So, wie er das formulierte, war es ein zweifelhaftes Kompliment, aber ich empfand dennoch eine tiefe Wärme bei diesem Gedanken. Ich hatte Stunden damit verbracht, Mandy und Jem zu betrachten, mir die Einzelheiten ihres Aussehens einzuprägen, ihre Gestik. Hatte versucht, meine Beobachtungen weiterzuspinnen, mir vorzustellen, wie sie wohl aussehen würden, wenn sie größer wurden – und ich war mir fast sicher, dass Mandy ihren Mund von mir hatte. Ich wusste genau, dass sie meine Augenform hatte – und meine Haare, das arme Kind, auch wenn sie pechschwarz waren.
»Was haben sie getan?«
Er rieb sich mit den Fingern über die Nasenwurzel, als ob ihn die Stirn juckte.
»Sie waren im Freien«, sagte er langsam. »Jem hat ihr gesagt, sie sollte irgendetwas tun, und sie hat ihn vor das Schienbein getreten und ist vor ihm davongelaufen, also ist er ihr nachgelaufen. Ich glaube, es war Herbst.« Er lächelte, und sein Blick war auf das geheftet, was er in seinem Traum gesehen hatte. »Ich erinnere mich an die gelben Blättchen, die sich in ihrem Haar verfangen und wie Schneegestöber auf den Steinen gelegen haben.«
»Auf welchen Steinen?«, fragte ich scharf.
»Oh. Auf den Grabsteinen«, antwortete er bereitwillig. »Das ist es – sie haben zwischen den Steinen auf dem Hügel hinter Lallybroch gespielt.«
Ich seufzte glücklich. Das war schon das dritte Mal, dass er sie im Traum in Lallybroch sah. Möglich, dass der Wunsch der Vater dieses Gedankens war, aber ich wusste, dass ihn das Gefühl, sie könnten dort ein Zuhause gefunden haben, genauso glücklich machte wie mich.
»Es könnte ja sein«, sagte ich. »Roger ist dort gewesen – als wir auf der Suche nach dir waren. Er hat gesagt, es war leer und stand zum Verkauf. Brianna hat ja Geld; vielleicht haben sie es gekauft. Es könnte sein, dass sie dort sind!« Ich erzählte ihm das nicht zum ersten Mal, doch er nickte zufrieden.
»Aye, es könnte sein«, sagte er. Sein Blick war immer noch sanft von der Erinnerung an die Kinder, die Nachlaufen spielten im langen Gras zwischen den Steinen, die die Ruheplätze seiner Familie markierten.
»Ein Schmetterling ist ihnen nachgeflogen«, sagte er plötzlich. »Das hatte ich ganz vergessen. Er war blau.«
»Blau? Gibt es denn blaue Schmetterlinge in Schottland?« Ich versuchte stirnrunzelnd, mich zu erinnern. Die Schmetterlinge, die mir aufgefallen waren, waren meistens weiß oder gelb gewesen, dachte ich.
Jamie sah mich ein wenig ungeduldig an.
»Es ist ein Traum, Sassenach. Ich könnte ebenso von Schmetterlingen mit karierten Flügeln träumen, wenn ich wollte.«
Ich lachte, weigerte mich aber, mich ablenken zu lassen.
»Also schön. Aber was war es denn, was dich so beunruhigt hat?«
Er sah mich neugierig an.
»Woher hast du gewusst, dass ich beunruhigt war?«
Ich sah ihn von oben herab an – soweit das angesichts unseres Größenunterschieds möglich war.
»Du hast zwar kein gläsernes Gesicht, aber ich bin seit über dreißig Jahren mit dir verheiratet.«
Er verzichtete darauf, die Tatsache zu kommentieren, dass ich zwanzig davon nicht an seiner Seite verbracht hatte, und lächelte nur.
»Aye. Nun ja. Eigentlich war es nichts. Nur dass sie in den Turm gegangen sind.«
»Den Turm?«, sagte ich unsicher. Der betagte Turm, von dem Lallybroch seinen Namen hatte, stand auf dem Hügel hinter dem Haus, und sein Schatten marschierte Tag für Tag über den Friedhof wie der Zeiger einer gigantischen Sonnenuhr. Jamie und ich waren während unserer Zeit in Lallybroch oft dort hinaufgegangen, um uns auf die Bank zu setzen, die an der Wand des Turmes stand, dort dem Gewimmel des Hauses zu entfliehen und den friedlichen Anblick des Anwesens zu genießen, das weiß und grün im sanften Zwielicht unter uns ausgebreitet lag.
Die kleine Falte zwischen seinen Augenbrauen war wieder da.
»Den Turm«, wiederholte er und sah mich hilflos an. »Ich weiß nicht, was es war. Nur, dass ich nicht wollte, dass sie hineingehen. Es … hat sich angefühlt, als wäre etwas darin. Etwas, das wartete. Und es war mir einfach nicht geheuer.«
Dritter Teil
Privatier
Kapitel 23
Korrespondenz von der Front
3. Oktober 1776
Ellesmere
an Lady Dorothea Grey
Liebe Cousine,
ich schreibe Dir in Eile, um den Kurier noch zu erwischen. Ich bin im Begriff, in Hauptmann Richardsons Auftrag eine kurze Reise in Begleitung eines anderen Offiziers anzutreten, und weiß nicht mit Sicherheit, wo ich mich in nächster Zukunft aufhalten werde. Du kannst mir zu Händen Deines Bruders Adam schreiben; ich werde mich bemühen, die Korrespondenz mit ihm aufrechtzuerhalten.
Ich habe Deinen Auftrag ausgeführt, so gut ich konnte, und stehe Dir auch weiter zu Diensten. Bitte richte meinem Vater und dem Deinen meine besten Grüße sowie meine fortwährende Zuneigung aus und versäume es nicht, einen Großteil der Letzteren auch für Dich selbst zu behalten.
Gehorsamst, Dein
William
3. Oktober 1776
Lieber Vater,
nach reiflicher Überlegung habe ich beschlossen, Hauptmann Richardsons Angebot anzunehmen und einen ranghohen Offizier nach Quebec zu begleiten, um ihm dort als Dolmetscher zu dienen, da man mein Französisch für hinreichend hält. General Howe ist einverstanden.
Ich bin Hauptmann Randall-Isaacs noch nicht begegnet, werde aber nächste Woche in Albany zu ihm stoßen. Ich weiß nicht, wann wir zurückkehren werden, und ich kann nicht sagen, ob ich Gelegenheit haben werde zu schreiben, doch ich werde es tun, wenn ich kann, und bitte Dich, in der Zwischenzeit in Liebe zu denken an
Deinen Sohn
William
Ende Oktober 1776
Quebec
William wusste nicht recht, was er von Hauptmann Denys Randall-Isaacs halten sollte. Nach außen hin war er ein freundlicher, unauffälliger Mann, wie man ihn in jedem Regiment fand; etwa dreißig, brauchbar beim Kartenspiel, immer zu Scherzen aufgelegt, auf romantische Weise gut aussehend, offen und verlässlich. Außerdem war er ein sehr angenehmer Reisebegleiter, denn er verfügte über einen großen Fundus an unterhaltsamen Geschichten für unterwegs und kannte sich bestens mit obszönen Liedern und schlüpfrigen Gedichten aus.
Was er nicht tat, war, über sich selbst zu reden. Was Williams Erfahrung nach das war, was die meisten Menschen am besten konnten – oder zumindest am häufigsten taten.
Er hatte versucht, vorsichtig in ihn zu dringen, indem er mit der dramatischen Geschichte seiner Geburt herausrückte, und war dafür mit einigen nüchternen Fakten belohnt worden: Randall-Isaacs’ Vater, ein Dragoneroffizier, war vor seiner Geburt auf dem Highlandfeldzug umgekommen, und seine Mutter hatte ein Jahr später wieder geheiratet.
»Mein Stiefvater ist Jude«, hatte er William erzählt. »Ein reicher Jude«, hatte er hinzugefügt und ironisch gelächelt.
William hatte freundlich genickt.
»Besser als ein armer«, hatte er gesagt und es dabei belassen. Es war zwar nicht viel, doch es erklärte zumindest, warum Randall-Isaacs für Richardson arbeitete, anstatt bei den Lanciers oder den Füsilieren dem Ruhm nachzujagen. Mit Geld konnte man zwar ein Patent kaufen, doch das garantierte noch lange nicht, dass einen das Regiment auch herzlich aufnahm – oder dass sich einem jene Art von Gelegenheiten bot, wie man sie durch Familienverbindungen und echten Einfluss bekam.