Owen, der seit seinem neunzehnten Lebensjahr beim Militär war und seit acht Jahren zu Kurtz' Cleanern zählte, schickte zwei harte Wörter über die geistige Verbindung, die sie aufgebaut hatten: Hinnehmbare Verluste.
Hinter der schmutzigen Fensterscheibe regte sich die verschwommene Gestalt, die Henry Devlin war, und stand dann wieder ruhig da.
Nein, erwiderte er.
8
Nein ? Was soll das bedeuten - nein? Nein. Nein bedeutet nein. Haben Sie eine bessere Idee? Und da wurde Owen zu seinem Entsetzen bewusst, dass
sich Henry genau das einbildete. Bruchstücke dieser Idee -sie einen Plan zu nennen, wäre zu viel der Ehre gewesen -huschten Owen durch den Kopf wie der hell aufstrahlende Schweif eines Kometen. Sie verschlugen ihm den Atem. Die Zigarette fiel ihm unbemerkt aus der Hand und wurde fortgeweht.
Sie sind verrückt.
Nein, bin ich nicht. Wir brauchen eine Ablenkung, wenn wir hier wegkommen wollen, das ist Ihnen doch klar. Und das wäre eine Ablenkung.
Die werden so oder so umgebracht!
Manche schon. Vielleicht sogar die meisten von ihnen. Aber so haben sie wenigstens eine Chance. Welche Chance hätten sie denn in einem brennenden Stall?
Und laut fügte Henry hinzu: »Und dann ist da auch noch Kurtz. Wenn er sich um ein paar hundert Ausbrecher kümmern muss - die den ersten Reportern, denen sie begegnen, gern erzählen werden, dass die von panischem Schrecken gepackte US-Regierung hier auf amerikanischem Boden ein zweites My-Lai-Massaker gestattet hat -, dann wird er sich viel weniger Sorgen um uns machen.«
Da kennen Sie Abe Kurtz schlecht, dachte Owen. Sie haben keine Ahnung von der Kurtz-Grenze. Das hatte er natürlich selber auch nicht. Oder hatte es bis heute nicht gehabt.
Doch Henrys Vorschlag wirkte auf verrückte Weise vernünftig. Und brachte zumindest eine gewisse Buße mit sich. Während dieser endlose vierzehnte November auf Mitternacht zuging und die Wahrscheinlichkeit zunahm, das Wochenende doch noch zu erleben, wunderte sich Owen gar nicht, dass die Idee der Buße ihm plötzlich reizvoll erschien. »Henry?«
»Ja, Owen. Ich bin hier.«
»Ich habe mich immer dafür geschämt, was ich an diesem Tag im Haus der Rapeloews gemacht habe.«
»Ich weiß.«
»Und trotzdem habe ich so etwas immer wieder gemacht. Ist das nicht völlig verkorkst?«
Henry, der ein ausgezeichneter Psychiater war, auch noch nachdem er sich in Gedanken dem Selbstmord zugewandt hatte, sagte nichts darauf. Verkorkst zu sein war für Menschen völlig normal. Traurig, aber wahr.
»Also gut«, sagte Owen schließlich. »Du darfst das Haus kaufen. Aber ich richte es ein. Abgemacht?«
»Abgemacht«, erwiderte Henry sofort.
»Kannst du mir wirklich diese Störtechnik beibringen? Die könnte ich nämlich gut gebrauchen.«
»Ich glaube schon.«
»Also gut. Hör zu.« Und dann sprach Owen drei Minuten lang, abwechselnd laut und in Gedanken. Die beiden Männer waren an einem Punkt angelangt, an dem sie zwischen diesen Verständigungsweisen keinen Unterschied mehr machten; Gedachtes und Gesprochenes ging ineinander über.
Derry
Es ist warm bei Gosselin's - Mann, ist das warm hier! Auf Jonesys Gesicht bricht sofort Schweiß aus, und als die vier beim Münztelefon ankommen (das, wie könnte es auch anders sein, gleich neben dem Holzofen hängt), tropft ihm der Schweiß schon von den Wangen, und seine Achselhöhlen fühlen sich an wie Regenwaldboden nach einem Wolkenbruch ... nicht dass dort sonderlich viel sprießt, das nicht, nicht mit vierzehn. Das hättste wohl gerne, wie Pete immer sagt.
Es ist also warm hier, und dieser Traum hat ihn noch gar nicht richtig losgelassen, er hat ihn noch nicht vergessen, obwohl er Albträume sonst immer schnell vergisst (er hat immer noch den Gestank von Benzin und brennendem Gummi in der Nase, hat immer noch Henry vor Augen, wie er diesen Mokassin hochhält... und den Kopf, er sieht immer noch Richie Grenadeaus grausligen, abgetrennten Kopf), und dann macht die Frau in der Vermittlung alles auch noch schlimmer, indem sie rumzickt. Als Jonesy ihr die Telefonnummer der Cavells nennt, die sie regelmäßig anrufen, um zu fragen, ob sie rüberkommen dürfen (Roberta und Alfie sagen immer ja, aber es ist trotzdem ein Gebot der Höflichkeit, um Erlaubnis zu bitten, das haben sie alle zu Hause gelernt), fragt die Frau: »Wissen deine Eltern, dass du ein Ferngespräch führen willst?« Sie sagt das nicht im Yankee-Tonfall, sondern mit dem leicht französisch angehauchten Ton derer, die hier in diesem Teil der Welt aufgewachsen sind, wo die Leute eher Letourneau oder Bissonette heißen als Smith oder Jones. Die knickerigen Froschfresser nennt Petes Dad diese Leute. Und jetzt hat Jonesy ausgerechnet so eine am Apparat, Gott steh ihm bei.
»Ich darf teure Anrufe machen, wenn ich sie selber bezahle«, sagt Jonesy. O Mann, er hätte wissen müssen, dass es letztlich an ihm hängen bleiben würde, diesen Anruf zu machen. Er zerrt den Reißverschluss seiner Jacke auf. Gott, ist das heiß hier drin! Nicht auszuhalten! Wie diese Opas da um den Ofen hocken können, geht über Jonesys Verstand. Seine Freunde drängen sich um ihn, was verständlich ist - sie wollen ja mithören -, aber Jonesy wünscht sich trotzdem, sie würden ein bisschen von ihm abrücken. Ihm wird nur noch wärmer, wenn sie sich so um ihn drängen.
»Und wenn ich sie anrufen würde, mon fils, deine mere et pere, würden sie das dann bestätigen?«
»Klar«, sagt Jonesy. Schweiß läuft ihm ins Auge, es brennt, und er wischt ihn weg wie eine Träne. »Mein Vater ist auf der Arbeit, aber meine Mutter müsste eigentlich zu Hause sein. Neun-vier-neun sechs-sechs-fünf-acht. Aber machen Sie bitte schnell, denn -«
»Also gut, ich verbinde«, sagt sie und klingt enttäuscht. Jonesy zieht sich schnell die Jacke aus, wechselt dazu mit dem Hörer vom einen zum anderen Ohr und lässt die Jacke dann fallen. Die anderen haben ihre immer noch an; Biber hat sich noch nicht mal die Fonzie-Jacke aufgemacht. Wie sie das aushaken, ist Jonesy ein Rätsel. Sogar die Gerüche setzen ihm zu: Musteroie und Bohnen und Bohnerwachs und Kaffee und der Lake-Geruch aus dem Pökelfass. Normalerweise mag er die Gerüche bei Gosselin's, aber heute könnte Jonesy auf der Stelle loskotzen.
Er hört es klicken. Das dauert! Seine Freunde drängen sich um ihn und das Münztelefon an der Rückwand des Ladens. Zwei oder drei Gänge weiter starrt Lamar auf das Regal mit den Getreideflocken und reibt sich die Stirn wie jemand, der fürchterliche Kopfschmerzen hat. Und bei dem vielen Bier, das er gestern Abend getrunken hat, denkt Jonesy, ist es auch kein Wunder, dass er Kopfschmerzen hat. Er bekommt selbst auch gerade Kopfschmerzen, die allerdings mit Bier nichts zu tun haben, sondern eher daher kommen, dass es so verdammt heiß hier drin ist -
Er richtet sich ein wenig auf. »Es klingelt«, sagt er zu seinen Freunden und wünscht sich augenblicklich, er hätte den Mund gehalten, denn jetzt drängen sie sich noch enger um ihn. Pete hat fürchterlichen Mundgeruch, und Jonesy denkt: Wie machst du das bloß, Petesky? Putzt du dir nur einmal im Jahr die Zähne?
Beim dritten Läuten wird abgehoben. »Ja, hallo?« Es ist Roberta, und sie klingt geistesabwesend und besorgt und nicht so fröhlich wie sonst immer. Und es ist auch klar, warum; im Hintergrund hört er Duddits brüllen. Jonesy weiß, dass Alfie und Roberta das Weinen nicht so wahrnehmen wie er und seine Freunde - sie sind Erwachsene. Aber sie sind auch Duddits' Eltern, und etwas davon nehmen sie durchaus wahr, und er würde mal bezweifeln, dass es ein schöner Morgen für Mrs. Cavell gewesen ist.
Gott, wie kann es denn hier drin so heiß sein? Womit haben die diesen verdammten Holzofen denn heute Morgen befeuert? Mit Plutonium?
»Hallo! Wer ist da?« Ungeduldig - auch das passt nicht zu Mrs. Cavell. Wenn man als Mutter eines so besonderen Menschen wie Duddits eines lernt, das hat sie den Jungs oft gesagt, dann ist es Geduld. Aber nicht so heute Morgen. Heute Morgen klingt sie fast stocksauer, und das ist eigentlich unvorstellbar. »Wenn Sie mir was verkaufen wollen: Ich kann jetzt nicht mit Ihnen reden. Ich habe zu tun, und ...«