Выбрать главу

Ich war sehr dafür, uns Sir Guy anzuschließen, doch dies widerstrebte Hauptmann Randall-Isaacs in Anbetracht der Entfernung und der Jahreszeit. Es stellte sich heraus, dass ihn sein Urteil nicht getrogen hat, denn der nächste Tag brachte eisigen Regen, der rasch in einen tobenden Schneesturm überging, so heftig, dass er den ganzen Himmel verdunkelte und man den Tag nicht mehr von der Nacht unterscheiden konnte. Die Welt war innerhalb von Stunden unter Schnee und Eis begraben. Angesichts dieses Naturspektakels gebe ich zu, dass meine Enttäuschung über die versäumte Gelegenheit, uns Sir Guy anzuschließen, beträchtlich abgeschwächt wurde.

Wir wären ohnehin zu spät gekommen, da die Auseinandersetzung bereits stattgefunden hatte, und zwar am ersten Oktober. Wir haben die Einzelheiten erst Mitte November erfahren, als einige hessische Offiziere aus Baron von Riedesels Regiment mit Neuigkeiten in der Zitadelle eingetroffen sind. Wahrscheinlich hast Du ja, bis Du diesen Brief bekommst, längst offiziellere und direktere Beschreibungen dieser Schlacht gehört, doch es ist ja möglich, dass in den offiziellen Versionen einige Details fehlen, die von Interesse sind. Und um ganz aufrichtig zu sein, ist das Verfassen eines solchen Berichtes die einzige Beschäftigung, die mir gegenwärtig möglich ist, da ich die gütige Einladung der Schwester Oberin ausgeschlagen habe, an der Messe teilzunehmen, mit der sie um Mitternacht das Weihnachtsfest begehen. (Die Glocken der Kirchen in der Stadt läuten zu jeder Viertelstunde und geben Tag und Nacht die Zeit an. Die Kapelle des Konvents grenzt direkt an die Wand des Gästehauses, in dessen oberer Etage ich Quartier bezogen habe, und wenn ich im Bett liege, befindet sich die Glocke maximal sieben Meter von meinem Kopf entfernt. Ich kann Dir daher zuverlässig mitteilen, dass es in diesem Moment 9:15 Uhr am Abend ist.)

Zu den Einzelheiten also: Sir Guy war nach der versuchten Invasion Quebecs im letzten Jahr alarmiert, auch wenn diese kläglich scheiterte. Er ist daher entschlossen, seine Kontrolle über den Oberlauf des Hudson zu verstärken, die einzige Route, über die weitere Probleme nahen könnten, da der Landweg so beschwerlich ist, dass ihn nur diejenigen wählen, die zu allem entschlossen sind (ich habe ein kleines Glas mit Weinbrand für Dich, welches eine Stechfliege enthält, deren Länge beinahe zwei Zoll beträgt, sowie eine Anzahl sehr großer Zecken, welche ich mithilfe von Honig von meiner Person entfernt habe – großzügig aufgetragen, erstickt er sie, und sie verlieren den Halt).

Nach ihrer fehlgeschlagenen Invasion im letzten Winter beschlossen Oberst Arnolds Männer, Sir Guy den Zugang zu den Seen zu verstellen, und haben daher auf dem Rückweg sämtliche Schiffe in Fort Saint-Jean versenkt oder in Brand gesetzt sowie die Sägemühle und das Fort selbst niedergebrannt.

Daher hatte Sir Guy vorgefertigte Schiffe aus England angefordert (ich wünschte, ich hätte sie gesehen), und als die ersten zehn eintrafen, begab er sich nach Saint-Jean, um ihren Zusammenbau auf dem Richelieu River zu beaufsichtigen. Unterdessen arbeitete Oberst Arnold (der ein bemerkenswert umtriebiger Mann zu sein scheint, wenn auch nur die Hälfte dessen, was ich über ihn höre, der Wahrheit entspricht) seinerseits fieberhaft daran, sich aus klapprigen Booten und wurmstichigen Schaluppen eine Flotte zusammenzustellen.

Da ihm seine Wunder der Präfabrikation nicht ausreichten, ließ Sir Guy zudem die Indefatigable, eine Fregatte von etwa 180 Tonnen (meine Informanten streiten sich über die Anzahl der Kanonen an Bord; nach der zweiten Flasche des konventeigenen Rotweins – die Nonnen stellen ihn selbst her, und der Farbe der Nase des Priesters nach zu urteilen, wird auch einiges davon gleich hier verbraucht – einigte man sich auf »verdammt viele, Kumpel«, auch wenn es bei dieser endgültigen Angabe Übersetzungsfehler gegeben haben könnte), zerlegen, zum Fluss transportieren und wieder zusammenbauen.

Offensichtlich kam Oberst Arnold zu dem Schluss, dass er jeden Vorteil opfern würde, wenn er noch länger wartete, und verließ am 30. September sein Versteck auf Valcour Island. Berichten zufolge hatte er Sir Guys fünfundzwanzig Schiffen nur fünfzehn Fahrzeuge entgegenzusetzen, alle in Eile gebaut und nicht seetüchtig und mit Landratten bemannt, die eine Ruderpinne nicht von einem Rotkehlchen unterscheiden konnten – die amerikanische Marine in all ihrer Glorie!

Doch ich darf nicht zu viel lachen. Je mehr ich über Oberst Arnold höre (und ich höre hier in Quebec sehr viel von ihm), desto häufiger denke ich, dass er ebenso viel Kühnheit wie Durchhaltevermögen besitzt; eines Tages würde ich ihm gern begegnen.

Draußen ertönt Gesang; die Bewohner des Konvents sind auf dem Weg zur nahe gelegenen Kathedrale. Ich kenne die Melodie nicht, und sie sind zu weit entfernt, um den Text zu verstehen, doch ich kann von meinem Adlerhorst den Fackelschein sehen. Die Glocke sagt, es ist zehn Uhr.

(Übrigens sagt die Mutter Oberin, dass sie Dich kennt – ihr Name ist Sœur Immaculata. Das hätte mich kaum verblüffen dürfen; ich habe ihr verraten, dass Du auch den Erzbischof von Canterbury und den Papst kennst, wovon sie sich sehr beeindruckt zeigte und Dich bittet, Seiner Heiligkeit ihre unterwürfigsten Grüße auszurichten, wenn Du ihn das nächste Mal siehst. Sie war so freundlich, mich zum Abendessen zu bitten, und hat mir Geschichten von der Einnahme der Zitadelle im Jahr ’59 erzählt, und wie Du damals eine Reihe von Highlandern im Konvent einquartiert hast. Wie schockiert die Schwestern alle von ihren nackten Beinen waren und daraufhin Leinen geordert haben, um den Männern Hosen zu schneidern. Meine Uniform hat zwar in den letzten Wochen auf der Reise merklich gelitten, doch ich bin unterhalb der Taille nach wie vor anständig bekleidet, was mich sehr erleichtert. Ebenso wie die Mutter Oberin, wie ich vermute!)

Ich kehre zu meinem Bericht über die Schlacht zurück: Sir Guys Flotte ist nach Süden gefahren, um zunächst Crown Point und dann Ticonderoga anzusteuern und zurückzuerobern. Doch als sie Valcour Island passierten, wurden sie von zwei von Arnolds Schiffen angegriffen und beschossen. Diese versuchten daraufhin, sich wieder zurückzuziehen, doch das eine (die Royal Savage, heißt es) geriet in heftigen Gegensturm und lief auf Grund. Mehrere britische Kanonenboote haben es umzingelt und einige Männer gefangen genommen, wurden jedoch durch heftigen Beschuss seitens der Amerikaner zum Rückzug gezwungen – wobei sie es allerdings nicht versäumten, die Royal Savage in Brand zu setzen.

Daraufhin kam es auf der schmalen Wasserstraße zu wilden Manövern, und gegen Mittag begann die eigentliche Schlacht, zu welcher die Carleton und die Inflexible gemeinsam mit den Kanonenbooten den Löwenanteil beisteuerten. Arnolds Revenge und Philadelphia wurden von Breitseiten schwer getroffen, und die Philadelphia ist gegen Abend gesunken.

Die Carleton hat den Beschuss fortgesetzt, bis ein glücklicher Treffer der Amerikaner ihre Ankerkette durchtrennte und sie ins Treiben geriet. Sie wurde heftig angegriffen, und viele ihrer Männer wurden getötet oder verletzt, darunter auch ihr Kapitän, ein gewisser Leutnant James Dacres (ich habe das beklommene Gefühl, ihm schon einmal begegnet zu sein, vielleicht bei einem Ball in der letzten Saison), und die ranghohen Offiziere. Einer ihrer Seekadetten hat das Kommando übernommen und das Schiff in Sicherheit gebracht. Es heißt, es war Edward Pellew – und ich weiß, dass ich ihm ein- oder zweimal mit Onkel Harry bei Boodle’s begegnet bin.