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Mister Bazalgette strahlte voller Freude. Ein Enthusiast, ganz klar. Ein Mann, der Zahlen, Zahnräder und Maschinen mochte und auch Abwasserkanäle. Mister Bazalgette muss ein Geschenk der Lady sein, dachte Dodger. »Sicher wissen Sie«, plapperte Bazalgette, als läse er Dodgers Gedanken, »oder vielleicht auch nicht, dass die Römer die Kanalisation gebaut haben. Sie glaubten sogar an eine Göttin der Kanalisation, die man heute Lady nennt, soweit ich weiß. Damals gaben sie ihr den Namen Cloacina. Vielleicht interessiert es Sie zu erfahren, dass vor nicht allzu langer Zeit ein Gentleman hier in England – ein gewisser Matthews – ein Gedicht über sie schrieb, dem Beispiel der Römer folgte und ihre Hilfe dabei erbat, wie soll ich es formulieren, ihm gewisse Körperfunktionen zu erleichtern, die ihn, wie es das Gedicht andeutete, morgens auf eine im wahrsten Sinn des Wortes harte Probe stellten.«

Nach allem, was Dodger gehört hatte, waren die Römer gewiefte Kerle gewesen, die außer Abwasserkanälen zum Beispiel auch Straßen gebaut hatten. Aber jetzt, ohne jede Vorwarnung, stellte sich plötzlich heraus, dass sie auch die Lady verehrt hatten. Solomons Beschreibungen zufolge waren die Römer ziemlich harte und gnadenlose Burschen gewesen, wenn man gegen sie antrat … und sie hatten an die Lady geglaubt. Nun, Dodger hatte zur Lady gebetet, so viel stand fest, aber er war nie so richtig von ihrer Existenz überzeugt gewesen und hatte nur halb an sie geglaubt. Aber nun erfuhr er, dass alle die großen Krieger, die damals in der Stadt gelebt hatten, für sie gekniet und gebetet hatten, damit ihre Haufen ein bisschen weicher wurden. Es konnte keine bessere Bestätigung geben. Dodger verwandelte sich, wenn auch auf Umwegen, in einen wahren Gläubigen.

Mister Bazalgette hüstelte. »Ist alles in Ordnung mit Ihnen, Mister Dodger? Sie wirken ein wenig geistesabwesend.«

Dodger kehrte rasch in die Wirklichkeit zurück, lächelte und sagte: »Es ist alles in bester Ordnung, Sir.«

Dann landete eine Hand auf seiner Schulter, und Charlie sagte vergnügt: »Bitte entschuldigen Sie, Mister Bazalgette, ich dachte schon, ich müsste unseren Freund an den Ausflug in die Kanalisation erinnern. Und auch Benjamin, denn jene von uns, die zu seinen Freunden zählen, sähen gern, wie der adrette Herr dort unten in den Kanälen zurechtkommt, insbesondere wenn er irgendwo ausrutscht, was natürlich hoffentlich nicht geschieht. Welche Schuhe er wohl tragen wird?« Charlie lächelte, nach Dodgers Meinung mit fröhlicher Bosheit. Es war nicht die gemeine Version von Bosheit, sondern vielleicht nur gutmütiger Spott, wie man einem Kumpel sagt, dass er für seine Stiefel zu groß wird. Vermutlich glaubte Charlie, der Ausflug in die Kanalisation werde sich nicht nur als lehrreich, sondern auch als unterhaltsam erweisen.

Während die Gäste umhergingen und sich voneinander verabschiedeten, sagte Dodger zu Charlie und den anderen: »Ich nehme an, dass die Herren sehr beschäftigt sind, und deshalb schlage ich vor, dass wir uns beim The Lion in Seven Dials treffen. Sie können dort Ihre Kutsche zurücklassen, und anschließend gehen wir zu Fuß zum Ausgangspunkt unserer Expedition. Übermorgen, einverstanden? Um sieben Uhr? Die Sonne wird tief stehen, und Sie werden überrascht sein, wie weit ihr Licht in die Abwasserkanäle hineinreicht, als wolle sie das Dunkel ganz und gar ausfüllen.« Er fügte hinzu: »Nichts für ungut, meine Herren, aber wenn ich Sie nach unten bringe und Ihnen dort etwas zustößt, bedeutet das nicht nur Ärger für Sie, sondern auch für mich. Deshalb sehe ich mich früher am Tag vor Ort um und vergewissere mich, dass es keine Probleme gibt. Sie hören von mir, falls es nötig wird, den Ausflug zu verschieben.«

Charlie nickte. »Das ist eine sehr vernünftige Vorsichtsmaßnahme, Dodger. Wie schade, das Henry nicht mit uns kommen kann! Was mich betrifft … Ich kann gar nicht abwarten, dass es losgeht. Was ist mit Ihnen, Mister Bazalgette?«

Die Augen des Ingenieurs funkelten. »Ich nehme meinen Theodoliten mit, außerdem wasserdichte Stiefel und eine strapazierfähige Lederhose, die mir dort unten sicher gute Dienste erweist. Danke, dass Sie uns mitnehmen, junger Mann. Ich freue mich sehr darauf, Sie übermorgen wiederzusehen. Und in der Kanalisation vielleicht Ihrer Lady zu begegnen.«

Mister Bazalgette machte sich auf den Weg zu seiner Kutsche, und Charlie wandte sich an Dodger. »Welche Lady könnte das sein?«, fragte er mit ausdrucksloser Miene.

»Wir haben über die Lady gesprochen«, erwiderte Dodger hastig. »Die Lady der Kanalisation. Und wenn du jetzt dein Notizbuch hervorholst, reiße ich dir die Finger ab, denn dies betrifft eine Sache, die nicht bekannt werden sollte.«

»Soll das heißen, dass du wirklich an eine Göttin der Kanalisation glaubst, Dodger?«, fragte Charlie.

»Nein, sie ist keine Göttin, nicht für Leute wie uns«, sagte Dodger. »Götter und Göttinnen sind was für Leute, die zur Kirche gehen. Sie lachen über Leute wie uns, aber sie lacht nicht. Bei ihr gibt es keine Erlösung, aber wie ich schon sagte: Wenn man gut mit ihr klarkommt, zeigt sie einem eines Tages vielleicht etwas Wertvolles. Jeder muss an etwas glauben, darauf kommt es letztendlich an. Und deshalb habe ich beschlossen, Simplicity zu retten. Ich meine, wie konnte ich in dem Lärm des Unwetters ihre Schreie hören? Aber ich habe sie gehört, und so glaube ich, dass ich von der Lady auf eine Reise geschickt wurde, und ich weiß nicht, wohin sie mich führen wird. Aber ich weiß, dass gewisse Leute über mir Simplicity am liebsten wegsperren würden, damit sie keine Schwierigkeiten macht, aber das lasse ich nicht zu, wer auch immer die Leute über mir sind. Ich habe gesagt, dass du nichts aufschreiben sollst!«

Die letzten Worte waren so scharf, dass Charlies Stift vom Notizbuch zurückzuckte. »Ich bitte um Entschuldigung, Dodger. Mein Versuch, einen Gedanken festzuhalten, hatte nichts mit Simplicity zu tun, das versichere ich dir.«

Dodger fuhr zusammen, als Angela neben ihnen erschien und sagte: »Der Wechsel der Zeit, Mister Dodger. Eine junge Königin auf dem Thron und eine neue Welt voller Möglichkeiten. Ihre Welt, wenn Sie entscheiden, sie dazu zu machen.« Sie beugte sich näher und flüsterte: »Ich weiß, dass Sir Robert mit Ihnen gesprochen hat, und ich kenne auch den Grund. Es gibt Räder innerhalb von Rädern. Achten Sie darauf, nicht dazwischenzugeraten und zermalmt zu werden. Ich bewundere einfallsreiche Männer, die bereit sind, die Welt zu verändern, und wissen Sie, manchmal helfe ich ihnen dabei. Und, Mister Dodger, wie Sie kann ich keine Leute ausstehen, die andere schikanieren oder auf ihnen herumtrampeln.« Sie zögerte und reichte ihm ein Stück Papier. »Nach allem, was mein Freund Sir Robert eben gesagt hat, könnten Sie diesen Ort bemerkenswert finden.«

Dodger blickte verlegen auf den Zettel. »Entschuldigen Sie, Miss«, sagte er. »Ist dies der Weg zu einer Ihrer Lumpenschulen?«

Angela zog die Augenbrauen zusammen, bis sie recht grimmig aussah. »Nicht unbedingt, Mister Dodger. Es ist ein Ort, an dem Sie jemandem eine Lektion erteilen könnten. Aber bitte wenden Sie sich jederzeit an mich, wenn Sie Hilfe brauchen.«

Und nun ragte Solomon wie eine Offenbarung auf, eine Offenbarung, die rosarot und etwas dicker war, als Dodger sie in Erinnerung hatte. »Hast du dich von allen verabschiedet und Danke schön gesagt? Sag Miss Simplicity auf Wiedersehen, und dann machen wir uns auf den Weg. Onan verzehrt sich bestimmt schon vor Sehnsucht nach uns.«

Dodger wandte sich um, und dort stand Simplicity, die schlicht sagte: »Wie schön, dich wiederzusehen, mein Held, und ich freue mich schon darauf, morgen mit dir das Theater zu besuchen, ja, ich freue mich wirklich.«

Als Solomon und er gingen, stand Simplicity neben der Gastgeberin an der Tür und warf ihm eine Kusshand zu, und plötzlich schwebte Dodger.