»Oh. Nun denn.«
»Im Moment fühle ich mich kerngesund«, sagte Hal und klang selbst ein wenig überrascht.
»Ach ja?«, sagte Grey und lächelte. Einen Moment zögerte er noch, doch er war schließlich im Begriff, eine Reise anzutreten, auf der unerwartete Ereignisse nicht nur möglich waren, sondern zu allem Überfluss oft eintrafen. Besser, die Angelegenheit nicht in der Schwebe zu lassen, für den Fall, dass einem von ihnen etwas widerfuhr, bevor sie sich wiedersahen.
»Gut … Wenn du sicher bist, dass dir ein kleiner Schreck nicht den Garaus machen wird, gestatte, dass ich dir etwas erzähle.«
Seine Neuigkeit von den zärtlichen Gefühlen zwischen Dottie und William ließ Hal zwar blinzeln, und er hörte einen Moment auf zu essen, doch nach kurzer Überlegung nickte er und kaute weiter.
»Also schön«, sagte er.
»Also schön?«, wiederholte Grey verblüfft. »Du hast keine Einwände?«
»Das würde dir doch kaum gefallen, oder?«
»Wenn du von mir erwartest zu glauben, dass die Rücksicht auf meine Gefühle dich irgendwie in deiner Handlungsweise beeinträchtigt, hat dir deine Krankheit erheblichen Schaden zugefügt.«
Hal grinste und trank Tee.
»Nein«, sagte er, als er die leere Tasse abstellte. »Das nicht. Es ist nur –« Er lehnte sich zurück und verschränkte die Hände vor dem – kaum sichtbaren – Bauchansatz und sah Grey unverblümt an. »Ich könnte sterben. Hab’s nicht vor; glaube nicht, dass es dazu kommt. Aber möglich wäre es. Und ich würde beruhigter sterben, wenn ich wüsste, dass sie bei jemandem untergekommen ist, der sie beschützen und anständig versorgen würde.«
»Es schmeichelt mir, dass du William so einschätzt«, sagte Grey trocken, obwohl er tatsächlich sehr froh war.
»Natürlich tue ich das«, sagte Hal nüchtern. »Er ist doch dein Sohn, oder nicht?«
Irgendwo begann eine Kirchenglocke zu schlagen, und jetzt fiel es Grey wieder ein.
»Oh!«, sagte er. »Frohe Weihnachten!«
Hal sah völlig überrascht aus, doch dann lächelte er.
»Dir ebenso.«
Grey war immer noch weihnachtlich gestimmt, als er nach Dover aufbrach – buchstäblich, da die Taschen seines Mantels mit Süßigkeiten und kleinen Geschenken vollgestopft waren und er ein Päckchen unter dem Arm trug, das die berüchtigten Pantoffeln enthielt, die überall mit Lilien und grünen Fröschen bestickt waren. Er hatte Dottie in die Arme genommen, als sie sie ihm geschenkt hatte, und ihr zuflüstern können, dass sie ihr Ziel erreicht hatte. Sie hatte ihn so heftig geküsst, dass er es noch auf der Wange spürte. Geistesabwesend rieb er sich die Stelle.
Er musste William sofort schreiben – obwohl es eigentlich keinen Grund zur Eile gab, da ein Brief nicht eher transportiert werden konnte, als er selbst fahren würde. Das, was er Hal gesagt hatte, war ihm ernst gewesen; sobald im Frühjahr das erste Schiff die Segel setzen konnte, würde er an Bord sein. Er hoffte nur, dass er noch rechzeitig kam.
Und zwar nicht nur für Henry.
Die Straßen waren genauso schlecht, wie er es erwartet hatte, und die Überfahrt nach Calais war noch schlimmer, doch er spürte nichts von der Kälte und den Unannehmlichkeiten der Reise. Da sich seine Sorge um Hal einigermaßen gelegt hatte, konnte er nun in aller Ruhe über das nachdenken, was ihm Nessie erzählt hatte – eine Kleinigkeit, die er gern Hal gegenüber ebenfalls erwähnt hätte, es dann jedoch unterlassen hatte, um seinen Bruder nicht zu belasten und womöglich seiner Genesung im Weg zu sein.
»Euer Franzose ist zwar nicht hier gewesen«, hatte Nessie ihn informiert und sich den Zucker von den Fingern geleckt. »Aber er war Stammgast bei Jackson’s, solange er in der Stadt war. Jetzt ist er fort; es heißt, er ist wieder in Frankreich.«
»Jackson’s«, hatte er nachdenklich wiederholt. Er selbst besuchte zwar keine Bordelle – von Nessies Etablissement einmal abgesehen –, doch natürlich wusste er von Jackson’s und war ein- oder zweimal mit Freunden dort gewesen. Ein luxuriöses Haus mit musikalischer Unterhaltung im Parterre, Glücksspiel in der ersten Etage und intimeren Zerstreuungen weiter oben. Sehr beliebt bei den Offizieren der mittleren Ränge. Jedoch ein Haus, dessen war er sich sicher, das nicht auf Percy Beauchamps spezielle Bedürfnisse eingerichtet war.
»Ich verstehe«, hatte er gesagt und ruhig seinen Tee getrunken, während er seinen Herzschlag in den Ohren spürte. »Seid Ihr je auf einen Offizier namens Randall-Isaacs gestoßen?« Das war der Teil seines Briefes, von dem er Hal nichts erzählt hatte. Denys Randall-Isaacs war ein Armeeoffizier, von dem bekannt war, dass er oft in Beauchamps Begleitung anzutreffen war, sowohl in Frankreich als auch in London, hatte sein Informant berichtet – und der Name war Grey durch das Herz gefahren wie ein Eiszapfen.
Möglich, dass es nur Zufall war, dass ein Mann, von dem bekannt war, dass er mit Percy Beauchamp verkehrte, William auf eine Spionagemission nach Quebec mitgenommen hatte – doch der Teufel sollte ihn holen, wenn er das glaubte.
Beim Klang des Namens »Randall-Isaacs« hatte Nessie abrupt den Kopf gehoben wie ein Hund, der es im Gebüsch rascheln hört.
»Aye, das bin ich«, sagte sie stirnrunzelnd. Sie hatte einen Zuckertropfen auf der Unterlippe; am liebsten hätte er ihn ihr abgewischt, und unter anderen Umständen hätte er das auch getan. »Zumindest habe ich von ihm gehört. Es heißt, er ist Jude.«
»Jude?« Das verblüffte ihn. »Das kann doch nicht sein.« Niemals hätte man es einem Juden gestattet, ein Patent im Heer oder in der Marine zu erwerben, genauso wenig wie einem Katholiken.
Nessie musterte ihn mit hochgezogener Augenbraue.
»Vielleicht möchte er ja nicht, dass es jemand erfährt«, sagte sie. Sie leckte sich die Lippen wie eine Katze und entfernte damit den Zuckerklecks. »Aber wenn, dann kann ich nur sagen, er sollte einen Bogen um Freudenhäuser machen!« Sie lachte herzhaft, wurde dann aber wieder ernst, zog sich den Morgenrock fester um die Schultern und fixierte ihn unverwandt, die Augen dunkel im Feuerschein.
»Er hat irgendetwas mit Eurem Franzosen zu tun«, sagte sie. »Denn es war eines von Jacksons Mädchen, das mir von dem jüdischen Kunden erzählt hat und wie erschrocken sie war, als er die Hose ausgezogen hat. Sie hat gesagt, sie hätte es nicht getan, aber sein Freund, der Franzose, war dabei und wollte zusehen, und als er – der Franzose, meine ich – gesehen hat, wie angewidert sie war, hat er ihr das Doppelte angeboten, also hat sie es getan. Sie hat erzählt, eigentlich –« Sie grinste ihn anzüglich an, und ihre Zungenspitze berührte ihre letzten verbliebenen Vorderzähne. »Eigentlich war es schöner als mit manch anderem Mann.«
»Schöner als mit manch anderem Mann«, murmelte er geistesabwesend vor sich hin. Den argwöhnischen Blick des einzigen anderen Fährpassagiers, der abgehärtet genug war, um sich an Deck aufzuhalten, nahm er kaum wahr. »Verdammt!«
Über dem Kanal fiel dichter Schnee, der jetzt beinahe waagerecht an ihnen vorüberwehte, als der heulende Wind die Richtung wechselte und das Schiff bedrohlich schwankte. Der andere Mann schüttelte sich und ging unter Deck. Grey blieb allein zurück, aß mit den Fingern Branntweinpfirsiche aus einem Glas in seiner Tasche und starrte trostlos der Küste Frankreichs entgegen, die hin und wieder durch die tief hängenden Wolken zu sehen war.
24. Dezember 1776
Quebec
Lieber Papa,
ich schreibe Dir aus einem Konvent. Nicht, so füge ich hastig hinzu, von der Sorte wie der Covent Garden, sondern ein echter römischer Konvent, den die Ursulinen hier gegründet haben.
Hauptmann Randall-Isaacs und ich sind Ende Oktober in der Zitadelle eingetroffen, wo wir Sir Guy unsere Aufwartung machen und herausfinden wollten, welchen Eindruck er von der allgemeinen Stimmung in Bezug auf die amerikanische Rebellion hat. Doch wir mussten feststellen, dass Sir Guy nach Fort Saint-Jean marschiert war, um sich dort persönlich mit einem Ausbruch besagter Rebellion zu befassen, in Form einer Seeschlacht (so muss man es wohl nennen) auf dem Lake Champlain, einem schmalen See, der mit dem Lake George verbunden ist, welchen Du sicher noch selbst in Erinnerung hast.