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»Mein eigenes«, sagte Smith traurig lächelnd.

»Was ist passiert?«

Smith zuckte mit den Schultern. »Das Umfeld war noch nicht bereit für diese radikale Psychologie. Weil ich dem hier die Stirn geboten habe.« Er zeigte auf einen Buchrücken. »Herschel Prins und seinem 1985 im British Journal of Psychiatry veröffentlichten Artikel. So etwas tut man nicht ungestraft. Ich wurde mit dem Argument niedergemacht, dass meine Resultate auf Fallstudien beruhten und nicht empirisch seien. Aber Empirie ist bei so wenigen Fällen von echtem Vampirismus per se gar nicht möglich, noch dazu lauten die meisten Diagnosen aus Mangel an Wissen Schizophrenie. Es ist mir leider auch nicht gelungen, die Öffentlichkeit für die Vampirismusforschung zu gewinnen. Ich habe es versucht, aber selbst Zeitschriften, die sich liebend gerne über ­irgendwelche amerikanischen B-Promis auslassen, hielten das Thema Vampirismus für unseriös und sensationslüstern. Und als ich endlich genug Forschungsergebnisse zusammenhatte, um mich gegen all diese Widerstände zur Wehr zu setzen, kam der Einbruch. Sie haben mir nicht nur den PC geklaut, sondern auch alles andere.« Smith breitete die Arme aus und zeigte auf die leeren Regalbretter. »All meine Patientenberichte sind weg, das komplette Archiv, bis auf die letzte Seite. Einige böswillige Kollegen behaupten, dass das ein Warnschuss gewesen sei, der mich davor bewahrt hätte, mich mit einer Veröffentlichung meines Materials zum Vampirismus noch mehr der Lächerlichkeit preiszugeben.«

Katrine fuhr mit dem Finger über den Rahmen des Vampirbildes. »Wer bricht irgendwo ein, um Patientenberichte zu stehlen?«

»Das wissen die Götter. Ein Kollege, denke ich. Ich habe damit gerechnet, dass irgendjemand mit meinen Theorien rauskommt, das ist aber nie geschehen.«

»Vielleicht wollten die Ihnen Ihre Patienten abjagen?«

Smith lachte. »Na, herzlichen Glückwunsch! Die sind so verrückt, die will niemand haben, glauben Sie mir. Die sind nur für die Forschung wichtig, nicht für das tägliche Einkommen. Würde meine Frau mit ihren Yogaschulen nicht so gut verdienen, könnten wir Hof und Bootshaus sicher nicht halten. Apropos, da drinnen gibt’s einen Kindergeburtstag, der auf einen Habicht wartet.«

Sie verließen das Büro, und als Smith die Tür abschloss, bemerkte Katrine die kleine Überwachungskamera, die an der Wand über den Boxen montiert war.

»Sie wissen, dass die Polizei bei kleineren Einbrüchen gar keine Ermittlungen mehr aufnimmt?«, fragte sie. »Auch wenn Sie Überwachungsfotos haben.«

»Ja, weiß ich«, sagte Smith seufzend. »Die ist für mich. Falls sie zurückkommen, will ich wissen, mit welchen Kollegen ich es zu tun habe. Ich habe auch draußen und am Tor Kameras installiert.«

Katrine musste lächeln. »Ich dachte, Akademiker wären superintelligente, grundehrliche Menschen, die ihre Nasen nur in Bücher stecken, und keine schnöden Diebe.«

»Oh, ich fürchte, wir sind auch nicht besser als die weniger Intelligenten«, sagte Smith und schüttelte traurig den Kopf. »Mich selbst eingeschlossen, nur damit das gesagt ist.«

»Ach ja?«

»Nichts Aufregendes. Nur ein Fehler, für den ein Kollege mich mit einem Spitznamen belohnt hat. Aber das ist lange her.« Wie lange es auch her sein mochte, Katrine bemerkte trotzdem, wie er kurz das Gesicht verzog.

Auf der Treppe vor dem Wohnhaus reichte Katrine ihm ihre ­Visitenkarte. »Falls die Medien Sie anrufen, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie nichts von unserem Gespräch erwähnen. Es könnte einen beunruhigenden Effekt haben, wenn es heißt, dass die Polizei der Vampirtheorie folgt.«

»Ach, die Medien rufen schon nicht an«, sagte Smith und warf einen Blick auf ihre Karte.

»Nicht? Die VG hat Ihre Twitter-Nachricht doch abgedruckt.«

»Aber interviewt haben sie mich nicht. Vielleicht hatten sie Bedenken, weil ich schon einmal die Pferde scheu gemacht habe.«

»Haben Sie?«

»Ja, bei einem Mordfall in den Neunzigern. Ich war mir ziemlich sicher, dass es das Werk eines Vampiristen war. Und dann noch bei einem Fall vor drei Jahren, ich weiß nicht, ob Sie sich daran erinnern.«

»Nein.«

»Es hat damals auch keine großen Schlagzeilen gegeben. Zum Glück, kann man wohl sagen.«

»Das ist jetzt also das dritte Mal, dass Sie Alarm schlagen?«

Smith nickte langsam und sah sie an. »Ja, das dritte Mal. Wie Sie sehen, ist mein Sündenregister ziemlich lang.«

»Hallstein?«, rief eine Frauenstimme von drinnen. »Kommst du?«

»Sofort, Liebes! Gib schon mal Habichtalarm! Kra, kra, kra!«

Als Katrine zum Tor des Grundstücks ging, hörte sie ein Gekreische hinter sich im Haus. Die Hysterie vor dem Hühnermassaker.

Kapitel 9

Freitagnachmittag

Um 15 Uhr hatte Katrine eine Besprechung mit der Kriminaltechnik, um 16 Uhr eine mit der Rechtsmedizin. Beide Treffen waren ernüchternd. Wiederum eine Stunde später saß sie im Büro des Polizeipräsidenten Mikael Bellman.

»Ich bin froh über deine positive Reaktion, dass wir Harry Hole ins Boot geholt haben.«

»Warum sollte ich nicht froh sein? Harry ist unser erfolgreichster Ermittler.«

»Andere Leiter hätten das vielleicht als – wie heißt das Wort, nach dem ich suche? – Provokation verstanden, wenn ihnen so ein erfahrener Haudegen in die Karten guckt.«

»Kein Problem, ich spiele immer mit offenen Karten.« Katrine lächelte knapp.

»Gut. Harry soll ja ohnehin seine eigene kleine, unabhängige Gruppe leiten, du brauchst also keine Angst zu haben, dass er sich einmischt. Und Konkurrenz belebt ja bekanntlich das Geschäft.« Bellman legte die Fingerkuppen aneinander, und Katrine bemerkte, dass einer seiner Pigmentflecken sich bis über den Ehering hinaus ausgebreitet hatte. »Ich stehe bei diesem Wettkampf natürlich auf Seiten der Konkurrentin. Ich hoffe, wir können mit schnellen Resultaten rechnen, Bratt.«

»So, so«, sagte Katrine tonlos und sah auf die Uhr.

»Wie bitte?«

Sie hörte die Irritation in seiner Stimme. »Du hoffst also auf schnelle Resultate.«

Sie war sich im Klaren darüber, dass sie den Polizeipräsidenten gerade mit voller Absicht provozierte. Nicht weil sie es wollte. Es ging einfach nicht anders.

»Und das solltest du auch tun, Hauptkommissarin Bratt. Frauenquote hin oder her, Jobs wie deinen gibt es nicht wie Sand am Meer.«

»Ich werde versuchen, mich würdig zu erweisen.«

Sie hielt seinem Blick stand. Die Augenklappe betonte, wie intensiv und schön das noch verbliebene Auge war. Und wie berechnend hart.

Sie hielt die Luft an.

Er lachte plötzlich laut. »Ich mag dich, Katrine. Aber ich muss dir einen Rat geben.«

Sie wartete, war auf alles vorbereitet.

»Bei der nächsten Pressekonferenz solltest du und nicht Hagen das Wort führen. Und am besten betonst du, wie kompliziert der Fall ist, dass wir noch keine konkreten Spuren haben und damit rechnen, dass die Ermittlungen sich eine ganze Weile hinziehen werden. Das bremst die Medien ein wenig aus und lässt uns mehr Spielraum.«

Katrine verschränkte die Arme vor der Brust. »Das kann den Mörder aber auch ermutigen und dazu bewegen, noch einmal zuzuschlagen.«

»Ich glaube nicht, dass den Mörder wirklich das antreibt, was in den Zeitungen steht.«

»Wenn du meinst. Ich muss jetzt wirklich die nächste Sitzung der Ermittlergruppe vorbereiten.«

Katrine sah die stille Warnung im Blick des Polizeipräsidenten. »Tu das, aber beherzige meinen Rat. Sag den Medien bei der nächsten Pressekonferenz, dass der Fall der schwierigste ist, mit dem du je zu tun hattest.«

»Ich …«

»Natürlich mit deinen eigenen Worten. Wann ist die nächste anberaumt?«

»Die für heute haben wir abgesagt, weil wir nichts Neues haben.«

»Okay. Und denk dran, die Freude, wenn wir den Fall lösen, wird umso größer sein, wenn wir ihn als kompliziert darstellen. Außerdem lügen wir ja nicht, wir haben wirklich nichts, oder? Noch dazu lieben die Medien große Rätsel. Betrachte das als Win-win-Situation.«