»Ich werde Sie schon widerlegen«, platzte er laut heraus. »Durch mein ganzes Leben werde ich Sie widerlegen! Ich habe vielleicht einmal ... eine große Sünde begangen, früher, bevor ich das hier erreichte ...«
»Um so schlimmer ... aber das ist keine Widerlegung«, sprach das Mädchen, und ihre Worte wirkten auf Lunew abkühlend wie ein Wasserstrahl. Er stützte sich mit den Armen auf den Ladentisch, beugte sich vor, als ob er hinüberspringen wollte, schüttelte seinen Lockenkopf und sah sie ein paar Augenblicke schweigend an. Er war zwar durch ihr Auftreten gekränkt, aber er staunte doch über ihre Ruhe, und ihr unbeweglicher, überzeugungsvoller Blick hielt seinen Zorn im Zaume. Aus ihrem ganzen Auftreten fühlte er etwas Kraftvolles, Furchtloses heraus, und die Worte, mit denen er sie zu widerlegen gedacht, wollten nicht über seine Lippen.
»Nun, was haben Sie also zu sagen?« fragte sie ihn kühl und herausfordernd. Dann lächelte sie und rief triumphierend:
»Ich wollte eigentlich mit Ihnen gar nicht streiten, denn was ich sagte, war die reine Wahrheit!«
»Sie wollen mit mir nicht streiten? Wirklich nicht?« versetzte Lunew mit dumpfer Stimme.
»Nein, wirklich nicht! Was können Sie überhaupt dagegen sagen?«
Und wiederum lächelte sie so überlegen.
»Auf Wiedersehen!« sagte sie darauf.
Und sie ging fort und trug den Kopf noch höher als sonst.
»Ist ja alles Unsinn! Ist nicht richtig!« schrie Lunew hinter ihr her. Aber sie beachtete seinen Widerspruch nicht weiter.
Ilja ließ sich auf das Taburett nieder. Gawrik, der an der Tür stand, schaute ihn an und schien mit dem Auftreten seiner Schwester sehr zufrieden – sein Gesicht hatte einen feierlichen, triumphierenden Ausdruck.
»Was guckst du denn?« rief Lunew ärgerlich, durch das Anstarren des Knaben unangenehm berührt. »Nichts ... nur so ...« antwortete der Knabe.
»Laß das lieber«, sprach Lunew unwirsch und schwieg ein Weilchen. Und dann sagte er:
»Kannst spazierengehen ...«
Auch dann, als er allein war, vermochte er mit seinen Gedanken nicht ins reine zu kommen. Er konnte sich in den tieferen Sinn dessen, was das Mädchen gesagt hatte, nicht hineindenken und empfand vor allem etwas persönlich Verletzendes in ihren Worten.
»Was habe ich ihr getan?... Kommt, hunzt mich herunter und geht wieder ... Wart', komm mir noch einmal her! Dir will ich antworten ...«
Er drohte ihr, suchte aber zugleich in sich die Schuld zu entdecken, um deretwillen sie ihn beleidigt hatte. Er erinnerte sich dessen, was Pawel über ihren scharfen Verstand und ihre Einfachheit erzählt hatte.
»Den Paschka beleidigt sie nicht!« dachte er.
Und er hob den Kopf auf und sah sein Bild im Spiegel. Die Spitzen seines schwarzen Schnurrbärtchens zuckten, die großen Augen schauten müde, und über den Backenknochen brannte helle Röte. Aber selbst jetzt war, trotz des unruhigen, finstern Ausdrucks, sein Gesicht immer noch hübsch, von einer derben Schönheit, und jedenfalls anziehender als das krankhafte, gelbe, knochige Gesicht Pawel Gratschews.
»Sollte ihr Paschka wirklich besser gefallen als ich?« dachte er, aber sogleich gab er sich selbst die Antwort auf diese Frage:
»Was geht sie denn schließlich mein Gesicht an? Ich bin doch kein Freier für sie ...«
Er ging in sein. Zimmer, trank ein Glas Wasser und sah sich um. Das grelle Bild an der Wand fiel ihm in die Augen. Er musterte diese genau abgemessenen »menschlichen Altersstufen« und dachte:
»Es ist doch Schwindel ... Leben denn die Menschen so?«
Und nach kurzem Nachdenken sagte er sich:
»Wenn's auch der Fall wäre – so wäre es doch recht langweilig!«
Er ging langsam auf die Wand zu, riß das Bild herab und trug es in den Laden. Dort legte er es auf den Ladentisch, begann von neuem die »Altersstufen des Menschen« zu betrachten und lächelte jetzt schon spöttisch darüber. Schließlich bekam er von den grellen Farben ein Flimmern vor den Augen.
Er knüllte das Bild zusammen und warf es unter den Ladentisch; doch es rollte wieder vor, gerade vor seine Füße. Dadurch aufgebracht, hob er es nochmals auf, knüllte es noch fester zusammen und warf es durch die Tür auf die Straße.
Auf der Straße ging es lärmend her. Diesseits auf dem Bürgersteig schritt jemand mit einem Knüttel in der Hand daher. Der Knüttel schlug auf die Fliesen auf, nicht im Takt zu den Schritten, so daß es schien, als ob der Daherschreitende drei Beine hätte. Die Tauben gurrten. Man hörte ein metallenes Klirren – ein Schornsteinfeger ging über das Dach. Eine Droschke fuhr an dem Laden vorüber. Ilja ward schläfrig und begann einzunicken. Alles rings um ihn schien zu schwanken. Er nahm halb im Schlafe die Rechenmaschine und zählte daran ab – zwanzig Kopeken. Davon zog er ab – siebzehn Kopeken. Es blieben drei Kopeken. Er knipste mit den Fingern nach den Kugeln, und diese drehten sich mit einem leisen Geräusch auf dem Draht, rückten auseinander und blieben stehen.
Ilja seufzte, stellte die Rechenmaschine beiseite, legte sich mit der Brust auf den Ladentisch, verharrte in dieser Haltung ganz still und lauschte auf das Klopfen seines Herzens.
Am nächsten Tage erschien Gawriks Schwester von neuem. Sie sah ganz so aus wie immer, trug dasselbe alte Kleid und hatte denselben Ausdruck im Gesicht.
»Ach, du!« sagte Lunew sich im stillen, während er sie von seinem Zimmer aus feindselig beobachtete. Auf ihren Gruß antwortete er widerwillig, indem er gleich ihr den Kopf neigte. Sie ließ plötzlich ein gutmütiges Lachen hören und fragte freundlich:
»Sie sind ja so blaß! Sind Sie krank?«
»Ich bin gesund«, antwortete Ilja kurz. Er bemühte sich, das durch ihre teilnehmende Frage in ihm hervorgerufene Gefühl vor ihr zu verbergen. Und dieses Gefühl war von angenehmer, freudiger Art. Das Lächeln und die freundlichen Worte des Mädchens hatten sein Herz weich und warm berührt, doch er war entschlossen, ihr zu zeigen, daß er sich verletzt fühle, und hoffte dabei im stillen, daß sie noch einmal so lächeln, noch ein zweites so freundliches Wort zu ihm reden würde. Und er wartete voll Spannung, ohne sie anzusehen.
»Es scheint, daß Sie auf mich böse sind ... daß Sie sich gekränkt fühlen?« ließ sich ihre Stimme vernehmen.
Ihre Worte klangen diesmal ganz anders als vorher, so hart und streng, daß Ilja sie verwundert anblickte. Sie war wieder ganz so herb wie sonst, und etwas Hochfahrendes, Abweisendes lag in ihren dunklen Augen.
»Ich bin an Kränkungen gewöhnt«, sagte Lunew und lachte sie herausfordernd an, während ein kaltes Gefühl der Enttäuschung seine Brust erfüllte.
»Du scheinst mit mir spielen zu wollen«, sagte er sich. »Erst streichelst du, und dann schlägst du! Nein, das paßt mir nicht ...«
»Ich wollte Sie doch nicht beleidigen ...«
»Sie können mich auch schwerlich beleidigen«, versetzte er laut und schroff. »Ich weiß doch, was Sie wert sind: Sie sind ein Vogel, der nicht hoch fliegt.«
Ganz erstaunt richtete sie sich bei diesen Worten empor, doch Ilja sah schon nichts mehr: ein heißer Drang, ihr zu vergelten, was sie ihm zugefügt, hatte ihn erfaßt, und langsam, absichtlich zögernd, warf er ihr harte, rohe Worte zu:
»Ihr Vornehmtun, dieser Stolz ... die kosten Sie nicht viel ... In den Gymnasien kann jeder sich das aneignen ... Ohne das bißchen Gymnasium wären Sie eine einfache Näherin oder ein Stubenmädchen ... Bei Ihrer Armut könnten Sie doch nichts anderes werden!«
»Was reden Sie da?« rief sie leise, wie vom Schreck gelähmt.
Ilja schaute ihr ins Gesicht und sah mit Vergnügen, wie ihre Nasenflügel bebten und ihre Wangen sich röteten.
»Ich sage nur, was ich denke, und ich denke, daß Ihre ganze Vornehmheit für'n Groschen zu haben ist ...«
»Ich weiß nichts von Vornehmheit«, rief das Mädchen mit gellender Stimme. Ihr Bruder kam zu ihr heran, faßte ihre Hand und sagte, während er mit haßerfüllten Augen auf seinen Prinzipal sah: