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»Nein. Ich will, dass ihr alle hier verschwindet.«

Sie sahen ihn verständnislos an. Die Frau war mit dem Mann verheiratet, der gerade den Joint hielt. Der Typ links neben ihr war ihr Schwager. Die anderen beiden waren nicht mit ihnen verwandt.

»Geht wieder in den Stall«, sagte Henry.

»Kommt nicht in Frage«, sagte einer der anderen Männer. »Da ist es zu voll. Wir sind lieber unter uns. Und da wir zuerst hier waren, solltest du doch wohl die Biege machen, wenn dir nicht nach Geselligkeit ist -«

»Ich habe es«, sagte Henry. Er legte eine Hand auf das T— Shirt, das er sich ums Bein gebunden hatte. »Byrus. Was die hier Ripley nennen. Einige von euch haben es auch ... Ich glaube, du hast es, Charles —« Er wies auf den fünften Mann, der eine Halbglatze hatte und eine dicke Daunenjacke trug.

»Nein!«, schrie Charles, aber die anderen rückten schon von ihm ab, und der mit der kambodschanischen Zigarre (er hieß Darren Chiles und kam aus Newton, Massachusetts) achtete dabei noch darauf, den Rauch nicht vorschnell auszuatmen.

»Doch, du hast es«, sagte Henry. »Und zwar richtig heftig. Und du auch, Mona. Mona? Nein, Marsha. Marsha heißt du.«

»Ich habe es nicht!«, sagte sie. Sie stand auf, drückte sich mit dem Rücken an der Schuppenmauer entlang und sah Henry mit großen, verängstigten Augen an. Rehaugen. Bald würden alle Rehe hier tot sein, und auch Marsha würde tot sein. Henry hoffte, dass sie seinen Gedanken nicht lesen konnte. »Ich bin clean, Mister, wir hier drin sind alle clean, bis auf Sie!«

Sie sah zu ihrem Gatten hinüber, der nicht kräftig war, aber doch kräftiger als Henry. Das waren sie eigentlich alle. Vielleicht nicht unbedingt größer, aber kräftiger.

»Schmeiß ihn raus, Dare.«

»Es gibt zwei Typen von Ripley«, sagte Henry und stellte als Tatsache hin, was seine Privatmeinung war ... aber je länger er darüber nachdachte, desto plausibler kam es ihm vor. »Nennen wir sie Primär-Ripley und Sekundär-Ripley. Ich bin mir ziemlich sicher: wenn ihr keine massive Dosis abbekommen habt, wenn ihr es nicht geschluckt oder eingeatmet oder auf eine offene Wunde bekommen habt, dann könnt ihr auch wieder gesund werden. Ihr könnt es überstehen. «

Jetzt sahen sie ihn alle mit großen Rehaugen an, und Henry verspürte kurz eine unvergleichliche Verzweiflung. Wieso hatte er sich nicht einfach in aller Ruhe das Leben nehmen können?

»Ich habe Primär-Ripley«, sagte er. Er band das T-Shirt auf. Keiner von ihnen wagte mehr als einen flüchtigen Blick auf den Riss in Henrys vor Schnee starrenden Jeans zu werfen, aber Henry schaute stellvertretend für sie ganz genau hin. Die Wunde, die der Blinkerhebel gerissen hatte, war nun mit Byrus zugewachsen. Manche Fasern waren fünf Zentimeter lang, und ihre Spitzen wogten wie Seetang in der Dünung. Er spürte, wie sich die Wurzeln beständig weiter vorarbeiteten, tiefer und immer tiefer, juckend und schäumend und sprudelnd. Und zu denken versuchten. Das war das Allerschlimmste: Es versuchte zu denken.

Jetzt wichen sie in Richtung Schuppentür zurück, und Henry rechnete damit, dass sie Reißaus nehmen würden, stattdessen blieben sie stehen.

»Können Sie uns helfen, Mister?«, fragte Marsha mit bebender Kleinmädchenstimme. Darren, ihr Mann, legte ihr einen Arm um die Schultern.

»Ich weiß es nicht«, sagte Henry. »Wahrscheinlich nicht... aber vielleicht doch. Geht jetzt. Ich bin hier in einer halben Stunde wieder raus, vielleicht auch schon früher, aber ihr bleibt wohl am besten im Stall bei den anderen.«

»Und wieso?«, fragte Darren Chiles aus Newton.

Und Henry, der da nur eine vage Idee hatte, nichts, was einen Plan auch nur ähnelte, sagte: »Ich weiß es nicht. Das ist einfach meine Meinung.«

Sie gingen hinaus und überließen Henry den Schuppen.

6

Unter dem Fenster, das zur Umzäunung hinaus ging, lag ein alter Heuballen. Darren Chiles hatte darauf gesessen, als Henry hereingekommen war (als der mit dem Dope hatte Chiles ein Anrecht auf den bequemsten Platz gehabt), und jetzt ließ sich Henry darauf nieder. Er saß da mit den Händen auf den Knien und wurde augenblicklich schläfrig, trotz der vielen Stimmen, die in seinem Kopf herumschwirrten, und trotz des tiefen, sich immer weiter ausdehnenden Juckens in seinem linken Bein (es ging auch in seinem Mund los, in einer seiner Zahnlücken).

Er hörte Underhill kommen, ehe Underhill draußen vor dem Fenster etwas sagte, hörte, wie sich seine Gedanken näherten.

»Ich bin auf der vom Wind abgewandten Seite und größtenteils im Schatten des Gebäudes«, sagte Underhill. »Ich rauche hier eine. Wenn jemand vorbeikommt, sind Sie nicht da drin.«

»Verstanden.«

»Wenn Sie mich anlügen, gehe ich weg, und Sie werden mich für den kurzen Rest Ihres Lebens nicht mehr sprechen, weder laut noch ... sonst irgendwie.«

»Klar.«

»Wie sind Sie denn die Leute da drinnen losgeworden?«

»Wie?« Henry hätte gedacht, er sei zu kaputt, um noch wütend werden zu können, aber dem war anscheinend nicht so. »War das irgendwie ein Test oder was?«

»Stellen Sie sich doch nicht dumm.«

»Ich habe ihnen gesagt, dass ich Primär-Ripley habe, und das stimmt ja auch. Da sind sie schnell verduftet.« Henry hielt inne. »Sie haben es auch, nicht wahr?«

»Wie kommen Sie darauf?« Henry konnte in Underhills Stimme keinerlei Anspannung hören, und als Psychiater war er vertraut mit den Anzeichen dafür. Was er auch sonst noch sein mochte, Henry hatte so das Gefühl, dass Underhill ein äußerst kühl denkender Verstandesmensch war, und das war doch schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. Und außerdem, dachte er, kann es nicht schaden, wenn er weiß, dass er wirklich nichts zu vertieren hat.

»Sie haben es an den Fingernägeln, nicht wahr? Und ein wenig auch am Ohr.«

»Sie würden in Vegas groß rauskommen, mein Lieber.« Henry sah, wie Underhill die Hand hob, in der er die Zigarette hielt. Vermutlich würde hauptsächlich der Wind sie aufrauchen.

»Primär-Ripley bekommt man direkt von der Quelle. Ich bin mir ziemlich sicher, dass man Sekundär-Ripley bekommt, wenn man etwas berührt, worauf es wächst - auf Bäumen, auf Moos, auf Hirschen, Hunden, anderen Menschen. Es verhält sich damit wie mit Giftefeu. Es ist nicht so, dass Ihre Laborleute das nicht wüssten. Soweit ich weiß, habe ich diese Informationen von denen. Mein Kopf ist wie eine gottverdammte Satellitenschüssel, und ich kriege alles unverschlüsselt rein. Bei vielem weiß ich nicht, wo es herkommt, und es ist auch egal. Aber hier ist etwas, das Ihre

Laborleute nicht wissen: Die Grauen nennen dieses rote Gewächs Byrus, und das bedeutet >Quell des Lebens<. Unter gewissen Umständen kann die Primärvariante diese Implantate ausbilden.«

»Die Kackwiesel, meinen Sie.«

»Kackwiesel, das ist gut. Das gefällt mir. Sie entspringen dem Byrus und vermehren sich dann, indem sie Eier legen. Sie breiten sich aus, legen wieder Eier und breiten sich weiter aus. So ist das jedenfalls gedacht. Aber hier gehen die meisten Eier ein. Ich habe keine Ahnung, ob es am kalten Wetter, an der Atmosphäre oder noch etwas anderem liegt. Aber unter unseren Umweltbedingungen, Underhill, geht es nur um den Byrus. Das ist das Einzige, was sie haben, was funktioniert. «

»Der Quell des Lebens.«

»Mmh, aber hören Sie zu: Die Grauen haben hier große Schwierigkeiten, und das ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass sie so lange - ein halbes Jahrhundert lang - gezögert haben, ehe sie richtig losschlugen. Die Wiesel zum Beispiel. Das sollen eigentlich Saprophyten sein ... Wissen Sie, was das ist?«

»Henry? ... So heißen Sie doch, nicht wahr? Henry? ... Hat das irgendwelche Auswirkungen auf unsere gegenwärtige-