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Jonesy wurde klar, dass er überhaupt nicht wach gewesen war. Aber jetzt war er es.

Jetzt war er wach.

Er nahm die Hände von der Tür und sagte, so klar und deutlich er konnte: »Friss Scheiße und stirb!« Er spürte Mr. Gray zurückschrecken. Er spürte sogar den Schmerz, als Mr. Gray an das Fenster stieß, und warum auch nicht? Schließlich waren es ja seine Nerven. Und sein Kopf, davon mal ganz abgesehen. Wenige Dinge in seinem Leben hatten ihm solches Vergnügen bereitet wie Mr. Grays empörte Verblüffung, und ihm wurde vage klar, was Mr. Gray längst wusste: Die fremde Macht in seinem Kopf hatte jetzt menschlichere Züge angenommen.

Wenn du als eigenständiges Lebewesen wiederkommen könntest, wärst du dann immer noch Mr. Gray?, fragte sich

Jonesy. Er glaubte es nicht. Mr. Pink vielleicht, aber nicht Mr. Gray.

Er wusste nicht, ob der Typ seine Monsieur-Mesmer-Nummer noch einmal ausprobieren würde, aber Jonesy beschloss, es nicht darauf ankommen zu lassen. Er machte kehrt und ging zum Bürofenster. Dabei stolperte er über eine Kiste und stieg dann über die übrigen hinweg. O Gott, tat seine Hüfte weh. Es war verrückt, solche Schmerzen zu empfinden, wenn man in seinem eigenen Kopf gefangen war (der, das hatte ihm Henry einmal versichert, gar kein Schmerzempfinden hatte, zumindest nicht, sobald man zu den grauen Zellen vordrang), aber trotzdem waren diese Schmerzen da. Er hatte irgendwo gelesen, dass Amputierte manchmal in Gliedmaßen, die es gar nicht mehr gab, schreckliche Schmerzen und unerträgliches Jucken empfanden; wahrscheinlich war das so ähnlich.

Vom Fenster aus bot sich wieder der langweilige Blick auf die mit Unkraut überwucherte, doppelspurige Auffahrt, die 1978 um das Lagerhaus der Gebrüder Tracker herumgeführt hatte. Der Himmel war weiß und bedeckt; wenn dieses Fenster in die Vergangenheit blickte, war die Zeit an einem Nachmittag stehen geblieben. Für diesen Ausblick sprach einzig und allein, dass Jonesy, wenn er hier stand, so weit wie möglich von Mr. Gray entfernt war.

Er vermutete, dass er den Ausblick durchaus ändern konnte, wenn er nur wirklich wollte; dass er hinausschauen und dabei sehen konnte, was Mr. Gray in diesem Moment mit den Augen von Gary Jones sah. Aber er hatte keine Lust dazu. Es gab da außer dem Schneesturm nichts zu sehen und außer Mr. Grays gestohlenem Zorn nichts zu empfinden.

Denk an etwas anderes, sagte er sich.

An was?

Ich weiß nicht - an irgendwas. Wie war's -

Auf dem Schreibtisch klingelte das Telefon, und das war so absonderlich wie etwas aus Alice im Wunderland, denn noch ein paar Minuten zuvor hatte es in diesem Raum gar kein Telefon gegeben und auch keinen Schreibtisch, auf dem es hätte stehen können. Nun gab es hier beides. Die hingeworfenen benutzten Gummis waren verschwunden. Der Fußboden war immer noch schmutzig, aber die Fliesen waren nicht mehr so staubig. Anscheinend hatte er so eine Art Flausmeister in seinem Kopf, einen Putzfimmler, der beschlossen hatte, der Raum solle wenigstens annehmbar sauber sein, wenn sich Jonesy schon eine Weile hier aufhalten würde. Er fand die Vorstellung beängstigend und fand es deprimierend, worauf das hindeutete.

Auf dem Schreibtisch schrillte wieder das Telefon. Jonesy nahm den Flörer ab und sagte: »Hallo?«

Bibers Stimme jagte ihm einen eiskalten Schauer über den Rücken. Ein Telefonanruf von einem Toten - so was gab es in den Filmen, die er mochte. Beziehungsweise früher gemocht hatte.

»Sein Kopf war ab, Jonesy. Er lag im Graben, und seine Augen waren voller Schlamm.«

Dann folgte ein Klicken, dann Totenstille. Jonesy legte auf und ging zurück ans Fenster. Die Auffahrt war verschwunden. Derry war verschwunden. Er sah ihre Flütte unter einem blassen, klaren, frühmorgendlichen Flimmel. Das Dach war schwarz und nicht grün, was bedeutete, dass dies ihre Flütte war, wie sie vor 1982 ausgesehen hatte, als die vier Jungs, mittlerweile stramme Fligh-School-Boys (na ja gut, Flenry war nie im eigentlichen Wortsinn »stramm« gewesen), Bibers Dad dabei geholfen hatten, das Dach mit den grünen Schindeln zu decken, die es bis zum Schluss hatte.

Aber Jonesy brauchte keine solche Eselsbrücke, um zu wissen, welches Jahr es war. Und er musste sich auch von niemandem erzählen lassen, dass die grünen Schindeln nicht mehr waren, dass ihre Flütte nicht mehr war, dass Flenry sie niedergebrannt hatte. Jeden Moment würde die Tür aufgehen und Biber herausgelaufen kommen. Es war 1978, das

Jahr, in dem das alles angefangen hatte, und jeden Moment würde Biber herausgelaufen kommen, nur bekleidet mit Boxershorts und seiner Motorradjacke mit den vielen Reißverschlüssen und den flatternden orangefarbenen Tüchern dran. Es war 1978, sie waren jung, und sie hatten sich verändert. Nichts mehr mit selbe Scheiße, anderer Tag. Dies war der Tag, an dem ihnen allmählich klar wurde, wie sehr sie sich verändert hatten.

Jonesy starrte wie gebannt aus dem Fenster.

Die Tür ging auf.

Biber Clarendon, vierzehn Jahre alt, kam herausgerannt.

Henry und Owen

Henry sah Owen im grellen Licht der Scheinwerfer auf sich zu stapfen. Underhill hatte den Kopf vor dem Schnee und dem auffrischenden Wind eingezogen. Henry machte den Mund auf und wollte ihm etwas zurufen, aber ehe er dazu kam, spürte er Jonesy so überdeutlich, dass es ihn fast umwarf. Und dann kam eine Erinnerung und blendete Underhill und die hell erleuchtete, verschneite Welt um ihn her vollkommen aus. Mit einem Mal war es wieder 1978, und zwar November und nicht Oktober, und da war Blut, Blut an den Rohrkolben und Glassplitter im Morast, und dann knallte die Tür.

Henry erwacht aus einem schrecklichen, wirren Traum -Blut, Glassplitter, der Gestank von Benzin und brennendem Gummi -, und hört eine Tür klappern und spürt einen Schwall kalter Luft. Er setzt sich auf und sieht Pete neben sich sitzen, und Pete hat Gänsehaut auf der unbehaarten Brust. Henry und Pete schlafen in ihren Schlafsäcken auf dem Fußboden, weil sie beim Auslosen verloren haben. Biber und Jonesy haben das Bett bekommen (später gibt es dann in ihrer Hütte ein drittes Schlafzimmer, aber jetzt sind es nur zwei, und eins hat Lamar durch das göttliche Vorrecht der Erwachsenen für sich allein), doch jetzt ist da nur

Jonesy drin, hat sich ebenfalls aufgesetzt und schaut auch verwirrt und ängstlich.

Scooby-ooby-Doo, wo bist du, denkt Henry ohne besonderen Anlass, als er auf dem Fensterbrett nach seiner Brille tastet. Er hat immer noch den Gestank von Benzin und brennenden Reifen in der Nase. Wir haben jetzt was zu tun -»Verunglückt«, sagt Jonesy mit träger Stimme und schlägt die Bettdecke zurück. Obenrum hat er nichts an, aber wie Henry und Pete auch ist er mit Socken und langer Unterhose schlafen gegangen.

»Ja, ins Wasser gestürzt«, sagt Pete, und seinem Gesichtsausdruck nach hat er nicht die leiseste Ahnung, worüber er da redet. »Henry, du hast seinen Schuh -«

»Mokassin -«, sagt Henry, hat aber auch keine Ahnung, wovon er da spricht. Und will es auch gar nicht wissen.

»Biber«, sagt Jonesy und springt unbeholfen aus dem Bett. Mit einem Fuß landet er auf Petes Hand.

»Au!«, schreit Pete. »Du hast mich getreten, du blöder Penner, pass doch auf, wo du -«

»Sei still, sei still«, sagt Henry, packt Pete an der Schulter und schüttelt ihn. »Weck Mr. Clarendon nicht auf!«

Was nicht schwierig wäre, denn die Tür ihres Zimmers steht offen. Wie auch die Tür am anderen Ende des großen Raums, die Haustür. Kein Wunder, dass ihnen kalt ist; es zieht wie Hechtsuppe. Da Henry jetzt seine Augen aufgesetzt hat (so denkt er darüber), sieht er den Traumfänger da draußen im kalten Novemberwind tanzen, der zur offen stehenden Haustür hereinkommt.

»Wo ist Duddits?«, fragt Jonesy mit benommener Ich-träume-noch-Stimme. »Ist er mit Biber rausgegangen?«