»Ein paar von uns richten ihn wieder auf und versuchen, ihn wieder fahrtüchtig zu machen. Er hat ausgerechnet das Essen geladen, verstanden?«
Mr. Gray drückte auf den Knopf. »Hat ausgerechnet das Essen geladen, verstanden.«
Es folgte eine längere Pause, lang genug, um sich zu fragen, ob er etwas Falsches gesagt hatte oder in irgendeine Falle getappt war, und dann sagte das Funkgerät: »Wir müssen wohl auf die nächsten Schneepflüge warten. Sie können genauso gut weiterfahren. Over?« Tubby Four hörte sich empört an. Jonesys Akten deuteten darauf hin, dass es daher kam, dass Janas mit seinem überragenden Fahrkönnen zu weit voraus war, um helfen zu können. Das war gut so. Er wäre sowieso weitergefahren, aber es war gut, dass er von Tubby Four die offizielle Erlaubnis dazu bekommen hatte, wenn das denn so etwas war.
Er sah in Jonesys Akten nach (die er nun sah, wie auch Jonesy sie sah: in Kisten in einem riesigen Saal) und sagte: »Verstanden. Tubby One, over and out.« Und dann schickte er noch hinterher: »Und einen schönen Abend noch.«
Dieses weiße Zeug war abscheulich. Tückisch und gefährlich. Trotzdem riskierte es Mr. Gray, ein bisschen schneller zu fahren. Solange er sich in dem Bereich aufhielt, der von den Streitkräften des Schreckgespenstes Kurtz beherrscht wurde, schwebte er in Gefahr. Sobald er aber durch das Netz geschlüpft war, würde er seinen Auftrag sehr schnell abschließen können.
Was er brauchte, hatte mit einem Ort namens Derry zu tun, und als Mr. Gray wieder in den Lagersaal ging, musste er etwas Erstaunliches feststellen: Sein unfreiwilliger Gastgeber und Wirt hatte das entweder gewusst oder geahnt, denn es waren die Derry-Akten gewesen, die Jonesy umgeräumt hatte, als Mr. Gray wiedergekommen war und ihn fast erwischt hätte.
Mr. Gray, plötzlich besorgt, durchsuchte die verbliebenen Kisten und beruhigte sich dann.
Was er brauchte, war noch da.
Neben der Kiste mit den wichtigsten Informationen lag eine andere, ganz kleine und staubige Kiste. Auf der Seite stand mit schwarzem Stift das Wort duddits geschrieben. Wenn es noch andere Duddits-Kisten gab, dann waren sie weggeräumt. Nur diese hier war übersehen worden.
Eher aus Neugier (seine Neugier hatte er sich auch aus Jonesys Gefühls-Repertoire geborgt) machte Mr. Gray sie auf. Eine knallgelbe Plastikschachtel befand sich darin. Absonderliche Figuren tollten darauf herum, Gestalten, die laut Jonesys Akten einerseits »Zeichentrickfiguren« und andererseits die »Scooby-Doos« waren. Auf einem Klebeettikett auf der Schachtel stand: ich gehöre duddits cavell, 19 maple lane,
DERRY, MAINE. WENN SICH DER JUNGE, DEM ICH GEHÖRE, VERLAUFEN HAT, RUFEN SIE
Gefolgt von einigen Zahlen, die so blass und unleserlich waren, dass er sie nicht entziffern konnte, wahrscheinlich ein Kommunikations-Code, an den sich Jonesy nicht mehr erinnerte. Mr. Gray warf den gelben Plastikbehälter, der wahrscheinlich für die Aufbewahrung von Nahrungsmitteln bestimmt war, beiseite. Das musste nichts bedeuten ... aber wenn es nichts bedeutete, warum hatte Jonesy dann sein restliches Leben aufs Spiel gesetzt, indem er die übrigen DuDDixs-Kisten (und auch einige mit der Aufschrift derry) in Sicherheit gebracht hatte?
Duddits - Kindheitsfreund. Mr. Gray wusste das von seiner ersten Begegnung mit Jonesy im »Krankenhaus« ... und wenn er gewusst hätte, zu was für einem Ärgernis sich Jonesy entwickeln würde, dann hätte er das Bewusstsein seines Wirts auf der Stelle ausgelöscht. Weder der Begriff »Kindheit« noch der Begriff »Freund« hatten für Mr. Gray irgendeinen emotionalen Wert, aber er verstand, was sie bedeuteten. Er verstand bloß nicht, inwiefern Jonesys Kindheitsfreund etwas damit zu tun haben konnte, was heute Abend passierte.
Eine mögliche Erklärung fiel ihm ein: Sein Wirt war wahnsinnig geworden. Aus seinem eigenen Körper vertrieben zu sein, hatte ihn geisteskrank gemacht, und er hatte einfach die Kisten genommen, die der Tür seiner verblüffenden Festung am nächsten standen, und hatte ihnen in seinem Wahnsinn eine Bedeutung beigemessen, die ihnen gar nicht zukam.
»Jonesy«, sagte Mr. Gray und sprach den Namen mit Jonesys Stimmbändern aus. Diese Wesen waren geniale Mechaniker (das mussten sie natürlich auch sein, um in einer so kalten Welt zu überleben), aber ihre Gedankengänge waren eigenartig und verkrüppelt: ohnehin rostige Gehirnwindungen noch in korrosive Gefühlspfützen getunkt. Ihre telepathischen Fähigkeiten waren lächerlich gering; die flüchtige Telepathie, die sie jetzt dank des Byrus und der Kim (»Leuchtfeuer« sagten sie dazu) erlebten, verwirrte und ängstigte sie. Mr. Gray konnte kaum fassen, dass sie sich noch nicht selbst ausgerottet hatten. Wesen, die zu echtem Denken nicht in der Lage waren, waren Wahnsinnige - das stand doch wohl außer Frage.
Doch immer noch keine Antwort von dem Wesen in diesem seltsamen, uneinnehmbaren Raum.
»Jonesy.«
Nichts. Aber Jonesy lauschte. Da war Mr. Gray sicher.
»Dieses Leiden ist überflüssig, Jonesy. Sieh uns als das an, was wir sind - nicht Invasoren, sondern Retter. Freunde.«
Mr. Gray dachte an die vielen Kisten. Für ein Wesen, das eigentlich nicht groß denken konnte, hatte Jonesy eine enorme Speicherkapazität. Frage, die ein andermal zu klären war: Wieso hatten Wesen, die so nur so armselig denken konnten, so viel Speicherfähigkeit? Hing das mit ihrer völlig übertriebenen emotionalen Veranlagung zusammen? Und dann störten diese Gefühle auch noch. Jonesys Gefühle störten ihn sehr. Sie waren immer gegenwärtig. Immer abrufbereit. Und es waren so viele.
»Krieg ... Hungersnöte ... ethnische Säuberungen ... Töten für den Frieden ... Massakrieren der Heiden um Jesu willen ... Totschlägen von Homosexuellen ... Bazillen in Flaschen, die Flaschen in der Spitze von Raketen, die auf jede Großstadt der Welt gerichtet sind ... also bitte, Jonesy, was ist da schon ein bisschen Byrus unter guten Freunden, verglichen mit Anthrax Typ vier? Heilige Filzlaus, ihr wärt in fünfzig Jahren sowieso alle tot! Wir tun euch nur guti Entspann dich und genieß es!«
»Du hast diesen Mann gezwungen, sich einen Stift ins Auge zu rammen.«
Grantig. Aber immerhin eine Reaktion. Der Wind toste, der Pickup schlitterte, und Mr. Gray fuhr und nutzte Jonesys Fähigkeiten. Die Sicht ging gegen null. Er hatte auf dreißig Stundenkilometer verlangsamt und würde vielleicht gut daran tun, für eine Weile rechts ran zu fahren, sobald er Kurtz' Netz hinter sich gelassen hatte. Und währenddessen konnte er mit seinem Wirt und Gastgeber plaudern. Mr. Gray bezweifelte, dass er Jonesy überreden konnte, aus diesem Raum herauszukommen, aber beim Plaudern verging wenigstens die Zeit schneller.
»Ich hatte keine andere Wahl, mein Freund. Ich brauchte den Wagen. Ich bin der Letzte.«
»Und ihr verliert nie.«
»Stimmt«, sagte Mr. Gray.
»Aber in so einer Situation warst du noch nie, nicht wahr? Du hattest noch nie jemanden, an den du nicht rangekommen bist.«
Wollte Jonesy ihn aufziehen? Mr. Gray verspürte einen leichten Anflug von Verärgerung. Und dann sagte Jonesy etwas, das Mr. Gray auch schon gedacht hatte.
»Vielleicht hättest du mich im Krankenhaus umbringen sollen. Oder war das nur ein Traum?«
Mr. Gray, der nicht recht wusste, was ein »Traum« war, machte sich nicht die Mühe zu antworten. Diesen verbarrikadierten Meuterer dort zu haben, wo mittlerweile einzig und allein Mr. Grays Gedanken herrschen sollten, wurde immer ärgerlicher. Er konnte es beispielsweise nicht ausstehen, sich selbst als »Mr. Gray« aufzufassen - das entsprach nicht seiner Vorstellung von sich oder dem Gattungshirn, dessen Teil er war; er konnte es nicht mal ausstehen, sich selbst als »er« aufzufassen, denn er gehörte beiden Geschlechtern an und keinem. Doch jetzt war er in diesen Vorstellungen gefangen und würde es bleiben, solange er Jonesys Wesenskern nicht absorbiert hatte. Ein schrecklicher Gedanke ging Mr. Gray durch den Sinn: Was war, wenn seine Vorstellungen nicht zutrafen?