»Wie meint Ihr das?«
Randall-Isaacs’ Miene war plötzlich argwöhnisch, doch dann schien er innerlich mit den Achseln zu zucken, als wollte er sagen, was soll’s? Er war gut gelaunt und freute sich nach wochenlangen Übernachtungen in finsteren Wäldern gewiss schon auf ein heißes Abendessen und ein gemütliches Bett.
»Er konnte nicht den Landweg nehmen«, sagte er. Auf der Suche nach einer Möglichkeit, eine ganze Armee und ihre Ausrüstung auf dem Wasserweg nach Norden zu transportieren, hatte sich Arnold nach jemandem umgesehen, der die gefährliche Reise schon einmal unternommen hatte und die Flüsse und Anlegestellen kannte, erzählte Randall-Isaacs. Diesen Jemand hatte er auch gefunden – Samuel Goodwin.
»Aber er ist nicht auf die Idee gekommen, dass Goodwin Loyalist sein könnte.« Randall-Isaacs schüttelte den Kopf über eine solche Naivität. »Goodwin ist zu mir gekommen und hat mich gefragt, was er tun sollte. Ich habe es ihm gesagt, und er hat Arnold seine Landkarten überlassen – die er für diesen Zweck sorgfältig umgezeichnet hatte.«
Sie hatten ihren Zweck prompt erfüllt. Indem er falsche Entfernungsangaben machte, Landmarken entfernte, Durchfahrten anzeigte, wo keine waren, und Arnold Karten überließ, die reine Fantasiegespinste waren, war es Mr Goodwin gelungen, Arnolds Armee tief in die Wildnis zu locken, wo die Männer gezwungen waren, ihre Boote und Vorräte tagelang über Land zu tragen, und sie schließlich so in Zeitverzug gerieten, dass sie ein gutes Stück von Quebec entfernt vom Winter eingeholt wurden.
Randall-Isaacs lachte, obwohl ein Hauch von Bedauern darin mitschwang, dachte William.
»Ich war erstaunt zu hören, dass er es tatsächlich geschafft hatte. Von allem anderen abgesehen, hatten ihn zusätzlich die Zimmerleute beschwindelt, die ihm die Boote bauten. Ich glaube zwar, dass dies reines Unvermögen war und nichts mit Politik zu tun hatte, doch heutzutage ist das manchmal schwer zu sagen. Sie waren aus grünem Holz gezimmert und schlecht abgedichtet. Mehr als die Hälfte davon sind innerhalb der ersten Tage auseinandergefallen und gesunken. Es muss die Hölle gewesen sein«, murmelte Randall-Isaacs wie zu sich selbst. Dann richtete er sich gerade auf und schüttelte den Kopf.
»Aber sie sind ihm gefolgt. All seine Männer. Nur eine einzige Kompanie ist umgekehrt. Halb verhungert, halb nackt, halb erfroren … sind ihm die anderen gefolgt«, wiederholte er staunend. Er sah William lächelnd von der Seite an. »Glaubt Ihr, Eure Männer würden Euch ebenfalls folgen, Leutnant? Unter solchen Umständen?«
»Ich hoffe, dass ich mehr Verstand haben und sie gar nicht erst in solche Umstände bringen würde«, erwiderte William trocken. »Was ist denn eigentlich aus Arnold geworden? Hat man ihn gefangen genommen?«
»Nein«, sagte Randall-Isaacs nachdenklich und hob die Hand, um den Wachtposten am Tor der Zitadelle zuzuwinken. »Nein, das hat man nicht. Gott allein weiß, was aus ihm geworden ist. Oder vielleicht Gott und Sir Guy. Ich hoffe, Letzterer kann es uns erzählen.«
Kapitel 24
Joyeux Noël
London
24. Dezember 1776
Die meisten wohlhabenden Puffmütter waren recht korpulente Geschöpfe, dachte Lord John. Ob es nur daran lag, dass sie jetzt den Hunger stillten, dessen Sättigung ihnen in ihrer Jugend verwehrt geblieben war, oder ob es ein Schutzschild gegen jede Möglichkeit einer Rückkehr in die niedrigeren Gefilde ihres Gewerbes war, jedenfalls waren sie fast alle üppig gebaut.
Nicht jedoch Nessie. Er konnte ihren Körper als Schatten durch ihr dünnes Musselinhemd sehen – er hatte sie unwissentlich aus dem Schlaf geweckt –, als sie jetzt vor dem Kamin stand, um sich etwas überzuziehen. Sie hatte nicht ein Gramm mehr am Leib als bei ihrer ersten Begegnung. Damals war sie – so sagte sie jedenfalls – vierzehn gewesen, obwohl er selbst sie eher für elf gehalten hatte.
Damit musste sie jetzt etwas über dreißig sein. Sie sah immer noch aus wie vierzehn.
Er lächelte bei diesem Gedanken, und sie erwiderte sein Lächeln, während sie sich ihren Morgenrock zuband. Das Lächeln ließ sie ein wenig altern, denn sie hatte Zahnlücken, und die verbliebenen Zähne waren an den Wurzeln schwarz. Wenn sie nicht korpulent war, so lag es jedenfalls nicht daran, dass es ihr an der Gelegenheit dazu mangelte; sie liebte Zuckerzeug und konnte in Minutenschnelle eine ganze Schachtel kandierte Veilchen oder türkisches Konfekt essen, als Ausgleich für den Hunger ihrer Jugend in den schottischen Highlands. Er hatte ihr ein Pfund gezuckerte Pflaumen mitgebracht.
»Und Ihr glaubt, so billig bin ich zu haben?«, sagte sie und zog die Augenbraue hoch, als sie ihm die hübsch verpackte Schachtel abnahm.
»Niemals«, versicherte er ihr. »Das ist nur meine Entschuldigung dafür, dass ich Euren Schlaf gestört habe.« Diese Antwort war improvisiert; eigentlich hatte er erwartet, sie bei der Arbeit anzutreffen. Schließlich war es nach zehn Uhr abends.
»Aye, nun ja, es ist Heiligabend«, sagte sie als Antwort auf seine unausgesprochene Frage. »Jeder Mann, der ein Zuhause hat, ist dort.« Sie gähnte, zog sich das Nachthäubchen vom Kopf und fuhr sich mit den Fingern durch die wilde Masse ihrer dunklen Locken.
»Und doch scheint Ihr einige Kunden zu haben«, stellte er fest. Zwei Etagen unter ihnen sang jemand, und der Salon hatte einen gut besuchten Eindruck gemacht, als er daran vorbeiging.
»Och, aye. Die ganz Verzweifelten. Ich überlasse sie Maybelle; ich will sie nicht sehen, die armen Gestalten. Mitleiderregend. Sie wollen eigentlich gar keine Frau, die Männer, die Heiligabend kommen – nur ein Feuer, an dem sie sitzen können, und ein bisschen Gesellschaft.« Sie winkte mit einer Geste ab und setzte sich, um gierig die Schleife an ihrem Geschenk zu öffnen.
»Dann möchte ich Euch frohe Weihnachten wünschen«, sagte er und beobachtete sie voll amüsierter Zuneigung. Sie steckte sich ein Stück Konfekt in den Mund, schloss die Augen und seufzte ekstatisch.
»Mmp«, machte sie und steckte sich das nächste Stück in den Mund, ohne vorher zu schlucken. Aus dem freundlichen Ton dieser Bemerkung schloss er, dass sie die guten Wünsche zum Fest erwiderte.
Er hatte natürlich gewusst, dass Heiligabend war, doch während der langen, kalten Tagesstunden hatte er dies irgendwie verdrängt. Es hatte den ganzen Tag geschüttet, beißende Nadeln aus gefrierendem Regen, der hin und wieder Verstärkung durch wütende Hagelböen bekam, und er fror, seit ihn Minnies Bediensteter kurz vor Tagesanbruch geweckt und nach Argus House bestellt hatte.
Nessies Zimmer war klein, aber elegant, und es roch angenehm nach Schlaf. Ihr riesiges Bett hatte Wollvorhänge im hochmodischen rosa-schwarzen »Queen Charlotte«-Karomuster. Müde, durchgefroren und hungrig, wie er war, spürte er den Lockruf dieser warmen, einladenden Höhle mit ihren Bergen von Daunenkissen, ihren Quilts und ihren sauberen Laken. Was würde sie wohl denken, fragte er sich, wenn er sie bat, heute Nacht ihr Bett zu teilen?
Ein Feuer, an dem sie sitzen können, und ein bisschen Gesellschaft. Nun, das hatte er, zumindest vorerst.
Ein leises Summen drängte sich in Greys Bewusstsein, wie eine im Zimmer gefangene Fliege, die gegen ein Fenster fliegt. Er wandte den Kopf in die Richtung, aus der das Geräusch kam, und stellte fest, dass das, was er nur für einen Berg zerwühlter Bettwäsche gehalten hatte, in Wirklichkeit einen Menschen enthielt; auf dem Kissen lag der reich verzierte Quast einer Nachthaube.
»Ach, das ist nur Rab«, sagte eine belustigte schottische Stimme, und als er sich wieder umdrehte, grinste sie ihn an. »Kleiner Dreier gefällig?«
Noch während er rot wurde, begriff er, dass er sie nicht nur um ihrer selbst willen gernhatte oder wegen ihres Talents für die Spionage, sondern zudem, weil sie die unübertroffene Fähigkeit besaß, ihn aus der Fassung zu bringen. Er ging zwar davon aus, dass sie nicht exakt über seine persönlichen Sehnsüchte Bescheid wusste, doch sie arbeitete seit ihrer Kindheit als Hure und hatte wahrscheinlich ein gutes Gespür für die Sehnsüchte beinahe jedes Menschen, ob bewusst oder nicht.