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»Ist's möglich?«

»Gewiß ... er hat es selbst gesagt ...«

»Konnte er's denn überhaupt zusammenzählen?«

»Ebenso gut wie du und Petrucha ...«

Terentij wurde nachdenklich, und abermals senkte sich sein Kopf.

»Um wieviel hat dich denn Petrucha betrogen?«

»Um siebenhundert«, sprach Terentij mit einem Seufzer. »Du meinst also, es wären mehr als zehntausend gewesen? Wo hätte er aber so 'ne Menge Geld verstecken können?« fragte der Bucklige ganz erstaunt. »Wir haben doch alles weggenommen, soviel ich weiß ... Oder hat mich am Ende Petrucha schon damals betrogen ... wie?«

»Schweig endlich davon!« sprach Lunew hart. »Ja, es lohnt nicht mehr, jetzt davon zu reden«, stimmte Terentij ihm bei und seufzte tief.

Lunew dachte, wie habgierig doch die Menschen seien und wieviel Niedertracht in der Sucht nach Geld ihren Grund habe. Dann aber sagte er sich, wie schön es wäre, wenn er selbst so recht viel Geld hätte, Zehntausende, Hunderttausende, und stellte sich vor, wie er dann die Menschen in Erstaunen setzen würde. Auf allen vieren würde er sie kriechen lassen, haha! ... Und ganz hingerissen von dieser Vorstellung, schlug er voll Ingrimm mit der Faust auf den Tisch, daß er selbst von dem heftigen Schlage erbebte.

Als er auf den Onkel blickte, sah er, daß auch dieser ganz verblüfft, mit angstvollen Augen und offenem Munde, nach ihm schaute.

»Es geschah nur so in Gedanken«, sprach er verdrießlich und stand vom Tische auf.

»Glaub's schon«, versetzte Terentij mißtrauisch.

Als IIja in den Laden ging, schaute der Bucklige ihm forschend nach, und seine Lippen bewegten sich dabei tonlos. Ilja aber schien diesen verdächtigenden Blick hinter seinem Rücken zu spüren – er hatte schon längst bemerkt, daß der Onkel ihn beobachtete und ihn gar zu gern über irgend etwas ausgeforscht hätte.

Das veranlaßte Lunew, den Gesprächen mit dem Onkel aus dem Wege zu gehen. Er fühlte es mit jedem Tage deutlicher, daß der Bucklige ihn in seiner Lebensführung behindere, und immer häufiger stellte er sich selbst die Frage:

»Wie lange soll sich das noch hinziehen?«

In Lunews Seele war das Geschwür allmählich reif geworden, immer trostloser erschien ihm das Leben, und schlimmer als alles andere war, daß er zu keiner Tätigkeit Lust hatte. Zu nichts zog es ihn hin, und zuweilen war es ihm, als ob er langsam in eine dunkle Grube versänke, immer tiefer und tiefer.

Bald nach Terentijs Ankunft erschien auch Tatjana Wlaßjewna auf der Bildfläche, die eine Zeitlang außerhalb der Stadt geweilt hatte. Beim Anblick des buckligen Bäuerleins, das in dem braunen Barchenthemd umherging, verzog sie verächtlich die Mundwinkel und fragte Ilja:

»Das ist Ihr Onkel?«

»Ja«, antwortete Lunew kurz.

»Wird er bei Ihnen wohnen?«

»Selbstverständlich.«

Tatjana Wlaßjewna fühlte etwas Feindseliges, Herausforderndes in den Antworten ihres Kompagnons und lenkte ihre Aufmerksamkeit von dem Buckligen ab. Terentij, der auf Gawriks Platze an der Tür stand, zwirbelte an seinem gelben Kinnbärtchen und schaute mit neugierigem Blick auf die schlanke, in Grau gekleidete Gestalt des kleinen Weibchens. Auch Lunew sah zu, wie sie gleich einem Sperling im Laden herumsprang, wartete schweigend, was sie noch fragen würde, und war bereit, sie mit bittren Schmähworten zu überschütten. Sie aber schaute nur von der Seite auf sein haßerfülltes Gesicht und verschonte ihn mit weiteren Fragen. Sie stand hinter dem Pult, durchblätterte das Kassenbuch und redete davon, wie angenehm es sei, ein paar Wochen auf dem Lande zuzubringen, wie billig sich das einrichten lasse, und wie günstig es auf die Gesundheit wirke.

»Wir hatten da einen Bach, ganz ruhig floß er dahin ... Und eine lustige Gesellschaft ... Ein Telegraphist spielte großartig auf der Geige ... Ich hab' auch rudern gelernt ... Aber was abscheulich ist – das sind die Bauernkinder. Die reine Plage! Zudringlich wie die Mücken – jammern und betteln in einem fort: Gib, gib, gib! Das bringen ihnen ihre Eltern bei ...«

»Kein Mensch bringt's ihnen bei«, versetzte Ilja frostig. »Ihre Eltern sind bei der Arbeit, und die Kinder wachsen ohne Aufsicht auf ... Was Sie sagen, ist nicht wahr!«

Tatjana Wlaßjewna sah ihn erstaunt an und öffnete den Mund, als ob sie etwas erwidern wollte. In diesem Augenblick jedoch begann Terentij mit respektvollem Lächeln:

»Wenn sich jetzt mal Herrschaften im Dorf zeigen – so ist das ein Wunderding ... Früher verblieben die Herren für ihr ganzes Leben in ihren Dörfern ... Jetzt zeigen sie sich dort nur ganz gelegentlich ...«

Die Awtonomowa sah erst Terentij und dann Ilja an und blickte hierauf wieder, ohne ein Wort zu sagen, in das Kassenbuch. Terentij ward verlegen und begann an seinem Hemd zu zupfen. Eine Minute vielleicht schwiegen alle in dem Laden – man hörte nur das leise Geräusch der Blätter des Kassenbuches und ein leises Schurren: Terentij rieb sich den Buckel am Türpfosten ...

»Hör' mal, du, Onkel,« ließ sich plötzlich Ilja in trockenem Tone vernehmen, »wenn du wieder mal mit Herrschaften reden willst, dann bitt' sie vorher erst um Erlaubnis, hörst du? Geruhen Sie, bitte, mußt du sagen – und mußt vor ihnen hinknien ...«

Das Buch entschlüpfte den Händen Tatjanas und glitt an dem Schreibpult herunter, doch konnte sie es noch fassen, schlug laut mit ihrer Hand darauf und lachte. Terentij beugte den Kopf vor und ging auf die Straße hinaus. Dann sah Tatjana Wlaßjewna von der Seite lächelnd auf Lunews finstres Gesicht und fragte leise:

»Bist wohl böse? Weshalb denn?«

Ihr Gesicht hatte den alten schelmischen, lockenden Zug, und ihre Augen blitzten verführerisch.

Lunew streckte den Arm aus und packte sie bei der Schulter. In ihm loderte der Haß gegen sie auf und ein tierisches Begehren, sie an seine Brust zu pressen und das Knacken ihrer dünnen Knochen zu hören. Er zog sie, die Zähne fletschend, an sich heran, sie aber hatte seinen Arm umfaßt und suchte ihre Schulter von ihm zu befreien, wobei sie flüsterte:

»Oh ... laß doch los! ... Es tut ja weh ... Bist du verrückt geworden? ... Hier können wir uns doch nicht umarmen ... Du, hör' maclass="underline" den Onkel kannst du hier nicht behalten! Er ist bucklig ... Die Kunden werden Angst vor ihm haben ... So laß doch los! ...« Wir müssen sehen, daß wir ihn irgendwo unterbringen – hörst du?«

Aber er hatte sie bereits umfaßt und beugte langsam den Kopf mit den weitaufgerissenen Augen über ihr Gesicht.

»Was willst du denn? ... Nicht doch. .. Laß mich los! ...«

Sie ließ sich plötzlich niedergleiten und schlüpfte glatt wie ein Fisch unter seinen Armen fort. Lunew sah sie durch den heißen Nebel vor seinen Augen an der Ladentür stehen. Mit zitternden Händen zupfte sie ihre Jacke zurecht und sprach:

»Ach, wie grob du doch bist! Kannst du denn nicht warten?«

In seinem Kopfe rauschte es, als wenn darin Bergströme niederstürzten. Unbeweglich, mit fest zusammengekrampften Fingern stand er hinter dem Ladentisch und schaute auf sie, als sähe er in ihr alles Böse, alles Übel, alles Unglück seines Lebens verkörpert.

»Es ist ja sehr schön, mein Lieber, daß du so leidenschaftlich bist – aber man muß sich doch beherrschen können! ...«

»Geh fort!« sprach Ilja.

»Ich geh' schon. Heut' kann ich dich nicht empfangen, aber morgen, am dreiundzwanzigsten, hab' ich Geburtstag. Da kommst du doch?«

Sie nestelte, während sie sprach, an ihrer Brosche herum und sah Ilja nicht an.

»Geh fort!« wiederholte er, zitternd vor Begierde, sie zu packen und zu quälen.

Sie ging.

Gleich darauf erschien Terentij und fragte respektvolclass="underline" »Das war sie wohl, deine Geschäftsteilhaberin?«

Lunew nickte mit dem Kopfe und seufzte erleichtert auf ...

»Die hat's in sich ... ach, du! So klein sie ist ...«

»So gemein ist sie«, sprach Ilja mit tiefer Stimme.