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Sein Anruf wurde nicht angenommen.

Als er ihre Direktnummer im Präsidium wählte, ging Magnus Skarre ans Telefon. »Oha, Harry Hole persönlich.« Die Ironie war so offenkundig, dass Harry kein Raum für Deutungen blieb. Er hatte nicht viele Fans im Morddezernat, und Skarre gehörte definitiv nicht dazu. »Nein, ich habe Bratt heute nicht gesehen. Was ungewöhnlich ist für eine frischernannte Ermittlungsleiterin. Wir haben hier nämlich verdammt viel zu tun.«

»Könntest du ihr sagen, dass ich …«

»Ruf lieber wieder an, Hole, wir müssen so schon genug im Kopf behalten.«

Harry legte auf. Trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte und sah zu dem Stapel Hausarbeiten, der auf der einen Seite des Schreibtischs lag. Und dem Stapel mit Fotos auf der anderen. Dachte an Bellmans Raubtieranalogie. Löwe? Tja, warum nicht? Er hatte gelesen, dass Löwen, die allein jagten, eine Erfolgsquote von nur 15 Prozent hatten. Und dass Löwen, wenn sie große ­Beutetiere töteten, diesen nicht die Kehle durchbeißen konnten, sondern sie ersticken mussten. Sie schlugen ihre Zähne in den Hals ihrer Opfer und drückten die Luftröhre zu. Was ­dauern konnte. Bei großen Tieren, zum Beispiel Wasserbüffeln, war es möglich, dass der Löwe sich und sein Opfer stundenlang quälte und dann trotzdem irgendwann aufgeben musste. Genau wie bei einer Mordermittlung. Harte Arbeit und kein Lohn.

Er hatte Rakel versprochen, sich für immer davon fernzuhalten. Er hatte es sich selbst versprochen.

Harry sah noch einmal auf den Stapel Fotos. Elise Hermansen. Der Name war hängengeblieben. Ebenso die Details des Fotos, wie sie auf dem Bett lag. Aber es waren nicht die Details, sondern der Gesamteindruck. Der Film, den Rakel gesehen hatte, hieß übrigens The Drop – Bargeld. Und der Regisseur war nicht James Gray. Harry hatte sich geirrt. 15 Prozent. Und dennoch.

Es war die Art, wie sie dort lag. Wie drapiert. Arrangiert. Das Echo eines vergessenen Traumes. Ein Ruf im Wald. Die Stimme eines Mannes, dessen Namen er vergessen wollte. Eines Mannes, der ihnen entkommen war.

Harry erinnerte sich an einen bekannten Gedanken: Der Moment, in dem er die Kontrolle verlor, den Deckel von der Flasche schraubte und den ersten Schluck nahm, war nicht entscheidend. Die Entscheidung war lange vorher gefallen. Danach war es nur noch eine Frage der Gelegenheit. Die kommen würde. Irgendwann würde die Flasche vor ihm stehen. Sie wartete schon lange auf ihn. Und er auf sie. Der Rest war bewegte elektrische Ladung, Magnetismus, die Unabänderlichkeit physikalischer Gesetze.

Verdammt. Verdammt.

Harry stand abrupt auf, nahm seine Lederjacke und hastete aus seinem Büro.

Er warf einen Blick in den Spiegel und sah, dass die Jacke saß, wie sie sitzen sollte. Er hatte ein letztes Mal ihr Profil gelesen und verachtete sie bereits. W in einem Namen, der wie sein eigener mit V geschrieben werden sollte. Das allein war Grund genug für Strafe. Er hätte ein anderes Opfer vorgezogen, jemanden, der mehr nach seinem Geschmack war. Wie Katrine Bratt. Aber die Entscheidung war ihm abgenommen worden. Die Frau mit dem W im Namen wartete auf ihn.

Er knöpfte den letzten Knopf der Jacke zu und ging nach draußen.

Kapitel 8

Freitag, tagsüber

»Wie hat Bellman dich überredet?« Gunnar Hagen stand am Fenster und drehte Harry den Rücken zu.

»Nun«, tönte es unverkennbar hinter ihm. »Er hat mir ein ­Angebot gemacht, das ich nicht ablehnen konnte.« Die Stimme war noch rauher als beim letzten Mal, als er sie gehört hatte, sie hatte aber denselben ruhigen Basston. Hagen wusste, dass ­einige seiner Kolleginnen meinten, das Schönste an Hole sei seine Stimme.

»Und was war das für ein Angebot?«

»Fünfzig Prozent höherer Überstundentarif und doppelte Pensionspunkte.«

Der Dezernatsleiter lachte kurz. »Und du stellst keine Bedingungen?«

»Nur dass ich mir noch einmal selbst meine Gruppe zusammenstellen darf. Ich will nur drei Leute.«

Gunnar Hagen drehte sich um. Harry saß in bequemer Haltung, die langen Beine ausgestreckt, vor Hagens Schreibtisch. Das schmale Gesicht hatte noch mehr Falten bekommen, und die dichten, kurzen Haare waren an den Schläfen grau geworden. Aber er war nicht mehr so mager wie bei ihrer letzten Begegnung. Das Weiß seiner Augen rund um die blaue Iris war vielleicht nicht ganz klar, aber auch nicht mehr komplett von roten Äderchen überzogen wie in Holes schlechtesten Zeiten.

»Bist du noch immer trocken, Harry?«

»Wie eine norwegische Ölquelle, Chef.«

»Hm. Du weißt aber schon, dass die norwegischen Ölquellen nicht trocken sind, sondern bloß geschlossen, bis die Ölpreise wieder steigen?«

»Genau das wollte ich damit sagen.«

Hagen schüttelte den Kopf. »Und ich dachte, du würdest mit den Jahren erwachsener werden.«

»Enttäuschend, nicht wahr? Wir werden nicht klüger, nur älter. Noch immer nichts von Katrine?«

Hagen warf einen Blick auf das Telefon. »Nein.«

»Sollten wir sie vielleicht anrufen?«

»Hallstein!« Der Ruf kam aus dem Wohnzimmer. »Die Kinder wollen, dass du noch mal den Habicht machst.«

Hallstein Smith seufzte resigniert, aber zufrieden, und legte das Buch Miscellany of Sex von Francesca Twinn auf den Küchentisch. Es war zwar interessant zu lesen, dass es auf den Trobriand-Inseln vor Papua-Neuguinea als Akt der Leidenschaft galt, die Augenwimpern der Frauen mit den Zähnen auszureißen, für seine Doktorarbeit war das aber nicht relevant. Da machte es schon deutlich mehr Freude, mit den eigenen Kindern zu spielen. Er war zwar noch müde von der letzten Runde, aber was sollte er machen? Geburtstag war Geburtstag. Und das viermal im Jahr bei vier Kindern. Oder sechsmal, die kleinen Geburtstage mitgerechnet mit eigenen Gästen, wenn die Eltern Geburtstag feierten. Oder zwölfmal, wenn auch der Halbjahrestag gefeiert wurde.

Er war auf dem Weg ins Wohnzimmer, wo die Kinder schon erwartungsvoll kreischten, als es klingelte.

Hallstein Smith öffnete, und die Frau, die vor der Tür stand, starrte ihm überrascht auf den Kopf.

»Ich muss vorgestern was mit Nüssen gegessen haben«, sagte er und kratzte die feuerroten Quaddeln auf seiner Stirn. »Die ­verschwinden in ein paar Tagen wieder.«

Erst jetzt registrierte er, dass sie sich nicht für seinen Ausschlag interessierte.

»Ach das«, sagte er und nahm den Kopfschmuck ab. »Das soll ein Habichtkopf sein.«

»Sieht eher aus wie ein Huhn«, sagte die Frau.

»Es ist eigentlich ein Osterküken, wir spielen aber, dass es ein Hühnerhabicht ist.«

»Mein Name ist Katrine Bratt. Ich bin vom Morddezernat der Osloer Polizei.«

Smith legte den Kopfschmuck zur Seite. »Stimmt, ich habe Sie gestern im Fernsehen gesehen. Geht es um meine Twitter-Nachricht? Das Telefon steht seither nicht mehr still. Es war nicht meine Absicht, einen solchen Wirbel zu verursachen.«

»Darf ich reinkommen?«

»Natürlich, aber … Ich hoffe nur, Sie haben nichts gegen etwas … Kinderlärm?«

Smith erklärte den Kindern, dass sie für eine Weile selber Habicht spielen müssten, und ging mit der Polizistin in die Küche.

»Sie sehen so aus, als könnten Sie einen Kaffee brauchen«, sagte Smith und goss ihr eine Tasse ein, ohne die Antwort abzuwarten.

»Es ist gestern Abend überraschend spät geworden«, sagte Katrine Bratt. »Ich habe verschlafen, ich bin gerade erst aufgestanden. Und dann habe ich auch noch mein Handy zu Hause ver­gessen. Dürfte ich von Ihrem Telefon kurz auf der Dienststelle anrufen?«

Smith reichte ihr sein Telefon und sah die Frau hilflos auf das beinahe antiquarische Ericsson-Gerät starren. »Meine Kinder nennen das Dumm-Phone. Soll ich Ihnen zeigen, wie es geht?«