Выбрать главу

»Wie ich lebe?« versetzte Lunew zögernd. »Es macht sich ... und du?«

Lunew hatte keine Lust, von sich zu sprechen, oder überhaupt viel zu reden. Er blickte auf Jakow, und als er den Freund so ausgemergelt sah, hatte er Mitleid mit ihm. Aber es war ein kaltes, inhaltloses Mitleid.

»Ich – trage mein Schicksal, so gut ich kann, Bruder ...« sprach Jakow halblaut.

»Dein Vater hat dir das Blut ausgesogen ...«

»Was brauchst du einen Rubel, Kind?

Küss' lieber mich umsonst geschwind!«

sang hinter der Wand Perfischka zu seiner Harmonika.

»Was für ein Kasten ist denn das?« fragte Ilja und zeigte auf das merkwürdige, plumpe Möbelstück, das an der Wand stand.

»Das ist ein altes Harmonium«, sagte Jakow. »Der Vater hat es für mich gekauft, ein Spottgeld hat er dafür bezahlt ... Lern' darauf spielen, sagte er – später kauf ich ein neues, das stellen wir in der Gaststube auf, und du kannst den Gästen was vorspielen. Wenigstens einen Nutzen wird man dann von dir haben ... Sehr schlau, nicht wahr? Jetzt sind in allen Schenken Instrumente, nur bei uns nicht. Es macht mir Spaß, darauf zu spielen ...«

»Was für ein gemeiner Kerl!« sagte Ilja.

»Nein – wieso denn? Er hat recht: er hat wirklich von mir keinen Nutzen!« Ilja sah unwillig auf den Freund und sagte bitter:

»Sag' ihm doch, er soll dich in der Schenke ausstellen, wenn du stirbst, und Entree dafür nehmen ... wenigstens 'nen Fünfer die Person! ... Da bringst du ihm auch noch Nutzen!«

Jakow lächelte verlegen und begann von neuem zu husten, wobei er mit den Händen bald nach seiner Brust, bald nach dem Halse faßte.

Perfischka erzählte drinnen in der Schenke von irgend jemand:

»Die Fasten streng er halten tat,

Aß keinen Tag sich richtig satt,

Sein Bauch, der war so leer, so leer,

Doch war dafür gar sauber er ...«

»A – a – ach! ... Was hilft's schon!« sagte der Schuster dann, und seine vielgerühmte Harmonika übertönte mit ihren klangvollen Trillern den Text des Liedchens.

»Wie stehst du denn mit deinem Stiefbruder?« fragte Ilja, als Jakows Hustenanfall vorüber war.

Dieser hob sein von der Anstrengung blau angelaufenes Gesicht empor und antwortete:

»Er lebt nicht bei uns: seine Vorgesetzten erlauben es ihm nicht ... Eine Schenke, sagen sie ... Er spielt den vornehmen Herrn ...«

Jakow dämpfte seine Stimme zum Flüstern und fuhr traurig fort:

»Erinnerst du dich noch des Buches? Du weißt doch ... ja? Das hat er mir abgenommen ... Es sei ein sehr seltenes Buch, sagte er, das würde mit viel Geld bezahlt – und er nahm es mir fort ... Ich sagte zu ihm: ›Laß es mir doch!‹ Aber nein, er hat es mir nicht gelassen! ...«

Ilja mußte lachen über den naiven Jaschka. Man brachte ihnen den Tee. Die Tapeten in dem kleinen Zimmer knisterten, und durch die Spalten in der dünnen Scheidewand fanden die Töne und Düfte ungehindert den Weg. Alles übertönend, ließ sich in der Schenke eine schrille, aufgeregte Stimme vernehmen:

»Du, Mitr Nikolaitsch – verdreh' mir meine ehrlichen Worte nicht auf so hundsföttische Manier im Munde!«

»Ich lese jetzt eine Geschichte, Bruder,« sagte Jakow, »sie heißt: ›Julia oder das Burgverlies in dem Schloß Mazzini‹ ... Sehr interessant ... Und du – wie hältst du es mit dem Lesen?«

»Ich spuck' auf alle Burgverliese – wohne selber nicht hoch hier auf Erden«, versetzte Lunew mürrisch.

Jakow sah ihn teilnahmsvoll an und fragte: »Ist bei dir auch irgend etwas nicht in Ordnung?«

Lunew überlegte, ob er Jakow von Maschas Schicksal etwas erzählen sollte oder nicht. Doch Jakow begann sogleich wieder in seiner sanften Weise:

»Sieh, Ilja – du sträubst und ärgerst dich immer – und es hat doch gar keinen Zweck, nach meiner Meinung! Schließlich sind doch die Menschen an gar nichts schuld, siehst du!«

Lunew trank seinen Tee und schwieg.

»›Und einem jeden wird zugemessen nach seinen Taten‹ – das ist ganz gewiß wahr! Nimm zum Beispiel meinen Vater ... Offen gesagt: er ist ein Menschenschinder! Aber da erscheint Fjokla Timofejewna auf dem Plan – schwapp mit ihm unter den Pantoffel! Und jetzt führt er ein Leben – ach, ach, ach! Sogar zu trinken hat er schon begonnen vor Gram. Und wie lange ist's her, daß sie geheiratet haben? ... Jeden Menschen erwartet in Zukunft für seine Schlechtigkeiten solch eine Fjokla Timofejewna ...«

Ilja ward des Zuhörens überdrüssig – er drehte ungeduldig seine Tasse auf dem Teebrett hin und her und fragte dann plötzlich den Freund:

»Was erwartest du nun eigentlich?«

»Ich? Woher?« fragte Jakow mit leiser Stimme, während er seine Augen weit öffnete.

»Nun ... von der Zukunft – was erwartest du?« wiederholte Ilja rauh.

Jakow senkte schweigend den Kopf und wurde nachdenklich.

»Nun?« sagte Ilja halblaut, während er im Herzen eine quälende Unruhe empfand und den lebhaften Wunsch hatte, die Schenke so rasch wie möglich zu verlassen.

»Was soll ich erwarten?« sprach Jakow leise, ohne ihn anzusehen. »Zu erwarten ... hab' ich nichts mehr! Ich werde sterben ... das ist alles.«

Er hob den Kopf empor und fuhr mit einem stillen, zufriedenen Lächeln auf dem abgezehrten Gesichte fort:

»Ich seh' jetzt immer blaue Traumbilder ... Alles ist blau ... nicht nur der Himmel, sondern auch die Erde, und die Bäume, die Blumen, die Gräser – alles! Und eine solche Ruhe herrscht ... Als ob es gar nichts gäbe, so unbeweglich ist alles ... Du schreitest irgendwohin, ohne zu ermatten – weit weg, ohne Ende ... Und du kannst nicht begreifen: bist du oder bist du nicht? So leicht ist dir ums Herz ... Blaue Träume sind ein Vorzeichen des Todes!«

»Leb' wohl!« sprach Lunew und erhob sich vom Stuhle.

»Wohin eilst du denn? Bleib doch noch!«

»Nein –leb' wohl!«

Jakow erhob sich gleichfalls.

»Nun – so geh! ...«

Lunew hielt seine heiße Hand fest und starrte schweigend in das Gesicht des Freundes, ohne zu wissen, was er ihm zum Abschied sagen sollte. Und er wollte ihm doch noch irgend etwas sagen – es war ihm ein Bedürfnis, das er in seinem Herzen fast schmerzlich empfand.

»Was macht denn Maschutka? Es soll ihr nicht besonders gehen«, begann da Jakow selbst.

»Das hab' auch ich gehört ...« versetzte Ilja.

»Das Schicksal ist uns allen nicht gewogen ... Auch dir scheint's nicht leicht ums Herz zu sein ...«

Ein schmerzliches Lächeln umspielte bei diesen Worten seinen Mund. Der Ton seiner Stimme und seine Worte selbst erschienen so blutleer, so farblos ... Lunew öffnete seine Hand, und Jakows Hand sank kraftlos herab.

»Nun, Jascha, vergib! ...«

»Gott wird dir vergeben! Du kommst doch bald wieder?«

Ilja ging hinaus, ohne zu antworten.

Auf der Straße fühlte er sich leichter und freier. Es war ihm klar, daß Jakow bald sterben würde, und das reizte ihn zum Zorn gegen irgend jemand. Nicht Jakow war es, den er bedauerte – er hatte sich niemals recht vorstellen können, wie dieser stille Junge unter den Menschen würde leben können. Er hatte den Freund längst als einen dem Tode Geweihten betrachtet. Ihn beunruhigte vielmehr der Gedanke: warum ist dieses Menschenkind, das nie jemand etwas zuleide getan hat, so gequält worden – warum wird es so vor der Zeit aus dem Dasein getrieben? Und aus diesem Gedanken schöpfte sein Haß gegen das Leben, der jetzt schon fast die Grundlage seines Seelenlebens bildete, neue Nahrung und Kraft.

In der Nacht konnte er keine Ruhe finden. In seinem Zimmer war es schwül, obschon das Fenster geöffnet war. Er ging auf den Hof hinaus und legte sich unter einer Rüster, dicht am Zaune, nieder. Er lag auf dem Rücken und blickte zum klaren Himmel empor, und je schärfer er hinblickte, desto mehr Sterne sah er an ihm. Die Milchstraße zog sich als breites, silbernes Band über den Himmel hin. Es ward ihm so wohl, so lauschig ums Herz, als er durch die Zweige des Baumes zu den flimmernden Lichtern emporblickte. Dort oben am Himmel, wo niemand ist, glänzen schimmernde Sterne, und die Erde hier unten – womit ist die geziert? Er kniff die Augen zusammen, und es schien ihm, als ob die Zweige des Baumes höher und höher emporwüchsen. Auf dem blauen, mit flimmernden Lichtern besäten Samtgrund des Himmels erschienen die schwarzen Umrisse des Laubes wie Hände, die zum Himmel emporgestreckt waren und seine Wölbung zu erreichen suchten. Ilja dachte an die blauen Träume des Freundes, und vor ihm tauchte die Gestalt Jakows auf – gleichfalls ganz blau, leicht und durchsichtig, mit guten, hellen Augen, die ein Paar Sternen glichen ... Und er sagte sich: es lebte ein Mensch, und den quälten sie zu Tode, weil er sanft und friedlich lebte ... Jene aber, die ihn quälten, leben herrlich und in Freuden ...