»Nur aus Neugier, Bellman. Warum ist gerade dieser Fall so wichtig für Sie?«
Bellman zuckte mit den Schultern. »Politik. Raubtiere brauchen Fleisch. Und vergessen Sie nicht, dass ich ein Tiger bin, Harry. Und Sie nur ein Löwe. Der Tiger wiegt mehr und hat mehr Hirn pro Kilo Körpergewicht. Die Römer im Colosseum wussten, dass der Löwe stirbt, wenn sie ihn zu dem Tiger in die Arena schicken.«
Harry sah, wie sich im Hörsaal ein Kopf umdrehte. Oleg lächelte ihn mit nach oben gestrecktem Daumen an. Der Junge war jetzt bald zweiundzwanzig. Harry hob ebenfalls den Daumen und versuchte zu lächeln. Als er sich wieder umdrehte, war Bellman verschwunden.
»In der Regel erkranken Männer am Othello-Syndrom«, dröhnte Aunes Stimme. »Während männliche Täter mit Othello-Syndrom die Tendenz haben, ihre Hände zum Morden zu benutzen, verwenden weibliche Othellos Schlagwaffen oder Messer.«
Harry hörte genau hin. Auf das dünne, dünne Eis über dem schwarzen Wasser unter seinen Füßen.
»Du siehst so ernst aus«, sagte Aune, als er von der Toilette zurück in Harrys Büro kam, den Rest seines Kaffees trank und den Mantel anzog. »Hat dir die Vorlesung nicht gefallen?«
»Doch, sehr. Bellman war da.«
»Habe ich gesehen. Was wollte er?«
»Er hat versucht, mich unter Druck zu setzen. Ich soll die Ermittlungen in dem aktuellen Mordfall übernehmen.«
»Und was hast du geantwortet?«
»Nein.«
Aune nickte. »Gut. Es frisst die Seele auf, wenn man so engen Kontakt mit dem Bösen hat, wie du und ich es gehabt haben. Für andere ist das vielleicht nicht zu erkennen, aber es hat schon einige von uns kaputtgemacht. Und es ist an der Zeit, dass unsere Liebsten endlich die Aufmerksamkeit bekommen, die bisher den Soziopathen vorbehalten war. Unsere Schicht ist um, Harry.«
»Willst du damit sagen, dass du raus bist?«
»Ja.«
»Nicht dass ich das nicht gut nachvollziehen könnte, aber gibt’s auch einen konkreten Anlass?«
Aune zuckte mit den Schultern. »Nur dass ich zu viel gearbeitet habe und zu wenig zu Hause war. Und wenn ich an Mordfällen arbeite, bin ich auch dann nicht zu Hause, wenn ich zu Hause bin. Das kennst du ja, Harry. Und Aurora, sie …« Aune blies die Wangen auf und atmete wieder aus. »Die Lehrer meinen, dass es langsam bergauf geht. Es kommt vor, dass Kinder in ihrem Alter extrem verschlossen sind und etwas ausprobieren. Eine Wunde auf dem Handrücken bedeutet noch nicht, dass sie sich systematisch selbst verletzen, das kann auch eine Art Experiment sein. Aber es ist immer besorgniserregend für einen Vater, wenn er nicht mehr zu seinem Kind durchdringt. Vielleicht besonders frustrierend für einen berühmten Psychologen.«
»Sie ist jetzt fünfzehn, oder?«
»Und noch bevor sie sechzehn ist, kann das alles vergessen sein und weit hinter uns liegen. Solche Phasen sind verdammt typisch für dieses Alter. Aber wenn man sich um seine Liebsten kümmern will, sollte man das nicht bis nach einem Fall aufschieben, bis zum Ende des Arbeitstages, sondern man sollte sofort für sie da sein. Oder was meinst du, Harry?«
Harry drückte seine unrasierte Oberlippe zwischen Daumen und Zeigefinger zusammen und nickte langsam. »Hm, schon.«
»Dann gehe ich jetzt«, sagte Aune, nahm seine Tasche und zog einen Stapel Fotos heraus. »Hier sind übrigens die Tatortfotos, die Katrine mir geschickt hat. Ich brauche sie, wie gesagt, nicht.«
»Und was soll ich damit?«, fragte Harry und starrte auf den Leichnam einer Frau auf einem blutigen Bett.
»Für den Unterricht, dachte ich. Du sprichst doch über diesen alten Fall, Das fünfte Zeichen, ich schließe daraus, dass du tatsächliche Mordfälle besprichst und echte Dokumente nutzt.«
»Die gelöst wurden«, sagte Harry und versuchte seinen Blick von dem Foto der Frau loszureißen. Das Setting kam ihm irgendwie bekannt vor. Wie ein Echo. Hatte er die Frau schon einmal gesehen? »Wie heißt das Opfer?«
»Elise Hermansen.«
Bei dem Namen klingelte nichts bei ihm. Harry sah sich das nächste Foto an. »Und die Wunden am Hals, was ist das?«
»Du hast wirklich nichts über diesen Fall gelesen? Der prangt doch auf jeder Titelseite. Kein Wunder, dass Bellman dich zu shanghaien versucht. Eisenzähne, Harry.«
»Eisenzähne? Ein Satanist?«
»Wenn du die VG liest, steht da auch etwas von meinem Kollegen Hallstein Smith. Er hat getwittert, dass da ein Vampirist sein Unwesen treibt.«
»Vampirist? Also ein Vampir?«
»Wenn das so einfach wäre«, sagte Aune und holte eine ausgerissene Zeitungsseite aus seiner Tasche. »Ein Vampir findet sich in der Zoologie und der Fiktion. Ein Vampirist ist laut Smith und einigen anderen Psychologen ein Mensch, der Befriedigung empfindet, wenn er das Blut anderer Menschen trinkt. Lies da …«
Harry las die Twitter-Meldung, auf die Aune deutete. Sein Blick blieb am letzten Satz hängen. Ein Vampirist wird immer wieder zuschlagen.
»Hm. Dass es davon nur wenige gibt, heißt ja nicht, dass in dieser Meldung nicht ein bisschen Wahrheit steckt, oder?«
»Bist du verrückt? Das ist völliger Unsinn, dabei mag ich ambitionierte Menschen wie Smith. Er hat aber in seinem Studium einen fatalen Fehler gemacht und sich so den Spitznamen Affe eingehandelt. Und ich fürchte, dass er deshalb in Psychologenkreisen weiterhin als nicht glaubwürdig gilt. Dabei war er ein wirklich vielversprechender Psychologe, bis er sich in das Thema Vampirismus verstiegen hat. Seine Artikel waren gar nicht schlecht, aber sie wurden natürlich in keiner einzigen Fachzeitschrift publiziert. Jetzt hat ihn wenigstens mal die VG zitiert.«
»Und warum glaubst du nicht an Vampirismus?«, fragte Harry. »Du hast doch selbst gesagt, dass es nichts gibt, was es nicht gibt.«
»Ja, schon, es gibt alles. Oder es wird es irgendwann geben. Unsere sexuelle Phantasie handelt von dem, was wir imstande sind, uns auszudenken und zu fühlen. Und das ist bekanntermaßen ziemlich grenzenlos. Dendrophilie zum Beispiel, sexuelle Erregung durch Bäume. Oder Kakorrhaphiaphilie, das bedeutet, dass du geil davon wirst zu versagen. Aber damit man von -philie oder -ismus sprechen kann, muss es für diese Abnormität schon eine gewisse Verbreitung und einen gemeinsamen Nenner geben. Smith und seine gleichgesinnten mythomanischen Psychologen haben sich ihren eigenen Ismus geschaffen. Aber sie irren sich, es gibt keine Gruppe sogenannter Vampiristen, die einem festen Handlungsmuster folgt, über das man Aussagen treffen könnte.« Aune knöpfte sich den Mantel zu und ging zur Tür. »Während die Tatsache, dass du unter Angst vor Nähe leidest und es nicht schaffst, deinen besten Freund zum Abschied in den Arm zu nehmen, schon genug Stoff für eine psychologische Theorie bietet. Grüß bitte Rakel von mir, und sag ihr, dass ich ihre Kopfschmerzen bannen werde? Harry?«
»Was? Ja, natürlich. Grüßen. Ich hoffe, die Sache mit Aurora klärt sich.«
Harry blieb sitzen und starrte vor sich hin, nachdem Aune gegangen war. Am Abend war er ins Wohnzimmer gekommen, als Rakel sich einen Film angesehen hatte. Nach einem Blick auf den Bildschirm hatte er sich gefragt, ob das ein James-Gray-Film war. Zu sehen war ein neutrales Straßenbild ohne Schauspieler, ohne auffällige Autos, kein besonderer Kamerawinkel, zwei Sekunden eines Films, den Harry nicht kannte. Obwohl, ein Bild ist nie ganz neutral. Harry hatte keine Ahnung, wieso ihm gerade dieser Regisseur eingefallen war. Abgesehen davon, dass er ein paar Monate zuvor einen James-Gray-Film gesehen hatte. Vielleicht also eine simple, automatische Kopplung. Ein Film, den er gesehen hatte, und irgendwann später ein Zwei-Sekunden-Ausschnitt, der ein oder zwei Details enthielt, die so schnell durch sein Hirn schossen, dass er nicht ausmachen konnte, worin der Wiedererkennungseffekt bestand.
Harry griff zu seinem Handy.
Zögerte. Dann suchte er die Nummer von Katrine Bratt heraus. Sah, dass ihr letzter Kontakt mehr als sechs Monate zurücklag. Eine SMS, in der sie ihm zum Geburtstag gratuliert hatte. Er hatte damals knapp mit »danke« geantwortet. Ohne Großbuchstaben oder Punkt. Er wusste, dass sie wusste, dass das nichts zu bedeuten hatte und er lediglich keine langen SMS mochte.