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»Ich glaube, das kriege ich noch hin«, sagte Katrine. »Sagen Sie mir, was Sie diesem Bild entnehmen können?«

Während sie die Nummer eintippte, sah sich Smith das Foto, das sie ihm gegeben hatte, aufmerksam an.

»Ein Eisengebiss«, sagte er. »Aus der Türkei?«

»Nein, Caracas.«

»Ah. Ich weiß, dass es ein ganz ähnliches Gebiss im Archäologischen Museum in Istanbul gibt. Das soll von Soldaten aus der Armee von Alexander dem Großen benutzt worden sein, aber die Historiker bezweifeln das. Sie gehen eher davon aus, dass die Oberschicht es für irgendwelche sadomasochistischen Spielchen verwendet hat.« Smith kratzte sich an der Stirn. »Hat der Täter ein solches Gebiss benutzt?«

»Das wissen wir noch nicht sicher. Wir haben nur die Bisswunden des Opfers, Rost und Reste von schwarzer Farbe.«

»Ah!«, sagte Smith. »Dann müssen wir nach Japan.«

»Müssen wir?« Bratt hielt sich das Telefon ans Ohr.

»Sie haben vielleicht schon mal Fotos von japanischen Frauen gesehen, die sich die Zähne schwarz färben? Man nennt diese Tradition Ohaguro. Das bedeutet so viel wie ›Dunkelheit, nachdem die Sonne untergegangen ist‹. Die Anfänge dafür liegen in der Heian-Periode etwa achthundert Jahre nach Christi Geburt. Und … äh, soll ich weitermachen?«

Katrine hob bestätigend die Hand.

»Im Mittelalter soll ein Mogul im Norden Japans seine Soldaten aufgefordert haben, schwarz bemalte Eisengebisse zu tragen. Die Zähne dienten in erster Linie der Abschreckung, konnten im Nahkampf aber auch als Waffe eingesetzt werden. Kamen einem die Feinde so nah, dass die Handwaffen keine Hilfe mehr waren, konnte man ihnen mit den Zähnen die Kehle aufreißen.«

Die Polizistin signalisierte ihm, dass sie eine Verbindung hatte. »Hallo, Gunnar, hier ist Katrine. Ich wollte nur Bescheid geben, dass ich von zu Hause aus direkt zu Professor Smith gefahren bin … Ja, das ist der mit der Twitter-Nachricht. Und ich habe mein Handy zu Hause vergessen, sollte also jemand versucht haben, mich zu erreichen …« Sie hörte zu. »Du machst Witze.« Wieder war sie ein paar Sekunden still. »Harry Hole ist einfach zur Tür hereinspaziert und hat gesagt, dass er diesen Fall will? Lass uns später darüber reden.«

Sie gab Smith das Telefon zurück. »Also, erklären Sie mir, was Vampirismus ist.«

»Dann«, sagte Smith, »sollten wir vielleicht einen kleinen Spaziergang machen.«

Katrine ging neben Hallstein Smith über den geschotterten Weg, der vom Haus zu den alten Stallungen führte. Er erzählte ihr, dass seine Frau den Hof und neunzig Ar Land geerbt hatte und dass hier in Grini, nur wenige Kilometer vom Zentrum von Oslo entfernt, noch vor zwei Generationen Kühe und Pferde auf der Weide gestanden hätten. Trotzdem seien die knapp zehn Ar mit dem Bootshaus auf Nesøya, die Teil des Erbes waren, mehr wert. Das hätten sie aus den Angeboten schließen können, die ihnen ihre steinreichen Nachbarn dafür inzwischen gemacht hätten.

»Nesøya liegt nicht direkt vor der Tür, aber wir wollen trotzdem nicht verkaufen, bevor wir nicht wirklich müssen. Wir haben nur ein billiges Aluminiumboot mit einem 25-PS-Motor, aber ich liebe es. Sagen Sie das nicht meiner Frau, aber mir ist das Meer lieber als dieses Bauernland hier.«

»Ich bin auch an der Küste aufgewachsen«, sagte Katrine.

»Bergen, nicht wahr? Ich liebe den Bergener Dialekt. Ich habe ein paar Jahre in der Psychiatrie in Sandviken gearbeitet. Schön, aber viel Regen.«

Katrine nickte langsam. »Ja, in Sandviken regnet es ziemlich viel.«

Sie hatten die Stallungen erreicht. Smith nahm einen Schlüssel heraus und öffnete das Vorhängeschloss.

»Ein dickes Schloss für einen Stall«, sagte Katrine.

»Das vorige war zu klein«, sagte Smith. Er klang verbittert. Katrine trat über die Schwelle und stieß einen leisen Schrei aus, als der Boden unter ihren Füßen nachgab. Sie stand auf einer einen Meter breiten und anderthalb Meter langen, in den Betonboden eingelassenen Metallplatte, die von Druckfedern gehalten wurde. Langsam, nachdem die instabile Platte mehrmals mit ­einem Knirschen an den Rahmen gestoßen war, kam sie zum Stillstand. »Achtundfünfzig Kilo«, sagte Smith.

»Was?«

Er nickte nach links in Richtung eines Pfeils, der auf einer halbmondförmigen Skala zwischen fünfzig und sechzig anzeigte, und sie verstand, dass sie auf einer alten Großviehwaage stand. Sie kniff die Augen zusammen.

»Siebenundfünfzig Komma achtundsechzig.«

Smith lachte. »Auf jeden Fall weit unterhalb des Schlacht­gewichts. Ich muss zugeben, dass ich in der Regel von der Türschwelle über die Waage springe, ich mag den Gedanken nicht, dass jeder Tag mein letzter sein könnte.«

Sie gingen an einer Reihe von Boxen vorbei, bis sie vor einer richtigen Tür stehen blieben. Smith schloss auf. Sie befanden sich in einem Büro mit Schreibtisch und PC. Durch das Fenster sah man die Felder, und an der Wand hing die Zeichnung eines menschlichen Vampirs mit großen, dünnen Fledermausflügeln, langem Hals und viereckigem Gesicht. Das Regal hinter dem Schreibtisch war nur zur Hälfte mit Ordnern und Büchern gefüllt.

»Das ist alles, was jemals über Vampirismus publiziert wurde«, sagte Smith und strich mit der Hand über die Bücher. »Ziemlich übersichtlich. Aber um Ihre Frage, was Vampirismus ist, beantworten zu können, müssen wir zurück zu Vanden Bergh und Kelly ins Jahr 1964.« Smith zog eines der Bücher aus dem Regal, schlug es auf und begann zu lesen: »Vampirismus beschreibt die Handlung, Blut aus einem Objekt – in der Regel einem Objekt der Begierde – zu saugen und dadurch sexuelle Erregung und Befriedigung zu ­erlangen. So die offizielle Definition. Aber Sie wollen noch mehr wissen, nicht wahr?«

»Ich glaube schon«, sagte Katrine und betrachtete die Zeichnung des Menschenvampirs. Ein schönes Werk. Schlicht. Aber es strahlte eine Einsamkeit und Kälte aus, die sie unwillkürlich veranlasste, die Jacke enger um sich zu ziehen.

»Gehen wir ein bisschen mehr in die Tiefe«, sagte Smith. »Um es gleich zu sagen, Vampirismus ist keine wirklich neue Erfindung. Der Name kommt natürlich von den blutrünstigen, menschenähnlichen Wesen, deren Mythen seit vielen Jahrhunderten, besonders in Osteuropa und Griechenland, existieren. Die moderne Vorstellung von Vampiren entwickelte sich erst mit Bram Stokers Dracula 1897 und den ersten Vampirfilmen aus den dreißiger Jahren. Manche Forscher hängen dem Irrglauben an, dass Vampiristen, also ganz normale, aber kranke Menschen, von Letzteren inspiriert sind. Sie vergessen aber, dass Vampirismus bereits in diesem Buch erwähnt wurde.« Smith zog ein uraltes Buch mit einem brüchigen braunen Einband aus dem Regal. »Richard von Krafft-Ebings Psychopathia sexualis aus dem Jahr 1886, also bevor die Vampire richtig bekannt wurden.« Smith stellte das Buch vorsichtig wieder zurück und zog ein anderes Buch heraus.

»Meine eigene Forschung stützt sich darauf, dass Vampirismus verwandt ist mit zum Beispiel Nekrophagie, Nekrophilie und Sadismus, wie es auch der Autor dieses Artikels, Bourgui­gnon, meint.« Smith schlug das Buch auf. »Der Text stammt aus dem Jahr 1983, und Bourguignon schreibt darin: Vampirismus ist eine seltene zwanghafte Persönlichkeitsstörung, die gekennzeichnet ist von einem unbändigen Drang, Blut zu trinken. Der Vampirist folgt einem Ritual, das für ihn entscheidend ist, um mentale Linderung zu erfahren, wie bei anderen zwanghaften Leiden versteht der Vampirist selbst die Bedeutung dieses Rituals aber nicht.«

»Dann tut ein Vampirist einfach das, was Vampiristen tun? Sie können nicht anders?«

»Das ist stark vereinfacht, aber ja.«

»Kann uns einer dieser Ansätze helfen, das Profil eines Mörders zu erstellen, der seinen Opfern das Blut aussaugt?«

»Nein«, sagte Smith und stellte das Buch zurück. »Ein entsprechendes Werk wurde zwar geschrieben, steht aber nicht hier im Regal.«

»Warum nicht?«

»Weil es nie veröffentlicht wurde.«

Katrine musterte Smith. »Ihr eigenes?«