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Wenn er zuweilen im Dunkeln auf seinem Bett lag, horchte er auf die tiefe Stille ringsum, und es war ihm, als ob im nächsten Augenblick alles um ihn her erbeben und in jähem Zusammenbruch mit lautem Krachen zusammenstürzen würde. Und in den wirbelnden Strudel würde auch er von einer geheimnisvollen Kraft hineingezogen werden, gleich einem vom Baume losgerissenen Blatt, das in den Wirbel gerät und darin seinen Untergang findet. Und Lunew erschauerte in der Vorahnung des Ungewöhnlichen, das bevorstand ...

Eines Abends, als er sich anschickte, den Laden zu schließen, erschien Pawel und sagte, ohne zu grüßen, mit ruhiger Stimme:

»Wjerka ist weggelaufen ...«

Er setzte sich auf einen Stuhl, stützte sich mit den Ellbogen auf den Ladentisch und begann leise zu pfeifen, während er auf die Straße hinaussah. Sein Gesicht war wie versteinert, nur sein kleiner, rötlicher Schnurrbart zuckte wie bei einem Kater.

»Ist sie allein gegangen oder mit einem andern?« fragte Ilja.

»Ich weiß es nicht ... Schon den dritten Tag ist sie nicht zu Hause.«

Ilja sah ihn an und schwieg. Pawels ruhiges Gesicht und der gleichgültige Ton, in dem er sprach, ließen ihn nicht sogleich erraten, wie Gratschew sich zu der Flucht seiner Freundin zu verhalten gedachte. Er vermutete jedoch, daß hinter dieser Ruhe sich ein entscheidender Entschluß verbarg.

»Was gedenkst du zu tun?« fragte Ilja leise, als er sah, daß Pawel keine Miene machte zu sprechen.

Da hörte Gratschew auf zu pfeifen, und ohne sich nach dem Freunde umzusehen, sagte er kurz:

»Ich werde sie erstechen ...«

»Ach was, wieder die alte Geschichte«, rief Ilja mit einer abwehrenden Geste. »Sie hat mir das Herz gebrochen«, sagte Pawel halblaut. »Mit diesem Messer mach' ich sie kalt!«

Er zog aus seinem Wams ein kleines Brotmesser und ließ es durch die Luft blitzen.

»Ein einziger Schnitt durch die Gurgel ...« sagte er.

Doch Ilja entriß ihm das Messer, warf es auf den Ladentisch und sagte unwillig:

»Wie kann man gegen eine Fliege mit solchen Waffen fechten!«

Pawel stand vom Stuhl auf und wandte Ilja sein Gesicht zu. Seine Augen flammten vor Wut. Seine Züge waren ganz entstellt, und er zitterte an allen Gliedern. Gleich darauf jedoch sank er wieder auf den Stuhl zurück und sagte verächtlich:

»Dummkopf!«

»Und du bist mal klug!«

»Die Kraft liegt nicht im Messer, sondern im Arm ...«

»Was du sagst!«

»Und wenn mir die Arme abgehackt würden – verbluten muß sie! Mit den Zähnen beiß' ich ihr die Gurgel durch!«

»Das ist ja fürchterlich! ...«

»Rede mit mir nicht weiter, Ilja! ...« sprach Pawel jetzt wieder ruhiger. »Glaub's oder glaub's nicht – aber reize mich nicht! ... Das Schicksal hat mich schon genug gereizt ...«

»Aber so bedenk' doch, du sonderbarer Kauz ...« redete Ilja sanft auf ihn ein.

»Alles ist schon bedacht ... Übrigens, ich geh' jetzt ... Was soll ich mit dir viel reden? Du bist ein satter Mensch ... bist für mich kein Umgang ...«

»So rede doch keinen Unsinn«, schrie Lunew vorwurfsvoll.

»Ich bin hungrig an Seele und Körper ...«

»Ich wundre mich nur, wie die Menschen so sonderbar urteilen«, sprach Ilja mit spöttischem Achselzucken. »Wie ein Stück Vieh betrachten sie das Weib, wie ein Pferd. Willst du mich ziehen – gut, dann gibt's keine Prügel, und willst du nicht, dann gibt's eins auf den Schädel! ... Aber zum Teufel, das Weib ist doch auch ein Mensch, hat auch seinen Charakter! ...«

Pawel sah ihn an und lachte heiser.

»Und wer bin ich – bin ich kein Mensch?«

»Aber du mußt doch schließlich gerecht sein!«

»Geh zu allen Teufeln mit deiner Gerechtigkeit«, schrie Gratschew und sprang wütend vom Stuhl auf. »Bleib du meinetwegen gerecht – einem Satten wird das ja leicht ... Hast verstanden? Na, leb' wohl!«

Er verließ rasch den Laden und nahm in der Tür aus irgendeinem Grunde die Mütze vom Kopfe. Ilja sprang hinter dem Ladentisch hervor und eilte ihm nach, doch Gratschew schritt bereits auf der Straße daher, hielt die Mütze in der Hand und fuchtelte damit erregt in der Luft hin und her.

»Pawel!« rief Lunew. »So warte doch!«

Er blieb nicht stehen, sah sich auch nicht einmal um, sondern bog in eine Seitengasse ein und verschwand. Ilja ging langsam hinter den Ladentisch; er fühlte, daß von den Worten des Kameraden sein Gesicht so heiß geworden war, als hätte er in einen bis zur Rotglut erhitzten Ofen gesehen.

»Der kann aber böse werden!« ließ sich Gawriks Stimme vernehmen.

Ilja lächelte.

»Wen will er denn totstechen?« fragte Gawrik, an den Ladentisch herantretend. Er hatte die Hände auf den Rücken gelegt, reckte den Kopf in die Höhe und war ganz rot vor Aufregung.

»Seine Frau«, sagte Ilja, und schaute den Knaben an.

Gawrik schwieg, dann nahm er eine geheimnisvolle Miene an und erzählte leise seinem Prinzipaclass="underline"

»Bei uns im Christi-Geburt-Viertel hat eine Frau ihren Mann mit Rattengift vergiftet ... Ein Schneider war's ...«

»Das kann schon vorkommen«, sprach Lunew, der immer noch an Pawel dachte.

»Und der da – wird er sie wirklich ermorden?«

»Laß mich, Gawrik! ...«

Der Junge drehte sich um, ging nach der Tür zu und sagte unterwegs:

»Warum heiraten sie, die dummen Teufel!«

Schon ergoß sich das abendliche Dämmerlicht in die Gasse, und in den Fenstern des gegenüber dem Lunewschen Laden gelegenen Hauses flammten die Lichter auf.

»Es ist Zeit zu schließen«, sagte Gawrik leise.

Ilja schaute nach den erleuchteten Fenstern hinüber. Der untere Teil derselben war mit Blumen verstellt, der obere durch weiße Vorhänge verhüllt. Durch das Laub der Blumen sah man einen Goldrahmen an der Wand. Wenn die Fenster geöffnet waren, klangen aus ihnen die Töne einer Gitarre, Gesang und lautes Lachen auf die Straße. In diesem Hause wurde fast an jedem Abend gesungen, gespielt und gelacht. Lunew wußte, daß dort ein Mitglied des Bezirksgerichts, Gromow mit Namen, wohnte, ein korpulenter Herr mit rotem Gesicht und großem, schwarzem Schnurrbart. Seine Frau war eine üppige Gestalt, hellblond und blauäugig; sie ging wie eine Märchenkönigin in der Straße umher, und wenn sie mit jemand sprach, lachte sie immer. Dann wohnte bei Gromows noch eine unverheiratete Schwester des Mannes, ein schlankes, brünettes, schwarzhaariges Mädchen; sie war stets von einem Schwarm von jungen Beamten umgeben, die sich fast an jedem Abend bei Gromow einfanden und sich lachend und singend die Zeit vertrieben.

»Es ist wirklich Zeit zuzumachen«, mahnte Gawrik zum zweitenmal.

»Mach' zu ...«

Der Junge schloß die Tür, und im Laden wurde es dunkel. Dann hörte man das Klirren des Schlosses.

»Wie im Gefängnis!« dachte Ilja für sich.

Die beleidigenden Worte Gratschews über seine Sattheit waren ihm wie ein Splitter ins Herz gedrungen. Er saß beim Samowar und dachte mit feindseligem Gefühl an Pawel; daß er imstande wäre, Wjera zu töten, wollte er durchaus nicht glauben.

»Ich hätt' mich ihrer nicht erst annehmen sollen«, dachte Ilja. »Hol' sie der Kuckuck, alle beide! Wissen selbst nicht zu leben und hindern noch andre daran ...« Gawrik trank den Tee von seiner Untertasse und ließ unter dem Tisch seine Beine baumeln.

»Ob er sie jetzt schon totgestochen hat?« fragte er plötzlich seinen Prinzipal.

Lunew sah ihn finster an und sagte:

»Mach' rasch, trink und geh ins Bett!«

Der Samowar siedete und zischte, als wollte er vom Tisch herunterspringen.

Plötzlich blieb vor dem Fenster eine dunkle Gestalt stehen, und eine schüchterne, zitternde Stimme fragte:

»Wohnt hier nicht Ilja Jakowlewitsch?«