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»So fahr doch schon!«

»Mascha, ziehen Sie sich an!«

»Ich hab' ja nichts anzuziehen!« erklärte Mascha schüchtern.

»Ach ... Nun, es ist ganz gleich! Kommen Sie! ... Sie sind um sieben Uhr da, Gratschew, ja? Auf Wiedersehen, Ilja Jakowlewitsch!«

Die Freunde drückten ihr achtungsvoll und schweigend die Hand, und sie ging mit Mascha, die sie an der Hand führte, fort. An der Tür wandte sie sich nochmals um und sagte zu Ilja, den Kopf hoch emporhebend:

»Ich habe noch vergessen ... Ich habe Sie vorhin nicht gegrüßt ... Das war eine Ungezogenheit ... ich bitte um Entschuldigung – hören Sie?«

Ihr Gesicht ward von heller Röte übergossen, und ihre Augen senkten sich in Verwirrung. Ilja sah sie an, und in seinem Herzen jubelte es freudig.

»Nochmals: entschuldigen Sie! ... Ich glaubte, es wäre hier bei Ihnen ... ein Zechgelage ...«

Sie unterbrach sich, als ob sie ein Wort verschluckt hätte. Darauf fuhr sie fort:

»Und als Sie dann ... mich tadelten, da dachte ich, Sie sprächen als der Prinzipal hier ... Ich habe mich geirrt, und das freut mich sehr! Es war das Gefühl menschlicher Würde, das aus Ihnen sprach.«

Ein helles, seelenvolles Lächeln verklärte plötzlich ihre Züge, und sie sprach in herzlichem Tone, gleichsam den Wohlgeschmack ihrer eignen Worte genießend:

»Ich bin sehr froh ... es ist alles so schön geworden ... ganz ausnehmend schön!«

Und sie verschwand lächelnd wie eine kleine graue Wolke, die von den Strahlen der Morgenröte beleuchtet wird.

Die beiden Freunde schauten ihr nach. Ihre Gesichter hatten einen feierlichen, dabei unwillkürlich komisch wirkenden Ausdruck. Dann ließ Lunew seine Augen durch das Zimmer schweifen und sagte, Paschka mit dem Ellbogen anstoßend:

»Jetzt ist's hier sauber, was?«

Paschka lächelte still für sich.

»Das war 'n Bild«, fuhr Lunew mit einem leichten Seufzer fort. »Das hat sie gut gemacht ... wie?«

»Wie ein Wind hat sie alles rein gefegt!...«

»Hast du gehört,« sprach Ilja triumphierend, während er mit einer Handbewegung sein Lockenhaar zurückstrich, »wie sie sich entschuldigte – was? So sieht ein wirklich gebildeter Mensch aus, der jeden zu achten weiß ... aber sich vor keinem beugt! Hast verstanden?«

»Eine edle Persönlichkeit«, bestätigte Gratschew lächelnd.

»Wie ein Stern ist sie aufgeflammt!«

»Hm–ja ... und wie sie alles mit einemmal in Ordnung brachte und gleich wußte, wie etwas anzufassen ist!«

Lunew lachte vergnügt. Er war froh darüber, daß dieses stolze Mädchen sich als ein so einfaches, kluges Menschenkind entpuppt hatte, und es freute ihn, daß er vor ihr so gut bestanden hatte.

Gawrik drückte sich in ihrer Nähe herum und schien sich zu langweilen.

»Nun, Gawrilka,« sprach Ilja und faßte den Knaben an der Schulter, »deine Schwester ist ein prächtiges Mädchen!«

»Sie hat 'n gutes Herz«, sprach Gawrik in herablassendem Tone. »Wollen wir denn heute noch handeln – oder soll ein Feiertag sein? ... Ich möchte dann mal ins Freie gehen.«

»Nein, heute wird nicht gehandelt! Komm, Pawel, auch wir wollen spazierengehen!«

»Ich gehe auf die Polizei«, sagte Gratschew, und seine Stirn umwölkte sich wieder. »Vielleicht erlaubt man, daß ich sie sehe ...«

»Und ich geh' spazieren«, sprach Ilja.

Frisch und freudig bewegt, ging er gemächlichen Schrittes die Straße hinunter, dachte an Gawriks Schwester und verglich dieses Mädchen mit allen Menschen, denen er bisher im Leben begegnet war. Er hörte noch immer die Worte, mit denen sie sich vor ihm entschuldigt hatte, und er stellte sich ihr Gesicht vor, in dem jeder einzelne Zug das unbeugsame Streben nach irgendeinem Ziele zum Ausdruck brachte.

»Und wie sie mich zuerst heruntermachte!« sagte er sich lächelnd und begann darüber nachzudenken, warum sie ihn früher, obschon sie ihn fast gar nicht kannte und kaum ein vernünftiges Wort mit ihm gesprochen hatte, so stolz und hochfahrend behandelt hatte.

Rings um ihn wogte das Leben. Gymnasiasten kamen daher und lachten, Karren mit Ware fuhren rasselnd vorüber, Droschken jagten die Straße entlang, und vor ihm humpelte ein Bettler, der mit seinem Stelzfuße auf die Fliesen des Bürgersteiges aufschlug. Zwei Arrestanten, die von einem Soldaten eskortiert wurden, trugen auf einer Stange einen Zuber mit irgend etwas, und ein kleiner Hund, dem die Zunge aus dem Halse hing, ging träg hinterher.

Das Rasseln, Poltern, Schreien und Stampfen floß zu einem lauten, aufregenden Lärm zusammen. In der Luft schwebte heißer Staub, der die Nasen kitzelte. Vom wolkenlosen blauen Himmel brannte heiß die Sonne nieder und übergoß die Erde mit ihrem strahlenden Glanze. Lunew blickte auf alles dies und empfand dabei eine Lust, wie er sie schon lange nicht kennengelernt hatte. Alles kam ihm so ganz besonders und so interessant vor. Dort kam ein hübsches junges Mädchen daher, mit frischem, rotwangigem Gesicht, und sah Ilja so offen und fröhlich an, als wollte es sagen:

»Was für ein trefflicher Mensch bist du doch!«

Und Lunew erwiderte seinerseits mit einem Lächeln.

Ein Ladenbursche läuft mit einer kupfernen Kanne in der Hand auf dem Bürgersteig umher, gießt kaltes Wasser auf die Steine und bespritzt dabei die Füße der Passanten, während der Deckel der Kanne lustig klappert. Es ist heiß, stickig und geräuschvoll auf der Straße, und das dichte Grün der alten Linden auf dem städtischen Friedhof lockt mit seinem kühlen Schatten und seiner Stille. Der Friedhof ist mit einer weißen Steinmauer umfriedet, sein üppiger alter Baumwuchs erhebt sich wie eine mächtige Woge zum Himmel, und auf dem Kamme der Woge bilden die grünen Laubspitzen gleichsam den krönenden Schaum. Dort in der Höhe zeichnet sich jedes Blatt deutlich vom Himmelsblau ab, und leise erzitternd scheint es zu zerschmelzen ...

Lunew trat durch die Pforte des Kirchhofs, schritt langsam auf der breiten Allee dahin und sog den aromatischen Duft der blühenden Linden tief in seine Brust ein. Zwischen den Bäumen, im Schatten ihrer Zweige, standen Denkmäler aus Marmor und Granit, plump und schwer und an den Seiten von Moos bedeckt. Da und dort in dem geheimnisvollen Halbdunkel blinkten mit trübem Schein vergoldete Kreuze und Inschriften, die im Laufe der Jahre schon stark verwischt waren. Geißblatt, Akazien, Weißdorn und Holunder wuchsen in den Umgitterungen und verbargen mit ihren Zweigen die Gräber. Hier und da ward in dem dichten Grün ein schlichtes graues Holzkreuz sichtbar, dünne Reiser umgaben es von allen Seiten. Die weißen Stämme junger Birken schimmerten samtartig durch das dichte Laubwerk. Still und bescheiden schienen sie sich wie absichtlich im Schatten zu verbergen und wurden doch um so deutlicher gesehen. Hinter dem Gitterwerk auf den grünen Hügeln blühten bunte Blumen, eine Wespe summte in der Stille, ein weißes Schmetterlingspärchen spielte in der Luft, und geräuschlos schwebten winzig kleine Mückchen daher. Überall sproßten kraftvoll die Kräuter und Gräser dem Licht entgegen und bargen unter sich die traurigen Grabhügel; alles Grün des Friedhofes war erfüllt von dem unwiderstehlichen Drange zu wachsen, sich zu entwickeln, Licht und Luft zu verschlingen und die Säfte der fetten Erde in Farben, in Gerüche, in Schönheit umzuwandeln, welche die Herzen und Augen erfreute. Überall siegt das Leben, alles besiegt das Leben! ...

Es war Lunew angenehm, inmitten dieser Stille umherzuspazieren und aus voller Brust die süßen Düfte der Linden und der Blumen auf den Gräbern einzusaugen. Auch in ihm war alles still und friedlich. Seine Seele ruhte gleichsam aus, er dachte an nichts und gab sich ganz dem beglückenden Gefühl der Einsamkeit hin, das er schon lange nicht empfunden hatte. Er bog von der Hauptallee nach links ab, in einen schmalen Gang, verfolgte ihn langsam und las die Inschriften auf den Kreuzen und Denkmälern. Ganz eng war der Gang, beiderseits eingefaßt von reichgeschnörkelten Gittern aus Guß- und Schmiedeeisen.