»Duddits«, sagt er, und sogar seine Stimme klingt heiß. »Es ist wirklich alles gut. Ich gebe dir noch mal Henry, es ist superheiß hier drin, und ich muss raus und ein bisschen frische Luft schnappen -«
Duddits unterbricht ihn mit lauter, eindringlicher Stimme: »Eeh nich aus! Ohnieh! Eeh nich aus! Äi! Äi! Issa AI!«
Sie haben sein Gebrabbel von Anfang an verstanden, und Jonesy versteht auch das: »Geh nicht raus! Jonesy, geh nicht raus! Gray! Gray! Mister GRA Y!«
Jonesy klappt die Kinnlade herunter. Er schaut an dem glühend heißen Ofen vorbei, den Gang entlang, in dem Bibers verkaterter Vater nun lustlos die Etiketten der Bohnenkonserven studiert, vorbei an Mrs. Gosselin an der alten, verschnörkelten Registrierkasse, und hinaus durch das Schaufenster. Das Fenster ist schmutzig und hängt voller Schilder, die für alles Mögliche werben, von Winston-Ziga-retten und Moosehead-Ale bis zu kirchlichen Veranstaltungen und Picknicks am Unabhängigkeitstag, die stattgefunden haben, als der Erdnussfarmer noch Präsident war... aber es ist trotzdem noch genug Glas frei, um hindurchzuschauen und das Ding zu sehen, das ihm da draußen auflauert. Es ist das Ding, das sich von hinten angeschlichen hat, als er versucht hat, die Badezimmertür zuzuhalten, das Ding, das seinen Körper geraubt hat. Eine nackte graue Gestalt, die auf zehenlosen Füßen neben der Zapfsäule steht und ihn mit ihren schwarzen Augen anstarrt. Und Jonesy denkt: So sind sie nicht in Wirklichkeit. Das ist bloß die einzige Möglichkeit, wie wir sie sehen können.
Wie um das noch zu betonen, hebt Mr. Gray eine Hand und lässt sie dann wieder sinken. Von den Spitzen seiner drei Finger schweben kleine rötlich goldene Flöckchen distelförmig in die Höhe.
Byrus, denkt Jonesy.
Und als wäre das ein Zauberspruch aus einem Märchen, erstarrt jetzt alles. Gosselin's Market wird zu einem Stillleben. Dann verblassen die Farben, und es wird zu einer sepia-farbenen Fotografie. Seine Freunde verblassen und verschwinden vor seinen Augen. Nur zwei Dinge noch scheinen reaclass="underline" der schwere schwarze Flörer des Münztelefons und die Flitze, diese drückende Flitze.
»Ach AUF!«, schreit ihm Duddits ins Ohr. Jonesy hört ein lang gedehntes, stockendes Einatmen, das er nur zu gut kennt; es ist Duddits, der sich bereitmacht, so deutlich zu sprechen, wie er nur kann. »Ohnzi! Ohnzi, ach AUF! Ach AUF! Ach
auf! Wach auf! Jonesy, wach auf!
Jonesy hob den Kopf und konnte für einen Moment gar nichts sehen. Ihm hingen die verschwitzten Flaare in die Augen. Er strich sie beiseite und hoffte, sein Schlafzimmer zu sehen - entweder das in ihrer Flütte oder noch lieber das daheim in Brookline -, aber da hatte er Pech gehabt. Er war immer noch im Büro der Gebrüder Tracker. Er war am Schreibtisch eingeschlafen und hatte davon geträumt, wie sie damals, vor vielen Jahren, Duddits angerufen hatten. Das war ihm sehr real vorgekommen, aber nicht diese benommen machende Flitze. Der alte Gosselin hatte es in seinem Laden immer ziemlich kalt gehabt; er sah es nicht ein, groß zu heizen. Die Hitze hatte sich in seinen Traum eingeschlichen, weil es hier drin so heiß war, lieber Gott, es musste ja mindestens vierzig Grad haben.
Die Heizung spinnt, dachte er und stand auf. Oder vielleicht brennt es hier. Jedenfalls muss ich hier raus. Sonst schwitze ich mich tot.
Jonesy ging um den Tisch herum und bemerkte kaum,
dass sich der Schreibtisch verändert hatte, merkte auch kaum, dass etwas seinen Kopf streifte, als er zur Tür eilte. Er langte mit einer Hand nach dem Türknauf und mit der anderen nach dem Riegel, und da fiel ihm wieder Duddits in dem Traum ein, der ihn gewarnt hatte, nicht hinauszugehen, Mr. Gray sei da draußen und warte nur auf ihn.
Und das stimmte. Gleich hinter dieser Tür. Er wartete im Erinnerungslager, auf das er jetzt uneingeschränkten Zugriff hatte.
Jonesy spreizte die schwitzenden Finger auf dem Holz der Tür. Das Haar fiel ihm wieder in die Augen, aber das bemerkte er kaum. »Mr. Gray«, flüsterte er. »Bist du da draußen? Du bist doch da, nicht wahr?«
Keine Antwort, aber natürlich war Mr. Gray da. Er stand da, hatte den unbehaarten primitiven Kopf geneigt, starrte mit seinen glasschwarzen Augen den Türknauf an und lauerte darauf, dass er sich drehte. Lauerte darauf, dass Jonesy herausgestürzt kam. Und dann -?
Schluss mit den lästigen menschlichen Gedanken. Schluss mit den störenden menschlichen Gefühlen.
Schluss mit Jonesy.
»Willst du mich ausräuchern, Mr. Gray?«
Immer noch keine Antwort. Aber Jonesy brauchte auch keine. Mr. Gray hatte ja schließlich Zugriff auf alle Regler, nicht wahr? Und also auch auf die, die seine Temperatur bestimmten. Wie heiß hatte er sie gestellt? Jonesy wusste es nicht, er wusste nur, dass es hier immer noch heißer wurde. Seine Brust war wie zugeschnürt, und er bekam kaum noch Luft. Seine Schläfen pochten.
Das Fenster. Was ist mit dem Fenster?
Plötzlich voller Hoffnung, drehte sich Jonesy in diese Richtung und kehrte der Tür den Rücken zu. Das Fenster war jetzt dunkel - so viel zum Thema: ewiger Oktobernachmittag 1978 -, und die Auffahrt, die seitlich um das Gebäude der Gebrüder Tracker führte, war unter Schneewehen begraben. Nie im Leben, auch nicht als Kind, hatte Schnee so verlockend auf Jonesy gewirkt. Er sah sich selbst wie Er-rol Flynn in einem alten Piratenfilm durchs Fenster hechten, sah sich in den Schnee stürzen und sich darin wälzen, sein brennendes Gesicht in die gesegnete weiße Kälte tauchen -
Ja, und dann das Gefühl, wie sich Mr. Grays Hände um seinen Hals schlössen. Er hatte zwar nur drei Finger an den Händen, aber sie waren bestimmt kräftig; sie würden ihn im Handumdrehen erwürgen. Wenn er auch nur ein Loch ins Fenster schlug, um etwas kalte Nachtluft hereinzulassen, würde Mr. Gray hereinschlüpfen und sich wie ein Vampir über ihn hermachen. Denn dieser Teil der Jonesy-Welt war nicht sicher. Es war erobertes Gebiet.
Ich habe eigentlich gar keine Wahl. Ich bin so oder so erledigt.
»Komm raus«, sagte Mr. Gray schließlich durch die Tür, und zwar mit Jonesys Stimme. »Ich mach es schnell. Du willst da drin doch nicht vor Hitze vergehen ... oder etwa doch?«
Jonesy sah plötzlich den Schreibtisch, der da vor dem Fenster stand, den Schreibtisch, der noch gar nicht hier gewesen war, als er sich zum ersten Mal in diesem Zimmer wiedergefunden hatte. Bevor er eingeschlafen war, war es ein schlichtes Holzding gewesen, so eine Billigausführung, wie man sie bei Office Depot kaufte, wenn man sparen musste. Irgendwann -er wusste nicht mehr, wann genau - war ein Telefon dazugekommen. Nur ein schlichtes schwarzes Telefon, so zweckmäßig und schmucklos wie der Schreibtisch auch.
Jetzt sah er, dass es ein Rollschreibtisch aus Eiche war, genau wie der daheim in seinem Arbeitszimmer in Brookline. Und das Telefon war ein blaues Trimline, genau wie das in seinem Büro am Emerson College. Er wischte sich eine Hand voll pisswarmen Schweiß von der Stirn, und da sah er, was vorhin seinen Kopf gestreift hatte.
Es war der Traumfänger.
Der Traumfänger aus ihrer Hütte.
»Ach du Scheiße«, flüsterte er. »Ich richte mich hier ja ein.«
Natürlich tat er das, und warum auch nicht? Richteten nicht sogar Häftlinge im Todestrakt ihre Zellen ein? Und wenn er im Schlaf einen Schreibtisch und einen Traumfänger und ein Trimline-Telefon herbeischaffen konnte, dann konnte er ja vielleicht auch -
Jonesy schloss die Augen und konzentrierte sich. Er versuchte, vor seinem geistigen Auge ein Bild seines Arbeitszimmers in Brookline erstehen zu lassen. Für einen Moment fiel ihm das schwer, denn eine Frage störte ihn dabei: Wenn seine Erinnerungen da draußen waren, wie konnte er sie dann hier drin heraufbeschwören? Die Lösung, das ging ihm auf, war wahrscheinlich ganz einfach. Seine Erinnerungen waren immer noch in seinem Kopf, wo sie immer gewesen waren. Die Kartons im Lager waren etwas, das Henry eine Externa-lisierung genannt hätte, seine Art, sich all das vorzustellen, worauf Mr. Gray zugreifen konnte.