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Beim Abschlachten der Tiere ist alles gut verlaufen - wir haben gut hunderttausend Viecher gezählt, und an der Grenze nach Castle County findet jetzt ein mordsmäßiges Grillfest statt. Im Frühjahr und Sommer hätten wir uns auch um die Insekten sorgen müssen, die den Ripley aus der Zone herausgetragen hätten, aber nicht jetzt. Nicht im November. «

»Aber einige Tiere müssen durchgeschlüpft sein.« »Wahrscheinlich sowohl Tiere als auch Menschen. Aber der Ripley breitet sich langsam aus. Wir kriegen das in den

Griff, denn wir haben die große Mehrheit der infizierten Wirte im Sack, das Schiff ist zerstört, und was sie uns da mitgebracht haben, schwelt eher, als dass es lodernd brennt. Wir haben ihnen eine ganz einfache Botschaft übermittelt: Kommt in Frieden, oder kommt mit euren Strahlenkanonen, aber versucht es nicht noch mal so, denn das läuft nicht. Wir glauben nicht, dass sie wiederkommen, wenigstens nicht so schnell. Sie haben ein halbes Jahrhundert gebraucht, bis sie so weit gegangen sind. Wir bedauern bloß, dass wir das Schiff nicht für die Forscher-Eierköpfe sichern konnten ... aber es wäre wahrscheinlich ohnehin zu sehr mit Ripley verseucht gewesen. Wissen Sie, was unsere größte Furcht gewesen ist? Dass entweder die Grauen oder der Ripley eine Ty-phoid Mary finden, jemanden, der es aufnehmen und verbreiten kann, ohne sich selbst damit anzustecken.«

»Sind Sie sicher, dass es so jemanden nicht gibt?«

»So gut wie. Falls doch ... tja, dafür haben wir ja den Kordon.« Kurtz lächelte. »Wir haben Schwein gehabt, Soldat. Eine Typhoid Mary ist unwahrscheinlich, die Grauen sind tot, und der Ripley ist in Jefferson Tract eingeschlossen. Glück oder Gott. Entscheiden Sie.«

Kurtz senkte den Kopf und massierte sich mit Daumen und Zeigefinger den Nasenrücken, wie jemand, der eine Nebenhöhlenentzündung hatte. Als er wieder hochsah, waren seine Augen feucht. Krokodilstränen, dachte Owen, aber so ganz sicher war er sich da nicht. Er hatte keinen Zugriff mehr auf Kurtz' Gedanken. Entweder war die Telepathie-Welle schon zu weit abgeklungen, oder Kurtz hatte eine Methode entdeckt, wie er die Tür zuknallen konnte. Doch als Kurtz wieder das Wort ergriff, war sich Owen fast sicher, hier den wahren Kurtz zu hören, ein menschliches Wesen, und nicht Tick-Tock, das Krokodil.

»Das war's dann für mich, Owen. Sobald dieser Auftrag erledigt ist, mache ich Schicht. Hier ist noch Arbeit für vier Tage, würde ich sagen - vielleicht auch für eine Woche, wenn der Sturm wirklich so schlimm wird wie vorhergesagt-, und schön wird es nicht, aber der eigentliche Albtraum steht uns morgen früh bevor. Ich könnte mein Ende wohl noch etwas hinauszögern, aber nach dieser Sache ... tja, ich bin ja voll pensionsberechtigt, und ich werde sie vor die Wahl stellen: Zahlt mich aus oder legt mich um. Ich denke mal, sie werden zahlen, denn ich weiß von zu vielen Leichen im Keller - das ist eine Lektion, die ich von J. Edgar Hoover gelernt habe -, aber ich bin schon fast so weit, dass mir das egal ist. Das ist nicht der brutalste Einsatz, an dem ich je beteiligt war, in Haiti haben wir in einer einzigen Stunde achthundert umgelegt - das war 1989, und ich träume immer noch davon -, aber das hier ist schlimmer. Viel schlimmer. Denn diese armen Idioten da draußen im Stall und auf der Koppel und im Pferch ... das sind Amerikaner. Das sind Leute, die Chevys fahren, bei Kmart einkaufen und keine Folge von Emergency Room verpassen. Bei dem Gedanken, Amerikaner zu erschießen, Amerikaner zu massakrieren ... dreht sich mir der Magen um. Ich mache das nur, weil es gemacht werden muss, um dieses Geschäft abzuschließen, und weil die meisten von ihnen ohnehin bald sterben würden, und zwar viel grausamer. Capish?«

Owen Underhill erwiderte nichts. Sein Gesicht konnte er ausdruckslos bewahren, aber wenn er etwas sagte, würde er damit wahrscheinlich verraten, dass ihm vor Entsetzen flau im Magen war. Er hatte zwar gewusst, dass das kommen würde, aber es jetzt wirklich auch zu hören ...

Vor seinem geistigen Auge sah er die Soldaten durch den Schnee auf den Zaun zugehen, hörte, wie Lautsprecher die Internierten aus dem Stall herbeiriefen. Er hatte noch nie an einem solchen Einsatz teilgenommen, hatte Haiti verpasst, aber er wusste, wie so etwas ablaufen sollte. Wie es ablaufen würde.

Kurtz beobachtete ihn aufmerksam.

»Ich sage nicht, dass ich Ihnen diesen Blödsinn verziehen habe, den Sie heute Nachmittag verzapft haben. Das ist jetzt zwar kalter Kaffee, aber Sie sind mir was schuldig, Bursche. Ich muss nicht Gedanken lesen können, um zu wissen, wie Sie das finden, was ich Ihnen da erzähle, und ich werde keine Spucke darauf verschwenden, Ihnen zu sagen, dass Sie endlich erwachsen werden und sich der Realität stellen sollen. Ich kann Ihnen nur sagen, dass ich Sie brauche. Sie müssen mir dieses eine Mal helfen.«

Die feuchten Augen. Das schwache, kaum merkliche Zucken der Mundwinkel. Man konnte leicht vergessen, dass Kurtz keine zehn Minuten zuvor einem Mann den Fuß zerschossen hatte.

Owen dachte: Wenn ich ihm dabei helfe, dann bin ich, ob ich nun selber abdrücke oder nicht, genauso verdammt wie die Männer, die die Juden ins Lager Bergen-Belsen gescheucht haben.

»Wenn wir um elf anfangen, können wir um halb zwölf damit fertig sein«, sagte Kurtz. »Allerspätestens um zwölf. Dann haben wir das hinter uns.«

»Bis auf die Albträume.«

»Ja. Bis auf die Albträume. Werden Sie mir helfen, Owen?«

Owen nickte. Er war schon so weit gekommen und würde jetzt nicht aufgeben - ob er nun verdammt war oder nicht. Das Mindeste, was er tun konnte, war, dafür zu sorgen, dass es gnädig ablief ... so gnädig ein Massenmord eben sein konnte. Später wurde ihm die tödliche Absurdität dieses Gedankens bewusst, aber wenn man mit Kurtz zusammen war, fast auf Tuchfühlung und mit Blickkontakt, war es zu viel verlangt, die Dinge nüchtern und sachlich zu sehen. Sein Wahnsinn war wahrscheinlich letztlich viel ansteckender als der Ripley.

»Gut.« Kurtz lehnte sich auf seinem Schaukelstuhl zurück und wirkte erleichtert und ausgelaugt. Er holte wieder seine Zigaretten hervor, spähte in die Schachtel und hielt sie Owen hin. »Noch zwei übrig. Möchten Sie?«

Owen schüttelte den Kopf. »Diesmal nicht, Boss.«

»Dann sehen Sie zu, dass Sie rauskommen. Falls nötig, gehen Sie rüber zur Krankenstation und lassen sich ein paar Schlaftabletten geben.«

»Ich glaube nicht, dass ich das brauche«, sagte Owen. Er hätte sie natürlich gebraucht - er brauchte sie jetzt schon -, aber er würde sie nicht einnehmen. Lieber lag er wach.

»Also gut. Dann los.« Kurtz ließ ihn bis zur Tür gehen. »Äh, Owen?«

Owen drehte sich um und schloss den Reißverschluss an seinem Parka. Jetzt hörte er draußen den Wind. Er fing richtig an zu tosen, wie er das bei dem relativ harmlosen Alberta Clipper nicht getan hatte, der am Vormittag durchgezogen war.

»Danke«, sagte Kurtz. Eine große, groteske Träne trat ihm aus dem linken Auge und rann ihm die Wange hinab. Kurtz schien es nicht zu bemerken. In diesem Moment liebte und bedauerte ihn Owen. Trotz allem und wider besseres Wissen. »Danke, Bursche.«

Henry stand im dichter werdenden Schneefall, drehte dem Wind den Rücken zu, schaute über seine linke Schulter zu dem Winnebago hinüber und wartete, dass Underhill herauskam. Er war jetzt allein - die anderen hatten im Stall, wo ein Heizgerät stand, Zuflucht vor dem Sturm gesucht. In der Wärme wucherten bestimmt bereits die Gerüchte, vermutete Henry. Immer noch lieber Gerüchte als die Wahrheit, die sie direkt vor Augen hatten.

Er kratzte sich am Bein, wurde sich dann bewusst, was er da tat, schaute sich um und drehte sich dabei einmal im Kreis. Keine Häftlinge und keine Wachen. Auch im dichten Schneefall noch war das Lager fast taghell erleuchtet, und er konnte in alle Richtungen gut sehen. Zumindest vorläufig war er allein.