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»Hm«, brummte Terentij ungläubig.

Ilja fühlte auf seinem Gesichte den neugierigen, scharf beobachtenden Blick des Onkels und sprach ärgerlich:

»Na, was guckst du denn?«

»Ich? Der Herr erbarme sich! Wie du heute redest ...«

»Ich weiß, was ich rede ... Ich sagte, daß sie gemein ist – und damit basta. Könnte noch was Schlimmeres sagen – und auch das wäre wahr ...«

»Wirklich? Das also ist's«, rief der Bucklige mit schmerzlich bewegter Stimme.

»Was denn?« schrie Ilja heftig.

»Du hast also ...«

»Was hab' ich also ...«

Terentij stand vor Ilja und trippelte, durch sein Schreien zugleich eingeschüchtert und verletzt, auf einer Stelle hin und her. Sein Gesicht zeigte eine klägliche Miene, und seine Augen blinzelten.

»Also ... du kennst sie ja am besten ...« sprach er nach einer Weile.

»Ob ich sie kenne! ...« erwiderte Ilja und schwieg. Dann trat er zur Ladentür hinaus auf die Straße.

Draußen war es ungemütlich, seit einigen Tagen schon regnete es beständig. Die blanken grauen Pflastersteine des Fahrdamms starrten langweilig zu dem ebenso grauen Himmel empor, und sie glichen ganz und gar menschlichen Gesichtern. In den Vertiefungen zwischen ihnen lag der Schmutz, der ihre kalte Sauberkeit noch hervorhob ... Das gelbe Laub an den Bäumen erbebte in todesbangem Schauern. Irgendwo wurden mit Stöcken Teppiche oder Pelzsachen ausgeklopft – die kurzen, häufigen Schläge erstarben rasch in der feuchten Luft. Am Ende der Straße stiegen hinter den Dächern der Häuser dichte blaue und weiße Wolken am Himmel empor. Schwer, in gewaltigen Klumpen, krochen sie in die Höhe, eine nach der andern, höher und höher, beständig ihre Gestalt verändernd, bald dunklen Rauchsäulen gleichend, bald steilen Bergen oder den trüben Wogen eines Stromes. Es schien, daß sie alle zu der grauen Höhe nur emporstrebten, um von dort um so wuchtiger auf die Häuser, Bäume und Fluren herabzufallen.

Vor Kälte und Mißbehagen zitternd, blickte Lunew auf die lebendige Wolkenwand vor seinen Augen und überließ sich seinen Gedanken.

»Ich muß das alles hier fahren lassen ... den Laden und alles andre ... Mag der Onkel das Geschäft betreiben ... mit Tanja zusammen ... Und ich geh' meiner Wege ...«

Er stellte sich das weite, feuchte Feld vor, und den von grauem Gewölk bedeckten Himmel, und die breite, mit Birken bepflanzte Landstraße. Er schreitet dahin, mit einem Bündel auf dem Rücken, seine Füße versinken im Straßenkot, und der kalte Regen schlägt ihm ins Gesicht. Auf dem Felde wie auf der Straße ist nicht eine Menschenseele zu schauen – nicht einmal Dohlen sitzen auf den Bäumen, nur die grauen Wolken ziehen stumm über seinem Haupte dahin ...

»Ich häng' mich auf«, dachte er voll Gleichmut.

XXV

Als Ilja am Morgen des nächsten Tages erwachte, las er auf dem Abreißkalender die schwarze Ziffer »Dreiundzwanzig« und erinnerte sich, daß an diesem Tage die Verhandlung gegen Wjera stattfand. Er freute sich, daß er einen Anlaß hatte, den Laden zu verlassen, und empfand eine lebhafte Teilnahme für das Schicksal des Mädchens; rasch trank er seinen Tee aus und begab sich fast laufend nach dem Gerichtsgebäude. Man ließ ihn nicht hinein – eine Menschenmenge drängte sich an der Freitreppe und wartete, bis die Tür geöffnet wurde.

Lunew stand, mit dem Rücken gegen die Mauer gelehnt, an der Tür. Ein weiter, freier Platz dehnte sich vor dem Gerichtsgebäude, und mitten auf dem Platze stand eine große Kirche. Das Antlitz der Sonne erschien blaß und müde am Himmel, um sogleich wieder hinter dem Gewölk zu verschwinden. Fast in jeder Minute senkte sich weit hinten auf dem Platze ein großer, dunkler Schatten herab, kroch auf den Steinen vorwärts, kletterte an den Bäumen empor und schien so schwer, daß die Äste der Bäume sich förmlich unter ihm beugten; dann hüllte er die Kirche vom Fundament bis zum Kreuz hinauf ein, wälzte sich über sie hinweg und bewegte sich geräuschlos weiter auf das Gerichtsgebäude und die Menschen vor der Tür zu ...

Diese Menschen sahen alle merkwürdig grau aus und hatten recht hungrige Gesichter; sie schauten einander mit müden Augen an und sprachen langsam. Einer von ihnen – ein Langhaariger in einem leichten, bis ans Kinn hinauf zugeknöpften Paletot und zerknittertem Hute – drehte mit den von der Kälte steifen Fingern seinen spitzen, fuchsroten Bart und scharrte ungeduldig mit den in schadhaften Schuhen steckenden Füßen. Ein anderer, in einem geflickten Wams ohne Ärmel und tief in die Augen gezogener Mütze, stand da, den Kopf auf die Brust gesenkt, die eine Hand im Hemdenlatz, die andere in der Tasche. Er schien zu schlafen. Ein ganz schwarzer, kleiner Kerl in einem Jackett und hohen Stiefeln, der einem Käfer glich, schien sich sehr zu beunruhigen: er hob sein spitzes, blasses Gesichtchen empor, blickte zum Himmel auf, pfiff, runzelte die Brauen, suchte mit der Zunge seinen Schnurrbart zu fassen und sprach mehr als alle andern.

»Öffnen sie denn noch nicht?« rief er, legte den Kopf auf die Seite und begann zu lauschen. »Nein ... hm!« sprach er weiter. »Und 's ist doch schon spät ... Sie sind nicht in die Bibliothek gegangen, mon cher?« fragte er den Langhaarigen.

»Nein, es ist zu früh ...« versetzte dieser mürrisch.

»Verdammt kühl ist's heute, nicht wahr?«

»Wir würden schön zappeln, wenn wir das Gericht und die Bibliothek nicht hätten!« meinte der Langhaarige.

Der Schwarze zuckte schweigend die Achseln. Ilja betrachtete diese Leute und horchte auf ihre Gespräche. Er merkte, daß es dunkle Ehrenmänner einer gewissen Art waren, die von allerhand lichtscheuen Geschäften lebten, die Bauern betrogen, ihnen Bittschriften und allerhand sonstige Schriftstücke aufsetzten oder mit Bettelbriefen die Häuser abklapperten.

Ein Taubenpaar ließ sich auf dem Fahrdamm, nicht weit von der Freitreppe, nieder. Der dicke Tauber mit dem vorstehenden Kropf ging laut gurrend, von einer Seite immer nach der andern wackelnd, um die Taube herum.

»Fjuh!« pfiff der kleine Schwarze schrill. Der Mensch im Wams fuhr zusammen und hob den Kopf empor. Sein Gesicht war gedunsen, blau, mit gläsernen Augen.

»Ich kann Tauben nicht leiden«, bemerkte der Schwarze, während er den davonfliegenden Vögeln nachsah. »Sie sind so gefräßig ... wie reiche Krämer ... Und dann das ewige Girren ... zuwider ist mir's! – Sind Sie angeklagt?« wandte er sich unerwartet an Ilja.

»Nein ...«

Der Schwarze musterte Lunew vom Scheitel bis zu den Zehen und brummte vor sich hin:

»Das ist doch sonderbar ...«

»Was ist sonderbar?« fragte Ilja lachend.

»Sie haben das Gesicht eines Angeklagten ...« warf der Schwarze hin ... »Aha, jetzt wird geöffnet!«

Er schlüpfte als erster in die offene Tür des Gerichtsgebäudes. Verblüfft durch seine Bemerkung, folgte ihm Ilja und stieß in der Tür mit dem Langhaarigen zusammen.

»Nicht so drängen, Flegel«, sprach dieser halblaut, versetzte seinerseits Ilja einen Stoß und trat vor ihm ein.

Dieser Stoß beleidigte Ilja nicht, sondern setzte ihn nur in Erstaunen.

»Merkwürdig!« dachte er. »Stößt hier, als ob er ein vornehmer Herr wäre und überall die erste Geige spielte – und ist doch ein solcher Jammerkerl ...«

Im Gerichtssaal war es düster und still. Der lange, mit grünem Tuch überzogene Tisch, die Sessel mit den hohen Lehnen, die lebensgroßen Zarenporträts in den schweren Goldrahmen, die karmoisinroten Stühle für die Geschworenen, die lange hölzerne Bank hinter dem Gitter – alles das wirkte bedrückend auf das Gemüt und heischte Respekt. Die Fenster traten tief zurück in die grauen Wände, und die Segeltuchvorhänge fielen in dicken Falten über die Fenster herab, deren Scheiben dadurch matt erschienen. Die schweren Türen öffneten sich geräuschlos, und ohne Geräusch gingen auch alle die uniformierten Menschen in dem Saal hin und her. Lunew sah sich um, mit einem bangen Gefühl im Herzen; und als der Beamte verkündete, daß das »Gericht kommt«, zuckte er zusammen und sprang vor allen andern auf, ohne daß er wußte, daß der Brauch das Aufstehen verlangte.