Und wozu auch die Mühe?, wollte die Stimme in seinem Innern wissen - die Stimme der Dunkelheit, seiner alten Freundin. Jetzt mal im Ernst: Wozu die Mühe? Wieso lässt du sie nicht machen, was du selber sowieso vorhattest?
Weil es nicht mehr um ihn alleine ging. Und er bekam immer noch nicht den Mund auf.
Underhill stand dort noch für einen Moment und sah ihn an. Die Hände in den Taschen. Seine Kapuze war nach hinten geweht, und man konnte sein kurzes dunkelblondes Haar sehen. Der Schnee schmolz auf der Maske, die die
Soldaten trugen und die Internierten nicht, denn die Internierten brauchten keine Maske; für die Internierten stand, wie auch für die Grauen, eine Endlösung bereit.
Henry wollte so dringend etwas sagen und konnte es nicht, konnte es einfach nicht. Ach Gott, Jonesy hätte an seiner Stelle hier sein sollen; Jonesy war immer der bessere Redner gewesen. Underhill würde weitergehen und ihn mit dem ganzen Was-wäre-gewesen-wenn alleine lassen.
Aber Underhill blieb noch einen Moment.
»Es wundert mich gar nicht, dass Sie meinen Namen kennen, Mr. ... Henreid? Heißen Sie Henreid?«
»Devlin. Das ist mein Vorname, den Sie da aufgeschnappt haben. Ich heiße Henry Devlin.« Sehr vorsichtig schob Henry seine rechte Hand durch eine Lücke zwischen Stacheldraht und Elektrodraht. Nachdem Underhill sie ein paar Sekunden lang mit ausdrucksloser Miene betrachtet hatte, zog Henry seine Hand zurück in seine Ecke der neu eingeteilten Welt, kam sich idiotisch dabei vor und beschwor sich in Gedanken, sich nicht wie ein Trottel aufzuführen, denn es war ihm ja nicht jemand auf einer Cocktailparty dumm gekommen.
Sobald das erledigt war, nickte Underhill freundlich, als wären sie hier durchaus auf einer Cocktailparty und stünden nicht mitten in einem tosenden Schneesturm im Licht der neu aufgebauten Scheinwerfer.
»Sie wissen meinen Namen, weil die Außerirdischen hier in Jefferson Tract eine leichte Form von Telepathie verbreitet haben.« Underhill lächelte. »Es klingt verrückt, wenn man das so sagt, nicht wahr? Aber es stimmt. Dieser Effekt ist nur vorübergehend und harmlos und zu schwach, um für irgendwas außer Partyspielchen nützlich zu sein, und für Partyspielchen haben wir heute Abend ein bisschen zu viel zu tun.«
Henrys Zunge löste sich zum Glück endlich. »Sie sind nicht in einem Schneesturm hier herausgekommen, weil ich
Ihren Namen weiß«, sagte Henry. »Sie sind hergekommen, weil ich auch weiß, wie Ihre Frau heißt. Und Ihre Tochter.« Underhills Lächeln schwand nicht. »Kann schon sein«, sagte er. »Aber ich glaube, es wird für uns beide Zeit, sich mal hinzulegen und etwas auszuruhen. Es war ein langer Tag.«
Underhill ging los, aber sein Weg führte ihn am Zaun entlang zu den weiter hinten abgestellten Trailern und Wohnwagen. Henry hielt Schritt mit ihm, musste sich dabei aber anstrengen; es lagen hier jetzt gut dreißig Zentimeter Schnee, der immer wieder aufgewirbelt wurde, und hier auf der Seite der Toten hatte ihn noch niemand platt getrampelt.
»Mr. Underhill. Owen. Warten Sie, und hören Sie mir zu. Ich habe Ihnen etwas Wichtiges zu sagen.«
Underhill ging weiter auf seiner Seite des Zauns entlang (die ebenfalls eine Seite der Toten war, wusste Underhill das denn nicht?), den Kopf vor dem Wind geduckt und immer noch ein halbwegs freundliches Lächeln auf den Lippen. Und das Schreckliche dabei war, auch das war Henry bewusst: Underhill wollte durchaus stehen bleiben. Henry hatte ihm bloß noch keinen hinreichenden Anlass dazu gegeben.
»Kurtz ist zwar verrückt«, sagte Henry. Er hielt immer noch Schritt, schnaufte aber schon, und seine erschöpften Beine protestierten. »Aber er ist verrückt wie ein Fuchs.«
Underhill ging weiter, den Kopf gesenkt und die Andeutung eines Lächelns unter der idiotischen Maske. Er beschleunigte sogar noch seinen Schritt. Bald würde Henry laufen müssen, um auf seiner Seite des Zauns mit ihm mitzuhalten. Wenn er denn überhaupt noch laufen konnte.
»Ihr werdet die Maschinengewehre auf uns richten«, keuchte Henry. »Die Leichen kommen in den Stall ... der Stall wird mit Benzin übergössen ... wahrscheinlich aus der Zapfsäule des alten Gosselin, wozu Staatsbesitz vergeuden ... und dann: Pluuff!, werden alle verbrannt... zweihun-glühende Gesicht rann. Dabei wurde Henry plötzlich von weither bewusst, dass die Wunde an seinem Bein, in der der Byrus wuchs, angefangen hatte zu jucken.
Endlich machte Underhill kehrt und kam zurück. »Woher wissen Sie das mit den Rapeloews? Die Telepathie verschwindet doch schon. Sie dürften eigentlich nicht in der Lage sein, so tief zu kommen.«
»Ich weiß so manches«, sagte Henry. Er erhob sich und stand dann nach Luft schnappend und hustend da. »Und das auch nicht erst seit heute. Ich bin anders. Meine Freunde und ich, wir waren alle anders. Wir waren zu viert. Zwei sind tot. Ich bin hier in diesem Lager. Aber der vierte ... Mr. Underhill, der vierte ist Ihr Problem. Nicht ich, nicht die Leute, die Sie da im Stall haben oder erst noch internieren, nicht ihre Blue Group und auch nicht das Imperial-Valley-Kader von Kurtz. Einzig und allein er.« Er zauderte, wollte den Namen nicht aussprechen - Jonesy war immer sein bester Freund gewesen, Biber und Pete hatte er auch nahe gestanden, aber nur Jonesy konnte geistig mit ihm mithalten, Buch um Buch, Gedanke um Gedanke. Aber Jonesy gab es ja nicht mehr, nicht wahr? Henry war sich da ziemlich sicher. Er war dagewesen, ein winziges bisschen von ihm war dagewesen, als die rotschwarze Wolke an Henry vorbeigebraust war, aber mittlerweile war sein alter Freund ja wohl bei lebendigem Leibe aufgefressen worden. Sein Herz mochte vielleicht noch schlagen, und seine Augen mochten noch sehen, aber das, was Jonesy ausmachte, war genauso tot wie Pete und der Biber.
»Jonesy ist Ihr Problem, Mr. Underhill. Gary Jones aus Brookline, Massachusetts.«
»Kurtz ist auch ein Problem.« Underhill sprach zu leise, als dass man ihn in dem heulenden Wind hätte hören können, aber Henry hörte ihn trotzdem - hörte ihn in seinen Gedanken.
Underhill sah sich um. Henry folgte seiner Kopfbewegung und sah ein paar Männer die improvisierte Gasse zwischen den Caravans und Wohncontainern auf und ab laufen. Aber niemand war in der Nähe. Doch das gesamte Areal um den Laden und den Stall herum war gnadenlos hell erleuchtet, und trotz des Sturms konnte er aufheulende Motoren hören, das stotternde Dröhnen von Generatoren und brüllende Männer. Jemand erteilte mit einem Megafon Befehle. Insgesamt wirkte das Ganze unheimlich, als hielte der Sturm die beiden an einem Ort gefangen, wo es von Gespenstern nur so wimmelte. Und die herumlaufenden Männer sahen sogar wie Gespenster aus, wenn sie in den wirbelnden Schneewänden verschwanden.
»Wir können hier nicht reden«, sagte Underhill. »Hören Sie zu, und lassen Sie mich das nicht zweimal sagen, Bursche.«
Und in Henrys Kopf, der jetzt so viel aufnehmen musste, dass das meiste davon zu einem unverständlichen Brei vermengt wurde, leuchtete plötzlich ein Gedanke aus Owen Underhills Gehirn ganz deutlich auf: Bursche. Sein Wort. Ich kann nicht glauben, dass ich sein Wort gebraucht habe.
»Ich bin ganz Ohr«, sagte Henry.
Der Schuppen stand am anderen Ende des Lagers, weitab vom Stall. Er war zwar von außen ebenso strahlend hell erleuchtet wie der Rest dieses höllischen Konzentrationslagers, innen aber war es düster und roch es süßlich nach altem Heu. Und nach noch etwas anderem.
Vier Männer und eine Frau saßen mit dem Rücken an der hinteren Mauer des Schuppens. Sie alle trugen orangefarbene Jagdkluft und reichten einen Joint herum. Es gab im Schuppen nur zwei Fenster, eines auf den Pferch und eines, von dem aus man die Umzäunung und den Wald dahinter sah. Die Fensterscheiben waren schmutzig und milderten das gnadenlos grelle, weiße Licht der Natrium-Scheinwerfer ein wenig. In dem Dämmerlicht sahen die Gesichter der kiffenden Internierten grau und tot aus.
»Willst du mal ziehn?«, fragte der mit dem Joint. Er sprach angespannt und kurz angebunden und behielt dabei den Rauch in der Lunge; trotzdem hielt er Henry aber bereitwillig den Joint hin. Es war ein Monster von einer Tüte, bemerkte Henry, so groß wie eine Cohiba.