Am besten machte man ein schnelles Ende. Und für dieses Ende hatte er ein ausgezeichnetes Liefersystem entdeckt.
Mit Jonesys Händen zerrte Mr. Gray Janas hinterm Lenkrad hervor und trug ihn zur Leitplanke. Er warf die Leiche hinüber und nahm sich nicht die Zeit zuzusehen, wie sie den Hang hinab in das zugefrorene Flussbett stürzte. Er ging zurück zum Wagen, den Blick dabei starr auf die beiden in Plastik verpackten Bündel auf der Ladefläche gerichtet, und nickte dann. Die Tierkadaver taugten nichts. Das andere Bündel hingegen ... das würde nützlich sein. Darin wimmelte es nur so von etwas, das er brauchte.
Er sah unvermittelt hoch, und Jonesys Augen waren in dem Schneegestöber plötzlich weit aufgerissen. Der Besitzer dieses Körpers hatte sich aus seinem Versteck vorgewagt. War verletzlich. Gut, denn dieses Bewusstsein ärgerte ihn zusehends, ein unaufhörliches Gemurmel (das sich hin und wieder zu einem panischen Aufschrei erhob) auf der unteren Ebene seines Denkprozesses.
Mr. Gray hielt noch einen Moment lang inne und versuchte an gar nichts zu denken, damit Jonesy nicht die leiseste Warnung erhielt... und dann ging er zum Angriff über.
Er wusste nicht, was er erwartet hatte, das aber jedenfalls nicht.
Nicht dieses blendende weiße Licht.
Jonesy wäre fast übertölpelt worden. Wäre übertölpelt worden, hätte es die Neonröhren nicht gegeben, mit denen er seinen geistigen Lagerraum erleuchtete. Dieser Ort existierte zwar gar nicht, aber für ihn selbst war er doch real, und deshalb war er auch für Mr. Gray real, als Mr. Gray kam.
Jonesy, der den Kofferkuli mit den Kisten mit der Aufschrift derry schob, sah Mr. Gray wie von Zauberhand vorn in einem Gang zwischen hoch aufgestapelten Kartons auftauchen. Es war der rudimentäre Humanoid, der in der Hütte hinter ihm gestanden hatte, das Ding, das er im Krankenhaus besucht hatte. Die matten schwarzen Augen waren nun doch zum Leben erwacht, blickten gierig. Es hatte sich angeschlichen, hatte ihn außerhalb seiner Bürozuflucht ertappt und wollte ihn erledigen.
Doch dann zuckte sein unförmiger Kopf zurück, und ehe die dreifingrigen Hände die Augen bedecken konnten (es hatte keine Augenlider, nicht einmal Wimpern), sah Jonesy einen Ausdruck auf dieser grauen Skizze von einem Gesicht, bei dem es sich um Verblüffung handeln musste. Vielleicht sogar um Schmerz. Es war da draußen gewesen, im Schnee und der Dunkelheit, und hatte die Leiche des Fahrers beseitigt. Als es hier hereinkam, war es nicht auf diese grelle Supermarktbeleuchtung gefasst gewesen. Und er sah noch etwas: Der Außerirdische hatte sich den erstaunten Gesichtsausdruck von seinem Wirt geborgt. Für einen Moment war Mr. Gray eine gruslige Karikatur von Jonesy selbst.
Seine Überraschung verhalt Jonesy zum nötigen Vorsprung. Den Kofferkuli vor sich her schiebend, fast ohne es zu bemerken, und sich vorkommend wie die gefangene Prinzessin in irgendeinem durcheinander geratenen Märchen, lief er ins Büro. Er spürte mehr, als dass er sah, wie Mr. Gray mit seinen widerlichen dreifingerigen Händen nach ihm langte (die graue Haut darauf sah irgendwie roh aus, wie schon sehr lange liegendes ungekochtes Fleisch), und knallte die Bürotür genau vor ihnen zu. Er stieß sich mit der lädierten Hüfte am Kofferkuli, als er sich umdrehte -er nahm hin, dass er sich in seinem eigenen Kopf aufhielt, und nichtsdestotrotz blieb das alles vollkommen real -, und es gelang ihm eben noch, den Riegel vorzuschieben, ehe Mr. Gray den Türknauf umdrehen und sich gewaltsam Zutritt verschaffen konnte. Zur Sicherheit drückte Jonesy auch noch das Schnappschloss im Türknauf hinein. War das Schloss zuvor schon dagewesen, oder war es neu? Er konnte sich nicht erinnern.
Jonesy trat schwitzend von der Tür zurück und stieß jetzt mit dem Hintern gegen den Griff des Kofferkulis. Vor ihm drehte sich der Türknauf immer wieder hin und her. Mr. Gray war da draußen und steuerte seinen restlichen Geist -und auch seinen Körper -, aber hier herein konnte er nicht. Er konnte die Tür nicht aufbrechen, hatte nicht die Kraft, sie aufzurammen, und nicht den nötigen Grips, um das Schloss zu knacken.
Wieso? Wie konnte das sein?
»Duddits«, flüsterte er. »Das hat alles mit Duddits zu tun. Kein Prall, kein Spiel.«
Der Türknauf klapperte. »Lass mich rein!«, knurrte Mr. Gray, und für Jonesy hörte er sich gar nicht an wie ein Abgesandter aus einer anderen Galaxie, sondern einfach wie jemand, der stinksauer war, dass ihm etwas verwehrt wurde. Lag das daran, dass er Mr. Grays Verhalten nach Maßstäben beurteilte, die er, Jonesy, verstand? Dass er den Außerirdischen vermenschlichte? Ihn übersetzte?
»Lass ... mich ... REIN!«
Jonesy entgegnete spontan: »Bin ganz allein, bin ganz allein, ich lass dich nicht ins Haus herein.« Und dachte dann: Und du musst jetzt sagen: »Ich werde strampeln und trampeln, ich werde husten und prusten und dir dein Haus zusammenpusten!«
Aber Mr. Gray rüttelte nur noch vehementer am Türknauf. Er war es nicht gewöhnt, derart (oder überhaupt, dachte Jonesy) behindert zu werden, und war stinksauer. Janas' kurze Gegenwehr hatte ihn erstaunt, aber das hier war Widerstand auf einem gänzlich anderen Niveau.
»Wo bist du?«, rief Mr. Gray zornig. »Wie kannst du da drin sein? Komm raus!«
Jonesy antwortete nicht, stand nur inmitten der hingekippten Kartons und lauschte. Er war sich fast sicher, dass Mr. Gray nicht hereinkommen konnte, aber es war trotzdem besser, ihn nicht zu provozieren.
Und nachdem Mr. Gray noch etwas am Türknauf gerüttelt hatte, spürte Jonesy, wie er ihn in Ruhe ließ.
Jonesy ging zum Fenster, stieg dabei über die umgestürzten Kartons mit der Aufschrift duddits und derry und schaute hinaus in den Schnee und die Dunkelheit.
Mr. Gray setzte sich mit Jonesys Körper ans Steuer des Pick-up, knallte die Tür zu und trat aufs Gas. Der Wagen brauste los und verlor sofort die Straßenhaftung. Alle vier Reifen drehten durch, und der Wagen schlitterte, metallisch kreischend, mit einem Knall an die Leitplanke.
»Mist!«, brüllte Mr. Gray und griff dabei, fast ohne es zu merken, auf Jonesys Sprachschatz zurück. »Heilige Filzlaus! Knutsch mir die Kimme! Gekörnte Scheiße! Blas mir den Hobel aus!«
Dann hielt er inne und griff wieder auf Jonesys Fahrkenntnisse zu. Jonesy hatte einige Informationen über das Autofahren bei solchen Wetterverhältnissen, wenn auch längst nicht so viele wie Janas. Aber Janas war fort, seine Daten gelöscht. Was Jonesy wusste, musste reichen. Entscheidend war, das zu verlassen, was Janas in Gedanken »Q-Zone« genannt hatte. Außerhalb der Q-Zone war er in Sicherheit. Da hatte Janas keinen Zweifel gehabt.
Jonesys Fuß trat wieder aufs Gaspedal, diesmal aber viel behutsamer. Der Pickup setzte sich in Bewegung. Jonesys Hände steuerten den Chevrolet zurück auf die sich allmählich schließende Spur des Schneepflugs.
Unter dem Armaturenbrett meldete sich knackend das Funkgerät. »Tubby One, hier ist Tubby Four. Ich habe hier einen Sattelschlepper, der von der Straße abgekommen ist und umgestürzt auf dem Mittelstreifen liegt. Haben Sie verstanden?«
Mr. Gray konsultierte die Akten. Was Jonesy von militärischem Funkverkehr verstand, war kärglich und stammte größtenteils aus Büchern und etwas, das »Kino« hieß, aber vielleicht langte das ja. Er nahm das Mikrofon, tastete nach dem Knopf, den Jonesy offenbar seitlich daran vermutete, fand ihn und drückte drauf. »Verstanden«, sagte er. Würde Tubby Four merken, dass Tubby One nicht mehr Andy Janas war? Von Jonesys Akten ausgehend, glaubte Mr. Gray das kaum.