Zwar fragte sich William flüchtig, warum genau er seinen eigenen beachtlichen Verbindungen den Rücken kehrte, um sich an Hauptmann Richardsons zwielichtigen Unternehmungen zu beteiligen, doch dieses Thema tat er als eines ab, mit dem er sich später befassen konnte.
»Erstaunlich«, murmelte Denys und legte den Kopf in den Nacken. Sie hatten ihre Pferde auf der Straße angehalten, die vom Ufer des St.-Lorenz-Stroms zur Zitadelle Quebec emporführte; von hier konnten sie das steile Felsenkliff sehen, das Wolfes Truppen vor siebzehn Jahren erklommen hatten, um den Franzosen die Zitadelle – und Quebec – abzunehmen.
»Mein Vater ist ebenfalls dort hinaufgeklettert«, sagte William und versuchte, es ungerührt klingen zu lassen. Randall-Isaacs’ Kopf fuhr erstaunt zu ihm herum. »Wirklich? Ihr meint, Lord John – er hat mit Wolfe auf dem Abrahamsfeld gekämpft?«
»Ja.« William betrachtete die Felsen mit gebührendem Respekt. Sie waren zwar dicht mit Baumschösslingen bewachsen, doch die Oberfläche darunter bestand aus bröckeligem Schiefer; durch die Blätter konnte er dunkle Risse in allen Größen und Formen sehen. Bei der Vorstellung, eine solche Anhöhe im Dunkeln zu erklimmen, und nicht nur das, sondern die ganze Artillerie mit nach oben zu schleppen, schauderte es ihn.
»Er hat gesagt, die Schlacht war vorbei, kaum dass sie angefangen hatte – es wurde nur die eine große Salve abgefeuert –, doch der Aufstieg zum Schlachtfeld war das Schlimmste, das er je erlebt hat.«
Randall-Isaacs grunzte respektvoll und hielt einen Moment inne, bevor er die Zügel wieder aufnahm.
»Ihr sagt, Euer Vater kennt Sir Guy?«, sagte er. »Er wird es gewiss zu schätzen wissen, diese Geschichte zu hören.«
William fixierte seinen Begleiter. Eigentlich hatte er nicht gesagt, dass Lord John mit Sir Guy Carleton, dem Oberbefehlshaber für Nordamerika, bekannt war – obwohl es stimmte. Sein Vater kannte schlichtweg jeden. Und bei diesem simplen Gedanken begriff er plötzlich, was seine wahre Funktion bei dieser Expedition war. Er war Randall-Isaacs’ Visitenkarte.
Es stimmte zwar, dass er sehr gut Französisch sprach – Fremdsprachen lernte er leicht – und dass Randall Isaacs’ Französisch nur rudimentär war. Was das betraf, hatte ihm Richardson wahrscheinlich die Wahrheit gesagt; es war immer besser, einen Dolmetscher zu haben, dem man vertrauen konnte. Doch selbst wenn sich Randall-Isaacs auf schmeichelhafte Weise an William interessiert gezeigt hatte, kam William nun verspätet zu Bewusstsein, dass er sich sehr viel ausdrücklicher für Lord John interessiert hatte: die Höhepunkte seiner militärischen Laufbahn, die Orte, an die er abkommandiert worden war, mit oder unter wem er gedient hatte, wen er kannte.
Zweimal war es bereits geschehen. Sie hatten bei den Kommandeuren von Fort St. John und Fort Chambly angeklopft, und beide Male hatte Randall-Isaacs die Vorstellung übernommen und beiläufig erwähnt, dass William Lord John Greys Sohn war. Woraufhin der offizielle Empfang umgehend zu einem langen Abend voller Erinnerungen und Gespräche dahinschmolz, beflügelt von gutem Brandy. Im Verlauf dieser Abende – so begriff William jetzt – war es ihm und den Kommandeuren überlassen geblieben zu reden. Und Randall-Isaacs hatte dagesessen und zugehört, und sein gut aussehendes Gesicht hatte voll schmeichelhaftem Interesse geleuchtet.
Hmm, dachte William. Nun, da er es ausgeknobelt hatte, wusste er nicht genau, was er davon halten sollte. Einerseits war er mit sich zufrieden, weil ihm gedämmert hatte, was da vor sich ging. Andererseits freute es ihn weitaus weniger zu denken, dass man ihn hauptsächlich seiner Verbindungen wegen ausgewählt hatte statt aufgrund seiner eigenen Vorzüge.
Zumindest war es nützlich, wenn auch ernüchternd, dies zu wissen. Was er nicht wusste, war, welche Rolle Randall-Isaacs spielte. Sammelte er lediglich Informationen für Richardson? Oder hatte er zusätzliche Aufgaben, von denen niemand sprach? Randall-Isaacs hatte ihn schon öfter allein gelassen und schulterzuckend angemerkt, er hätte etwas Persönliches zu erledigen, wofür sein eigenes Französisch wohl ausreichte.
Den spärlichen Auskünften nach, die ihm Richardson gegeben hatte, waren sie hier, um sich einen Überblick über die politischen Überzeugungen der französischen Habitants und der englischen Siedler in Quebec zu verschaffen und herauszufinden, wen diese unterstützen würden, falls die amerikanischen Rebellen einen Einfall wagten oder der Kontinentalkongress es mit Drohungen oder Versprechungen versuchte.
Bis jetzt schienen diese Überzeugungen eindeutig zu sein, wenn auch nicht so, wie sie es erwartet hatten. Die französischen Siedler der Gegend hielten es mit Sir Guy, der – als Generalgouverneur Nordamerikas – in Quebec ein Gesetz erlassen hatte, das den Katholizismus legalisierte und den Handel der französischen Katholiken unter Schutz stellte. Die Engländer waren verständlicherweise aufgebracht über ebendieses Gesetz, und sie hatten sich im vergangenen Winter während des amerikanischen Angriffs auf die Stadt in Scharen geweigert, Sir Guys Ruf nach dem Beistand der Milizen Folge zu leisten.
»Sie müssen verrückt gewesen sein«, sagte er zu Randall-Isaacs, während sie das freie Feld vor der Zitadelle überquerten. »Die Amerikaner, die das letztes Jahr hier versucht haben, meine ich.«
Sie hatten die Felsenkante erklommen, und die Zitadelle erhob sich vor ihnen aus der Ebene, friedvoll und massiv – sehr massiv – in der Herbstsonne. Es war ein warmer, herrlicher Tag, und die lebendigen Erdgerüche von Fluss und Wald erfüllten die Luft. Einen solchen Wald hatte er noch nie gesehen. Die Bäume, die die Ebene und die Ufer des St.-Lorenz-Stroms säumten, wuchsen undurchdringlich dicht und leuchteten golden und rot. Vor dem dunklen Hintergrund des Wassers und dem unmöglichen Dunkelblau des endlosen Oktoberhimmels bekam er das traumähnliche Gefühl, durch ein mittelalterliches Gemälde zu reiten, das vom Blattgold erglänzte und von einem Leuchten erfüllt war, das nicht von dieser Welt zu sein schien.
Doch jenseits der Schönheit des Ortes spürte er seine Wildheit. Spürte sie mit einer Klarheit, in der er selbst durchscheinend zu werden glaubte. Die Tage waren zwar noch warm, doch die Kälte des Winters war ein scharfer Zahn, der mit jedem Abend im Zwielicht und später in der Dunkelheit fester zubiss. Er benötigte nicht viel Fantasie, um diese Ebene so vor sich zu sehen, wie sie in ein paar Wochen aussehen würde, in undurchdringliches Eis gehüllt, weiß und feindselig gegenüber allem Leben. Er war gerade zweihundert Meilen weit geritten und hatte am eigenen Leib erlebt, wie schwierig es schon bei schönem Wetter war, nur zwei Reiter mit Nahrung zu versorgen – eine Erfahrung, zu der sich das Wissen um die Not desjenigen gesellte, der bei schlechtem Wetter eine ganze Armee versorgen musste.
»Wenn sie nicht verrückt wären, würden sie das, was sie tun, ja lassen«, unterbrach Randall-Isaacs seine Gedankengänge. Er blieb ebenfalls einen Moment stehen, um die Aussicht mit dem Blick eines Soldaten zu betrachten. »Allerdings war es Oberst Arnold, der sie angeführt hat. Der Mann ist absolut verrückt. Aber ein verdammt guter Soldat.« In seiner Stimme klang Bewunderung mit, und William blinzelte ihn neugierig an.
»Kennt Ihr ihn denn?«, fragte er so beiläufig wie möglich, und Randall-Isaacs lachte.
»Nicht persönlich«, erwiderte er. »Kommt mit.« Er gab seinem Pferd die Sporen, und sie wandten sich dem Tor der Zitadelle zu. Doch sein Gesicht trug eine belustigte, halb verächtliche Miene, als sei er mit einer Erinnerung beschäftigt, und eine Minute später sprach er weiter.
»Er hätte es schaffen können, die Stadt einzunehmen. Arnold, meine ich. Sir Guy hatte keine nennenswerten Truppen, und wenn Arnold zum geplanten Zeitpunkt hier angekommen wäre und genug Munition dabeigehabt hätte – nun, dann wäre alles anders gekommen. Aber er hat den Falschen nach dem Weg gefragt.«
»Wie meint Ihr das?«
Randall-Isaacs’ Miene war plötzlich argwöhnisch, doch dann schien er innerlich mit den Achseln zu zucken, als wollte er sagen, was soll’s? Er war gut gelaunt und freute sich nach wochenlangen Übernachtungen in finsteren Wäldern gewiss schon auf ein heißes Abendessen und ein gemütliches Bett.
»Er konnte nicht den Landweg nehmen«, sagte er. Auf der Suche nach einer Möglichkeit, eine ganze Armee und ihre Ausrüstung auf dem Wasserweg nach Norden zu transportieren, hatte sich Arnold nach jemandem umgesehen, der die gefährliche Reise schon einmal unternommen hatte und die Flüsse und Anlegestellen kannte, erzählte Randall-Isaacs. Diesen Jemand hatte er auch gefunden – Samuel Goodwin.
»Aber er ist nicht auf die Idee gekommen, dass Goodwin Loyalist sein könnte.« Randall-Isaacs schüttelte den Kopf über eine solche Naivität. »Goodwin ist zu mir gekommen und hat mich gefragt, was er tun sollte. Ich habe es ihm gesagt, und er hat Arnold seine Landkarten überlassen – die er für diesen Zweck sorgfältig umgezeichnet hatte.«
Sie hatten ihren Zweck prompt erfüllt. Indem er falsche Entfernungsangaben machte, Landmarken entfernte, Durchfahrten anzeigte, wo keine waren, und Arnold Karten überließ, die reine Fantasiegespinste waren, war es Mr Goodwin gelungen, Arnolds Armee tief in die Wildnis zu locken, wo die Männer gezwungen waren, ihre Boote und Vorräte tagelang über Land zu tragen, und sie schließlich so in Zeitverzug gerieten, dass sie ein gutes Stück von Quebec entfernt vom Winter eingeholt wurden.
Randall-Isaacs lachte, obwohl ein Hauch von Bedauern darin mitschwang, dachte William.
»Ich war erstaunt zu hören, dass er es tatsächlich geschafft hatte. Von allem anderen abgesehen, hatten ihn zusätzlich die Zimmerleute beschwindelt, die ihm die Boote bauten. Ich glaube zwar, dass dies reines Unvermögen war und nichts mit Politik zu tun hatte, doch heutzutage ist das manchmal schwer zu sagen. Sie waren aus grünem Holz gezimmert und schlecht abgedichtet. Mehr als die Hälfte davon sind innerhalb der ersten Tage auseinandergefallen und gesunken. Es muss die Hölle gewesen sein«, murmelte Randall-Isaacs wie zu sich selbst. Dann richtete er sich gerade auf und schüttelte den Kopf.
»Aber sie sind ihm gefolgt. All seine Männer. Nur eine einzige Kompanie ist umgekehrt. Halb verhungert, halb nackt, halb erfroren … sind ihm die anderen gefolgt«, wiederholte er staunend. Er sah William lächelnd von der Seite an. »Glaubt Ihr, Eure Männer würden Euch ebenfalls folgen, Leutnant? Unter solchen Umständen?«
»Ich hoffe, dass ich mehr Verstand haben und sie gar nicht erst in solche Umstände bringen würde«, erwiderte William trocken. »Was ist denn eigentlich aus Arnold geworden? Hat man ihn gefangen genommen?«
»Nein«, sagte Randall-Isaacs nachdenklich und hob die Hand, um den Wachtposten am Tor der Zitadelle zuzuwinken. »Nein, das hat man nicht. Gott allein weiß, was aus ihm geworden ist. Oder vielleicht Gott und Sir Guy. Ich hoffe, Letzterer kann es uns erzählen.«