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»Der ist in Derry, du Dummkopf«, sagt Henry, steht auf und zieht sich sein Thermo-Unterhemd an. Und eigentlich kommt ihm Jonesy auch nicht wie ein Dummkopf vor; er hat auch so das Gefühl, als wäre Duddits gerade eben hier bei ihnen gewesen.

Das war der Traum, denkt er. leb habe von Duddits geträumt. Er saß auf der Böschung. Er hat geweint. Es tat ihm Leid. Das hat er nicht gewollt. Wenn jemand das gewollt hat, dann wir.

Und er hört immer noch jemanden weinen. Das Weinen weht, vom Wind getragen, zur Haustür herein. Aber es ist nicht Duddits; es ist der Biber.

Sie verlassen im Gänsemarsch das Zimmer, ziehen sich dabei schnell etwas über und halten sich nicht damit auf, Schuhe anzuziehen.

Eine gute Neuigkeit: Nach der Blechstadt aus Bierbüchsen auf dem Küchentisch (und einer ähnlichen Vorstadt auf dem Couchtisch) zu urteilen, würde es mehr als nur ein paar offen stehende Türen und flüsternde Kinder brauchen, um Bibers Dad zu wecken.

Die große Eingangsstufe aus Granit fühlt sich unter Henrys nur in Strümpfen steckenden Füßen eiskalt an, auf eine so vollkommen rücksichtslose Weise kalt, wie der Tod kalt sein muss, aber das merkt er kaum.

Er sieht den Biber sofort. Er kniet am Fuß des Ahornbaums mit dem Hochsitz im Geäst, als würde er beten. Seine Beine sind nackt, und er ist barfuß, das sieht Henry. Er hat seine Motorradjacke an, und an den Ärmeln flattern, wie Piratenschmuck, die dort festgeknoteten orangefarbenen Tücher, auf die sein Vater bestanden hat, als Biber unbedingt so etwas Bescheuertes und Unwaidmännisches wie diese Jacke im Wald tragen wollte. Sein Aufzug sieht ziemlich lustig aus; an seinem gequält blickenden Gesicht hingegen, das zu der fast nackten Baumkrone des Ahorns hochschaut, ist nichts lustig. Die Wangen des Bibers sind klatschnass von Tränen.

Henry rennt los. Pete und Jonesy laufen hinterher. Ihr Atem steht in weißen Schwaden in der kalten Morgenluft. Der mit Nadeln übersäte Erdboden unter Henrys Füßen ist rast so hart und kalt wie die Eingangsstufe aus Granit.

Er fällt vor Biber auf die Knie, ängstlich und irgendwie auch eingeschüchtert angesichts dieser Tränen. Denn der Biber vergießt nicht einfach nur ein, zwei männliche Tränen, wie es dem Held im Film gestattet ist, wenn sein Hund oder seine Freundin stirbt - nein, aus Biber strömen buchstäblich die Niagarafälle. Klar glitzernde Rotze hängt ihm in zwei Perlenschnüren aus der Nase. So was sieht man im Kino auch nie.

»Krass«, sagt Pete.

Henry wirft ihm einen tadelnden Blick zu, sieht dann aber, dass Pete gar nicht Biber anguckt, sondern an ihm vorbei zu einer dampfenden Lache Erbrochenem. Darin lässt sich Mais vom Vorabend erkennen (was die Verpflegung auf der Jagd angeht, ist Lamar Clarendon ein vehementer Verfechter der Vorzüge von Dosengerichten) und auch Fasern des Brathähnchens vom Vorabend. Henry dreht sich der Magen um. Und als sich seine Übelkeit eben wieder legt, reihert Jonesy los. Es klingt wie ein lauter, nasser Rülpser. Die Kotze ist braun.

»Krass!«, schreit Pete diesmal fast.

Biber scheint das nicht mal zu bemerken. »Henry!«, sagt er. Seine Augen sehen unter all den Tränen groß und unheimlich aus. Sie scheinen durch Henrys Gesicht hindurch in die Privatgemächer hinter seiner Stirn zu spähen.

»Schon gut, Biber. Du hast schlecht geträumt.«

»Klar, ein Albtraum.« Jonesys Stimme klingt belegt. Er hat immer noch Kotze in der Kehle. Er versucht sie mit einem ratschend klingenden Räuspern frei zu bekommen, das sich irgendwie noch schlimmer anhört als das, was er zuvor gemacht hat, bückt sich dann und spuckt. Die Hände stützt er dabei auf die Oberschenkel seiner langen Unterhose, und sein nackter Rücken ist von Gänsehaut überzogen.

Biber nimmt keine Notiz von Jonesy und auch nicht von Pete, als der sich auf der anderen Seite neben ihn kniet und plump und zögerlich einen Arm um Bibers Schultern legt. Biber sieht weiterhin nur Henry an.

»Sein Kopf war ab«, flüstert Biber.

Jonesy kniet sich auch hin, und jetzt knien sie alle drei um den Biber herum, Henry und Pete seitlich und Jonesy vor ihm. Jonesy hat Kotze am Kinn. Er will sie wegwischen, aber ehe er dazu kommt, nimmt Biber seine Hand. Die Jungen knien unterm Ahornbaum, und mit einem Mal sind sie vereint. Es hält nur kurz an, dieses Gefühl der Einheit, ist aber so stark und mächtig wie ihr Traum. Es ist der Traum, aber da sie jetzt wach sind, sehen sie es nun bei klarem Verstand und können es nicht einfach von der Hand weisen.

Jetzt ist es Jonesy, den der Biber mit seinen unheimlichen, in Tränen schwimmenden Augen ansieht. Dabei hält er Jone-sys Hand gepackt.

»Er lag im Graben, und seine Augen waren voller Schlamm.«

»Ja«, flüstert Jonesy mit ehrfürchtiger, zitternder Stimme. »O Gott, das stimmt.«

»Wir sehn uns wieder, hat er gesagt, wisst ihr noch?«, fragt Pete. »Entweder einzeln oder alle zusammen. Das hat er gesagt.«

Henry hört das alles wie aus weiter Ferne, denn er ist wieder zurück in diesem Traum. Ist zurück am Schauplatz des Unfalls. Unten an einer mit Müll übersäten Böschung gibt es ein Stück Morast, das von einem verstopften Abwasserkanal gespeist wird. Er kennt die Stelle, es ist an der Route 7, der alten Straße von Derry nach Newport. Dort im Matsch und der Jauche liegt ein umgekipptes, brennendes Auto. Der Gestank von Benzin und brennenden Reifen hängt in der Luft. Duddits weint. Duddits sitzt auf halber Höhe auf der mit Müll übersäten Böschung, hält sich seine gelbe Scooby-Doo-Lunchbox vor die Brust und weint sich die Augen aus.

Eine Hand ragt aus einem der Fenster des umgestürzten Autos. Sie ist schlank, und die Nägel sind so rot wie kandierte Äpfel. Die beiden anderen Insassen sind hinausgeschleudert worden, einer fast zehn Meter weit. Er liegt da mit dem Gesicht nach unten, aber Henry erkennt ihn an dem nassen Wust blonder Haare. Das ist Duncan, der gesagt hat, ihr werdet keinem Menschen was erzählen, sonst seid ihr nämlich tot. Bloß dass Duncan jetzt tot ist.

Etwas treibt an Henrys Schienbein vorbei. »Heb das nicht auf!«, sagt Pete eindringlich, aber Henry hört nicht auf ihn. Es ist ein brauner Wildleder-Mokassin. Er hat eben noch Zeit, das zu registrieren, und dann kreischen Biber und Jonesy in entsetzlichem, kindischem Gleichklang los. Sie stehen beieinander, bis zu den Fußknöcheln in der Jauche, und beide tragen sie ihre Jagdkluft: Jonesy seinen neuen, hell orangefarbenen Parka, eigens für diesen Ausflug bei Sears gekauft (und Mrs. Jones ist trotzdem unter Tränen davon überzeugt, dass ihr Sohn im Wald von der Kugel eines Jägers sterben wird, hingerafft in der Blüte seiner Jugend), Biber seine ranzige Motorradjacke (Du hast ja viele Reißverschlüsse an deiner Jacke!, hatte Duddits Mom bewundernd gesagt und damit für alle Zeiten einen Platz in Bibers Herz erobert), an deren Ärmeln orangefarbene Bänder festgeknotet sind. Sie schauen den dritten Leichnam nicht an, der gleich vor der Fahrertür liegt, aber Henry tut's doch, nur ganz kurz (immer noch den Mokassin wie ein kleines, voll Wasser gelaufenes Kanu in der Hand), denn auf eine schreckliche, grundlegende Weise stimmt etwas damit nicht, ist etwas daran so derart nicht in Ordnung, dass er für einen Moment gar nicht drauf kommt, was es ist. Dann wird ihm klar, dass da nichts aus dem Kragen der High-School-Jacke ragt, die die Leiche trägt. Biber und Jonesy kreischen, weil sie gesehen haben, was dort eigentlich hingehört. Sie haben Richie Grenadeaus Kopf gesehen, der mit dem Gesicht nach oben, zum Himmel glotzend, inmitten blutbespritzter Rohrkolben liegt. Henry weiß sofort, dass es Richie ist. Auch wenn er kein Pflaster mehr auf dem Nasenrücken hat, erkennt er auf Anhieb den Typ, der hinter dem

Gebäude der Gebrüder Tracker versucht hat, Hundekacke an Duddits zu verfüttern.

Duds ist da oben auf der Böschung und weint und weint, und dieses Weinen löst Kopfschmerzen aus wie bei einer Nebenhöhlenentzündung, und wenn er nicht damit aufhört, wird Henry noch wahnsinnig davon. Er lässt den Mokassin fallen und geht hinten um das brennende Auto herum zu Biber und Jonesy, die die Arme umeinander geschlungen haben.