»Ich möcht' mich jetzt gleich hinlegen ... ich bin so müde ...«
Er rückte schweigend den Tisch vom Bett weg; Mascha legte sich darauf und suchte sich in die Bettdecke zu hüllen, vermochte es jedoch nicht und sagte still lächelnd:
»Ich bin so unbeholfen ... wie betrunken ...«
Ilja breitete die Decke über sie, schob ihr das Kissen zurecht und wollte in den Laden gehen, doch sie sagte unruhig:
»Sitz' noch ein Weilchen hier bei mir! Ich fürchte mich allein ... hab' immer solche Träume ...«
Er setzte sich neben sie auf den Stuhl, betrachtete ihr blasses, von den schwarzen Locken eingerahmtes Gesicht und wandte sich ab. Er verspürte Gewissensbisse, als er sie so kaum lebend wiedersah. Er erinnerte sich der Bitten Jakows und der Erzählungen Matizas über Maschas Ergehen und ließ seinen Kopf tief herabsinken.
Im Hause gegenüber wurde zweistimmig gesungen, die Worte des Liedes drangen durch das offene Fenster in Iljas Zimmer. Ein kräftiger Baß sang mit harter Betonung:
»Enttäuschet ist mein armes Herze ...«
»Ich schlaf schon ein«, murmelte Mascha. »Wie hübsch es bei dir ist ... und gesungen wird ... sehr schön singen sie!«
»Ja, die singen nun«, sagte Lunew bitter lachend. »Den einen wird das Fell abgezogen – und die andern heulen ...«
»Nicht will es wieder töricht sein ...«
sang drüben ein prächtiger Tenor weiter. Die hellen, wohlklingenden Töne schwebten durch die nächtliche Stille und stiegen leicht und frei in die Lüfte empor.
Lunew stand auf und schloß ärgerlich das Fenster – das Lied schien ihm nicht am Platze, es beleidigte ihn. Das Geräusch des Fensterrahmens erschreckte Mascha. Sie öffnete die Augen, hob ängstlich den Kopf empor und fragte:
»Wer ist da?«
»Ich hab' das Fenster geschlossen ...«
»Um Gottes willen! ... Gehst du fort?«
»Nein, nein ... fürchte dich nicht ...«
Sie legte den Kopf auf das Kissen zurück und schlief wieder ein. Die geringste Bewegung Iljas, der Widerhall der Schritte auf der Straße – alles beunruhigte sie; sie öffnete sogleich wieder die Augen und schrie im Traume:
»Sofort! ... ach! ... sofort! ...«
Lunew bemühte sich, ganz unbeweglich dazusitzen; er sah durchs Fenster, das er wieder geöffnet hatte, und dachte darüber nach, wie er Mascha helfen könnte. Er beschloß, sie jedenfalls so lange bei sich zu behalten, bis die Polizei sich ihrer Angelegenheit angenommen hätte.
»Ich muß die Sache durch Kirik machen«, sagte er sich im stillen.
»Bitte, bitte, noch etwas!« klang es von drüben, aus den Gromowschen Fenstern, laut herüber. Irgend jemand klatschte in die Hände. Mascha stöhnte im Traume, und bei Gromows wurde wieder gesungen:
»Zwei Rappen ziehen die Karosse,
Dem Friedhof naht der düstre Zug ...«
Lunew schüttelte förmlich in Verzweiflung den Kopf. Dieser Gesang, das fröhliche Schreien und Lachen – alles das störte ihn. Er stützte sich mit den Ellbogen auf das Fensterbrett, sah voll Haß und Ingrimm nach den erleuchteten Fenstern gegenüber und dachte, daß es gar nicht übel wäre, jetzt auf die Straße hinauszugehen und eins dieser Fenster mit Steinen zu bombardieren oder mitten unter die vergnügte Gesellschaft einen Schrotschuß abzufeuern. Er stellte sich vor, wie die Schrotkörner einschlagen würden ... alles rennt mit blutigen Gesichtern herum, überall ist Geschrei und Verwirrung. Und eine boshafte Freude erfüllte bei dieser Vorstellung sein Herz. Aber die Worte des Liedes, das dort drüben gesungen wurde, bohrten sich ihm wider seinen Willen in die Ohren, er wiederholte sie für sich und bemerkte mit Erstaunen, daß diese vergnügten Leute ein Lied sangen, in dem das Begräbnis einer Buhlerin geschildert wurde. Er lauschte mit großer Aufmerksamkeit auf die Worte des Liedes und dachte für sich:
»Warum singen sie das nur? Was für ein Vergnügen kann ihnen solch ein Lied bereiten? Was sie sich da ausgedacht haben, die Dummköpfe! Und hier, fünf Schritte von ihnen, liegt ein Menschenkind, das von seinesgleichen halb tot gequält ward, und niemand nimmt Anteil an seinen Qualen ...«
»Bravo! Bravo–o!« hallte es laut über die Straße.
Lunew lächelte und sah bald auf Mascha, bald auf die Straße. Lächerlich schien es ihm, daß die Leute dort sich damit belustigten, ein Lied auf das Begräbnis einer Buhldirne zu singen.
»Wassilij Wassilitsch!« schrie Mascha im Traume. »O Gott!«
Sie fuhr vom Bett empor, wie wenn Feuer sie versengt hätte, warf die Bettdecke auf den Fußboden, breitete ihre Arme aus und blieb starr in dieser Haltung sitzen. Ihr Mund war halb geöffnet, und sie röchelte. Lunew beugte sich rasch über sie, da er fürchtete, daß sie sterben würde; dann aber, durch ihr regelmäßiges Atmen beruhigt, legte er die Bettdecke über sie und ging wieder ans Fenster. Er stieg auf das Fensterbrett, legte sein Gesicht an das eiserne Gitter und schaute in Gromows Fenster hinein. Dort sangen sie immer noch, entweder einzeln oder zu zweien oder im Chor. Musik ertönte dazu, und man hörte fröhliches Lachen. An den Fenstern huschten Frauengestalten vorüber, in Weiß, in Rosa oder in Blau. Ilja horchte auf die Lieder und war verwundert, wie diese Menschen lauter elegische, schwermütige Lieder von der Wolga, vom Begräbnis, Von der Scholle des armen Mannes singen und nach jedem dieser Lieder so vergnügt sein konnten, als ob gar nichts wäre, als ob nicht sie, sondern ganz andere Leute gesungen hätten ... Machen sie wirklich schon menschlichen Gram und Schmerz zu ihrem Spielzeug?
Und jedesmal, wenn Mascha sich ihm in Erinnerung brachte, schaute er unwillkürlich nach ihr hinüber und fragte sich, was nun mit ihr werden solle. Wenn mit einemmal Tatjana bei ihm einträte und sie sähe? ... Was sollte er mit Mascha anfangen? Es ward ihm von alledem ganz wirr im Kopfe. Als er endlich schläfrig wurde, stieg er von dem Fensterbrett herunter und streckte sich, seinen Paletot statt des Kopfkissens benutzend, auf dem Fußboden neben dem Bett aus. Im Traume sah er, daß Mascha gestorben war: mitten in einem großen Speicher liegt sie auf der Erde, und um sie herum stehen elegante Damen in Weiß, Blau und Rosa und singen ihr Grablieder. Und während sie diese traurigen Lieder singen, lachen sie alle, bei den lustigen Liedern aber, die sie dann folgen lassen, weinen sie bitterlich, nicken traurig mit den Köpfen und wischen sich mit weißen Taschentüchern die Tränen aus den Augen. In dem Speicher ist es dunkel und feucht, und in einer Ecke steht der Schmied Ssawel, schmiedet ein eisernes Gitter und läßt seine Hammerschläge laut auf die glühenden Eisenstäbe niedersausen. Über das Dach des Speichers schreitet jemand hin und ruft:
»I-lja! Il–ja!...«
Und er, Ilja, liegt gefesselt in dem Speicher, kann sich nur schwer umdrehen und vermag nicht zu sprechen ...
XXII
»Ilja! Bitte, steh auf! ...«
Er öffnete die Augen und erkannte Pawel Gratschew. Pawel saß auf einem Stuhle und stieß mit dem Fuße nach den Füßen des schlafenden Ilja. Ein heller Sonnenstrahl schaute in das Zimmer und fiel gerade auf den Samowar, der bereits siedend auf dem Tische stand. Lunew war vom Licht geblendet und kniff die Augen zusammen.
»Hör' doch mal, Ilja! ...«
Pawels Stimme war heiser, als ob er eine durchschwärmte Nacht hinter sich hätte; sein Gesicht war gelb, das Haar zerzaust. Lunew sah ihn an, sprang vom Boden auf und rief halblaut:
»Was gibt's?«
»Sie ist gefunden«, sagte Pawel und schüttelte traurig den Kopf.
»Wo ist sie denn?« fragte Lunew, beugte sich über ihn und faßte ihn an der Schulter. Gratschew begann zu schwanken und sagte zerstreut:
»Eingesperrt hat man sie ...«
»Wofür denn?« fragte Ilja mit jähem Flüstern.
Mascha war erwacht, fuhr bei Pawels Anblick zusammen und sah ihn mit erschrockenen Augen an. Aus der Tür des Ladens schaute Gawrik ins Zimmer und verzog mißbilligend die Mundwinkel.