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»Unter diesem Kreuz

liegt der Staub des Knechtes Gottes

Wonifantij«

las Ilja und lächelte über den sonderbaren Namen. Über Wonifantijs sterblichen Überresten war ein gewaltiger Stein aus grauem Granit errichtet, und in derselben Reihe lag hinter einem zweiten Gitter Peter Babuschkin, achtundzwanzig Jahre alt ...

»Der ist jung gestorben«, sprach Ilja für sich.

Auf der bescheidenen weißen Marmorsäule las er die Worte:

»Ein Blümlein ward geraubt der Erdenwelt,

Ein Sternlein mehr erglänzt am Himmelszelt.«

Lunew las nachdenklich diesen Zweizeiler und fand, daß darin etwas Rührendes lag. Aber plötzlich war's ihm, als ob er einen jähen Stoß gerade ins Herz erhielte – er taumelte zurück und schloß fest die Augen. Doch auch durch die geschlossenen Augen noch las er die Inschrift, die ihn so jäh erschreckt hatte. Die glänzenden goldenen Buchstaben auf dem braunen Stein hatten sich gleichsam in sein Hirn eingegraben, und sie lauteten:

»Hier liegt der Leib des Kaufmanns der zweiten

Gilde Wassilij Gawrilowitsch Poluektow.«

Entsetzt über seinen eignen Schrecken, öffnete er die Augen und begann scheu rings in den Büschen Umschau zu halten ... Niemand war zu sehen, nur irgendwo in der Ferne ward eine Totenmesse gelesen. Durch die Stille des Friedhofes klang der feine Tenor eines Kirchendieners, der die Worte sang:

»La–asset uns be–ete–en ...«

Eine tiefe, anscheinend mit irgend etwas unzufriedene Stimme antwortete ihm:

»Erba–arme Dich ...« – und kaum hörbar klang dazwischen das Klirren des Weihrauchfasses.

Mit dem Rücken gegen den Stamm eines Ahorns gelehnt, schaute Lunew auf das Grab des Menschen, den er ermordet hatte. Er hatte seine Mütze mit dem Hinterkopf an den Baum gedrückt, daß sie sich vorn auf seiner Stirn emporhob. Seine Brauen zogen sich zusammen, und die Oberlippe zuckte und ließ die Zähne sehen. Die Hände steckte er ganz tief in die Taschen seines Jacketts, und mit den Füßen stemmte er sich gegen die Erde.

Poluektows Grabdenkmal stellte einen Sarkophag dar, auf dessen Deckel ein offenes Buch, ein Schädel und zwei gekreuzte Schenkelknochen abgebildet waren. Innerhalb desselben Gitters befand sich noch ein zweiter, kleinerer Sarkophag; seiner Aufschrift war zu entnehmen, daß in diesem Grabe die Magd Gottes Eupraxia Poluektowa, zweiundzwanzig Jahre alt, ruhte.

»Seine erste Gattin«, dachte Lunew. Er faßte diesen Gedanken nur mit einem kleinen Teilchen seines Hirns, das im übrigen von anstrengendster Gedankenarbeit in Anspruch genommen war. Er war ganz erfüllt von den Erinnerungen an Poluektow, von der ersten Begegnung mit ihm, von der Szene, in der er ihn würgte und seine Hände von dem Speichel des Greises benetzt wurden. Aber während Lunew alle diese Einzelheiten in seinem Gedächtnis wachrief, fühlte er weder Furcht noch Reue – er schaute auf das Grab mit Haß, Erbitterung und tiefem Groll. Und mit heißem Unwillen im Herzen, aufs tiefste überzeugt von der Wahrheit seiner Worte, sprach er zu dem Kaufmann in Gedanken:

»Deinetwegen, Verfluchter, hab' ich mein ganzes Leben zertrümmert, deinetwegen, du alter Teufel! Wie soll ich nun leben? Für immer hab' ich mich an dir beschmutzt!«

Er empfand das brennende Verlangen, diese Worte mit aller Kraft hinauszuschreien, und vermochte seinen tollen Wunsch kaum zu bezähmen. Vor ihm erschien das kleine, widerliche Gesicht Poluektows; daneben tauchte der grimmige, kahle Kopf des Kaufmanns Strogany mit seinen roten Augenbrauen auf, und die selbstzufriedene Fratze Petruchas, der dumme Kirik, der stumpfnasige Graubart Chrjenow mit seinen kleinen Äuglein – eine ganze Reihe von guten Bekannten. In seinen Ohren klang ein Sausen, und es war ihm, als ob alle diese Menschen ihn umringten und unaufhaltsam gerade auf ihn eindrängten.

Er trat von dem Baume weg – und die Mütze fiel ihm vom Kopfe. Als er sich niederbeugte, um sie aufzunehmen, vermochte er nicht, die Augen von dem Denkmal des Geldwechslers und Hehlers abzuwenden. Es ward ihm so schwül und so übel, das Blut drang ihm ins Gesicht, und die Augen schmerzten ihn von dem unverwandten Schauen. Nur mit großer Anstrengung vermochte er sie von dem Grabstein loszureißen, trat dann dicht an das Gitter heran, hielt sich mit den Händen an den Eisenstäben fest und spie, bebend vor Haß, auf das Grab ...

Als er das Grab verließ, trat er so schwer auf, als wollte er der Erde mit seinen Fußtritten wehtun.

Er hatte keine Lust, nach Hause zu gehen – auf seiner Seele lag es wie eine schwere Last, und ein krankhaftes Mißbehagen peinigte ihn. Er ging langsam, ohne zu denken, ohne jemand anzuschauen oder sich für etwas zu interessieren. Als er ans Ende der Straße kam, bog er mechanisch um die Ecke, ging noch ein Stück und erkannte, daß er sich nicht weit von der Schenke Petrucha Filimonows befand. Er dachte an Jakow, und als er am Eingang des Filimonowschen Hauses war, schien es ihm, daß es ganz angebracht wäre, dort einen Besuch zu machen, wenn er auch keine allzu große Lust dazu empfand. Als er die Hintertreppe hinaufging, hörte er schon von weitem Perfischkas Stimme:

»Ach ja, ihr guten Leutchen: verschonet nur mich armen Wicht, zerbrechet mir die Rippen nicht...«

Lunew blieb in der offenen Tür stehen; mitten durch eine Wolke von Staub und Tabaksqualm erblickte er Jakow hinter dem Büfett. Glatt gescheitelt, in einem Rock mit gestutzten Schößen und kurzen Ärmeln, lief Jakow hin und her, schüttelte den Tee in die Teekannen, zählte die Stückchen Zucker ab, goß Branntwein ein und hantierte geräuschvoll mit der Geldkasse herum. Die Kellnerburschen liefen zu ihm hin und riefen, während sie die Marken auf das Büfett warfen:

»Eine halbe Flasche! Einen Krug Bier! Für einen Zehner Bratfleisch!«

»Er hat's schon gelernt«, dachte Lunew mit einer gewissen Schadenfreude, als er sah, wie flink die roten Hände seines Freundes in der Luft herumfuhren.

»Ach!« rief Jakow freudig überrascht, als Lunew an das Büfett trat, und blickte sogleich unruhig nach der Tür, die zum Wohnzimmer führte. Seine Stirn war ganz von Schweiß bedeckt, und auf den gelben Wangen waren rote Flecke sichtbar. Er faßte Iljas Hand und schüttelte sie.

»Was treibst du?« fragte Lunew, während er sich zu einem Lächeln zwang. »Haben sie dich ins Joch gespannt?«

»Was soll man machen?« meinte Jakow und hustete trocken.

Jakows Brust war eingefallen, und er schien kleiner an Wuchs als früher.

»Wie lange ist's her, daß wir uns nicht gesehen haben?« sprach er und schaute mit seinen gutmütigen, traurigen Augen in Iljas Gesicht. »Ich möcht' gern wieder mal mit dir plaudern ... der Vater ist gerade nicht da ... Vielleicht gehst du dort hinein, in dein altes Zimmer ... ich will nur meine Stiefmutter bitten, mich abzulösen ...«

Er öffnete die Tür zur Wohnung und rief respektvoll in das anstoßende Zimmer hinein:

»Mamachen! ... Darf ich auf eine Minute bitten? ...«

Ilja trat in die kleine Kammer, die er einst gemeinsam mit dem Onkel bewohnt hatte, und betrachtete sie aufmerksam. Sie war nur wenig verändert – die Tapeten waren dunkler geworden, statt zweier Betten war jetzt nur eins darin, und darüber war ein Bücherbrett angebracht. An der Stelle, wo früher Ilja geschlafen hatte, befand sich jetzt ein hoher, plumper Kasten.

»So – jetzt hab' ich mich auf ein Stündchen freigemacht!« rief Jakow, vor Freude strahlend, als er eingetreten war und den Haken an der Tür vorgelegt hatte. »Willst du Tee trinken? Ja? – Heda, Iwa–an! Tee!«

Er begann wieder zu husten und hustete lange, während er sich mit der Hand gegen die Wand stützte, den Kopf vorbeugte und mit gekrümmtem Rücken so dastand, als ob er irgend etwas aus seiner Brust herausstoßen wollte.

»Bellst ja nicht schlecht!« sprach Lunew.

»Ich sieche so hin ... Wie froh bin ich, daß ich dich wieder mal sehe! ... Wie solid du aussiehst! ... Na, wie lebst du denn?«