Sie hob den Kopf noch höher, während ihre Augenbrauen sich senkten. Die Lippen fest zusammenpressend, maß sie Ilja mit ihren Blicken und sprach nicht ein Wort. Auch Gawrik schaute unwillig auf seinen Prinzipal.
»Sie sind hier nicht bei Trunkenbolden oder Spitzbuben«, fuhr Lunew, zitternd vor Erregung, fort. »Man ist Ihnen mit Achtung begegnet, und als gebildetes Fräulein müssen Sie sich ebenso betragen.«
»Mach' keine Geschichten, Ssonja«, sagte plötzlich Gawrik in versöhnlichem Tone und ergriff ihre Hand.
Ein peinliches Schweigen trat ein. Ilja und das Mädchen sahen sich gegenseitig herausfordernd an, als ob sie etwas erwarteten. Mascha war leise in eine Ecke gegangen. Pawel blinzelte verständnislos mit den Augen.
»Na, so sprich doch, Ssonjka«, fuhr Gawrik ungeduldig fort. »Denkst wohl gar, man will dich hier beleidigen?« fragte er, und mit einem vielsagenden Lächeln fügte er hinzu: »Sie sind doch mal so ... so sonderbar!«
Das Mädchen zerrte ihn an der Hand und fragte Lunew trocken und barsch:
»Was wünschen Sie von mir?«
»Nichts, nur wollt' ich sagen ...«
Ein kluger, klarer Gedanke durchzuckte plötzlich sein Hirn. Er schritt auf das Mädchen zu und sprach so höflich wie möglich:
»Erlauben Sie, daß ich Ihnen erkläre ... sehen Sie, wir sind hier drei Menschen ... Leute von dunkler Herkunft, und ungebildet ... und Sie sind eine Gebildete ...«
Er suchte ihr seinen Gedanken so klar wie möglich darzulegen und vermochte es doch nicht. Der gerade, strenge Blick ihrer schwarzen Augen, die ihn gleichsam von sich abstießen, verwirrte ihn. Ilja schlug die Augen nieder und murmelte verlegen, in ärgerlichem Tone:
»Ich kann Ihnen das nicht alles sagen. Wenn Sie Zeit haben, kommen Sie doch herein ... Nehmen Sie Platz.«
Und er trat zur Seite, um sie durchzulassen.
»Warte hier, Gawrik«, sprach das Mädchen und trat, während sie den Bruder an der Tür zurückließ, ins Zimmer. Lunew schob ihr ein Taburett hin, und sie nahm Platz. Pawel begab sich in den Laden, Mascha drückte sich ängstlich in den Winkel am Ofen, und Lunew stand unbeweglich, zwei Schritte von dem Mädchen entfernt, da und mühte sich vergeblich ab, die Unterhaltung einzuleiten.
»Nun?« sagte sie.
»Hören Sie ... um was es sich handelt«, begann Ilja endlich mit einem tiefen Seufzer. »Dieses Mädchen da, sehen Sie – das heißt, sie ist gar kein Mädchen, sondern eine verheiratete Frau ... An einen Alten ist sie verheiratet ... und der tyrannisiert sie ... Ganz zerschlagen und blutrünstig ist sie von ihm fortgelaufen ... und zu mir geflüchtet ... Sie denken vielleicht etwas Schlimmes? Aber nichts derartiges liegt vor ...«
Er stockte häufig in seiner Rede und sprach in abgerissenen Sätzen, wobei er von dem doppelten Bestreben beherrscht war, sowohl die Geschichte Maschas zu erzählen, als auch seine eigne Ansicht über die Sache vor dem Mädchen darzulegen. Namentlich auf diese Darlegung seiner eignen Gedanken legte er Wert. Sie sah ihn unverwandt an, und ihre Augen bekamen allmählich einen weicheren Ausdruck.
»Ich verstehe Sie«, unterbrach sie Iljas Rede. »Sie wissen nicht, wie Sie in der Sache vorgehen sollen. Vor allem muß sie zum Arzt gebracht werden ... der soll sie untersuchen ... Ich kenne einen Doktor – wenn Sie wollen, bringe ich sie zu ihm. Gawrik, sieh doch mal nach, wie spät es ist! Elf Uhr, nicht? Da hat er gerade Sprechstunde ... Gawrik, hol' mal eine Droschke ... Und Sie, meine Liebe – aber machen Sie mich doch mit ihr bekannt ...«
Ilja rührte sich nicht vom Fleck. Er hatte nicht erwartet, daß dieses ernste, strenge Mädchen mit einer so weichen Stimme sprechen könnte. Auch ihr Gesicht setzte ihn in Erstaunen: dieses sonst so stolze Gesicht hatte jetzt einen so besorgten Ausdruck, und wenn auch die großen Nasenlöcher immer weiter wurden, so lag doch in diesen Zügen etwas Schönes und Schlichtes, das Ilja vorher nicht bemerkt hatte. Er betrachtete das Mädchen und lächelte schweigend und verlegen. Sie aber hatte sich bereits von ihm abgewandt, war an Mascha herangetreten und sprach leise mit ihr:
»Weinen Sie nicht, mein Täubchen! Haben Sie keine Angst ... Der Doktor ist ein prächtiger Mensch. Er wird Sie untersuchen und Ihnen ein Attest ausstellen ... das ist alles. Ich werde mit Ihnen hinfahren ... Nun, meine Liebe, weinen Sie nicht!«
Sie legte ihre Hände auf Maschas Schultern und wollte sie an ihre Brust ziehen.
»Oh! ... Es schmerzt so«, sprach Mascha mit leisem Stöhnen.
»Was haben Sie denn da?«
Lunew hörte immer nur zu und lächelte dabei.
»Was ist denn das, zum Teufel?« schrie das Mädchen entsetzt und trat von Mascha fort. Ihr Gesicht war ganz bleich geworden, und in ihren Augen lag Schrecken und Empörung.
»Wie furchtbar ist sie zugerichtet ... oh!«
»So geht es uns«, rief Lunew voll Empörung. »Haben Sie gesehen? Und hier kann ich Ihnen noch einen zeigen – dort steht er! Erlauben Sie, daß ich ihn mit Ihnen bekanntmache: mein Freund Pawel Ssawelitsch Gratschew ...«
Pawel reichte dem Mädchen die Hand, ohne aufzublicken.
»Medwjedewa, Ssofia Nikonowna«, stellte sie sich vor und betrachtete Pawels düstres Gesicht. »Und Sie nennt man Ilja Jakowlewitsch?« wandte sie sich an Lunew.
»So ist's«, versetzte Ilja lebhaft, drückte kräftig ihre Hand und fuhr, ohne sie loszulassen, fort:
»Wenn Sie schon ... sehen Sie ... das eine tun, dann geben Sie uns auch in dem andern Ihren Rat! Auch hier sitzt ein Mensch in der Schlinge ...«
Sie sah aufmerksam und ernst in sein schönes, erregtes Gesicht und suchte ohne Aufsehen ihre Hand aus der seinigen zu befreien. Er aber erzählte ihr von Wjera und von Pawel, erzählte leidenschaftlich, mit Begeisterung. Und dann schüttelte er ihr kräftig die Hand und sagte:
»Verse hat er gemacht, und was für Verse! Aber in dieser Geschichte – ist er ganz ausgebrannt ... Und auch sie ... vielleicht denken Sie, wenn sie eine solche ist, dann sei mit ihr nichts anzufangen? Nein, denken Sie nicht so! Weder im Guten noch im Bösen geht der Mensch ganz auf!«
»Wie ist das zu verstehen?« fragte das Mädchen.
»Nun – wenn der Mensch auch schlecht ist, so ist doch immer in ihm auch etwas Gutes – und ebenso ist in dem Guten immer etwas Schlechtes ... Unsere Seelen sind alle miteinander scheckig ... alle miteinander!«
»Das ist ganz richtig, was Sie da sagen«, sprach Gawriks Schwester und nickte mit wichtiger Miene. »Aber lassen Sie, bitte, meine Hand los – Sie tun mir weh!«
Ilja bat sie um Entschuldigung. Sie aber hörte nicht mehr auf ihn, sondern belehrte Pawel in überzeugendem Tone:
»Schämen Sie sich, so darf man die Dinge nicht gehen lassen! Hier heißt es handeln. Man muß für sie einen Verteidiger suchen – einen Advokaten, verstehen Sie? Ich werde Ihnen einen besorgen – hören Sie? Und nichts wird ihr geschehen – freisprechen wird man sie! Ich gebe Ihnen mein Wort darauf!«
Ihr Gesicht war ganz rot geworden, die Haare an den Schläfen sträubten sich wirr, und in ihren Augen glänzte eine ganz besondere Freude. Mascha stand neben ihr und sah sie mit der vertrauensvollen Neugier eines Kindes an. Lunew aber blickte auf Mascha und Pawel mit wichtiger, triumphierender Miene und empfand einen gewissen Stolz, daß dieses Mädchen in seinem Zimmer anwesend war.
»Wenn Sie wirklich helfen können,« sprach Pawel mit bebender Stimme, »dann helfen Sie!«
»Kommen Sie heut' abend um sieben Uhr zu mir – einverstanden? Gawrik wird Ihnen sagen, wo wir wohnen ...«
»Ich werde kommen ... Keine Worte hab' ich, um Ihnen zu danken ...«
»Lassen wir das! Die Menschen sollen einander helfen.«
»Die – und helfen!« rief Ilja mit Bitterkeit.
Das Mädchen wandte sich rasch nach ihm um, Gawrik aber, der sich in diesem Wirrwarr als der einzige vernünftige und gesetzte Mensch vorkam, zog sie am Ärmel und sagte: