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Ich gestehe, dass ich nicht die geringste Ahnung habe, warum Beauchamp es vorziehen sollte, Fergus zu entführen, statt ihn einfach aufzusuchen und ihn persönlich zu fragen, ob er die Person ist, nach der er sucht. Ich muss davon ausgehen, dass er Fergus zunächst einmal nichts Böses will, denn wenn dies so wäre, wäre es ja ein Leichtes, ihn umbringen zu lassen; in diesen Tagen ziehen viele zwielichtige Gestalten durch die Kolonie.

Der Vorfall macht mir Sorgen, doch es gibt nicht viel, was ich in meinem derzeitigen angeschlagenen Zustand unternehmen kann. Ich habe Fergus einen Brief geschickt – in dem ich mich augenscheinlich nach den Spezifikationen eines Druckauftrags erkundige –, der ihn wissen lässt, dass ich bei einem Goldschmied in Wilmington eine gewisse Summe für ihn hinterlegt habe, auf die er im Notfall zurückgreifen kann. Ich hatte bereits mit ihm über die Gefahren seiner Lage gesprochen, ohne damals allerdings zu wissen, wie groß diese tatsächlich sein könnten. Er war mit mir einer Meinung, dass es vielleicht der Sicherheit seiner Familie dienlich wäre, in eine Stadt zu ziehen, wo die öffentliche Meinung eher mit seinen eigenen Ansichten übereinstimmt. Der jüngste Zwischenfall wird ihn vielleicht in diesem Entschluss bestärken, vor allem, da die Nähe zu uns ja nun keine Rolle mehr spielt.

Er musste erneut innehalten, da ihn seine Hand bis zum Handgelenk schmerzte. Er streckte seine Finger und unterdrückte ein Stöhnen; kurze elektrische Stöße schienen ihn vom Ringfinger bis fast zum Ellbogen zu durchfahren.

Er war mehr als besorgt um Fergus und seine Familie. Wenn Beauchamp es einmal versucht hatte, würde er es erneut versuchen. Doch warum?

Vielleicht reichte Beauchamp ja die Tatsache, dass Fergus Franzose war, als Beweis nicht aus, dass er zudem der gesuchte Claudel Fraser war, und er wollte sich unter vier Augen vergewissern, ganz gleich, mit welchen Mitteln? Möglich, doch das hätte von einer Kaltblütigkeit gezeugt, die Jamie mehr beunruhigte, als er zu Papier bringen wollte.

Gerechterweise musste er zugeben, dass es natürlich auch möglich war, dass der Angriff von Personen ausgeführt worden war, die sich in ihrer politischen Denkweise verletzt fühlten – vielleicht sogar wahrscheinlicher als die sinistren Ziele des M. Beauchamp, die in hohem Maße romantisch und theoretisch waren.

»Aber ich bin nur so alt geworden, weil ich rieche, wenn etwas faul ist«, murmelte er und rieb sich weiter die Hand.

»Ach du liebe Güte!«, sagte seine persönliche Galionsfigur, die plötzlich mit sorgenvoller Miene an seiner Seite erschien. »Deine Hand!«

»Aye?« Gereizt senkte er den Blick auf die schmerzende Hand. »Was ist denn? Es sind doch noch alle Finger da.«

»Das ist aber auch alles. Sie sieht ja aus wie der Gordische Knoten.« Sie kniete sich neben ihn und ergriff seine Hand, um sie mit kraftvollen Bewegungen zu massieren, die gewiss hilfreich waren, ihn jedoch so sehr schmerzten, dass ihm das Wasser in die Augen stieg. Er schloss die Lider und atmete mit zusammengebissenen Zähnen weiter.

Sie schimpfte mit ihm, weil er zu viel auf einmal geschrieben hatte. Wozu schließlich die Eile?

»Es wird Tage dauern, bis wir Connecticut erreichen, und dann Monate bis nach Schottland. Du könntest einen Satz am Tag schreiben und unterwegs immer noch das gesamte Buch der Psalmen zitieren.«

»Ich wollte es aber«, sagte er.

Sie murmelte irgendetwas Abfälliges vor sich hin, worin die Worte »Schotte« und »sturköpfig« vorkamen, doch er ignorierte dies bewusst. Er hatte schreiben wollen; es half ihm, seine Gedanken zu ordnen, wenn er sie schwarz auf weiß zu Papier brachte. Und es war in gewisser Hinsicht erleichternd, sie dem Papier anzuvertrauen, statt dass ihm die Sorge im Kopf festhing wie der Schlamm zwischen den Wurzeln der Mangroven.

Und außerdem – nicht, dass er eine Ausrede brauchte, dachte er und blickte seiner Frau mit zusammengekniffenen Augen auf den Scheitel – weckte der Anblick der schwindenden Küste von North Carolina in ihm die Sehnsucht nach seiner Tochter und nach Roger Mac, und er hatte sich das Gefühl der Verbundenheit gewünscht, das er empfand, wenn er ihnen schrieb.

»Glaubt Ihr, Ihr werdet sie sehen?« Fergus hatte ihn das gefragt, kurz bevor sie sich voneinander verabschiedeten. »Vielleicht kommt Ihr ja nach Frankreich.« Nach allem, was Fergus und Marsali und die Bewohner von Fraser’s Ridge wussten, waren Brianna und Roger Mac nach Frankreich gereist, um dem heraufziehenden Krieg zu entkommen.

»Nein«, hatte er gesagt und gehofft, dass ihm seine Trostlosigkeit nicht anzuhören war. »Ich glaube nicht, dass wir sie je wiedersehen werden.«

Fergus’ kräftige rechte Hand hatte seinen Unterarm gedrückt und dann losgelassen.

»Das Leben ist lang«, hatte er leise gesagt.

»Aye«, hatte er geantwortet, doch gedacht hatte er, niemandes Leben ist so lang.

Seiner Hand ging es jetzt besser; Claire massierte sie zwar noch, doch ihre Bewegungen schmerzten ihn nicht mehr so sehr.

»Mir fehlen sie auch«, sagte sie leise und drückte ihm einen Kuss auf die Fingerknöchel. »Gib mir den Brief; ich schreibe ihn zu Ende.«

Die Hand Deines Vaters ist für heute am Ende. Abgesehen von seinem Namen, den man auch mit »schlafmützige Ente« übersetzen könnte, hat dieses Schiff noch etwas Bemerkenswertes an sich. Ich war vorhin im Frachtraum und habe eine große Anzahl Kisten gesehen, die alle mit dem Namen »Arnold« und »New Haven, Connecticut« beschriftet waren. Ich habe zu dem Seemann (dessen Name schlicht und ergreifend John Smith lautet, obwohl er diesen bestürzenden Mangel an Originalität anscheinend dadurch wettzumachen versucht, dass er im einen Ohr drei und im anderen zwei goldene Ohrringe trägt. Er sagt, jeder Ring steht für einen Schiffsuntergang, den er überlebt hat. Ich hoffe, dass Dein Vater das nicht weiß) gesagt, dass Mr Arnold ja ein sehr erfolgreicher Kaufmann sein muss. Mr Smith hat gelacht und mich informiert, dass Mr Benedict Arnold in Wirklichkeit Generalmajor in der Kontinentalarmee ist – und zwar ein sehr tapferer. Die Kisten sollen an seine Schwester, Ms Hannah Arnold, geliefert werden, die sich nicht nur um seine drei kleinen Söhne kümmert, sondern dazu um seinen Importwarenhandel in Connecticut, während er im Krieg ist.

Ich muss sagen, dass ich bei diesen Worten eine Gänsehaut bekommen habe. Ich bin ja schon öfter Menschen begegnet, deren Geschichte ich kannte – und zumindest von einem von ihnen wusste ich, dass er dem Verderben geweiht war. Doch man gewöhnt sich nie an dieses Gefühl. Ich habe diese Kisten betrachtet und mich gefragt – sollte ich Ms Hannah schreiben? In Connecticut von Bord gehen und sie besuchen? Um ihr was genau zu sagen?

Bis jetzt weisen all unsere Erfahrungen darauf hin, dass ich nicht das Geringste tun kann, um das, was geschehen wird, zu ändern. Und wenn ich die Situation objektiv betrachte, sehe ich auch keine Möglichkeit … Und doch. Und doch!

Und doch bin ich mit so vielen Personen in Berührung gekommen, deren Handlungen merkliche Auswirkungen hatten, ob sie nun in den Geschichtsbüchern enden oder nicht. Wie sollte es auch anders sein?, sagt Dein Vater. Jeder Mensch beeinflusst mit seinen Handlungen die Zukunft. Und doch ist es bestürzend, so dicht mit einem Namen wie Benedict Arnold in Berührung zu kommen.

Nun ja. Kehren wir noch einmal ansatzweise zum eigentlichen Gegenstand dieses Briefes zurück, dem mysteriösen Monsieur Beauchamp. Falls Du die Kartons mit den Papieren und Büchern noch hast, die Dein Vater – Frank, meine ich – zu Hause im Büro aufbewahrt hat, und falls Du einen Moment Zeit hast, sieh doch einmal nach, ob Du eine alte Aktenmappe findest, auf die mit Buntstift ein Wappen gezeichnet ist. Ich glaube, es ist azurblau und golden und hat mit Vögeln zu tun. Mit etwas Glück findest Du darin noch den Stammbaum der Beauchamps, den mein Onkel Lamb vor Jahren für mich niedergeschrieben hat.