Ilja ging schweigend zur Ladentür, öffnete sie und warf einen Blick auf die Straße. Ein leises Pfeifen, Klatschen und Rauschen – ein ganzer Wirbel von Lauten – drang ins Zimmer.
»Ein paar Kartons sind heruntergefallen«, sprach Lunew, schloß die Tür und ging wieder an seinen Platz am Fenster.
Terentij setzte sich auf den Fußboden und machte sich an seinem Gepäck zu schaffen.
»Besinn dich, Ilja!« sprach er nach einer Weile. »Rede nicht so gottlos! Was für Worte hast du ausgestoßen, Bruder, oh, oh! Durch Gottlosigkeit kannst du den Herrn nicht erzürnen, wohl aber dich selbst zugrunde richten ... Es sind weise Worte ... hab' sie unterwegs von einem frommen Manne gehört ... Wieviel Weisheit hab' ich da vernommen! ...«
Er begann wieder von seiner Reise zu erzählen, während er Ilja von der Seite ansah. Dieser hörte auf seine Rede nur obenhin, wie auf das Rauschen des Regens, und hing seinen eignen Gedanken nach. Er überlegte, wie er sich jetzt mit dem Onkel einrichten sollte.
Sie richteten sich schließlich miteinander ganz leidlich ein. Terentij machte sich in jener Ecke, in der zur Nachtzeit die Finsternis zu nisten schien, zwischen dem Ofen und der Tür, aus alten Kisten ein Bett zurecht. Er übernahm alle Verpflichtungen Gawriks, stellte den Samowar zurecht, räumte den Laden und das Zimmer auf, holte das Essen aus dem Wirtshaus und murmelte dabei beständig fromme Lobgesänge vor sich hin. An den Abenden erzählte er seinem Neffen fromme Geschichten, wie die Frau des Hallelujew Christum den Herrn vor den Feinden rettete, indem sie ihr eignes Kind in den glühenden Ofen warf und den kleinen Christus dafür auf die Arme nahm; wie ein Mönch dreihundert Jahre lang dem Gesang eines Vögleins im Walde lauschte; dann die Legende von Kirik und Ulitta und noch viele, viele andere Geschichten. Lunew ließ ihn erzählen und war dabei in seine eignen Gedanken vertieft. An den Abenden ging er häufig spazieren, und dabei zog es ihn stets aus der Stadt hinaus – dort im Freien war es zur Nachtzeit so still, so dunkel und einsam wie in seiner Seele ...
Acht Tage nach seiner Rückkehr begab sich Terentij zu Petrucha Filimonow und kam von ihm ganz trostlos und tief empört zurück. Als Ilja fragte, was ihm wäre, antwortete er ausweichend.
»Nichts, nichts weiter ... Wollte bloß mal sehen, was sie dort treiben ... wollt' ein bißchen plaudern ...«
»Wie geht es Jakow?« fragte Ilja.
»Jakow? Der wird wohl nicht mehr lange machen ... So gelb ist er, und hustet ...«
Terentij schwieg, guckte in den Winkel und schaute ganz kläglich drein.
Gleichmäßig und einförmig ging ihr Leben dahin; alle Tage glichen einander, wie kupferne Fünfer von derselben Prägung. Tief in Lunews Seele barg sich finstrer Grimm, gleich einer großen Schlange, die alle Eindrücke dieser Tage verschlang. Niemand von den alten Bekannten kam zu ihm: Pawel und Mascha schienen einen neuen Weg im Leben gefunden zu haben; Matiza war durch den Hufschlag eines Pferdes zu Schaden gekommen und im Krankenhause gestorben; Perfischka war spurlos verschwunden, als wäre er in den Boden versunken. Lunew war immer auf dem Sprunge, Jakow noch einen Besuch abzustatten, hatte jedoch die Empfindung, daß er eigentlich mit dem todkranken Freunde nichts weiter zu reden hätte. Er las am Morgen die Zeitung, saß den Tag über im Laden, guckte zum Fenster hinaus und sah, wie der Herbstwind das gelbe Laub durch die Straßen jagte. Zuweilen verirrte sich auch in den Laden solch ein welkes Blättchen ...
»Ehrwürdiger Vater Tichon, bitte den Herrn für uns ...« sang Terentij, während er sich im Zimmer zu tun machte, mit seiner gleich trocknem Laub raschelnden Stimme.
Eines Sonntags, als Ilja die Zeitung entfaltete, sah er auf der ersten Seite ein Gedicht mit dem Titeclass="underline" »Einst und jetzt« und der Unterschrift »P. Gratschew«. Gewidmet war es einer Dame, deren Name durch die Initialen »S. N. M.« angedeutet war.
Es lautete:
Von bittrer Not bedrängt
In rauhen Jugendtagen,
Hab' ich in hartem Kampf
Durchs Leben mich geschlagen.
Die junge Seele tief
In Finsternis befangen,
Bin aufs Geratewohl
Ich meinen Weg gegangen.
Kein helles Leitgestirn
Durch Nacht und Nebel blinkte,
Kein leuchtend Wanderziel
Dem geistig Blinden winkte.
Doch von des Herzens Grund
Tönt' stets ein mahnend Klingen:
Wird endlich nicht ein Strahl
Die Finsternis durchdringen?
Und immer lauter klang's
Aus heißen Seelenqualen:
Ach, wollt' auf meinem Pfad
Das Licht mir doch erstrahlen!
Da plötzlich tratest du
Dem Suchenden entgegen,
Und sieh: ein heller Schein
Erglänzte allerwegen.
Er kam von jenem Licht,
Das deine Seel' erfüllte
Und durch das Dunkel brach,
Das meinen Geist umhüllte.
Ich sah den finstern Bann
Der Nebel jäh entschweben,
Und sonnig lag vor mir
Ein neues, frohes Leben.
Es führte deine Hand
Mich zu der Freunde Zelten
Und wies den Feind mir, dem
Fortan mein Kampf soll gelten ...
Lunew las das Gedicht und warf die Zeitung grollend zur Seite.
»Immer dichte, immer denk' dir was aus! Freunde ... Feind! ... Wer ein Dummkopf ist, dem ist jedermann ein Feind ... ja!« dachte er höhnisch lachend. Doch plötzlich, wie wenn noch ein zweites Herz in ihm redete, ging's ihm durch den Sinn:
»Wie wär's, wenn ich mal plötzlich bei ihnen vorspräche? Ich komm' einfach und sage: ›Hier bin ich!‹ ... Verzeiht mir! ...«
»Was denn verzeihen?« fragte er sich dann wieder und brach diesen ganzen Gedankengang jäh mit den düstren Worten ab:
»Sie wird mich fortjagen ...«
Dann nahm er mit bittrem Neid im Herzen noch einmal die Zeitung auf, las nochmals Gratschews Gedicht und mußte wieder an das Mädchen denken.
»Sie ist stolz ... wird mich so auf ihre Art ansehen ... Na, und ich kann abziehen, wie ich gekommen bin ...«
In derselben Zeitung las er unter den amtlichen Bekanntmachungen die Notiz, daß am dreiundzwanzigsten September im Bezirksgericht in der Diebstahlssache wider die Wjera Kapitanowa eine Verhandlung stattfinden würde. Ein schadenfrohes Gefühl regte sich in ihm, und er sprach, in Gedanken zu Pawel gewandt:
»Du dichtest Verse? Und sie sitzt immer noch im Gefängnis! ...«
»O Herr, sei mir Sünder gnädig«, flüsterte Terentij und schüttelte traurig seufzend den Kopf. Dann blickte er auf seinen Neffen, der noch immer in die Zeitung vertieft war, und rief ihn an:
»Ilja!«
»Was gibt's?«
»Dieser Petrucha ...«
Der Bucklige lächelte traurig und schwieg.
»Was denn?« fragte Lunew.
»Besto–ohlen hat er mich!« sprach Terentij mit leiser Stimme und lächelte trübselig.
Ilja schaute gleichgültig in das Gesicht des Onkels und fragte:
»Wieviel habt ihr eigentlich damals gestohlen?«
Der Onkel rückte mit seinem Stuhle vom Tische ab, neigte den Kopf vor und bewegte, während seine Hände auf den Knien lagen, die Finger hin und her.
»Zehntausend, nicht wahr?« sagte Lunew.
Der Bucklige hob erstaunt den Kopf und sprach gedehnt:
»Ze–ehn? ... Was denkst du, Herr des Himmels! Dreitausendsechshundert waren es im ganzen, und noch 'ne Kleinigkeit – und du redest von zehntausend! ...«
»Aber der Alte hatte doch mehr als zehntausend Rubel!« sprach IIja lächelnd.