Doch weiter: Ein weiterer Glückstreffer erwischte das Magazin eines Kanonenbootes, welches explodierte, doch unterdessen kam die Inflexible ins Spiel und rückte den amerikanischen Schiffen mit ihren schweren Geschützen zuleibe. Gleichzeitig setzten Sir Guys kleinere Boote Indianer auf Valcour Island und am Seeufer ab, sodass diese als Fluchtwege nicht mehr infrage kamen und die Überbleibsel von Arnolds Flotte gezwungen waren, sich über den See zurückzuziehen.
Da in der Nacht Nebel aufzog, gelang es ihnen, an Sir Guy vorbeizuschlüpfen und einige Meilen südlich auf Schuyler Island Zuflucht zu suchen. Doch Sir Guys Flotte verfolgte sie und kam bereits am nächsten Tag wieder in Sichtweite, da Arnolds Schiffe durch Lecks, Beschädigungen und durch das Wetter aufgehalten wurden, welches in heftigen Regen und starken Wind umgeschlagen war. Die Washington wurde eingeholt, angegriffen und gezwungen, die Flagge zu streichen, woraufhin ihre Besatzung von über hundert Mann gefangen genommen wurde. Arnolds restlicher Flotte gelang jedoch die Flucht in die Buttonmold Bay, wo, wie ich höre, das Wasser so flach ist, dass ihm Sir Guys Schiffe nicht folgen konnten.
Dort setzte Arnold die meisten seiner Schiffe auf Grund, um sie dann zu entladen und in Brand zu setzen – mit wehenden Fahnen, um seinen Trotz zum Ausdruck zu bringen, sagten die Deutschen; sie fanden das zwar amüsant, bewunderten es aber zugleich. Oberst Arnold (oder müssen wir ihn nun Admiral Arnold nennen?) hat eigenhändig sein Flaggschiff, die Congress, in Brand gesteckt und sich dann auf dem Landweg davongemacht, wobei er den Indianern, die man geschickt hatte, um ihn aufzuhalten, nur knapp entging. Seine Männer erreichten Crown Point, wo sie jedoch nicht verweilten, sondern nur das Fort zerstörten, bevor sie sich nach Ticonderoga zurückzogen.
Sir Guy hat seine Gefangenen nicht nach Quebec marschieren lassen, sondern ihnen die Rückkehr nach Ticonderoga gestattet – eine noble Geste, die von meinen Informanten sehr bewundert wurde.
10:30 Uhr. Hast Du die Aurora Borealis gesehen, als Du hier warst, oder war es zu früh im Jahr? Der Anblick ist bemerkenswert. Es hat den ganzen Tag geschneit, doch kurz vor Sonnenuntergang hat es aufgehört, und der Himmel wurde klar. Mein Fenster blickt nach Norden, wo gegenwärtig der ganze Himmel von einem erstaunlichen Schimmern erfüllt ist, Schlieren aus Hellblau und Grün – obwohl ich es auch schon in Rot gesehen habe –, die sich bewegen wie Tinte, die man in Wasser tropft und umrührt. Ich kann es gerade nicht hören, wegen des Gesangs – irgendwo spielt jemand Geige; eine sehr hübsche, bewegende Melodie –, aber ich habe das Phänomen ein paarmal außerhalb der Stadt im Wald gesehen, wo es oft von einem merkwürdigen Geräusch begleitet wurde. Manchmal ein schwaches Pfeifen wie der Wind, der um ein Haus fährt, obwohl sich die Luft nicht bewegt; manchmal ein seltsames hohes Zischen, das hin und wieder von einer Salve aus Klick- und Knistergeräuschen unterbrochen wird, als näherte sich eine Horde Grillen durch trockenes Gras – obwohl um die Zeit, wenn man die Aurora zu sehen beginnt, die Kälte längst alle Insekten umgebracht hat (ein Glück! Wir haben eine Salbe aufgetragen, die die einheimischen Indianer benutzen und die ein wenig gegen Stechfliegen und Moskitos hilft, die aber der Neugier der Ohrwürmer, Kakerlaken und Spinnen nichts entgegenzusetzen hat).
Wir hatten auf dem Weg nach Quebec einen Führer, einen Mischling (er hatte bemerkenswerte Haare, dicht und lockig wie Schafwolle und wie Zimtrinde gefärbt), der uns erzählt hat, dass einige der Eingeborenen glauben, der Himmel sei eine Kuppel, die die Erde vom Himmel trennt, dass es aber Löcher in dieser Kuppel gibt und die Lichter der Aurora die Fackeln des Himmels sind, die den Seelen der Toten den Weg durch die Löcher weisen sollen.
Doch ich sehe, dass ich immer noch meinen Bericht zu beenden habe, wenn auch nur, indem ich hinzufüge, dass Sir Guy nach der Schlacht sein Winterquartier in Saint-Jean bezogen hat und wahrscheinlich nicht vor dem Frühjahr nach Quebec zurückkehren wird.
Und so komme ich nun zum wahren Zweck meines Briefes. Als ich gestern aufgestanden bin, musste ich feststellen, dass Hauptmann Randall-Isaacs abgereist war und mir eine kurze Note hinterlassen hatte, in der stand, er hätte etwas Dringendes zu erledigen, meine Gesellschaft und meine wertvolle Hilfe hätten ihn gefreut, und ich solle hier verweilen, bis er entweder zurückkehre oder ich neue Befehle erhalte.
Der Schnee ist tief, es kann jeden Moment mehr werden, und die Angelegenheit, die einen Mann jetzt zu einer Reise treibt, muss wirklich dringend sein. Ich bin natürlich ein wenig bestürzt über Hauptmann Randall-Isaacs’ abrupten Aufbruch, neugierig, was ihn wohl dazu bewogen haben mag, und ein wenig besorgt um sein Wohlergehen. Dies alles scheint mir jedoch keine ausreichende Rechtfertigung dafür zu sein, meine Order zu missachten, und so … warte ich.
11:30. Ich habe eine kleine Weile aufgehört zu schreiben, um mich ans Fenster zu stellen und den Himmel zu beobachten. Die Lichter der Aurora kommen und gehen, doch ich glaube, sie sind jetzt ganz fort; der Himmel ist schwarz, die Sterne hell, aber winzig im Vergleich mit dem verschwundenen Gleißen der Nordlichter. Der Himmel ist von einer großen Leere erfüllt, die man in der Stadt nur selten spürt. Trotz des Geläuts der Glocken, trotz der Freudenfeuer auf dem Platz und der Gesänge der Leute – dort unten ist eine Art Prozession im Gange – kann ich die große Stille spüren, die jenseits von alldem liegt.
Die Nonnen sind auf dem Weg in ihre Kapelle. Ich habe mich gerade aus dem Fenster gebeugt, um ihrer Zweierkolonne zuzusehen. In ihren dunklen Trachten und Umhängen sehen sie aus wie kleine Bruchstücke der Nacht, die zwischen den Sternen ihrer Fackeln umherschweben. (Ich schreibe jetzt schon sehr lange; Du musst einem erschöpften Hirn ein paar Extravaganzen verzeihen.)
Dies ist das erste Mal, dass ich Weihnachten fern von zu Hause und meiner Familie verbringe. Gewiss ist es nicht das letzte Mal.
Ich denke oft an Dich, Papa, und ich hoffe, es geht Dir gut und Du kannst Dich morgen auf einen schönen Gänsebraten mit Großmama und Großpapa Sir George freuen. Bitte richte ihnen meine lieben Grüße aus, und auch Onkel Hal und seiner Familie. (Und besonders meiner Dottie.)
Frohe Weihnachten von Deinem Sohn
William
Postskriptum: 2:00 Uhr nachts. Ich bin schließlich doch noch nach unten gegangen und habe mich in den hinteren Teil der Kapelle gestellt. Es war irgendwie papistisch, und es gab sehr viel Weihrauch, aber ich habe ein Gebet für Mutter Geneva und für Mama Isobel gesprochen. Als ich die Kapelle wieder verlassen habe, habe ich gesehen, dass die Lichter wieder da sind. Jetzt sind sie blau.
Kapitel 25
Am Busen der Tiefe
15. Mai 1777
Meine Lieben,
ich hasse Schiffe. Ich hasse sie aus tiefster Seele. Und doch finde ich mich einmal mehr am grauenvollen Busen der See wieder, an Bord eines Gefährts namens Tranquil Teal, eine Absurdität, die bereits auf die makabren Launen ihres Kapitäns schließen lässt. Dieser Herr ist ein schmuggelnder Mischling von bösem Aussehen und finsterer Stimmung, der mir, ohne eine Miene zu verziehen, erzählt, dass sein Name Trustworthy Roberts ist.
Jamie hielt inne, um seinen Federkiel in die Tinte zu tauchen. Sein Blick fiel auf die schwindende Küste North Carolinas, und da er feststellen musste, dass sich diese auf beunruhigende Weise hob und senkte, heftete er seinen Blick hastig auf den Bogen Papier, den er an seinem Knietischchen festgeheftet hatte, damit er nicht von der steifen Brise davongeweht wurde, die die Segel über ihm füllte.