»Der wohnt hier«, rief Gawrik, sprang vom Stuhl auf und eilte so rasch zur Ladentür, daß Ilja nicht imstande war, ihn nach der Ursache seiner Aufregung zu fragen.
In der Tür erschien eine schlanke weibliche Gestalt mit einem Tüchlein auf dem Kopfe. Mit der einen Hand stützte sie sich gegen den Türpfosten, die andere hielt die Enden des Kopftuches am Halse fest. Sie stand seitwärts gewandt da, als wollte sie sogleich wieder weggehen.
»Treten Sie näher!« rief Ilja, der die Fremde nicht erkannt hatte, in mürrischem Tone.
Sie fuhr zusammen, als sie seine Stimme vernahm, und hob den Kopf empor; ein Lächeln ging über ihr blasses, kleines Gesicht.
»Mascha!« rief Ilja, vom Stuhl aufspringend. Sie lachte leise und schritt auf ihn zu.
»Hast mich nicht erkannt? ...« sagte sie, mitten im Zimmer stehen bleibend.
»Mein Gott, wie konnte ich dich erkennen? Du bist ja ... so verändert ...«
Mit übertriebener Höflichkeit nahm Ilja sie bei der Hand und führte sie zum Tische. Er beugte sich über sie und sah ihr ins Gesicht, ohne daß er den Mut fand zu sagen, worin die Veränderung in ihrem Wesen bestehe. Sie war ungewöhnlich mager und ging, als ob die Beine unter ihr zusammenbrechen wollten.
»Woher kommst du denn? Bist du müde? Ach, du ... wie du aussiehst!« sprach er leise, während er ihr sorgsam einen Stuhl hinstellte und sie dabei immer wieder ansah.
»Sieh, wie er mich ...!« sagte sie leise und schaute in Iljas Augen.
Jetzt, da das Licht der Lampe auf sie fiel, konnte er sie ganz deutlich sehen. Sie stützte sich gegen die Stuhllehne, ließ den Kopf auf die Schulter fallen und die dünnen Arme an den Seiten herabhängen. Ihre flache Brust atmete rasch. Ihr Körper war ganz fleischlos und schien aus lauter Knochen zu bestehen. Unter dem dünnen Baumwollstoff ihres Kleides traten die eckigen Schultern, die Ellbogen und Knie scharf hervor, und ihr abgezehrtes Gesicht war ganz schrecklich anzusehen. Die bläulich schimmernde Haut lag straff über Schläfen, Backenknochen und Kinn. Ihr schmerzlich verzogener Mund war halb geöffnet, hinter den dünnen Lippen waren die Zähne sichtbar; ihr kleines, schmales Gesicht trug den Ausdruck dumpfen Schmerzes, und ihre Augen schauten trüb und leblos drein.
»Bist du krank gewesen?« fragte Ilja leise.
»Nein«, antwortete sie langsam. »Ich bin gesund ... Er hat mich so zugerichtet ...«
Ihre langgedehnten, leisen Worte klangen wie ein Stöhnen, und die von den Lippen nicht bedeckten Zähne gaben ihrem Gesicht etwas Fischartiges ...
Gawrik stand neben Mascha und sah sie an, mit furchtsamen Augen und zusammengepreßten Lippen.
»So geh doch schlafen!« sprach Lunew zu ihm.
Der Knabe ging in den Laden und machte sich dort ein Weilchen zu schaffen – dann steckte er den Kopf wieder hinter dem Türpfeiler hervor.
Mascha saß unbeweglich, nur ihre Augen, die sich langsam in ihren Höhlen bewegten, gingen von einem Gegenstand zum andern. Lunew goß ihr Tee ein, sah sie an und fand keine Worte, um die Jugendfreundin über ihre Schicksale auszufragen.
»Ganz schrecklich quält er mich ...« begann sie. Ihre Lippen bebten, und ihre Augen schlossen sich für einen Augenblick. Und als sie sie öffnete, quollen unter ihren Wimpern zwei große, schwere Tränen hervor.
»Weine nicht«, sprach Ilja und wandte sich von ihr ab. »Trink lieber jetzt Tee ... da ... und erzähl' mir alles ... es wird dein Herz erleichtern ...«
»Ich fürchte mich ... wenn er kommt ...« sagte Mascha und schüttelte den Kopf.
»Bist du ihm entlaufen?«
»Ja–a ... Schon zum viertenmal ... Wenn ich's nicht länger ertragen kann ... lauf ich weg ... Das letztemal wollt' ich in den Brunnen springen ... aber er hat mich abgefangen ... und mich so geschlagen ... so gemartert ...«
Ihre Augen weiteten sich vor Schrecken bei der bloßen Erinnerung, und ihr Unterkiefer begann zu zittern. Sie ließ den Kopf sinken und sprach dann flüsternd weiter:
»Die Beine will er mir immer zerbrechen ...«
»Ach!« rief Ilja. »Aber warum wehrst du dich nicht? Melde es doch der Polizei ... Sag', er mißhandle dich ... dafür kommt er ins Gefängnis ...«
»A–a–ach, er ist ja selbst Richter!« sprach Mascha hoffnungslos.
»Chrjenow? Was redest du? Was für ein Richter ist er denn?«
»Ich weiß es doch! Neulich hatte er zwei Wochen lang hintereinander Sitzung ... hat in einem fort gerichtet ... Ganz böse und hungrig kam er nach Hause ... Nahm die Zange vom Samowar und hat mich damit in die Brust gezwickt ... hat sie gedreht und gedreht ... sieh her!«
Sie öffnete mit zitternden Händen ihr Kleid und zeigte Ilja ihre kleinen, welken Brüste, die ganz mit dunklen Flecken bedeckt waren und wie zerbissen aussahen.
»Mach' dein Kleid zu«, sprach Ilja düster. Es war ihm peinlich, diesen mißhandelten, Mitleid erregenden Körper zu sehen, und es schien ihm unglaublich, daß da vor ihm die Freundin seiner Kindheit, die prächtige kleine Mascha saß. Sie aber entblößte auch ihre Schulter und sprach mit derselben gleichmäßig traurigen Stimme:
»Sieh mal, wie er mir die Schulter zerschlagen hat! Und so seh' ich am ganzen Körper aus ... Der Leib ist ganz blau von Kneifwunden, und die Haare unter den Achseln hat er mir einzeln herausgerupft ...«
»Aber wofür denn das alles?«
»›Du liebst mich nicht‹, sagt er – und zwickt mich ...«
»Vielleicht warst du nicht mehr im Mädchenstande, wie er dich nahm?«
»I–ich? Wieso denn? Ihr habt mich doch hier gekannt, du und Jascha ... niemand hat mich je berührt ... Und auch jetzt bin ich ... nicht dafür geeignet ... schmerzhaft ist es mir und zuwider ...«
»Schweig, Mascha«, bat Ilja sie leise.
Sie schwieg still und saß mit der entblößten Brust wie versteinert da.
Ilja sah hinter dem Samowar hervor auf ihren hageren, mißhandelten Körper und wiederholte:
»Mach' dein Kleid zu!«
»Ich schäme mich nicht vor dir«, antwortete sie tonlos, während sie mit den zitternden Fingern ihr Mieder zuknöpfte.
Es war still im Zimmer. Dann ließ sich plötzlich aus dem Laden lautes Schluchzen vernehmen. Ilja stand auf, ging nach der Tür und machte sie zu, während er ärgerlich sagte:
»Hör' auf, Gawrjuschka ...«
»Ist das der Junge?« fragte Mascha.
Ilja bejahte ihre Frage.
»Warum weint er? Hat er Angst?«
»Nein ... er weint wohl aus Mitleid ...«
»Mit wem?«
»Mit dir ...«
»Sieh doch mal!« sprach Mascha gleichgültig, ohne daß in ihrem leblosen Gesichte etwas sich geregt hätte. Dann trank sie ihren Tee; ihre Hände zitterten dabei, und die Untertasse schlug klirrend gegen ihre Zähne. Ilja schaute hinter dem Samowar hervor nach ihr hin und wußte nicht, ob sie ihm leid tat oder nicht.
»Was wirst du nun tun?« fragte er sie nach langem Schweigen.
»Ich weiß es nicht«, versetzte sie und seufzte. »Was kann ich denn tun ...«
»Du mußt ihn verklagen«, sprach Lunew fest und bestimmt.
»Er hat auch seine erste so gequält ...« sagte Mascha. »Mit den Zöpfen hat er sie ans Bett angebunden, und gekniffen hat er sie ... ganz wie mich ... Einmal schlief ich und fühlte plötzlich solche Schmerzen ... ich erwache und schreie. Da hatte er ein Zündholz angebrannt und mir auf den Leib gelegt ...«
Lunew sprang vom Stuhl auf und rief laut, voll Empörung, daß sie morgen sogleich nach der Polizei gehen, dort ihren mißhandelten Körper zeigen und Beschwerde gegen ihren Gatten einlegen solle. Sie rückte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her, als sie ihn so laut schreien hörte, und sagte, sich ängstlich umschauend:
»Schrei nicht so, bitte! ... Man wird es hören ...«
»Nun gut,« sagte er und nahm wieder auf seinem Stuhle Platz, »ich selbst nehme die Sache in die Hand ... Heute bleibst du hier über Nacht, Maschutka, du wirst in meinem Bett schlafen ... und ich gehe in den Laden ...«