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Henry bückte sich und band das Hemd auf, das er um die Stelle geknotet hatte, an der der Blinkerhebel ihn verletzt hatte. Dann zog er den Schlitz in seinen Bluejeans auseinander. Die Männer, die ihn festgenommen hatten, hatten hinten in ihrem Wagen, wo bereits fünf weitere Flüchtige untergebracht waren (auf dem Weg zu Gosselin's hatten sie dann noch drei weitere eingesammelt), die gleiche Untersuchung an ihm durchgeführt. Da war er sauber gewesen.

Jetzt war er nicht mehr sauber. Ein zarter Faden roter Spitze wuchs aus dem Schorf mitten in der Wunde. Wenn er nicht gewusst hätte, wonach er suchen musste, hätte er es fälschlicherweise für ein Blutrinnsal gehalten.

Byrus, dachte er. Na dann prost Mahlzeit.

Ein Licht blitzte am oberen Rand seines Gesichtsfelds auf. Henry richtete sich auf und sah Underhill die Tür des Win-nebago hinter sich schließen. Schnell band sich Henry das Hemd wieder um den Riss in seinen Jeans und ging dann zum Zaun. Eine Stimme in seinem Kopf fragte ihn, was er tun würde, wenn er Underhill etwas zuriefe und der Mann einfach weiterginge. Dann wollte die Stimme auch noch wissen, ob Henry wirklich vorhatte, Jonesy zu opfern.

Er sah Underhill im grellen Licht der Lagerscheinwerfer herbeitrotten, den Kopf vor dem Schnee und dem immer tosenderen Wind eingezogen.

8

Die Tür schnappte zu. Kurtz saß da und betrachtete sie, rauchend und langsam schaukelnd. Wie viel von diesem Sermon hatte ihm Owen abgekauft? Owen war klug, Owen behielt immer den Kopf oben, Owen war nicht ohne Idealismus ... und Kurtz glaubte, dass ihm Owen das alles fast bis auf die letzte Kleinigkeit abgekauft hatte. Denn letztlich glaubten die meisten Menschen, was sie glauben wollten. John Dillin-ger war auch so ein Überlebenskünstler gewesen, der gerissenste Desperado der Dreißigerjahre, und trotzdem war er mit Anna Sage ins Biograph Theater gegangen. Manhattan Melodrama wurde gegeben, und nach der Vorführung knallten FBIIer Dillinger in einer Seitenstraße vor dem Theater ab wie einen Hund, der er ja auch gewesen war. Anna Sage hatte auch geglaubt, was sie hatte glauben wollen, und trotzdem hatte man sie nach Polen abgeschoben.

Niemand bis auf seinen handverlesenen Kader würde morgen Gosselin's Store verlassen - die zwölf Männer und zwei Frauen, aus denen Imperial Valley bestand. Owen Underhill würde nicht dabei sein, hätte aber dabei sein können. Bis Owen die Grauen auf den Gemeinschaftskanal gelegt hatte, hatte Kurtz ihn dabeihaben wollen. Aber die Dinge änderten sich. Das hatte Buddha gesagt, und damit hatte der schlitzäugige alte Heide wenigstens einmal die Wahrheit gesprochen.

»Du hast mich enttäuscht, Bursche«, sagte Kurtz. Er hatte sich zum Rauchen die Maske heruntergezogen, und beim Sprechen bewegte sie sich nun auf seiner graustoppeligen Kehle auf und ab. »Du hast mich enttäuscht.« Kurtz hatte es Owen Underhill einmal durchgehen lassen, dass er ihn enttäuscht hatte. Aber ein zweites Mal?

»Niemals«, sagte Kurtz. »Nie im Leben.«

Die Fahrt nach Süden

Mr. Gray lenkte das Schneemobil in eine Schlucht mit einem schmalen, gefrorenen Bach hinab. Daran entlang legte er die letzte Meile zum Interstate Highway 95 zurück. Zwei-, dreihundert Meter von den Scheinwerfern der Armeefahrzeuge entfernt (es waren nur wenige, und sie fuhren langsam durch den hohen Schnee), blieb er lange genug stehen, um den Teil von Jonesys Geist zu befragen, auf den er - es - zugreifen konnte. Dort waren Akten über Akten, die keinen Platz in Jonesys kleiner Bürofestung gefunden hatten, und Mr. Gray fand ganz einfach, wonach er suchte. Es gab keinen Schalter, um den Scheinwerfer des Schneemobils abzuschalten. Mr. Gray schwang Jonesys Beine vom Sitz, suchte sich einen Stein, hob ihn mit Jonesys rechter Hand auf und schlug damit den Scheinwerfer ein. Dann stieg er wieder auf und fuhr weiter. Das Schneemobil hatte fast keinen Sprit mehr, aber das war nicht weiter schlimm; das Fahrzeug hatte seinen Zweck erfüllt.

Die Röhre, die den Bach unter dem Highway durchführte, war groß genug für das Schneemobil, nicht aber für Schneemobil und Fahrer. Mr. Gray stieg ab. Neben dem Schneemobil stehend, gab er Gas und jagte die Maschine holpernd und schräg in die Röhre. Sie blieb schon nach drei, vier Metern stecken, aber das reichte, damit sie aus der Luft nicht zu sehen war, wenn der Schneefall nachließ und Luftaufklärung wieder möglich wurde.

Mr. Gray ließ Jonesy die Böschung zum Highway hochsteigen. Er blieb kurz vor der Leitplanke stehen und legte sich dann dort auf den Rücken. Hier war er vorläufig vor dem schlimmsten Wind geschützt. Der Anstieg hatte einen letzten kleinen Rest Endorphine freigesetzt, und Jonesy spürte, wie sein Entführer sie kostete und genoss, wie Jonesy vielleicht an einem frischen Oktobernachmittag nach einem Footballspiel einen Cocktail genossen hätte oder auch ein heißes Getränk.

Ihm wurde klar, dass er Mr. Gray hasste.

Dann war Mr. Gray als Wesen — als etwas, das sich auch hassen ließ - wieder verschwunden, war ersetzt worden durch die Wolke, die Jonesy in der Hütte gesehen hatte, als diesem Wesen der Kopf geplatzt war. Es ging auf Gedankenfang, wie es das auch bei Emil Brodsky gemacht hatte. Es hatte Brodsky gebraucht, weil sich Informationen darüber, wie man das Schneemobil startete, nicht in Jonesys Akten fanden. Jetzt brauchte es wieder etwas. Vermutlich eine Mitfahrgelegenheit.

Und was war hier noch übrig? Was bewachte noch das Büro, in dem der letzte Rest von Jonesy kauerte - von Jonesy, der aus seinem eigenen Körper geschüttelt worden war wie ein Fussel aus einer Hosentasche? Die Wolke natürlich; das Zeug, das Jonesy eingeatmet hatte. Etwas, das ihn hätte töten können, ihn aber aus irgendeinem Grunde nicht getötet hatte.

Die Wolke konnte nicht denken, jedenfalls nicht so wie Mr. Gray. Der Herr der Hauses (das war nun leider Mr. Gray und nicht mehr Mr. Jones) war verreist und hatte das Haus in der Obhut der Thermostate, des Kühlschranks, des Herdes zurückgelassen. Und, falls es Ärger gab, des Rauchmelders und der Alarmanlage, die automatisch die Polizei rief.

Trotzdem konnte er, wenn Mr. Gray fort war, vielleicht das Büro verlassen. Nicht um wieder die Kontrolle zu erlangen; wenn er das versuchte, würde die rotschwarze Wolke es melden, und Mr. Gray würde auf der Stelle von seinem Erkundungsausflug zurückkehren. Jonesy würde bestimmt gefasst werden, ehe er sich wieder in das sichere Büro der Gebrüder Tracker zurückziehen konnte, mit dem schwarzen Brett und dem staubigen Fußboden und diesem einen schmutzverklebten Fenster hinaus in die Welt ... nur dass dort vier halbmondförmige saubere Stellen in diesem Schmutz waren, nicht wahr? Stellen, wo einmal vier Jungen die Stirn dagegen gedrückt hatten, weil sie hofften, ein Bild zu sehen, das jetzt dort ans schwarze Brett gepinnt war: Tina Jean Schlossinger, die ihren Rock hochhielt.

Nein, es ging weit über seine Fähigkeiten, die Kontrolle wiederzuerlangen, und das nahm er besser so hin, so bitter es auch war.

Aber vielleicht konnte er an seine Akten kommen.

Gab es irgendeinen Grund dafür, das zu riskieren? Irgendeinen möglichen Vorteil? Vielleicht schon, wenn er gewusst hätte, was Mr. Gray wollte. Von einer Mitfahrgelegenheit einmal abgesehen. Und apropos: Wohin wollte er denn fahren?

Die Antwort kam unerwartet, denn sie kam mit Duddits' Stimme: Üdn. Issa Äi /// na Üdn.

Mr. Gray will nach Süden.

Jonesy ging einen Schritt von seinem schmutzigen Fenster mit Blick auf die Welt zurück. Dort draußen war jetzt sowieso nicht viel zu sehen - Schnee und schemenhaft dunkle Bäume. Der Schnee von heute Morgen war die Vorspeise gewesen, und nun kam der Hauptgang.

Mr. Gray will nach Süden.

Wie weit? Und wieso? Was sollte das alles?

Zu diesen Fragen schwieg Duddits.