Jonesy drehte sich um und sah mit Erstaunen, dass die Streckenkarte und das Bild des Mädchens nicht mehr am schwarzen Brett hingen. Stattdessen hingen dort nun vier Farbfotos, Schnappschüsse mit je einem Jungen drauf. Der Hintergrund war immer der gleiche: die Junior High School in
Derry; und die Bildunterschrift auch: Schulzeit 1978. Jone-sy selbst war ganz links, mit einem arglosen Grinsen von einem Ohr zum anderen, das ihm jetzt fast das Herz brach. Daneben Biber, und das Grinsen des Bibers entblößte die Zahnlücke in der Mitte; den Zahn hatte er sich bei einem Sturz vom Skateboard ausgeschlagen, und er war erst gut ein Jahr später ersetzt worden ... jedenfalls bevor er auf die High School kam. Pete mit seinem breiten Gesicht, dem olivefarbe-nen Teint und dem schändlich kurzen Haar, wofür sein Vater immer sorgte, der meinte, er habe nicht in Korea gekämpft, damit sein Sohn dann wie ein Hippie herumlaufe. Und schließlich Henry, Henry mit seiner dicken Brille, bei der Jonesy an Danny Dünn, den Kinderdetektiv, denken musste, den Held der Krimis, die Jonesy als kleiner Junge gelesen hatte.
Biber, Pete, Henry. Wie hatte er sie geliebt, und wie unfair plötzlich waren ihre langjährigen Freundschaftsbande gekappt worden. Nein, das war alles andere als fair -
Mit einem Mal erwachte das Bild von Biber Clarendon zum Leben, was Jonesy einen Heidenschreck einjagte. Biber bekam große Augen und sprach mit leiser Stimme: »Sein Kopf war ab, weißt du noch? Er lag im Graben, und seine Augen waren voller Schlamm. So ein Kackorama! Heilige Filzlaus!«
O Gott, dachte Jonesy, als es ihm wieder einfieclass="underline" die Sache mit dem ersten Jagdausflug zu ihrer Hütte, die er fast vergessen hatte ... oder verdrängt. Hatten sie alle es verdrängt? Vielleicht schon. Wahrscheinlich. Denn in all den Jahren seither hatten sie über alles in ihrer Kindheit gesprochen, über alle gemeinsamen Erinnerungen ... nur über die eine nicht.
Sein Kopf war ab ... seine Augen waren voller Schlamm.
Damals war etwas mit ihnen passiert, das mit dem zusammenhing, was jetzt mit ihm passierte.
Wenn ich nur wüsste, was es war, dachte Jonesy. Wenn ich das nur wüsste.
Andy Janas hatte die übrigen drei Wagen seiner kleinen Gruppe aus den Augen verloren - hatte sie weit zurückgelassen, weil sie, im Gegensatz zu ihm, nicht daran gewöhnt waren, bei so einem Scheißwetter zu fahren. Er war im nördlichen Minnesota aufgewachsen und war so etwas von klein auf gewöhnt. Er saß allein in einem der besseren Armeefahrzeuge von Chevrolet, einem umgebauten Pickup mit Allradantrieb, und den hatte er heute Abend auch aktiviert. Er war ja schließlich nicht auf den Kopf gefallen.
Doch der Highway war größtenteils frei; ein paar Army-Schneepflüge waren die Strecke gut eine Stunde zuvor abgefahren (er würde sie bald einholen, schätzte er, und dann würde er abbremsen und wie ein braver Junge hinter ihnen herzockeln), und seither hatten sich nur fünf, sechs Zentimeter auf dem Beton niedergelassen. Das wahre Problem war der Wind, der die Schneeflocken aufwirbelte und einem die Sicht nahm. Aber man konnte sich ja an den Rückstrahlern der Leitplanke orientieren. Die Rückstrahler im Blick zu behalten -das war der Trick, den die anderen Blödmänner nicht kannten ... oder vielleicht waren bei den Lastern und Humvees die Scheinwerfer auch zu hoch angebracht und die Rückstrahler deshalb nicht gut sichtbar. Und bei richtigem Schneegestöber verschwanden die Rückstrahler auch ganz; die gesamte Welt wurde weiß, und man musste den Fuß vom Gaspedal nehmen, bis der Wind wieder nachließ, und nur versuchen, nicht von der Straße abzukommen. Es würde schon werden, und falls irgendwas passierte, stand er ja in Funkkontakt. Außerdem folgten dichtauf weitere Schneepflüge, die die nach Süden führende Spur des Highways von Presque Isle bis ganz nach Millinocket freihielten.
Hinten auf der Ladefläche hatte er zwei dreifach verpackte Lieferungen. In der einen waren die Kadaver zweier Hirsche, die an Ripley gestorben waren. In der anderen - und das fand Janas mäßig bis ernstlich grausig - befand sich die Leiche eines Grauen, die sich allmählich in eine Art rötlich orangefarbene Suppe verwandelte. Beide Pakete waren für die Ärzte der Blue Base bestimmt, die in einem Ort namens ...
Janas schaute zur Sonnenblende hoch. Daran steckten unter einem Gummiband ein Notizblatt und ein Kugelschreiber. Auf dem Zettel stand gekrakelt: gosselin's störe, AUSFAHRT 16, LINKS AB.
Er würde in einer Stunde dort sein. Vielleicht auch schon früher. Die Ärzte würden ihm zweifellos erzählen, sie hätten schon alle Tierproben, die sie brauchten, und man würde die Hirschkadaver verbrennen, aber den Grauen wollten sie ja vielleicht, wenn sich der kleine Kerl bis dahin nicht gänzlich in Brei verwandelt hatte. Die Kälte bremste diesen Vorgang vielleicht etwas, aber ob dem nun so war oder nicht, kümmerte Andy Janas nun wirklich nicht. Seine einzige Sorge bestand darin, dort anzukommen, die Proben abzugeben und dann auf die Besprechung mit demjenigen zu warten, der befugt war, Fragen über das nördliche - und stillste -Grenzgebiet der Quarantänezone zu stellen. Und während er dort wartete, würde er sich einen heißen Kaffee und eine Riesenportion Rührei besorgen. Und wenn die richtigen Leute da waren, bekam er vielleicht sogar Kaffee mit Schuss. Das wäre schön. Ein kleiner Schwatz und sich dann schön hinhocken und
Fahr rechts ran
Janas runzelte die Stirn, schüttelte den Kopf und kratzte sich dann am Ohr, als hätte ihn da irgendwas - ein Floh vielleicht - gestochen oder gebissen. Der gottverdammte Wind toste so, dass er den ganzen Pickup durchschüttelte. Der Highway verschwand und auch die Rückstrahler. Er war wieder völlig in Weiß gehüllt, und die anderen Jungs hatten jetzt bestimmt die Hosen gestrichen voll, aber nicht er, Andy »Lasst Mr. Minnesota mal machen« Janas, nimm einfach
nur den Fuß vom Gas (und vergiss das Bremspedal; wenn man in einem Schneesturm unterwegs war, war bremsen wirklich das Dümmste, was man tun konnte), fahr einfach im Leerlauf weiter und warte ab, dass Fahr rechts ran
»Ha?« Er sah zum Funkgerät, aber da war nichts, nur Rauschen und im Hintergrund dumpfes Geplapper.
Fahr rechts ran
»Au!«, schrie Janas und hielt sich den Kopf, in dem er plötzlich höllische Schmer/en hatte. Der olivgrüne Pickup brach aus, geriet ins Schlingern und fing sich dann wieder, als seine Hände instinktiv in die Spur lenkten. Er hatte immer noch den Fuß vom Gas, und der Tachozeiger des Chevy sank schnell nach links.
Die Schneepflüge hatten einen schmalen Pfad in der Mitte der beiden nach Süden führenden Spuren geräumt. Jetzt steuerte Janas in den Tiefschnee rechts neben seiner Spur, und unter den Reifen des Pickup stoben Schneeschleier auf, die der Wind schnell vertrieb. Die Rückstrahler an der Leitplanke leuchteten grell, funkelten im Dunkeln wie Katzenaugen.
Fahr hier rechts ran
Janas schrie auf vor Schmerz. Wie aus großer Ferne hörte er sich selber rufen: »Schon gut, schon gut, mach ich ja! Hör bloß auf damit! Hör auf zu ziehen]« Mit tränenden Augen sah er keine zwanzig Meter voraus hinter der Leitplanke eine dunkle Gestalt. Als die Scheinwerfer sie erfassten, sah er, dass es ein Mann war, der einen Parka trug.
Andy Janas' Hände schienen nicht mehr ihm zu gehören. Sie waren wie Handschuhe, in denen die Hände eines anderen Menschen steckten. Das war ein merkwürdiges und äußerst unangenehmes Gefühl. Sie drehten das Lenkrad gänzlich ohne seine Mithilfe weiter nach links, und der Pickup kam vor dem Mann im Parka zum Stehen.
Das war seine Chance, denn Mr. Gray war vollkommen abgelenkt. Jonesy ahnte, wenn er noch weiter überlegte, würde er sich nicht trauen, und deshalb dachte er nicht weiter darüber nach. Er handelte einfach, drückte den Riegel an der Bürotür mit dem Handballen zurück und riss die Tür auf.
Er war als Kind nie im Gebäude der Gebrüder Tracker gewesen (und den schweren Sturm von 1985 hatte es nicht überstanden), war sich aber ziemlich sicher, dass es nie so ausgesehen hatte wie das, was er jetzt sah. Von dem schmuddeligen Büro kam man in einen Raum, der so riesig war, dass Jonesy nicht bis ans andere Ende sehen konnte. Oben erstreckten sich endlose Reihen von Neonröhren. Und darunter, zu ansehnlichen Säulen aufgestapelt, standen Millionen Pappkartons.