XXIII
Gawriks Schwester kam jetzt fast täglich in Lunews Laden. Sie schien beständig in Sorgen um irgend etwas, begrüßte jedesmal Ilja, schüttelte ihm kräftig die Hand, wechselte ein paar Worte mit ihm und verschwand dann, irgendeine neue Anregung für sein Denken zurücklassend. Eines Tages fragte sie ihn: »Finden Sie Gefallen daran, Handel zu treiben?«
»Nicht besonders«, antwortete Lunew achselzuckend. »Aber irgendwie muß man sich doch ernähren ...«
Sie schaute mit ihren ernsten Augen forschend in seine Züge, wobei ihr Gesicht noch gespannter erschien als sonst.
»Haben Sie es nie versucht, von irgendwelcher Arbeit zu leben?« fragte das Mädchen.
Ilja verstand ihre Worte nicht und fragte:
»Was sagten Sie?«
»Ich fragte, ob Sie jemals gearbeitet haben?...«
»Ich habe immer gearbeitet. Mein ganzes Leben lang. Jetzt treib' ich Handel ...« versetzte Lunew, über ihre seltsame Frage verwundert.
Sie aber lächelte – und in ihrem Lächeln lag etwas, das IIja verletzte.
»Sie denken also, Handeltreiben sei Arbeit? Sie denken, das sei dasselbe?« fragte sie rasch.
»Natürlich!«
Er sah ihr ins Gesicht und fühlte, daß sie im Ernst sprach und nicht scherzte.
»O nein«, fuhr sie mit überlegenem Lächeln fort. »Von Arbeit kann man nur sprechen, wenn der Mensch etwas unter Anwendung seiner Kräfte hervorbringt ... wenn er etwas erzeugt ... Bänder, Borten, Stühle, Schränke ... Verstehen Sie?«
Lunew nickte schweigend mit dem Kopf und errötete. Er schämte sich, zu gestehen, daß er sie nicht verstand.
»Der Handel – wie kann man den als Arbeit bezeichnen? Er gibt doch den Menschen nichts«, sprach das Mädchen überzeugt und schaute dabei Ilja prüfend an.
»Gewiß,« versetzte er langsam und vorsichtig – »Sie haben recht ... Handeltreiben ist nicht sehr schwer, wenn man's versteht ... Aber der Handel gibt doch dem Menschen etwas ... nämlich einen Gewinn ... Wenn er den nicht gäbe, wer würde wohl Handel treiben?«
Sie wandte sich schweigend von ihm ab, sprach mit ihrem Bruder und ging bald. Von Ilja verabschiedete sie sich nur durch ein Kopfnicken, ihr Gesicht war wieder frostig und stolz, wie es vor ihrer Bekanntschaft mit Mascha gewesen war. Ilja dachte nach, ob er sie nicht durch irgendein unvorsichtiges Wort verletzt hätte. Er rief sich alles ins Gedächtnis zurück, was er zu ihr gesprochen hatte, und fand darin nichts Beleidigendes. Dann sann er über ihre Worte nach, die ihn lebhaft beschäftigten. Welchen Unterschied sah sie eigentlich zwischen Handel und Arbeit?
Er konnte nicht begreifen, warum ihr Gesicht immer so grimmig, so verbissen war, während sie doch von Herzen gut war und nicht nur die Menschen bedauerte, sondern ihnen auch zu helfen wußte. Pawel besuchte sie in ihrem Heim und rühmte sie wie das ganze Leben in ihrer Familie mit Begeisterung.
»Kommst du hin zu ihnen, dann heißt es: ›Ach, seien Sie uns willkommen!‹ Essen sie zu Mittag – gleich bitten sie dich zu Tisch. Trinken sie Tee – bist du von selbst eingeladen. Alles ist so einfach, und Menschen gibt es da – eine Unmenge! So vergnügt sind alle, singen, schreien, disputieren über Bücher. Bücher liegen bei ihnen herum, wie in einem Laden. Eng ist's wohl, sie stoßen sich gegenseitig und lachen dabei. Lauter gebildete Menschen – ein Advokat ist da, und noch ein anderer, der bald Doktor sein wird, und Gymnasiasten, und allerhand solche Leute. Du vergißt ganz, wer du bist, und du lachst, rauchst und plauderst mit ihnen um die Wette. Prächtige Leute – so vergnügt, und dabei so ernst ...«
»Mich wird sie nicht einladen, siehst du ...« sprach Lunew mürrisch. »Das stolze Fräulein!«
»Die soll stolz sein?« rief Pawel. »Ich sage dir – die Einfachheit selbst! Warte nicht erst, bis sie dich auffordert, sondern geh einfach hin ... Kommst hin – und bist da! Abgemacht! Wie im Gasthaus ist's bei ihnen – bei Gott, so frei, sag' ich dir. Was bin ich zum Beispiel gegen sie? Aber wie ich kaum zweimal da war – gehörte ich mit dazu. Interessant ist's! Zum Spiel wird ihnen das Leben ...«
»Na – und was macht Maschutka?« fragte Ilja.
»Ganz gut geht's ihr ... Sie hat sich schon etwas erholt, sitzt da und lächelt. Sie kurieren sie mit irgend etwas ... geben ihr Milch zu trinken. Chrjenow wird gründlich reinfallen – der Advokat meinte, sie würden ihm ordentlich was aufbrummen ... Sie fahren immer mit Maschka zum Untersuchungsrichter. Was die Meinige betrifft, so kümmern sie sich auch, daß der Termin recht bald stattfinde ... Nein, es ist wirklich hübsch bei ihnen. Die Wohnung ist recht klein, und Menschen gibt's drin wie Holz im Ofen, und sie glühen auch ebenso ...«
»Und sie selbst – was macht sie?« erkundigte sich Lunew.
Von Ssonja konnte Pawel nicht anders erzählen als damals, in seiner Kindheit, von den Arrestanten, die ihn schreiben und lesen gelehrt hatten. Er strengte sich an, die lobendsten Ausdrücke zu finden, und mischte immer wieder begeisterte Ausrufe in seine Darstellung.
»Ich sag' dir, Bruder, die? Oho–o, was die alles gelernt hat! Und alle kommandiert sie, und wenn jemand etwas gesagt hat, was ihr nicht gefällt, dann macht sie gleich frrr!... Wie 'ne Katze ...«
»Ich kenne sie von der Seite«, sagte Ilja lächelnd.
Er beneidete Paweclass="underline" gar zu gern wäre er bei der strengen Gymnasiastin eingeführt worden, aber seine Eigenliebe erlaubte ihm nicht, den einfachsten Weg zu wählen und ohne weiteres hinzugehen.
Er stand hinter seinem Ladentisch und dachte trotzig für sich:
»Da gibt es nun so viel Menschen, und jeder ist darauf aus, von den andern irgendeinen Vorteil zu ziehen. Und sie – was für einen Vorteil hat sie wohl davon, sich Maschutkas und Wjeras anzunehmen?... Sie ist arm ... der Tee und jedes Stückchen Brot – alles kostet Geld ... also muß sie wirklich sehr gut sein ... Und wie behandelt sie mich? Wie spricht sie mit mir?... Worin bin ich schlechter als Pawel?«
Diese Gedanken beschäftigten Ilja so sehr, daß er sich gegen alles andere fast gleichgültig verhielt. In dem Dunkel seines Lebens hatte sich eine Spalte aufgetan, und durch diese sah oder vielmehr ahnte er in der Ferne ein Schimmern von etwas, das er noch nie erblickt hatte ...
»Mein lieber Freund,« sprach Tatjana Wlaßjewna bei einem ihrer Besuche in trocken belehrendem Tone zu ihm – »das schmale Wollband muß wieder angeschafft werden ... Besatz ist auch ausgegangen ... Von dem schwarzen Zwirn Nummer fünfzig ist nur noch ganz wenig da ... Perlmutterknöpfe hat uns eine Firma angeboten – der Agent ist bei mir gewesen, ich hab' ihn hierher geschickt. War er da?«
»Nein«, antwortete Ilja kurz.
Dieses Weib war ihm immer widerwärtiger geworden. Er hegte den Verdacht, daß Tatjana Wlaßjewna mit Korßakow, der kürzlich zum Bezirksaufseher ernannt worden war, angebändelt habe. Ihrem Kompagnon gab sie nur noch selten ein Stelldichein, obschon sie im übrigen ebenso freundlich und frei mit ihm verkehrte wie früher. Lunew aber ging auch diesen wenigen Rendezvous unter irgendeinem Vorwand aus dem Wege. Als er sah, daß sich Tatjana nichts weiter daraus machte, schalt er sie im stillen: