Nein, dachte Jonesy. Nicht Millionen. Milliarden. Billionen.
Ja, Billionen kam schon eher hin. Dazwischen verliefen tausende schmale Gänge. Er stand am einen Ende des Lagerhauses der Ewigkeit, und der Gedanke, hier irgendetwas zu finden, wirkte lächerlich. Wenn er sich von der Tür zu seinem Büroversteck entfernte, hätte er sich im Handumdrehen verlaufen. Mr. Gray hätte sich dann nicht mehr um ihn kümmern müssen; Jonesy wäre bis zu seinem Tod umhergeirrt, verloren in einem irrsinnigen Labyrinth aus aufgestapelten Kartons.
Das stimmt nicht. Ich würde mich da genauso wenig verlaufen wie in meinem eigenen Schlafzimmer. Und ich würde auch nicht groß nach etwas suchen müssen. Ich bin hier zu Hause. Willkommen in deinem eigenen Kopf, du Blitzmerker.
Die Idee war so überwältigend, dass er sich ganz schwach dabei fühlte ... aber Schwäche konnte er sich jetzt nicht erlauben - und auch kein Zaudern. Mr. Gray, der allseits beliebte Eroberer aus den Weiten des Alls, würde nicht lange mit dem Fahrer beschäftigt sein. Wenn Jonesy einige dieser Akten in Sicherheit bringen wollte, dann musste er sich beeilen. Die Frage war nur: Welche sollte er nehmen?
Duddits, flüsterte es in ihm. Das hat etwas mit Duddits zu tun. Das weißt du. Du hast in letzter Zeit oft an ihn denken müssen. Die anderen Jungs haben auch an ihn gedacht. Duddits war es, der dich und Henry und Pete und Biber zusammengehalten hat — das habt ihr immer gewusst, und jetzt weißt du noch etwas, nicht wahr?
Ja. Er wusste, dass der Unfall im März dadurch ausgelöst worden war, dass er sich eingebildet hatte zu sehen, wie Duddits von Richie Grenadeau und seinen Freunden wieder gehänselt wurde. Aber »gehänselt« war eine lächerlich schwache Bezeichnung dafür, was an diesem Tag hinter dem Gebäude der Gebrüder Tracker vorgegangen war, oder etwa nicht? Gefoltert traf es eher. Und als er gesehen hatte, wie diese Folter wiederholt werden sollte, war er auf die Straße gerannt, ohne nach links und rechts zu schauen, und -
Sein Kopf war ab, sprach Bibers Stimme plötzlich aus den Deckenlautsprechern des Lagerraums, und seine Stimme war so laut und kam so plötzlich, dass Jonesy zusammenzuckte. Er tag im Graben, und seine Augen waren voller Schlamm. Und früher oder später ist jeder Mörder dran. Was für ein Kackorama!
Richies Kopf. Der Kopf von Richie Grenadeau. Und Jonesy hatte keine Zeit dafür. Er war unbefugterweise in seinen eigenen Kopf eingedrungen und tat besser daran, sich zu beeilen.
Als er zum ersten Mal in dieses riesige Lager geschaut hatte, hatten alle Kartons gleich ausgesehen und waren un-beschriftet gewesen. Jetzt sah er, dass auf denen direkt vor ihm mit schwarzem Fettstift duddits geschrieben stand. Kam das jetzt überraschend? War es einfach Glück? Nicht im Mindesten. Das waren schließlich seine Erinnerungen, die da fein säuberlich in diesen Billionen Kartons lagerten, und ein gesundes Hirn konnte eben ziemlich beliebig auf die eigenen Erinnerungen zugreifen.
Ich brauche irgendwas, womit ich sie transportieren kann, dachte Jonesy, und als er sich umsah, war er nicht sonderlich erstaunt, dort einen knallroten Kofferkuli zu sehen. Das war hier ein magischer Ort, wo man im Handumdrehen alles Mögliche erschuf, und das Fantastischste daran war, fand Jonesy, dass jeder Mensch so etwas hatte.
Hastig lud er einige Kartons mit der Aufschrift duddits auf den Wagen und schob ihn dann im Laufschritt in das Büro der Gebrüder Tracker. Er lud sie ab, indem er den Kofferkuli neigte und sie auf den Boden kippte. Alles durcheinander, aber um seinen Ruf als Hausmann konnte er sich später Sorgen machen.
Er lief wieder raus und sah sich nach Mr. Gray um, aber Mr. Gray war immer noch mit dem Fahrer beschäftigt ... Janas war sein Name. Da war die Wolke, aber die Wolke nahm ihn nicht wahr. Sie war so dumm wie ... tja, so dumm wie ein Pilz.
Jonesy holte die restlichen DuDDirs-Kisten und sah, dass der nächste Stapel nun auch mit Fettstift beschriftet war. Auf diesen Kartons stand derry, und es waren zu viele, um sie alle mitzunehmen. Fragte sich nur, ob er einige davon brauchte oder nicht.
Er dachte darüber nach, während er die zweite Ladung Gedächtniskisten ins Büro fuhr. Die Derry-Kisten standen natürlich neben den Duddits-Kisten; Erinnerung war sowohl der Akt als auch die Kunst der Assoziation. Blieb nur die Frage, ob seine Derry-Erinnerungen eine wichtige Rolle spielten oder nicht. Woher sollte er das wissen, wenn er nicht wusste, was Mr. Gray vorhatte?
Aber er wusste es doch.
Mr. Gray will nach Süden.
Derry lag im Süden.
Jonesy sprintete zurück ins Erinnerungslager und schob dabei den Wagen vor sich her. Er würde so viele Kisten mit der Aufschrift derry mitnehmen, wie er konnte, und hoffen, dass es die richtigen waren. Er würde auch hoffen, dass er Mr. Grays Rückkehr noch rechtzeitig bemerkte. Denn wenn er sich hier draußen erwischen ließ, würde er geklatscht werden wie eine Fliege.
Janas sah entsetzt zu, wie seine linke Hand ausgestreckt wurde und auf der Fahrerseite des Pickup die Tür öffnete, wie Kälte hereinkam, Schnee und der nicht nachlassende Wind. »Tun Sie mir bitte nicht mehr weh, Mister, bitte nicht, ich nehme Sie gern ein Stückchen mit, wenn es das ist, was Sie wollen, aber tun Sie mir nicht mehr weh, mein Kopf -«
Plötzlich rauschte Andy Janas etwas durch den Kopf. Es war wie ein Wirbelwind mit Augen. Janas spürte, wie dieses etwas in seinen gegenwärtigen Befehlen herumschnüffelte, seiner erwarteten Ankunftszeit in der Blue Base ... und darin, was er über Derry wusste: nichts. Seine Anweisungen hatten ihn durch Bangor geführt, und in Derry war er nie im Leben gewesen.
Er spürte, wie sich der Wirbelwind zurückzog, und verspürte für einen Moment ekstatische Erleichterung - ich habe nicht, wonach es sucht, jetzt lässt es mich gehen -, nur um dann einzusehen, dass das Ding da in seinen Gedanken nicht die Absicht hatte, ihn gehen zu lassen. Zum einen brauchte es den Wagen. Und zum anderen musste es ihn zum Schweigen bringen.
Janas brachte eine kurze, aber erbitterte Gegenwehr zustande. Dieser unerwartete Widerstand war es, der Jonesy die Zeit ließ, wenigstens einen Stapel Kisten mit der Aufschrift derry zu holen. Dann gewann Mr. Gray wieder die Oberhand über Janas' motorische Kontrolle.
Janas sah, wie seine Hand zur Sonnenblende hochfuhr. Seine Finger packten den Kugelschreiber und zerrten ihn los, zerrissen dabei das Gummiband, das ihn hielt.
Nein!, schrie Janas, aber es war zu spät. Er sah noch ein schimmernd dahinrasendes Glitzern, als ihm seine Hand, die den Kugelschreiber wie einen Dolch gepackt hielt, den Stift ins Auge rammte. Dann erscholl ein platzendes Geräusch, und er zitterte am Lenkrad hin und her wie eine ungeschickt gelenkte Marionette, während seine Faust den Stift tiefer und immer tiefer hineinstieß, erst bis zur Hälfte, dann drei Viertel, und ihm sein geborstener Augapfel jetzt wie eine monströse Träne die Wange hinablief. Die Spitze stieß auf etwas, das sich wie ein Knorpel anfühlte, wurde dadurch kurz aufgehalten und drang dann weiter in seine Gehirnmasse vor.
Du Schwein, dachte er, was bist du denn, du Schw-
Ein letzter, strahlend heller Lichtblitz zuckte durch seinen Kopf, und dann wurde alles dunkel. Janas sackte aufs Lenkrad. Die Hupe des Pickup ertönte.
Mr. Gray hatte von Janas nicht viel geboten bekommen -hauptsächlich die unerwartete Gegenwehr am Ende -, aber er hatte deutlich mitbekommen, dass Janas nicht alleine war. Der Transportkonvoi, zu dem er gehörte, fuhr des Sturms wegen in großen Abständen, aber sie fuhren alle zu dem einen Ort, den Janas in Gedanken sowohl als Blue Base als auch als Gosselin's bezeichnet hatte. Dort gab es einen Mann, vor dem Janas Angst hatte, den Befehlshaber dort, aber Mr. Gray hätte sich gar nicht weniger für das Schreckgespenst Kurtz / den Boss / den verrückten Abe interessieren können. Und er musste sich auch nicht dafür interessieren, denn er hatte nicht vor, auch nur in die Nähe des Gosselin's Store zu kommen. Dieser Ort war irgendwie anders, und auch diese Spezies, obwohl nur begrenzt empfindungsfähig und größtenteils aus Emotionen aufgebaut, war irgendwie anders. Sie wehrten sich. Mr. Gray hatte keine Ahnung, warum, aber sie wehrten sich tatsächlich.