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»Oh, lieber nicht«, antwortete er höflich. »Ich möchte Euren Mann nicht stören.« Er versuchte, nicht an Rab MacNabs brutale Hände und kräftige Oberschenkel zu denken; vor seiner Hochzeit mit Nessie und der erfolgreichen Eröffnung ihres gemeinsamen Bordells war Rab Sänftenträger gewesen. Er konnte doch nicht etwa …?

»Den bekommt nicht einmal eine Kanone wach«, sagte sie und warf einen liebevollen Blick auf das Bett. Doch sie stand auf und zog die Vorhänge zu, um das Schnarchen zu dämpfen.

»Und wo wir schon von Kanonen sprechen«, fügte sie hinzu und bückte sich beim Zurückkommen, um einen genauen Blick auf Grey zu werfen, »Ihr seht so aus, als wärt Ihr im Krieg gewesen. Hier, trinkt einen Schluck, und ich lasse Euch etwas Warmes zu essen kommen.« Sie wies auf den Dekanter und die Gläser auf ihrem Beistelltischchen und griff nach der Schnur ihrer Glocke.

»Nein danke. Ich habe nicht viel Zeit. Aber ich trinke gern einen Tropfen, um die Kälte zu vertreiben, danke.«

Der Whisky – etwas anderes trank sie nicht; Gin bezeichnete sie verächtlich als Bettlergesöff, und Wein galt in ihren Augen zwar als gut, aber unzureichend – wärmte ihn, und sein nasser Rock hatte in der Hitze des Feuers zu dampfen begonnen.

»Ihr habt nicht viel Zeit«, sagte sie. »Und warum nicht?«

»Ich fahre nach Frankreich«, sagte er. »Morgen früh.«

Ihre Augenbrauen fuhren in die Höhe, und sie schob sich noch eine Zuckerfrucht in den Mund.

»Oh, kein Weiachen miger Famiie?«

»Ihr solltet nicht mit vollem Mund sprechen, meine Liebe«, sagte er, lächelte aber trotzdem. »Mein Bruder hatte gestern Abend einen schweren Anfall. Sein Herz, sagt sein Quacksalber, aber ich glaube nicht, dass er wirklich etwas weiß. Jedenfalls dürfte das Weihnachtsessen etwas nüchterner ausfallen als üblich.«

»Tut mir leid, das zu hören«, sagte Nessie, deutlicher jetzt. Sie wischte sich einen Zuckerrest aus dem Mundwinkel und runzelte sorgenvoll die Stirn. »Seine Lordschaft ist ein guter Mensch.«

»Ja, er –« Er hielt inne und starrte sie an. »Ihr kennt meinen Bruder?«

Nessie lächelte ihn sittsam an.

»Diskretion ist die wichtigste Handelsware, wenn man ein Bordell führt«, flötete sie und plapperte damit eindeutig den klugen Spruch eines ihrer früheren Arbeitgeber nach.

»Sagt die Frau, die für mich spionieren geht.« Er versuchte, sich Hal vorzustellen … oder vielleicht auch, sich Hal nicht vorzustellen … Denn er würde doch gewiss nicht … Um Minnie seine Bedürfnisse zu ersparen, vielleicht? Doch er hätte gedacht …

»Aye, nun ja, Spionage ist aber nicht dasselbe wie leeres Geschwätz, oder? Ich möchte Tee, auch wenn Ihr nichts wollt. Ich bekomme Durst vom Reden.« Sie läutete nach dem Portier, dann wandte sie sich mit hochgezogener Augenbraue wieder zu ihm zurück. »Euer Bruder liegt im Sterben, und Ihr fahrt nach Frankreich? Das muss ja dann sehr dringend sein.«

»Er liegt nicht im Sterben«, protestierte Grey scharf. Bei dem bloßen Gedanken daran tat sich vor ihm ein Spalt im Teppich auf, ein gähnender Abgrund, der nur darauf wartete, ihn in die Tiefe zu reißen. Entschlossen wandte er den Blick ab.

»Er … hat einen Schock erlitten. Wir haben die Nachricht erhalten, dass sein jüngster Sohn in Amerika verwundet wurde und in Gefangenschaft geraten ist.«

Sie bekam große Augen und klammerte den Morgenrock fester an ihre nicht vorhandene Brust.

»Der Jüngste. Das ist … Henry, nicht wahr?«

»Ja. Und woher zum Teufel wisst Ihr das?«, fragte er, und die Erregung ließ seine Stimme schroff klingen. Ein löchriges Lächeln schimmerte ihm entgegen, verschwand dann aber, als sie das Ausmaß seiner Bestürzung sah.

»Einer der Bediensteten Seiner Lordschaft ist Stammgast hier«, sagte sie schlicht. »Donnerstags, das ist sein freier Abend.«

»Oh.« Er saß still, die Hände auf den Knien, und versuchte, seine Gedanken – und seine Gefühle – zumindest ansatzhaft unter Kontrolle zu bringen. »Das – ich verstehe.«

»Es ist reichlich spät im Jahr für Nachrichten aus Amerika, oder?« Sie blickte zum Fenster, dessen Stofflagen aus Spitze und rotem Samt das Geräusch des strömenden Regens nicht aussperren konnten. »Ist noch ein säumiges Schiff gelandet?«

»Ja. Es ist in einen Sturm geraten, vom Kurs abgekommen und mit gebrochenem Hauptmast nach Brest getrieben worden. Die Nachricht wurde auf dem Landweg überbracht.«

»Dann fahrt Ihr also nach Brest?«

»Nein.«

Es kratzte leise an der Tür, bevor sie weiterfragen konnte, und sie öffnete, um den Portier einzulassen, der – ungefragt, wie Grey feststellte – ein ganzes Tablett voller Teeutensilien mitgebracht hatte, einschließlich eines dick glasierten Kuchens.

Er überlegte hin und her. Konnte er es ihr anvertrauen? Doch er wusste, dass sie nicht gescherzt hatte, als sie von Diskretion sprach. Auf ihre eigene Weise hatte sie genauso viele Geheimnisse wie er – und sie hütete sie auch genauso gut.

»Es geht um William«, sagte er, als sie die Tür geschlossen hatte und sich wieder zu ihm umdrehte.

Dass die Dämmerung nah war, erkannte er am Schmerzen seiner Knochen und am leisen Bimmeln seiner Taschenuhr. Am Himmel war noch nichts zu sehen. Wolken, die die Farbe von Kaminasche hatten, hingen tief über den Dächern Londons, und die Straßen waren jetzt schwärzer, als sie es um Mitternacht gewesen waren, da man die Laternen längst gelöscht hatte und die Kaminfeuer heruntergebrannt waren.

Er war die ganze Nacht auf gewesen; er hatte zu tun gehabt; jetzt sollte er heimgehen und ein paar Stunden schlafen, bevor er die Kutsche nach Dover nahm. Doch er konnte nicht abreisen, ohne Hal noch einmal zu sehen. Nur zu seiner Beruhigung.

In den Fenstern von Argus House brannte Licht. Obwohl die Vorhänge geschlossen waren, spiegelte sich ein schwaches Leuchten in den nassen Pflastersteinen vor dem Haus. Es schneite heftig, doch noch blieb der Schnee nicht liegen. Es war sehr wahrscheinlich, dass sich die Kutsche verspäten würde – sie würde nur langsam vorankommen, weil sie im Schlamm der Straßen stecken blieb.

Apropos – sein Herz regte sich gequält beim Anblick eines schäbigen Gefährts in der Toreinfahrt, das, wie er glaubte, dem Arzt gehörte.

Auf sein Klopfen hin erschien sofort ein halb angezogener Bediensteter an der Tür, der sich hastig sein Nachthemd in die Hosen gesteckt hatte. Das nervöse Gesicht des Mannes entspannte sich ein wenig, als er Grey erkannte.

»Der Herzog …«

»Hatte in der Nacht einen Anfall, Milord, aber jetzt geht es ihm besser«, unterbrach ihn der Mann – Arthur, so hieß er – und trat beiseite, um ihn einzulassen. Dann nahm er ihm den Umhang von den Schultern und schüttelte den Schnee zu Boden.

Grey nickte und eilte auf die Treppe zu, ohne darauf zu warten, dass man ihn begleitete. Unterwegs kam ihm der Arzt entgegen – ein dünner, grauer Mann, den er an seinem schwarzen, übel riechenden Rock und der Tasche in seiner Hand erkannte.

»Wie geht es ihm?«, wollte er wissen und packte den Mann am Ärmel, als er den Treppenabsatz erreichte. Der Arzt fuhr erschrocken zurück, doch dann sah er Greys Gesicht im Licht der Wandkerze, erkannte seine Ähnlichkeit mit Hal und beruhigte sich wieder.

»Etwas besser, Milord. Ich habe ihn zur Ader gelassen, drei Unzen und das Atmen fällt ihm wieder leichter.«

Grey ließ den Ärmel los und rannte die Treppe hinauf. Ihm selbst fiel das Atmen alles andere als leicht. Die Tür zu Hals Zimmerflucht stand offen, und er lief ohne Umschweife hinein – zum Erschrecken einer Dienstmagd, die gerade einen Nachttopf heraustrug, der mit einem Deckel versehen und dazu delikat mit einem Tuch verhüllt war, das reichlich mit großen, leuchtenden Blumen bestickt war. Er eilte mit einem entschuldigenden Kopfnicken an ihr vorbei und betrat Hals Schlafzimmer.