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»Es heißt ... sie habe einem Kaufmann die Brieftasche gestohlen ...«

Ilja sah den Kameraden groß an und ging dann schweigend auf die Seite.

»Den Gehilfen des Stadtteilaufsehers hat sie ins Gesicht geschlagen ...«

»Natürlich«, sprach Ilja mit herbem Lachen. »Wenn sie schon ins Loch muß, springt sie gleich mit beiden Beinen 'rein!«

Mascha hatte begriffen, daß alles dies sie nichts anging, und sagte still lächelnd:

»Wenn sie mich doch ins Gefängnis einsperren möchten!«

Pawel schaute zuerst sie und dann Ilja an.

»Erkennst du sie nicht?« fragte Ilja. »Das ist ja Mascha, Perfischkas Tochter – erinnerst du dich noch?«

»Ach so«, sprach Pawel gleichgültig und wandte sich von Mascha ab, obschon sie ihm als einem alten Bekannten freundlich zulächelte.

»Ilja!« fuhr er düster fort – »und wenn sie das Geld für mich stehlen wollte?«

Ungewaschen und zerzaust, wie er war, setzte sich Lunew aufs Bett zu Maschas Füßen, schaute bald sie, bald Pawel an und war wie betäubt.

»Ich wußte,« sprach er langsam, »daß diese Geschichte kein gutes Ende nehmen wird.«

»Sie hat auf mich nicht gehört«, sprach Pawel gedrückt.

»So, so ...« rief Lunew spöttisch. »Sie hat auf dich nicht gehört – darum ist's gekommen! Und was konntest du ihr denn sagen?«

»Ich liebte sie ...«

»Was Teufel sollte ihr deine Liebe?«

Lunew geriet in Hitze. Alle diese Geschichten, das Schicksal Pawels wie dasjenige Maschas, erweckten seinen Grimm. Und da er nicht wußte, an wem er seinen Ärger auslassen sollte, wandte er sich gegen Pawel.

»Jeder Mensch will vergnügt und angenehm leben ... also auch sie ...! Und du sagst ihr nur immer: ich liebe dich, also lebe mit mir zusammen und leide an allem Mangel ... Meinst du, das sei so in Ordnung?«

»Und wie hätt' ich's denn machen sollen?« fragte Pawel kleinmütig.

Diese Frage kühlte Lunew ein wenig ab. Er begann unwillkürlich nachzusinnen.

Aus dem Laden schaute Gawrik ins Zimmer hinein.

»Soll ich den Laden öffnen?« fragte er.

»Hol' der Teufel den ganzen Laden!« rief Lunew heftig. »Was soll man hier für Geschäfte machen?«

»Bin ich dir im Wege?« fragte Pawel. Er saß auf dem Stuhle, nach vorn gebeugt, die Ellbogen auf die Knie gestützt, und schaute auf den Boden. An seiner Schläfe zuckte heftig eine kleine, prall mit Blut gefüllte Ader.

»Du mir im Wege?« rief Lunew und sah ihn an. »Nein, du bist mir nicht im Wege ... und auch Mascha ist es nicht. Uns allen – dir und mir und Mascha – ist irgendetwas anderes im Wege. Unsre Dummheit mag's sein, oder was sonst, ich weiß es nicht. Jedenfalls werden wir es nie dazu bringen, wie Menschen zu leben. Ich will kein Elend sehen, nichts Häßliches ... keine Sünde und sonstige Gemeinheit! Ich will es nicht – und dabei habe ich selbst ...«

Er schwieg und wurde bleich.

»Du denkst nur immer an dich«, sagte Pawel.

»Und an wen denkst du denn?« fragte Ilja höhnisch. »Jeder hat seine eigne Eiterbeule, stöhnt mit seiner eignen Stimme ... Und ich rede doch nicht nur von mir, sondern von allen ... weil mich alle beunruhigen ...«

»Ich gehe schon«, sagte Gratschew und stand schwerfällig vom Stuhl auf.

»Ach,« rief Ilja, »mußt dich doch nicht gleich gekränkt fühlen! ... Such' lieber die Dinge zu begreifen ...«

»Ich bin wie mit 'nem Ziegelstein vor den Kopf geschlagen«, erwiderte Pawel. »So leid tut es mir um Wjerka ... Was soll ich tun?«

»Gar nichts kannst du tun«, sprach Ilja mit Bestimmtheit. »Sie ist mal gefaßt worden und wird verurteilt werden.«

Gratschew nahm wieder auf dem Stuhle Platz.

»Wenn ich aber sage, daß sie es für mich getan hat?« sagte er.

»Bist du vielleicht ein Prinz? Sag's nur, dann kommst auch du ins Loch! ... Aber's ist Zeit, daß wir hier ein bißchen Ordnung machen. Kannst dich hier waschen ... und auch du, Mascha ... Wir gehen solange in den Laden, und du steh auf, mach' dich zurecht und schenk' uns den Tee ein ...«

Mascha fuhr zusammen, hob den Kopf vom Kissen auf und fragte Ilja:

»Muß ich nach Hause gehen?«

»Der Mensch hat dort sein Haus, wo man ihn wenigstens nicht quält ...«

Als sie im Laden waren, fragte Pawel mürrisch:

»Was macht sie denn hier bei dir? Sie sieht so elend aus ...«

Lunew erzählte ihm kurz, wie es Mascha gegangen. Zu seinem Erstaunen machten Maschas Schicksale auf Gratschew einigen Eindruck.

»Dieser alte Satan!« schalt er entrüstet den Krämer.

Ilja stand neben ihm und ließ seinen Blick durch den Laden schweifen. »Du sagtest neulich mal, daß mich der Kram hier auch nicht glücklich machen würde ...« sprach er zu Pawel.

Er wies mit einer Handbewegung auf die Waren und nickte mit bittrem Lächeln.

»'s ist richtig, er macht mich nicht glücklich. Was gewinn' ich dabei, wenn ich immer auf demselben Fleck stehe und mit all dem Zeug hier handle? Meine Freiheit ist hin, ich kann mich nicht wegrühren. Früher zog ich durch die Gassen, wohin ich wollte, fand ein hübsches, bequemes Plätzchen und saß da ganz vergnügt ... Und jetzt steck' ich Tag für Tag nur hier – weiter nichts ...«

»Könntest vielleicht Wjera hier brauchen, ... als Verkäuferin«, sagte Pawel.

Ilja sah ihn an und schwieg.

»Kommt zum Tee!« rief Mascha.

Beim Tee redeten alle drei nur wenig. Auf der Straße lag heller Sonnenschein, nackte Kinderfüße hüpften auf dem Trottoir; Gemüseverkäufer gingen am Fenster vorüber. Alles sprach vom Frühling, von schönen, warmen, hellen Tagen, und hier in dem engen Zimmer roch es dumpf und feucht. Ab und zu wurde ein düstres, leises Wort verlautbar, und der Samowar summte und spiegelte die Sonne wider.

»Da sitzen wir nun wie beim Leichenschmaus«, sagte Ilja.

»Und Wjerka ist die Tote«, fügte Gratschew hinzu. »Ob ich's am Ende nicht war, der sie ins Gefängnis getrieben hat?«

»Das ist leicht möglich«, pflichtete Ilja ihm mitleidlos bei.

Gratschew sah ihn vorwurfsvoll an.

»Bist doch ein böser Mensch ...« sagte er.

»Wie käme ich dazu, gut zu sein?« rief Ilja heftig. »Wer hat mir den Kopf gestreichelt? ... Ein Wesen vielleicht gab's, das mich lieb hatte ... und das war ein lasterhaftes Weib!«

Die heftige Erregung hatte sein Gesicht gerötet, und seine Augen hatten sich mit Blut gefüllt; in einem Anfall von Zorn sprang er vom Stuhl auf und hätte am liebsten gerast, geschimpft, mit den Fäusten gegen Tisch und Wände geschlagen.

Mascha erschrak, als sie ihn so sah, und begann, wie ein Kind, laut und kläglich zu weinen.

»Ich geh' fort ... laßt mich«, sagte sie mit zitternder Stimme und bewegte den Kopf hin und her, als wollte sie ihn irgendwo verstecken.

Lunew schwieg, er sah, daß auch Pawel ihn feindselig anblickte.

»Na, was weinst du denn?« sprach er dann ärgerlich zu Mascha. »Ich habe dich doch nicht angeschrien ... Brauchst nicht wegzugehen ... ich werde weggehen ... Ich muß einen Gang machen ... und Pawel mag hier bleiben mit dir ... Gawrilo! Wenn Tatjana Wlaßjewna kommt ... wer ist denn da noch?«

Draußen wurde gegen die verschlossene Ladentür geklopft. Gawrik sah mit fragender Miene auf seinen Prinzipal.

»Öffne!« sprach Ilja.

Auf der Türschwelle erschien Gawriks Schwester. Ein paar Sekunden stand sie unbeweglich da, gerade, den Kopf in die Höhe gerichtet, und sah alle mit zusammengekniffenen Augen an. Dann erschien auf ihrem unschönen, hagern Gesicht eine Grimasse des Ekels, und ohne Iljas Gruß zu beachten, sprach sie zu ihrem Bruder:

»Gawrik, komm doch auf einen Augenblick zu mir heraus!«

Ilja fuhr zornig auf. Die Beleidigung trieb ihm das Blut mit solcher Heftigkeit ins Gesicht, daß ihn die Augen brannten.

»Grüßen Sie hübsch wieder, junges Fräulein, wenn man Sie grüßt!« fuhr er scharf, nur mit Mühe an sich haltend, heraus.