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Dr. Weatherspoon hatte ihn zwar beruhigt und gesagt, MacLeod würde hocherfreut sein, wenn er Hilfe bekam, vor allem mit dem Kinderchor, doch Roger hatte genug Zeit in akademischen Kreisen, Freimaurerlogen und in Wirtshäusern des achtzehnten Jahrhunderts verbracht, um zu wissen, wie Lokalpolitik funktionierte. Es war gut möglich, dass es MacLeod missfallen würde, ohne Vorwarnung einen Außenseiter – sozusagen – aufgezwungen zu bekommen.

Und dann war da schließlich die prekäre Angelegenheit mit dem Chorleiter, der nicht singen konnte. Er berührte die knotige Narbe an seinem Hals.

Er hatte zwei Spezialisten aufgesucht, einen in Boston, einen anderen in London. Beide hatten ihm dasselbe gesagt. Es war möglich, dass eine Operation seiner Stimme half, wenn man einen Teil des Narbengewebes in seiner Luftröhre entfernte. Genauso gut war es aber möglich, dass die Operation seine Stimme weiter beschädigte – oder vollständig zerstörte.

»Eine Stimmbandoperation ist immer eine heikle Sache«, hatte einer der Ärzte zu ihm gesagt und den Kopf geschüttelt. »Normalerweise gehen wir ein solches Risiko nur ein, wenn es unumgänglich ist, zum Beispiel bei einer Krebsgeschwulst, einer angeborenen Missbildung, die jede Art von Sprachvermögen verhindert – oder bei einem überzeugenden beruflichen Grund. Ein bekannter Sänger mit Stimmbandknötchen zum Beispiel; in einem solchen Fall könnte der Wunsch nach Wiederherstellung der Stimme ein hinreichender Grund sein, die Operation zu wagen – obwohl in solchen Fällen normalerweise kein großes Risiko besteht, dass der Patient permanent stumm wird. In Ihrem Fall …«

Er drückte sich zwei Finger an den Hals, summte und spürte eine beruhigende Vibration. Nein. Er hatte nicht vergessen, wie es sich anfühlte, nicht sprechen zu können. Damals war er fest davon überzeugt gewesen, dass er nie wieder ein Wort sagen – geschweige denn singen – würde; bei der bloßen Erinnerung an diese Verzweiflung brach ihm der Schweiß aus. Nie wieder mit den Kindern sprechen, mit Brianna? Nein, dieses Risiko würde er nicht eingehen.

Dr. Weatherspoons Blick hatte neugierig auf seinem Hals geruht, doch er hatte nichts gesagt. Es war gut möglich, dass MacLeod nicht so taktvoll sein würde.

Wen der Herr liebt, den züchtigt Er. Man musste es Weatherspoon hoch anrechnen, dass er das nicht gesagt hatte. Doch es war das Zitat der Woche für die Bibelstunde gewesen; es hatte auf ihrem Rundbrief gestanden, der auf dem Schreibtisch des Rektors lag. Und Roger war zu diesem Zeitpunkt so überempfindlich gewesen, dass ihm alles wie ein Hinweis vorkam.

»Nun, wenn es das war, was Du damit sagen wolltest, bedanke ich mich für das Kompliment«, sagte er laut. »Ich könnte aber damit leben, wenn ich ausgerechnet diese Woche nicht Dein besonderer Günstling wäre.«

Er sagte es halb im Scherz, konnte aber die Wut dahinter nicht verleugnen. Er hasste es, sich wieder einmal beweisen zu müssen – vor sich selbst. Letztes Mal war die Probe körperlicher Art gewesen. Sie jetzt auf spiritueller Ebene wiederholen zu müssen, in dieser schlüpfrigen, viel weniger geradlinigen Welt? Er hatte sich doch gefügig gezeigt, oder nicht?

»Du hast gefragt. Seit wann reicht dir denn ein Ja nicht mehr als Antwort? Verstehe ich hier etwas falsch?«

Brianna hatte das gedacht; jetzt fiel ihm der Höhepunkt ihres Streits wieder ein und trieb ihm die Schamröte ins Gesicht.

»Du hattest – das dachte ich zumindest –«, hatte sie sich verbessert, »eine Berufung. Vielleicht heißt es bei den Protestanten ja nicht so, aber das ist es doch, oder? Du hast mir gesagt, Gott hätte zu dir gesprochen.« Ihr Blick war auf ihn gerichtet gewesen, unverwandt und so durchdringend, dass er den seinen am liebsten abgewandt hätte – doch er tat es nicht.

»Meinst du, Gott hat es sich anders überlegt?«, hatte sie dann leiser gefragt und ihm mit der Hand den Arm gedrückt. »Oder meinst du, du hast dich geirrt?«

»Nein«, hatte er spontan gesagt. »Nein, wenn so etwas geschieht … Nun, als es geschehen ist, war ich mir ganz sicher.«

»Und jetzt?«

»Du klingst wie deine Mutter. Wenn sie eine Diagnose stellt.« Er hatte es als Scherz gemeint, doch es war keiner. Brianna war ihrem Vater körperlich so ähnlich, dass er nicht oft etwas von Claire in ihr sah, doch die seelenruhige Gnadenlosigkeit, mit der sie ihre Fragen stellte, war Claire, wie sie leibte und lebte. Genau wie die einzelne, leicht hochgezogene Augenbraue, mit der sie jetzt auf seine Antwort wartete. Er holte tief Luft. »Ich weiß es nicht.«

»Doch, das weißt du.«

Wut stieg in ihm auf, plötzlich und grell, und er entriss ihr seinen Arm.

»Wie zum Teufel kommst du eigentlich darauf, mir zu sagen, was ich weiß?«

Ihre Augen wurden etwas größer. »Ich bin mit dir verheiratet.«

»Und du glaubst, das berechtigt dich, meine Gedanken zu lesen?«

»Ich glaube, das berechtigt mich, mir Sorgen um dich zu machen!«

»Tja, lass es einfach!«

Natürlich hatten sie sich wieder vertragen. Sich geküsst – nun ja, etwas mehr als das – und einander vergeben. Vergebung hatte aber natürlich nichts mit Vergessen zu tun.

Doch, das weißt du.

Tat er das?

»Ja«, sagte er, trotzig an den Turm gerichtet, den er von seinem Fenster aus sehen konnte. »Ja, verdammt!« Was er tun sollte, das war das Problem.

War er vielleicht dazu bestimmt, zwar Priester zu werden, aber kein presbyterianischer? Ein konfessionsloser, ein evangelischer – ein katholischer? Dieser Gedanke war so verstörend, dass er aufstehen und hin und her gehen musste. Nicht dass er etwas gegen Katholiken hatte – nun ja, bis auf die tief sitzenden Reflexe eines langen Lebens als Protestant in den Highlands –, doch er konnte es sich einfach nicht vorstellen. »Nach Rom übergelaufen«, so würden es Mrs Ogilvie und Mrs MacNeil und all die anderen sehen (womit unausgesprochen »dem Bösen anheimgefallen« impliziert wurde); sein Verrat würde … nun, jahrelang Gesprächsstoff für entsetztes Getuschel liefern. Bei diesem Gedanken grinste er widerstrebend.

Nun, außerdem konnte er gar kein katholischer Priester werden, nicht wahr? Nicht mit Brianna und den Kindern. Jetzt fühlte er sich schon etwas ruhiger, und er setzte sich wieder. Nein. Er würde darauf vertrauen müssen, dass ihm Gott – vertreten durch Dr. Weatherspoon – den Weg durch diesen dornenreichen Engpass in seinem Leben weisen würde. Und wenn Er das tat … Nun, war das nicht der beste Beweis für die Prädestination?

Roger stöhnte, verdrängte das ganze Thema und vertiefte sich hartnäckig in sein Notizbuch.

Einige der Lieder und Gedichte, die er aufgeschrieben hatte, waren sehr bekannt; er kannte sie bereits aus seinem vorigen Leben, hatte sie auf der Bühne gesungen. Viele der selteneren Texte hatte er im achtzehnten Jahrhundert bei schottischen Immigranten, Reisenden, fahrenden Händlern und Seeleuten aufgeschnappt. Und manche hatte er aus der Vielzahl der Kartons ausgegraben, die ihm der Reverend hinterlassen hatte. Die ganze Garage des alten Pfarrhauses war voll davon gewesen, und bis jetzt hatten er und Brianna kaum etwas davon abgearbeitet. Es war reine Glückssache gewesen, dass er so kurz nach ihrer Rückkehr auf die kleine Kiste mit den Briefen gestoßen war.

Zu dieser spähte er jetzt hinauf, und er fühlte sich sehr versucht. Allerdings konnte er die Briefe nicht ohne Brianna lesen, das hätte sich nicht gehört. Doch die beiden Bücher … Sie hatten einen kurzen Blick darauf geworfen, als sie die Kiste fanden, hatten sich aber eigentlich nur für die Briefe interessiert, herausfinden wollen, was mit Jamie und Claire geschehen war. Er kam sich vor wie Jem, der sich mit einer Packung Schokoladenkekse davonstahl, als er die Kiste jetzt herunterholte – sie war sehr schwer – und sie auf den Schreibtisch stellte, um vorsichtig unter den Briefen umherzutasten.

Die Bücher waren klein; das größte war das, was man ein Oktavheft nannte, ungefähr vierzehn mal zwanzig Zentimeter. Diese Größe war gebräuchlich gewesen in einer Zeit, als Papier noch teuer und schwierig zu bekommen war. Das kleinere maß etwa elf mal vierzehn Zentimeter. Er lächelte kurz, weil er an Ian Murray denken musste; Brianna hatte ihm erzählt, wie entsetzt ihr Cousin reagiert hatte, als sie ihm von der Errungenschaft des Toilettenpapiers erzählt hatte. Er würde sich wahrscheinlich nie wieder den Hintern abwischen, ohne dabei ein Gefühl von Luxus zu empfinden.