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Hal saß auf seine Kissen gestützt im Bett und sah halb tot aus. Minnie war bei ihm, und ihr freundliches, rundes Gesicht war vor Angst und Schlaflosigkeit eingefallen.

»Wie ich sehe, scheißt Ihr sogar mit Stil, Euer Gnaden«, stellte Grey fest und setzte sich auf die andere Seite des Bettes.

Hal öffnete eines seiner grauen Augenlider und betrachtete ihn. Sein Gesicht mochte ja an ein Skelett erinnern, doch das helle, scharfe Auge war Hal, wie er leibte und lebte, und Grey spürte, wie ihn Erleichterung durchströmte.

»Oh, das Tuch?«, sagte Hal leise, aber deutlich. »Das stammt von Dottie. Sie setzt keinen Fuß vor die Tür, obwohl ich ihr versprochen habe, ihre Rückkehr abzuwarten, falls ich das Gefühl bekomme, sterben zu müssen.« Er hielt inne, um schwach keuchend Luft zu holen, dann hustete er und fuhr fort: »Gott sei Dank ist sie nicht von der Sorte, die sich in Frömmeleien flüchtet; musikalisches Talent hat sie auch nicht, und sie ist so rastlos, dass sie zur Bedrohung für das Küchenpersonal geworden ist. Also hat Minnie ihr einen Stickrahmen gegeben, damit sie ihren Ausbund an Energie kanalisieren kann. Sie schlägt nach Mutter, weißt du.«

»Es tut mir leid, John«, sagte Minnie entschuldigend. »Ich habe sie zu Bett geschickt, aber ich habe gesehen, dass ihre Kerze noch brennt. Ich glaube, sie arbeitet an einem Paar Pantoffeln für dich.«

Grey ging davon aus, dass Pantoffeln wahrscheinlich harmlos waren, ganz gleich, was für ein Motiv Dottie gewählt hatte, was er auch aussprach.

»Solange sie mir keine Unterhose bestickt. Die Knoten, versteht ihr …«

Das brachte Hal zum Lachen, woraufhin er alarmierend husten musste, obwohl sein Gesicht davon wieder ein wenig Farbe bekam.

»Dann stirbst du also nicht, oder?«, fragte Grey.

»Nein«, sagte Hal knapp.

»Gut«, sagte Grey und lächelte seinen Bruder an. »Dann tu das auch nicht.«

Hal kniff die Augen zu. Dann fiel ihm ein, bei welcher Gelegenheit er genau das zu Grey gesagt hatte, und er erwiderte sein Lächeln.

»Ich gebe mir alle Mühe«, erwiderte er trocken. Er wandte sich Minnie zu und nahm liebevoll ihre Hand. »Mein Schatz …«

»Ich lasse euch Tee bringen«, sagte sie und erhob sich auf der Stelle. »Und ein ordentliches warmes Frühstück«, fügte sie hinzu, nachdem sie Grey genauer betrachtet hatte. Sie schloss leise die Tür hinter sich.

»Was ist denn?« Hal schob sich etwas höher in die Kissen, ohne das blutfleckige Tuch zu beachten, das um seinen Unterarm gewickelt war. »Hast du Neuigkeiten?«

»Kaum. Aber eine große Zahl alarmierender Fragen.«

Die Nachricht von Henrys Gefangennahme hatte als Notiz für Hal in einem an ihn selbst gerichteten Brief gelegen, der von einem seiner Bekannten aus der Welt der Spionage kam und eine Antwort auf seine Erkundigungen bezüglich der Verbindungen enthielt, die ein gewisser Percival Beauchamp nach Frankreich unterhielt. Doch er hatte erst mit Hal darüber sprechen wollen, nachdem er Nessie gesehen hatte – und Hals Zustand hätte ein solches Gespräch zuvor ohnehin nicht gestattet.

»Keine bekannten Verbindungen zwischen Beauchamp und Vergennes« – das war der französische Außenminister –, »doch er wird des Öfteren mit Beaumarchais gesehen.«

Das löste einen weiteren Hustenanfall aus.

»Wirklich kein Wunder«, merkte Hal heiser an, nachdem er sich wieder erholt hatte. »Womöglich ein gemeinsames Interesse an der Jagd?« Letzteres war eine sarkastische Anspielung sowohl auf Percys Abneigung gegenüber der Jagd als auch auf die Tatsache, dass der verstorbene König Beaumarchais vor Jahren den Titel »Generalleutnant der Jagd« verliehen hatte.

»Und«, fuhr Grey fort, ohne diesen Einwurf zu beachten, »mit einem gewissen Silas Deane.«

Hal runzelte die Stirn. »Mit wem?«

»Ein amerikanischer Kaufmann. In Paris, um die Interessen des amerikanischen Kongresses zu vertreten. Er drückt sich ständig in Beaumarchais’ Nähe herum. Und er hat mit Vergennes gesprochen.«

»Oh, der.« Hal winkte mit einer Geste ab. »Habe von ihm gehört. Vage.«

»Hast du auch schon von einem Unternehmen namens Rodrigue Hortalez et Cie gehört?«

»Nein. Klingt spanisch, oder?«

»Oder portugiesisch. Mein Informant konnte nur mit dem Namen dienen und mit dem Gerücht, dass Beaumarchais irgendetwas damit zu tun hat.«

Hal grunzte und lehnte sich zurück.

»Beaumarchais hat wirklich überall seine Finger im Spiel. Er konstruiert Uhren, zum Kuckuck, als ob es nicht schlimm genug wäre, dass er Theaterstücke schreibt. Hat Beauchamp etwas mit diesem Unternehmen zu tun?«

»Das ist nicht bekannt. Im Moment sind das alles nur vage Vermutungen, mehr nicht. Ich habe nach allem gefragt, das irgendetwas – irgendetwas, das nicht ohnehin allgemein bekannt ist – mit Beauchamp oder den Amerikanern zu tun hat; das habe ich zur Antwort bekommen.«

Hals Finger spielten unruhig Tonleitern auf der Bettdecke.

»Weiß dein Informant, was dieses spanische Unternehmen so treibt?«

»Handel, was sonst?«, erwiderte Grey ironisch, und Hal prustete.

»Wenn die Inhaber außerdem Bankiers wären, könntest du etwas Brauchbares haben.«

»Das ist wahr. Aber ich denke, der einzige Weg, es herauszufinden, ist, persönlich in diesem Heuhaufen herumzustochern. In« – er blinzelte zu der Uhr auf dem Kaminsims hinüber, die im Halbdunkel stand – »drei Stunden nehme ich die Kutsche nach Dover.«

»Ah.«

Der Tonfall war unverbindlich, doch Grey kannte seinen Bruder wirklich sehr gut.

»Ich bin spätestens Ende März aus Frankreich zurück«, sagte er. Leiser fügte er hinzu: »Ich fahre mit dem ersten Schiff, das im neuen Jahr in die Kolonien segelt, Hal. Und ich hole Henry zurück.« Tot oder lebendig. Keiner von ihnen sprach es aus; das brauchten sie nicht.

»Ich warte hier auf dich«, sagte Hal schließlich leise.

Grey berührte die Hand seines Bruders, die sich sofort umdrehte, um zuzudrücken. So zerbrechlich Hals Hand aussehen mochte – die Entschlossenheit und Kraft seines Händedrucks erfüllten Grey mit Zuversicht. Schweigend saßen sie da, die Hände ineinander verschränkt, bis sich die Tür öffnete und Arthur – der jetzt vollständig angekleidet war – mit einem Tablett eintrat, das die Größe eines Kartentischs hatte. Beladen war es mit Schinkenspeck, Würstchen, Nierchen, Hering, Rührei, gegrillten Pilzen und Tomaten, Toast, Konfitüre, Orangenmarmelade, einer großen Kanne duftenden, dampfenden Tees, Zucker und Milch – und mit einer zugedeckten Schüssel, die er feierlich vor Hal hinstellte. Es stellte sich heraus, dass sie mit einer Art widerlichem, dünnflüssigem Brei gefüllt war.

Arthur verneigte sich und ging, und Grey fragte sich, ob er wohl der Bedienstete war, der jeden Donnerstag Nessies Haus aufsuchte. Er wandte sich Hal zu und stellte fest, dass sich dieser großzügig bei Greys Nierchen bediente.

»Solltest du nicht dein Süppchen essen?«, erkundigte sich Grey.

»Sag nicht, du bist auch entschlossen, mich vorzeitig ins Grab zu bringen«, sagte Hal und schloss selig kauend die Augen. »Wie zum Teufel erwartet man denn, dass ich mich erholen soll, wenn man mich mit Zwieback und Brei füttert?« Schmollend spießte er noch ein Nierchen auf.

»Glaubst du, es ist wirklich dein Herz?«, fragte Grey.

Hal schüttelte den Kopf.

»Eigentlich nicht«, sagte er in neutralem Ton. »Ich habe es mir angehört, weißt du, nach dem ersten Anfall. Hat vor sich hin gehämmert wie immer.« Er hielt inne, um sich prüfend in die Brust zu piksen, während er mit der anderen Hand die Gabel festhielt. »Hier tut es nicht weh. Das müsste es doch, oder?«

Grey zuckte mit den Achseln.

»Was für ein Anfall ist es denn vorhin gewesen?«

Hal schluckte das Nierchen herunter und griff mit der einen Hand nach einer Scheibe Toast mit Butter, mit der anderen nach dem Marmeladenmesser.

»Habe keine Luft bekommen«, antwortete er beiläufig. »Bin blau geworden, so in etwa.«