Kurtz griff wieder in seinen Overall und holte eine matt schimmernde Taschenuhr hervor. »Die hat meinem Großvater gehört. Sie funktioniert noch einwandfrei«, sagte er. »Weil sie zum Aufziehen ist, glaube ich - ohne Strom. Meine Armbanduhr spielt immer noch verrückt.«
»Meine auch.«
Um Kurtz1 Lippen spielte ein flüchtiges Lächeln. »Wenden Sie sich an Perlmutter, wenn Sie die Gelegenheit dazu haben und meinen, ihn ertragen zu können. Neben seinen vielen anderen Pflichten und Aktivitäten hat er die Zeit gefunden, sich heute Nachmittag dreihundert mechanische Timex liefern zu lassen. Das war kurz bevor der Schneefall unseren Lufteinsatz verzögert hat. Pearly ist wirklich tüchtig. Ich wünsche nur bei Gott, er würde endlich aufhören zu glauben, dass er in einem Film lebt.«
»Er dürfte da heute Abend Fortschritte gemacht haben, Boss.«
»Ja, vielleicht hat er das.«
Kurtz dachte nach. Underhill wartete.
»Bürschchen, wir sollten Whiskey trinken. Es ist ein wenig wie eine irische Totenwache heute Abend.«
»Tatsächlich?«
»Ja. Mein geliebtes Phooka ist kurz davor, tot umzukippen.«
Owen runzelte die Augenbrauen.
»Ja. Und in diesem Moment wird seine magische Tarnkappe weggezogen. Dann ist es nur noch ein ganz normales totes Pferd. Aber das wird die Leute und vor allem die Politiker nicht daran hindern, darauf herumzureiten.«
»Ich kann Ihnen nicht folgen.«
Kurtz schaute noch einmal auf die stumpf angelaufene laschenuhr, die er wahrscheinlich in einem Pfandhaus gekauft oder einem Leichnam abgenommen hatte. Underhill hielt beides für denkbar.
»Es ist jetzt sieben Uhr. In etwa vierzig Minuten wird der Präsident vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen sprechen. Diese Rede werden mehr Menschen sehen und hören als jede Rede bisher in der Menschheitsgeschichte. Sie wird in die der Menschheitsgeschichte eingehen als das größte Ammenmärchen, seit Gott, der allmächtige Vater, den Kosmos erschaffen und mit seiner Fingerspitze die Planeten in Bewegung gesetzt hat.«
»Und worin besteht es?«
»Es ist eine schöne Geschichte, Owen. Wie alle guten Lügen enthält sie viel Wahrheit. Der Präsident wird einer faszinierten Welt, einer Welt, die mit angehaltenem Atem, gelobt sei der Herr, jedem Wort lauschen wird, erzählen, dass am sechsten oder siebten November dieses Jahres im nördlichen Maine ein Raumschiff mit einer Besatzung von Wesen aus einer anderen Welt abgestürzt sei. Das ist wahr. Er wird sagen, wir seien davon nicht gänzlich überrascht gewesen, da wir, wie auch die Regierungen der übrigen Staaten, die einen Sitz im UNO-Sicherheitsrat haben, seit mindestens zehn Jahren wüssten, dass ET uns ausspioniert. Das stimmt ebenfalls, nur dass einige hier in Amerika seit den späten 1940ern von unseren Kumpeln aus dem All wüssten. Wir wissen auch, dass russische Kampfflugzeuge 1974 über Sibirien ein Schiff der Grauen abgeschossen haben ... bloß dass die Russen bis heute nicht wissen, dass wir das wissen. Das war damals wahrscheinlich eine Drohne, ein Test-Bal-Ion. Von denen hat es viele gegeben. Die Grauen sind bei ihren ersten Kontaktaufnahmen mit einer Umsicht vorgegangen, die sehr darauf hindeutet, dass wir ihnen ziemliche Angst einjagen.«
Owen hörte mit einer Faszination zu, die ihm selbst zuwider war und von der er hoffte, dass sie weder seinem Gesicht anzusehen war noch sich auf der obersten Ebene seiner Gedanken abzeichnete, auf die Kurtz eventuell immer noch zugreifen konnte.
Aus seiner Innentasche holte Kurtz jetzt eine verbeulte Schachtel Marlboro. Er bot Owen eine an, der erst den Kopf schüttelte und dann doch eine der vier noch übrigen Kippen nahm. Kurtz nahm sich auch eine und gab ihnen dann Feuer.
»Ich vermische hier Wahrheit und Fälschung«, sagte Kurtz, nachdem er einen tiefen Zug genommen und wieder ausgeatmet hatte. »Das ist wahrscheinlich nicht die beste Vorgehensweise. Halten wir uns also an die Fälschung, ja?«
Owen sagte nichts. Er rauchte in letzter Zeit nur selten, und der erste Zug machte ihn immer benommen. Aber der Geschmack war wunderbar.
»Der Präsident wird sagen, die Regierung der Vereinigten Staaten habe die Absturzstelle und die Gegend rundherum aus drei Gründen unter Quarantäne stellen lassen. Der erste ist rein logistischer Art: Wegen der Abgelegenheit und dünnen Besiedelung von Jefferson Tract konnten wir es überhaupt unter Quarantäne stellen. Wären die Grauen in Brooklyn oder auch noch auf Long Island runtergekommen, dann wäre dem nicht so gewesen. Der zweite Grund ist der, dass wir uns über die Absichten der Außerirdischen nicht im Klaren sind. Der dritte und letztlich überzeugendste Grund ist der, dass die Außerirdischen eine ansteckende Substanz an sich haben, die von den Einsatzkräften vor Ort >Ripley-Pilz< genannt wird. Die außerirdischen Besucher haben uns zwar vehement versichert, sie hätten nichts Ansteckendes an sich, aber in Wirklichkeit haben sie eine äußerst ansteckende Substanz mitgebracht. Der Präsident wird einer entsetzten Welt auch erzählen, dass dieser Pilz dabei durchaus die steuernde Intelligenz sein könnte und die Grauen nur eine Art Nährboden. Er wird eine Videoaufzeichnung vorführen, auf der ein Grauer aufplatzt und sich dabei förmlich in Ripley-Pilz auflöst. Das Bildmaterial ist der Deutlichkeit halber etwas bearbeitet worden, ist im Grunde aber authentisch.«
Sie lügen, dachte Owen. Das Bildmaterial ist von A bis Z gefälscht und genauso ein Pake wie dieser Schwachsinn mit der Alien-Obduktion. Und wieso lügen Sie? Weil es Ihnen freisteht. So einfach ist das, nicht wahr? Denn Ihnen kommt eine Lüge leichter über die Lippen als die Wahrheit.
»Also gut, das war gelogen«, sagte Kurtz, ohne sich im Mindesten aus der Ruhe bringen zu lassen. Er funkelte Owen kurz an und betrachtete dann wieder seine Zigarette. »Aber es ist wahr und nachprüfbar. Manche von denen platzen tatsächlich und verwandeln sich dabei in so eine Art rote Pusteblumenfusseln. Die Fusseln, das ist der Ripley. Wenn Sie genug davon einatmen, dauert es eine bestimmte Zeit, die wir noch nicht abschätzen können - eine Stunde vielleicht oder auch zwei Tage -, und Ihre Lunge und Ihr Hirn haben sich in Ripley-Salat verwandelt. Dann sehen Sie aus wie ein wandelnder Giftsumach. Und dann sterben Sie.
Unser kleines Abenteuer von heute Mittag wird nicht erwähnt. Laut der Version des Präsidenten wurde das Schiff, das anscheinend beim Absturz schwer beschädigt wurde, entweder von der Besatzung gesprengt oder ist von allein in die Luft gegangen. Sämtliche Grauen sind dabei umgekommen. Der Ripley, der sich zunächst ausgebreitet hat, geht jetzt ebenfalls ein, weil er anscheinend die Kälte nicht verträgt. Die Russen bestätigen das übrigens. Die Tiere, die die Ansteckung ebenfalls verbreiten, sind in ziemlich großem Maßstab getötet worden.«
»Und die menschliche Bevölkerung von Jefferson Tract?«
»Der Präsident wird sagen, dass etwa dreihundert Personen
- gut siebzig Einheimische und etwa zweihundertdreißig Jäger
- mit Verdacht auf Ripley-Pilz unter Beobachtung stehen. Er wird sagen, dass sich einige zwar anscheinend angesteckt haben, die Infektion aber offenbar mit so normalen Antibiotika wie Ceftin und Augmentin abwehren können.«
»Das ist dann der Werbeblock«, sagte Owen. Kurtz lachte vergnügt auf.
»Zu einem späteren Zeitpunkt wird dann bekannt gegeben, dass der Ripley doch ein wenig resistenter gegen Anti-biotika sei, als zunächst angenommen wurde, und dass eine Reihe von Patienten gestorben seien. Dann werden wir die Namen der Leute rausgeben, die tatsächlich schon gestorben sind, entweder an Ripley oder an diesen fürchterlichen, schaurigen Implantaten. Wissen Sie, wie die Männer diese Implantate nennen?«