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XXIV

Eines Morgens, als Ilja erwacht war und eben, auf dem Bett sitzend, darüber nachdachte, daß nun wieder ein neuer Tag angebrochen sei, den er durchleben müsse, erscholl draußen an der Ladentür ein mehrmaliges, rasches Klopfen.

Ilja dachte, es sei die Köchin, die ihm den Samowar bringe; er öffnete die Tür – und sah sich Auge in Auge seinem Onkel Terentij gegenüber.

»Ha, ha, ha!« lachte der Bucklige und schüttelte den Kopf. »Neun Uhr ist's – und bei dir ist der Laden noch nicht auf! Ein schöner Kaufmann!«

Ilja stand vor dem Onkel, ihm den Weg versperrend, und lächelte gleichfalls. Terentijs Gesicht war von der Sonne verbrannt, und wie verjüngt sah er aus; seine Augen blickten heiter und klar. Zu seinen Füßen lagen Reisetasche und Bündel, und er selbst sah zwischen ihnen aus wie ein Bündel.

»So laß mich doch 'rein in deine Wohnung!« sagte Terentij.

Ilja beförderte schweigend das Gepäck hinein, während Terentijs Augen das Heiligenbild suchten. Er bekreuzte sich vor diesem, verneigte sich tief und sagte:

»Ehre sei dir, o Herr! – Nun bin ich also daheim! Sei mir gegrüßt, Ilja!«

Als Lunew den Onkel umarmte, fühlte er, daß der Körper des Buckligen kräftiger, straffer geworden war.

»Zuerst möcht' ich mich waschen«, sagte Terentij und sah sich im Zimmer um. Das Umherwandern mit dem Pilgersack auf dem Rücken schien seinen Buckel heruntergepreßt zu haben, er ging jetzt gerader, straffer, und trug den Kopf aufrecht.

»Was treibst du denn?« fragte er seinen Neffen, während er mit der hohlen Hand das Wasser über sein Gesicht goß.

Es war Ilja angenehm, den Onkel so verjüngt zu sehen. Er machte sich am Tische zu schaffen, bereitete den Tee und antwortete auf die Fragen des Buckligen, wenn auch mit Vorsicht und Zurückhaltung.

»Und wie ist's dir ergangen?« fragte er den Onkel.

»Mir? Ganz vortrefflich!« Terentij schloß die Augen und nickte zufrieden lächelnd mit dem Kopfe. »Ein schönes Stück bin ich herumgekommen. Ganz wundersam war es! Lebendiges Wasser hab' ich getrunken, mit einem Wort ...«

Er setzte sich an den Tisch, wickelte sein Bärtchen um den Finger und begann, den Kopf zur Seite geneigt, zu erzählen:

»Ich war bei Afanassij dem Sitzenden, und bei den Wundertätern von Perejaßlawl, und bei Mitrofanij von Woronesh, und bei Tichon Sadonskij ... setzte auch nach der Insel Walaam über ... ein gutes Stück Erde hab' ich durchpilgert! Und zu gar vielen Nothelfern hab' ich gebetet, eben komm' ich von dem letzten her: von Peter Fawronij in Murom ...«

Er fand offenbar ein großes Vergnügen darin, all die Namen der Heiligen und der Städte, die er besucht hatte, aufzuzählen. Sein Gesicht hatte einen seligen Ausdruck, die Augen blickten selbstbewußt. Er trug seine Reden in jener singenden Weise vor, in der geübte Erzähler die Volkssagen oder das Leben der Heiligen vorzutragen pflegen.

»In den Höhlen des heiligen Klosters von Kiew ist es so feierlich still, Finsternis herrscht in ihnen, daß einem bange wird, und in der Finsternis blinken die Lämpchen wie Kinderäuglein, und es duftet nach heiligem Chrisam ...«

Draußen ging plötzlich ein heftiger Regen nieder. Ein Winseln und Heulen ertönte, das Eisenblech der Dächer knatterte und dröhnte, das Wasser, das von ihnen niederrann, gluckerte, und in der Luft zitterte gleichsam ein Netz von dicken Stahlfäden.

»So – o«, meinte Ilja gedehnt, »Na, und ist dir leichter geworden ums Herz?«

Terentij schwieg eine Weile, dann beugte er sich zu Ilja hinüber und sagte mit gedämpfter Stimme:

»Ich will's durch ein Gleichnis ausdrücken, weißt du: wie der Stiefel den Fuß, so drückte mir die Sünde das Herz – meine unfreiwillige Sünde, die ich nur beging, weil Petrucha mir Zwang antat. Denn wär' ich damals ihm nicht gefolgt, so hätt' er mich aus dem Hause geworfen. Auf die Straße gesetzt hätt' er mich, glaubst du's?«

»Gewiß glaub' ich's«, stimmte Ilja ihm bei.

»Na, also ... und wie ich nun ging – da fühlte ich eine solche Erleichterung in meiner Seele. Ich pilgerte dahin und sprach: O Herr, siehst Du mich? Ich geh' zu Deinen Heiligen ...«

»Du hast also mit Ihm abgerechnet?« fragte Lunwe lächelnd.

»Wie Er mein Gebet aufnehmen wird, weiß ich nicht!« sprach der Bucklige mit frommem Augenaufschlag.

»Und dein Gewissen? Ist das ruhig?«

Terentij sann einen Augenblick nach, als ob er auf irgend etwas horchte, und sprach dann:

»Es schweigt ...«

Ilja stand vom Stuhl auf und trat ans Fenster. Breite Bäche trüben Wassers flössen über den Bürgersteig; auf dem Straßendamm, zwischen den Steinen, standen kleine Lachen; der Regen klatschte auf sie nieder, und sie zitterten: es war, als ob die ganze Straße erschauerte. Das Haus gegenüber hatte ein unfreundliches Aussehen, es war ganz naß, die Fensterscheiben waren angelaufen, und man konnte die Blumen auf dem Fensterbrett nicht sehen. Auf der Straße war es still – nur der Regen rauschte nieder, und die Bäche murmelten leise. Eine einzelne Taube suchte unter dem Dachsims auf der Brüstung des Giebelfensters Schutz, und die ganze Straße atmete öde, graue Langeweile.

»Der Herbst beginnt«, ging es Ilja durch den Kopf.

»Womit sonst will man sich rechtfertigen, wenn, nicht durchs Gebet?« sprach Terentij, während er seinen Reisesack öffnete.

»Eine sehr einfache Sache«, versetzte Ilja unwirsch, ohne sich nach dem Onkel umzudrehen. »Hast du gesündigt, dann bete – und du wirst wieder rein, kannst wieder aufs neue lossündigen ...«

»Wieso denn? Im Gegenteiclass="underline" lebe streng ...«

»Warum denn?«

»Damit du ein reines Gewissen hast ..«

»Warum denn ein reines Gewissen?«

»Na, na, na«, sprach Terentij mißbilligend. »Wie du das sagen kannst!«

»Gewiß sag' ich's«, versetzte Ilja trotzig und hart, während er dem Onkel den Rücken zuwandte.

»Das ist Sünde!«

»Mag's doch Sünde sein!«

»Du wirst dafür gestraft werden ...«

»Nein ...«

Jetzt wandte er sich vom Fenster ab und sah Terentij fest an. Der Bucklige suchte, mit den Lippen schmatzend, lange nach einer Entgegnung, und als er endlich Worte fand, sprach er:

»Und doch wird's der Fall sein! ... Sieh mich zum Beispieclass="underline" auch ich hab' gesündigt und wurde dafür gestraft ..«

»Wodurch denn?« fragte Ilja düster.

»Durch die Furcht. Immerfort lebt' ich in Furcht – es könnte plötzlich herauskommen ...«

»Und ich habe gesündigt und fürchte nichts«, erklärte Ilja lachend.

»Red' keinen Unsinn«, sprach Terentij in strengem Tone.

»Ich fürchte mich wirklich nicht! Schwer genug fällt mir das Leben, und doch ...«

»Ahaa!« rief Terentij, während er sich triumphierend aufrichtete. »Das ist die Strafe!«

»Wofür denn?« schrie Ilja außer sich, und seine Kinnlade bebte dabei. Terentij sah ihn ganz erschrocken an und fuchtelte mit einer Schnur, die er in der Hand hielt, in der Luft.

»So schrei doch nicht, schrei nicht!« rief er halblaut.

Doch Ilja fuhr fort zu schreien. Seit langem schon hatte er mit keinem Menschen gesprochen, und jetzt suchte alles, was sich in diesen Tagen der Vereinsamung in seiner Seele aufgehäuft hatte, nach einem Ausweg.

»Nicht nur rauben, auch morden darfst du – niemand wird dich strafen! ... Nur die Dummköpfe werden bestraft; wer es geschickt anfängt, der darf alles tun, alles.«

Plötzlich ließ sich hinter der Tür ein Poltern und Rollen vernehmen. Sie zuckten beide zusammen.

»Was war das?« fragte der Bucklige leise, in furchtsamem Tone.

Ilja ging schweigend zur Ladentür, öffnete sie und warf einen Blick auf die Straße. Ein leises Pfeifen, Klatschen und Rauschen – ein ganzer Wirbel von Lauten – drang ins Zimmer.

»Ein paar Kartons sind heruntergefallen«, sprach Lunew, schloß die Tür und ging wieder an seinen Platz am Fenster.

Terentij setzte sich auf den Fußboden und machte sich an seinem Gepäck zu schaffen.

»Besinn dich, Ilja!« sprach er nach einer Weile. »Rede nicht so gottlos! Was für Worte hast du ausgestoßen, Bruder, oh, oh! Durch Gottlosigkeit kannst du den Herrn nicht erzürnen, wohl aber dich selbst zugrunde richten ... Es sind weise Worte ... hab' sie unterwegs von einem frommen Manne gehört ... Wieviel Weisheit hab' ich da vernommen! ...«

Er begann wieder von seiner Reise zu erzählen, während er Ilja von der Seite ansah. Dieser hörte auf seine Rede nur obenhin, wie auf das Rauschen des Regens, und hing seinen eignen Gedanken nach. Er überlegte, wie er sich jetzt mit dem Onkel einrichten sollte.

Sie richteten sich schließlich miteinander ganz leidlich ein. Terentij machte sich in jener Ecke, in der zur Nachtzeit die Finsternis zu nisten schien, zwischen dem Ofen und der Tür, aus alten Kisten ein Bett zurecht. Er übernahm alle Verpflichtungen Gawriks, stellte den Samowar zurecht, räumte den Laden und das Zimmer auf, holte das Essen aus dem Wirtshaus und murmelte dabei beständig fromme Lobgesänge vor sich hin. An den Abenden erzählte er seinem Neffen fromme Geschichten, wie die Frau des Hallelujew Christum den Herrn vor den Feinden rettete, indem sie ihr eignes Kind in den glühenden Ofen warf und den kleinen Christus dafür auf die Arme nahm; wie ein Mönch dreihundert Jahre lang dem Gesang eines Vögleins im Walde lauschte; dann die Legende von Kirik und Ulitta und noch viele, viele andere Geschichten. Lunew ließ ihn erzählen und war dabei in seine eignen Gedanken vertieft. An den Abenden ging er häufig spazieren, und dabei zog es ihn stets aus der Stadt hinaus – dort im Freien war es zur Nachtzeit so still, so dunkel und einsam wie in seiner Seele ...

Acht Tage nach seiner Rückkehr begab sich Terentij zu Petrucha Filimonow und kam von ihm ganz trostlos und tief empört zurück. Als Ilja fragte, was ihm wäre, antwortete er ausweichend.

»Nichts, nichts weiter ... Wollte bloß mal sehen, was sie dort treiben ... wollt' ein bißchen plaudern ...«

»Wie geht es Jakow?« fragte Ilja.

»Jakow? Der wird wohl nicht mehr lange machen ... So gelb ist er, und hustet ...«

Terentij schwieg, guckte in den Winkel und schaute ganz kläglich drein.

Gleichmäßig und einförmig ging ihr Leben dahin; alle Tage glichen einander, wie kupferne Fünfer von derselben Prägung. Tief in Lunews Seele barg sich finstrer Grimm, gleich einer großen Schlange, die alle Eindrücke dieser Tage verschlang. Niemand von den alten Bekannten kam zu ihm: Pawel und Mascha schienen einen neuen Weg im Leben gefunden zu haben; Matiza war durch den Hufschlag eines Pferdes zu Schaden gekommen und im Krankenhause gestorben; Perfischka war spurlos verschwunden, als wäre er in den Boden versunken. Lunew war immer auf dem Sprunge, Jakow noch einen Besuch abzustatten, hatte jedoch die Empfindung, daß er eigentlich mit dem todkranken Freunde nichts weiter zu reden hätte. Er las am Morgen die Zeitung, saß den Tag über im Laden, guckte zum Fenster hinaus und sah, wie der Herbstwind das gelbe Laub durch die Straßen jagte. Zuweilen verirrte sich auch in den Laden solch ein welkes Blättchen ...

»Ehrwürdiger Vater Tichon, bitte den Herrn für uns ...« sang Terentij, während er sich im Zimmer zu tun machte, mit seiner gleich trocknem Laub raschelnden Stimme.

Eines Sonntags, als Ilja die Zeitung entfaltete, sah er auf der ersten Seite ein Gedicht mit dem Titeclass="underline" »Einst und jetzt« und der Unterschrift »P. Gratschew«. Gewidmet war es einer Dame, deren Name durch die Initialen »S. N. M.« angedeutet war.

Es lautete:

Von bittrer Not bedrängt