Bevor Dodger antworten konnte, fuhr Sir Robert fort: »Ich glaube, Sie haben sich Feinde gemacht, weil, wie mir Ben sagte, Sie Ihre Heldentaten offenbar im Zusammenhang mit einer jungen Frau vollbringen, deren Sicherheit Sie gewährleisten wollen, solange sie sich in unserem Land befindet. Ich begrüße Ihre Einstellung, aber das kann auf Dauer nicht so weitergehen. Es gibt Hinweise, dass … andere in diese Situation verwickelt sind, Personen, die immer ungeduldiger werden.«
Er zog an seiner Zigarre und stieß blauen Rauch aus, der Dodger wie aromatischer Nebel entgegenschwebte.
»Es ist ganz offensichtlich ein Mord geschehen«, sagte der Boss der Peeler, »und ich muss dafür sorgen, dass jemand dafür zur Rechenschaft gezogen wird – obwohl das Opfer ein Herr war, der gegen Bezahlung gewisse Aufträge erledigte, ohne Fragen zu stellen und erst recht ohne Fragen zu beantworten. Er war Anwalt, bis ihm die anderen Anwälte auf die Schliche kamen, und dann wurde er zu einem Mittler und Wegbereiter, und zu einem guten noch dazu, denn er kannte alle juristischen Kniffe. Er spezialisierte sich darauf, Personen, die Verbrechen verüben wollten, mit anderen Personen zusammenzubringen, die sie gegen Entgelt für sie verübten, und natürlich bekam er dafür einen Anteil, ohne dass er sich die Hände schmutzig machen musste. Jetzt ist er auf sehr professionelle Weise umgebracht worden, und er hat das Sterben selbst übernommen, ohne einen anderen damit zu beauftragen. Ja, er ist tot, und Tote reden nicht. Übrigens eine sehr saubere Arbeit. Genauso gut hätte der Täter den Abwasch erledigen und die Katze füttern können, bevor er ging. Das Opfer hieß Schlauer Bob.«
Der Schlaue Bob war tot! Jemand hat ihn also erwischt, dachte Dodger. Daraus ergaben sich weitere Fragen. Was hatte der Schlaue Bob gewusst? Hatte er auf eigene Rechnung gearbeitet, nur um Geld zu verdienen? Oder war er für Dritte tätig gewesen, vielleicht für die Regierung, von der Mister Disraeli gesprochen hatte?
»Alle Polizisten kennen Sie, Mister Dodger«, sagte Sir Robert. »Wie auch die alten Bow-Street-Boys. Oft verdächtigt, aber nie angeklagt. Mussten nie vor den Kadi. Ein mir bekannter alter Bursche erzählte mir, dass es von Ihnen heißt, die Lady der Kanalisation schenke Ihnen ihren Schutz, und ich kann mir denken, dass viele von euch jeden erdenklichen Schutz benötigen. Wir sind nicht die Jungs von der Bow Street, Mister Dodger. Wir sind clever – Ihr Freund Charlie Dickens ist von unseren Methoden begeistert.« Sir Robert seufzte und fuhr fort: »Manchmal glaube ich, dass er selbst gern ein Peeler wäre, wenn ich es ihm gestatten würde. Gewiss gäbe er einen guten Peeler ab, wenn er nicht dauernd kritzeln und schreiben, kritzeln und schreiben würde. Wir wissen, was vor sich geht, Mister Dodger, aber manchmal halten wir es nicht für erforderlich, die Leute über unser Wissen in Kenntnis zu setzen.«
Er legte eine Pause ein, um an seiner Zigarre zu ziehen. »Mir ist bekannt, dass ein oder zwei Personen, die mit dem zuvor erwähnten Schlauen Bob in Verbindung standen, kürzlich an einen Herrn gerieten, den alle Dodger nennen, und es war für sie keine besonders angenehme Begegnung. Ein – sagen wir – Angestellter ist gestern Morgen einem unglückseligen Unfall zum Opfer gefallen: Gar nicht weit von Ihrem Viertel entfernt wurde er von einem Vierspänner überrollt, erstaunlicherweise gleich zweimal. Leider gibt es keine Zeugen, die Näheres über dieses traurige Ereignis berichten könnten.«
Dodgers Gedanken rasten. Jemand hatte den anderen Burschen gefunden, der Simplicity geschlagen hatte, jemand, der alles andere als zimperlich gewesen war. Alle, die mit dieser Sache zu tun hatten, schienen früher oder später als Tote zu enden …
»Wir fragen uns«, fuhr Sir Robert fort, »ob hier noch jemand im Spiel ist. Gewisse Leute werden unruhig und möchten die Angelegenheit geklärt wissen. Natürlich könnte ein eifriger Polizist glauben, dass sich besagter Mister Dodger über die Lakaien des Schlauen Bob geärgert hat und ihm oder seinen Gesandten schaden möchte. Allerdings waren Sie, wie ganz London weiß, gestern Morgen im Friseursalon von Mister Todd anderweitig beschäftigt. Sie scheinen viel Glück zu haben, Mister Dodger. Ein Mann, der gewöhnlich unsichtbar ist, wird in genau den richtigen Momenten erstaunlich sichtbar.« Er zögerte. »Allerdings teilen mir meine Informanten mit, dass es einen weiteren Mann gibt, der mit den beiden verstorbenen Herren in Verbindung steht. Heute Morgen hat man ihn mit gebrochener Nase gesichtet, und er soll auf seltsame Art und Weise gegangen sein … In dieser Hinsicht müssen vielleicht weitere Ermittlungen angestellt werden. Können Sie mir folgen? Ich stelle fest, dass Sie sehr still sind. Was ich durchaus vernünftig finde.«
Der Anführer der Peeler stand auf und klopfte die Asche seiner Zigarre in einen kleinen silbernen Aschenbecher. »Mister Dodger, ich leite die Polizei in dieser Stadt, was mich zu einem Polizisten macht, aber ich bin auch Politiker. Einem Mann, der so klug ist wie Sie, sollte klar sein, dass Politiker zwar rein theoretisch große Macht haben, sich manchmal aber darin verstricken, wenn es um ihre Ausübung geht, zumal sie wissen, dass man sie auf Schritt und Tritt beobachtet und alle ihre Entscheidungen infrage stellt. Agenten behalten jeden Hafen im Auge – lieber Himmel, das sollte gerade für Sie nichts Neues sein. An jedem Kai gibt es einen Schlammkriecher oder ein Schmuddelkind, das für ein paar kleine Münzen bereit wäre, nach jemandem Ausschau zu halten. Nun, einige von uns vertreten zwar öffentlich den Standpunkt der Regierung, sind aber der Meinung, dass eine unschuldige Person, die in Großbritannien Zuflucht gesucht hat, nicht gegen ihren Willen fortgeschickt werden sollte. Meine Güte, wir sind Briten! Wir sollten uns niemandem beugen. Es muss doch eine Möglichkeit geben, dieses Problem zu lösen, ohne einen Krieg zu riskieren.«
Dodger klappte der Mund auf. Ein Krieg? Wegen Simplicity?
»Mister Dodger«, fuhr das Oberhaupt der Peeler fort, »Sie und Miss Simplicity scheinen der Grund zu sein, warum Menschen ermordet werden und auch meine Leute in Schwierigkeiten geraten könnten. Wir müssen einen Ausweg finden, und zwar schnell, denn inzwischen dürften Sie verstanden haben, dass diese Sache weit über Miss Simplicity und Sie hinausgeht. Ich weiß, wie sehr Ihnen an der Sicherheit der jungen Dame gelegen ist, und wie Ihr Freund Charlie gesagt hat: Wenn Könige, Königinnen, Springer und Türme sich kaum mehr bewegen können, besteht durchaus die Möglichkeit, dass ein Bauer die Partie gewinnt. Wie Charlie bin ich daher der Meinung, dass ein Mann, der sich nicht ohne Weiteres mit der Regierung in Verbindung bringen lässt, derjenige sein könnte, der uns vielleicht hilft, eine Lösung zu finden.« Etwas leiser fügte er hinzu: »Sie sind ganz und gar Ihr eigener Herr, Mister Dodger, und was ich Ihnen gleich sage, werde ich abstreiten, sollten Sie es jemals in der Öffentlichkeit wiederholen – und Sie können sicher sein, dass man meinem Wort mehr Glauben schenken wird als Ihrem. Ich rede hier unter anderem deshalb mit Ihnen, um darauf hinzuweisen, dass Sie, was auch immer Sie tun, auf keinen Fall gegen das Gesetz verstoßen dürfen. Da ich gerade den Raum verlassen habe und die Stimme, die Sie hören, unmöglich meine sein kann, möchte ich auf Folgendes hinweisen: Manchmal kann das Gesetz … flexibel sein.«
Sir Robert trat näher zur Tür. »Und nun werden wir ohne ein weiteres Wort zu den anderen zurückkehren, als ob wir über nichts weiter gesprochen hätten als über moderne sanitäre Einrichtungen. Sie werden von mir hören, falls das noch einmal notwendig werden sollte. Wir …«, er zögerte noch einmal, »… werden Ihre Fortschritte mit großer Aufmerksamkeit verfolgen.« Der Anführer der Peeler sah die Panik in Dodgers Gesicht und lächelte erneut. »Seien Sie nicht allzu besorgt. Unterdessen haben wir es mit einem Mord zu tun, was eigentlich nur eine Leiche bedeutet. Wer weiß? Vielleicht hat das Opfer einen Klienten in einer ungesunden Umgebung getroffen und ist mit dem Kopf gegen etwas Hartes gestoßen; möglicherweise haben die Leute alles falsch verstanden. Und, Mister Dodger, damit wir uns richtig verstehen: Dieses Gespräch hat nie stattgefunden, klar?«