aufruhr in Iljas Seele, und in seiner Rachbegier war er nahe daran, hinzugehen und Kirik die Liebschaft mit Tatjana zu verraten, oder den alten Chrjenow dafür blutig zu schlagen, daß er Mascha so quälte.