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»Komm, Ssonjka, laß uns von hier fortgehen!«

Lunew sah sie an und sprach:

»Ja – geht nur! Ich brauch' euch so wenig, wie ihr mich braucht! ...«

Er sah sie beide noch einen Augenblick wie durch einen Nebel, worauf sie verschwanden. Er lachte hinter ihnen her. Dann, als er allein im Laden war, stand er ein paar Minuten unbeweglich, in dem herben Wohlgefühl befriedigter Rache schwelgend. Das verwirrte, von Zweifel erfüllte, leicht erschreckte Gesicht des Mädchens hatte sich tief in sein Gedächtnis eingeprägt.

»Aber dieser Bengel ... wie der gleich Partei nahm!« ging's ihm plötzlich durch den Kopf. Gawriks Verhalten war ihm wider den Strich, es störte seine Stimmung.

»Ein hochmütiges Pack!« dachte er und lachte für sich. »Jetzt müßte noch Tanitschka kommen ... der würde ich auch gleich heimleuchten! ...«

Er verspürte in sich den Drang, alle Menschen von sich wegzustoßen, auf rücksichtsloseste, gröbste Art, ohne jede Schonung.

Doch Tanitschka kam nicht – den ganzen Tag war er allein, und dieser Tag erschien ihm schrecklich lang. Als er sich schlafen legte, kam er sich tief vereinsamt vor, und diese Vereinsamung erschien ihm noch peinlicher, noch verletzender als die Worte des Mädchens. Er schloß die Augen, horchte auf die Stille der Nacht und lauerte förmlich auf jeden Laut, und wenn ein Laut sich vernehmen ließ, erbebte er, hob ängstlich den Kopf vom Kissen empor und schaute mit weitgeöffneten Augen in die Finsternis. Bis zum Morgen vermochte er nicht einzuschlafen, sondern erwartete immerfort etwas, fühlte sich wie in einen Keller eingesperrt und erstickte in der Hitze beinahe unter der Last seiner wirren, zusammenhangslosen Gedanken. Er erhob sich mit schwerem Kopfe und wollte sich den Samowar bereitstellen, tat es jedoch nicht, sondern trank nur einen Krug Wasser, wusch sich und öffnete den Laden.

Gegen Mittag erschien Pawel, ärgerlich, mit finstern Brauen. Ohne den Freund zu grüßen, fragte er kurz:

»Was für ein Hochmutsteufel ist in dich gefahren?«

Ilja begriff, wovon er sprach, schüttelte resigniert den Kopf und dachte im stillen:

»Auch der ist gegen mich ...«

»Warum hast du Ssofia Nikonowna beleidigt?« fragte Pawel streng, während er sich vor ihn hinstellte. In Gratschews zornigem Gesicht und seinen vorwurfsvoll blickenden Augen las Ilja seine Verurteilung, doch verhielt er sich gleichgültig dagegen.

Langsam, mit müder Stimme sprach er:

»Du solltest erst grüßen, wenn du hereinkommst ... und die Mütze abnehmen. Dort ist ein Heiligenbild.«

Aber Pawel faßte seine Mütze am Schirm und zog sie noch tiefer in die Stirn, wobei er höhnisch den Mund verzog und hitzig, voll Empörung, mit bebender Stimme ihm zurief:

»Spiel' dich noch auf! Protz! Hast dich satt gefüttert! ... Solltest dich erinnern, wie du mal sagtest: es gibt keinen Menschen, der sich unser annimmt! ... Und jetzt, da er sich gefunden hat, jagst du ihn fort! ... Ach, du Krämer!«

Ein stumpfes Gefühl der Schlaffheit hinderte Lunew, auf die Worte des Kameraden zu erwidern. Zerstreut schaute er auf das entrüstete, von Hohn erfüllte Gesicht Pawels und hatte dabei die Empfindung, daß die Vorwürfe des Freundes auf seine Seele gar keinen Eindruck machten. Er betrachtete Gratschews mageres Gesicht mit dem dünnen, gelben Bartwuchs, der auf Kinn und Lippe sproßte, und dachte:

»Hab' ich sie wirklich so tief gekränkt? Ich hätt's schlimmer machen können! ...«

»Sie versteht alles, vermag alles zu erklären ... und du benimmst dich gegen sie ... ach!« sprach Pawel, seine Rede immer wieder durch Ausrufe unterbrechend.

»Hör' auf!« sprach Lunew langsam. »Hast du mir Belehrungen zu geben? Ich tu', was ich will, und lebe, wie ich will. Zuwider seid ihr mir alle miteinander ... rennt hin und her und schwatzt nur!«

Und gegen das Warenregal gelehnt, sprach er nachdenklich, wie wenn er sich selbst eine Frage vorlegte:

»Was könnt ihr mir schließlich Neues sagen?«

»Sie kann alles«, rief Pawel im Ton tiefster Überzeugung und hob dabei unwillkürlich wie zum Schwur die Hand empor. »Sie wissen dort alles ...«

»Na, dann geh doch zu ihnen!« riet Ilja ihm trocken.

Pawels Worte, wie überhaupt seine Begeisterung, waren ihm unangenehm, doch verspürte er keine Neigung, dem Freunde zu widersprechen. Eine dumpfe, öde Langeweile hinderte ihn, zu reden und zu denken, und fesselte ihn gleichsam.

»Ich geh' schon«, sprach Pawel düster. »Ich gehe, weil mir klar ist, daß ich nur mit jenen zusammenleben kann ... Bei ihnen kann man alles finden, was einem nottut, ja!«

»Brülle nicht so laut!« sprach Lunew leise, mit kraftloser Stimme.

Ein kleines Mädchen betrat den Laden und verlangte ein Dutzend Hemdknöpfe. Ilja gab ihr, ohne sich zu beeilen, das Verlangte, nahm ihr das Zwanzigkopekenstück ab, das sie in der Hand hielt, rieb es mit den Fingern und gab es dem Mädchen wieder zurück.

»Ich kann nicht herausgeben, bring das Geld später«, sagte er.

Er hatte wohl Kleingeld in seiner Kasse, aber der Schlüssel zu dieser lag in seinem Zimmer, und Lunew wollte ihn nicht holen. Als das Mädchen fort war, nahm Pawel das Gespräch nicht wieder auf. Er stand am Ladentisch, klopfte sich mit der Mütze, die er abgenommen, aufs Knie und sah Lunew an, als ob er von ihm etwas erwartete. Aber dieser hatte sich abgewandt und pfiff leise eine Melodie durch die Zähne.

»Nun, was hast du mir zu sagen?« fragte Pawel herausfordernd.

»Nichts«, sagte Lunew nach kurzem Besinnen.

»Wirklich – also gar nichts?«

»Laß mich um Christi willen!« rief Lunew ungeduldig.

Gratschew setzte die Mütze auf und entfernte sich. Ilja begleitete ihn mit den Augen und begann dann wieder zu pfeifen.

Ein großer roter Hund sah zur Tür herein, wedelte mit dem Schweife und verschwand. Dann sprach eine Bettlerin mit großer Nase vor. Sie verbeugte sich und sprach halblaut:

»Gebt mir doch, Väterchen, ein Almosen! ...«

Lunew schüttelte schweigend den Kopf – er gab ihr nichts. Auf der Straße wogte in der glühenden Luft das lärmende Treiben des Wochentags. Es war, als wenn ein gewaltiger Ofen geheizt würde, als wenn die vom Feuer verzehrten Holzstücke darin prasselten und eine heiße Glut ausströmten. Ein Karren mit langen Eisenstäben fährt vorüber: die Enden der elastischen Stäbe senken sich hinten bis zur Erde und schlagen klirrend auf das Pflaster auf. Ein Scherenschleifer schärft ein Messer: der böse, zischende Laut durchschneidet die Luft ...

Jede Minute bringt etwas Neues, Unerwartetes, und das Leben überrascht das Ohr durch die Mannigfaltigkeit seiner Laute, die Unermüdlichkeit seiner Bewegungen, die Fülle Seiner unerschöpflichen Schaffenskraft. Aber in Lunews Seele ist alles stehen geblieben – keine Gedanken, keine Wünsche sind darin, sondern nur eine schwere, dumpfe Müdigkeit. In diesem Zustande brachte er wie unter einem Alpdruck den ganzen Tag und auch die folgende Nacht zu ... und noch viele Tage und Nächte. Leute kamen, kauften, was sie brauchten, und gingen wieder, und Ilja begleitete sie hinaus mit dem kühlen Gedanken:

»Sie brauchen mich nicht, und ich brauche sie nicht ... Ganz allein für mich will ich leben ...«

An Gawriks Stelle besorgte ihm die Köchin des Hauswirts, eine finstere, hagere Person mit rotem Gesichte, den Tee und das Mittagessen. Ihre Augen waren farblos, starr. Zuweilen, wenn Lunew sie ansah, war's ihm, als ob sich in der Tiefe seiner Seele etwas empörte:

»Soll ich denn niemals im Leben etwas Schönes sehen?«

Er hatte bisher unter dem Einfluß all der mannigfachen Eindrücke gelebt, die der Verkehr mit den Menschen mit sich brachte, und wenn er auch oft durch sie zu Zorn und Widerspruch gereizt worden war, so hatte er sich doch dabei wohler befunden. Jetzt hatten die Menschen sich von ihm zurückgezogen – nur die Kunden waren geblieben. Das Gefühl der Einsamkeit und die Sorge um ein ruhiges, behagliches Dasein, die ihn früher erfüllt hatten, waren gleichsam in einer völligen Gleichgültigkeit gegen alles versunken. Und wieder gingen nun, wie in stickiger Schwüle, seine Tage träg und langsam dahin ...