»Die Buhlerin ... die schamlose Dirne!...«
Sie mißfiel ihm namentlich dann, wenn sie in den Laden kam, um den Warenbestand zu revidieren. Sie tänzelte im Zimmer herum wie ein Kreisel, sprang auf den Ladentisch hinauf, holte die Kartons aus den oberen Fächern herunter, nieste von dem Staub, den sie dabei aufwirbelte, schüttelte den Kopf und räsonierte über Gawrik.
»Ein Ladenbursche muß geschickt und zuvorkommend sein. Man gibt ihm doch nicht darum zu essen, daß er den ganzen Tag an der Tür sitzen und sich die Nase mit den Fingern putzen soll! Und wenn die Prinzipalin spricht, dann hat er aufmerksam zuzuhören und nicht wie ein Popanz dazustehen ...«
Aber Gawrik hatte seinen eignen Charakter. Er hörte sich das Geplapper der Prinzipalin an und bewahrte dabei vollkommen seine Seelenruhe. Wenn sie irgendwo hinaufgekrochen war, um die oberen Fächer zu erreichen, und dabei ihre Röcke hoch emporhob, blinzelte er mit spitzbübischem Lächeln dem Prinzipal zu. Stets sprach er mit ihr grob, ohne jede Spur von Respekt. War sie dann fort, so sagte er zu Ilja:
»Der Kiebitz ist weggehopst!«
»So darf man von der Prinzipalin nicht sprechen«, sagte Ilja in tadelndem Ton, während er sich das Lachen zu verbeißen suchte.
»Was ist das für 'ne Prinzipalin!« protestierte Gawrik. »Kommt, schwatzt hier herum und hopst wieder weg ... Der Prinzipal sind Sie!«
»Und sie auch ...« suchte Ilja, der den soliden und offenherzigen Jungen gern hatte, schwach zu protestieren.
»Sie ist ein Kiebitz, nichts weiter«, sprach Gawrik und blieb bei seiner Meinung.
»Sie bringen dem Jungen nichts bei«, meinte die Awtonomowa einmal. »Und überhaupt ... ich muß sagen, daß alles bei uns in der letzten Zeit ... ohne Begeisterung betrieben wird, ohne Liebe zur Sache ...« Lunew schwieg. Er haßte sie von ganzer Seele und dachte:
»Meinetwegen kannst du dir das Bein verrenken, Satansweib, wenn du hierher trippelst!«
Von Onkel Terentij hatte Ilja um diese Zeit einen Brief erhalten, in dem jener schrieb, daß er nicht nur in Kiew, sondern auch im Kloster des heiligen Sergius und in Walaam gewesen sei. Beinahe wäre er auch nach Solowki an der Dwina gekommen, aber die Pilgerfahrt dahin lasse er vorläufig und gedenke bald wieder in der Heimat zu sein.
»Noch eine Annehmlichkeit«, dachte Ilja ärgerlich. »Jedenfalls wird er hier bei mir wohnen wollen ...«
Kunden erschienen im Laden, und während er mit ihrer Abfertigung beschäftigt war, kam Gawriks Schwester. Ganz matt, nur mühsam atmend, begrüßte sie ihn und fragte, mit dem Kopfe nach der Tür seines Zimmers nickend:
»Ist da drinnen ... Wasser?«
»Ich bringe Ihnen sogleich welches«, sagte Ilja.
»Lassen Sie ... ich werde mich selbst bedienen ...«
Sie ging in das Zimmer und blieb dort so lange, bis die Kunden fort waren und Lunew eintrat. Er traf sie vor den »menschlichen Altersstufen«, die sie prüfend betrachtete. Sie wandte den Kopf nach Ilja um, wies mit den Augen nach dem Bilde und sagte:
»Was für ein Schund ...«
Lunew fühlte, daß ihre Bemerkung ihn betroffen machte, und er lächelte, wie wenn er sich einer Schuld bewußt wäre. Doch bevor er sie noch um eine Erklärung angehen konnte, war sie fort ...
Ein paar Tage später brachte sie dem Bruder die Wäsche und machte ihm Vorwürfe darüber, daß er seine Kleider zu wenig schone, alles zerreiße und beschmutze.
»Nanu!« rief Gawrik störrisch – »jetzt wirst auch du noch auf mir rumhacken! Noch nicht genug, daß die Prinzipalin immer nörgelt, wirst du mich noch kujonieren! ...«
»Was ist denn mit ihm? Ist er sehr ungezogen?« fragte die Gymnasiastin Ilja.
»Nicht mehr, als er darf ...« antwortete Lunew freundlich.
»Ich bin doch ein ruhiger Mensch!« verteidigte sich der Junge.
»Seine Zunge ist etwas lose«, versetzte Ilja.
»Hörst du?« sprach Gawriks Schwester und zog die Brauen zusammen.
»Na, gewiß hör' ich's!« versetzte Gawrik ärgerlich.
»Es macht weiter nichts aus«, meinte Ilja gutmütig. »Ein Mensch, der wenigstens zu beißen versteht, ist immer besser dran als die andern ... Andere lassen sich schlagen und schweigen dazu ... steigen ins Grab, ohne ein Wort über das Unrecht zu sagen, das ihnen angetan ward ...«
Die Gymnasiastin hörte seine Worte, und über ihr Gesicht huschte ein beifälliges Lächeln. Ilja bemerkte das und fuhr unsicher fort:
»Was ich Sie fragen wollte ...«
»Was denn?«
Sie trat ganz dicht an ihn heran und sah ihm in die Augen. Er vermochte ihren Blick nicht auszuhalten, ließ den Kopf sinken und sagte:
»Soviel ich verstanden habe, lieben Sie die Kaufleute nicht?«
»Nicht sehr ...«
»Und warum nicht?«
»Sie leben von fremder Arbeit...« erklärte sie scharf betonend.
Ilja warf den Kopf in die Höhe und zog die Augenbrauen empor. Ihre Worte setzten ihn nicht nur in Erstaunen, sondern beleidigten ihn geradezu. Und sie hatte sie so einfach, wie etwas Selbstverständliches, hingesprochen ...
»Das ist... nicht wahr«, erklärte Lunew laut, nachdem er eine Weile geschwiegen hatte.
Jetzt zuckte es über ihr Gesicht, und sie errötete.
»Wie teuer kommt Sie dieses Band da zu stehen?« fragte sie frostig und streng.
»Das Band? Dieses hier? ... Siebzehn Kopeken der Arschin ...«
»Und wie teuer verkaufen Sie es?«
»Zu zwanzig Kopeken ...«
»Na also ... Die drei Kopeken, die Sie mehr nehmen, gehören nicht Ihnen, sondern dem, der das Band verfertigt hat. Verstehen Sie?«
»Nein!« gestand Lunew offen.
Da blitzte es in ihren Augen feindselig auf. Ilja sah das und ward kleinlaut, ärgerte sich jedoch gleich darauf über sich selbst wegen seiner Unbeholfenheit.
»Ich dachte mir's wohl, daß es Ihnen nicht leicht werden wird, diesen Gedanken zu begreifen«, sagte sie und entfernte sich vom Ladentisch nach der Tür zu. »Sie müssen sich nur vorstellen, daß Sie der Arbeiter sind, der alle diese Dinge hier hervorbringt...«
Sie wies mit der Hand auf die Waren ringsum und fuhr fort, ihm darzulegen, wie die Arbeit alle bereichere außer demjenigen, der arbeite. Anfangs sprach sie so wie immer – frostig, mit deutlicher Betonung, und ihr unschönes Gesicht blieb dabei unbeweglich. Dann aber zuckten ihre Augenbrauen, die Stirn legte sich in Falten, die Nasenflügel blähten sich, und während sie den Kopf noch höher emporreckte, warf sie IIja trotzig wuchtige Worte hin, die ganz durchdrungen waren von jugendlicher, unerschütterlicher Überzeugung.
»Der Handel steht zwischen dem Arbeiter und dem Käufer, er tut nichts weiter, als daß er den Preis der Ware erhöht ... Der Handel ist gesetzlich erlaubter Diebstahl ...«
Ilja fühlte sich beleidigt, doch fand er keine Worte, um dieses kecke Mädchen zu widerlegen, das ihm ins Gesicht sagte, er sei ein Nichtstuer und Dieb. Er preßte die Zähne aufeinander, hörte auf ihre Worte und glaubte ihnen nicht, konnte ihnen nicht glauben. Und während er nach einem Worte suchte, das alle ihre Ausführungen mit einemmal widerlegte und sie zum Schweigen brächte, hatte er zugleich seine Freude an ihrer Kühnheit.
»Das stimmt alles nicht«, unterbrach er sie schließlich mit lauter Stimme. Er fühlte, daß er ihre Darlegungen nicht länger anhören konnte, ohne zu antworten: »Nein ... ich bin nicht dieser Meinung!« In seiner Brust wallte es stürmisch auf, und auf sein Gesicht traten rote Flecke.
»Widerlegen Sie mich doch«, sagte sie ruhig, während sie auf dem Taburett Platz nahm und mit ihrem langen Zopfe spielte, der über ihre Schulter herabhing.
Lunew wandte sich ab, um ihrem angriffslustigen Blicke nicht zu begegnen.