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Um Jems Intelligenz machte er sich jedenfalls keine Gedanken – oder doch, aber nicht, weil es dem Jungen daran mangelte. Viel eher um die Schwierigkeiten, in die ihn sein Grips bringen konnte. Die Schule war für niemanden leicht, erst recht keine neue Schule. Und eine Schule, in der man auffiel, warum auch immer … Roger erinnerte sich an seine eigenen Anfänge in Inverness, wo er erstens auffiel, weil er keine richtigen Eltern hatte, und zweitens, weil er der Adoptivsohn des Pastors war. Nachdem man ihn einige elende Wochen lang herumgestoßen und gehänselt und ihm ständig sein Pausenbrot geklaut hatte, hatte er angefangen, sich zu wehren. Das hatte zwar wiederum zu ein paar Schwierigkeiten mit den Lehrern geführt, doch auf die Dauer hatte es das Problem gelöst.

Hatte sich Jem geprügelt? Er hatte zwar kein Blut gesehen, aber womöglich war er ja zu weit weg gewesen. Doch es hätte ihn überrascht, wenn es so war.

Letzte Woche hatte es einen Zwischenfall gegeben, als Jem eine große Ratte bemerkte, die in einem Loch unter der Schule verschwand. Am nächsten Tag hatte er ein Stück Bindfaden mitgebracht, um vor der ersten Stunde eine Schlinge zu legen, und in der Pause hatte er draußen seine Beute eingesammelt, die er daraufhin in aller Seelenruhe abhäutete, sehr zur Bewunderung seiner Klassenkameraden und zum Entsetzen der Mädchen. Seine Lehrerin war ebenfalls nicht begeistert gewesen; Ms Glendenning kam aus der Stadt, aus Aberdeen.

Doch es war eine Dorfschule in den Highlands, und die meisten Schüler kamen von den umliegenden Farmen. Ihre Väter gingen zum Fischen und auf die Jagd – und natürlich kannten sie sich mit Ratten aus. Der Direktor, Mr Menzies, hatte Jem zu seinem Geschick gratuliert, ihm aber aufgetragen, dies in der Schule nicht noch einmal zu machen. Das Fell hatte Jem allerdings behalten dürfen, und Roger hatte es feierlich an die Tür der Werkstatt genagelt.

Jem machte sich nicht die Mühe, das Weidetor zu öffnen; er duckte sich einfach zwischen den Querbalken hindurch und zog die Tasche hinter sich her.

Wollte er etwa zur Straße, um per Anhalter zu fahren? Roger beschleunigte sein Tempo ein wenig, wich den schwarzen Schafskötteln aus und schob sich mit den Knien durch eine Gruppe grasender Mutterschafe, die entrüstet Platz machten und dabei laut määhten.

Nein, Jem war in die andere Richtung abgebogen. Wohin zum Teufel konnte er wollen? Der Feldweg, der in der einen Richtung zur Hauptstraße führte, führte in der anderen Richtung absolut nirgendwohin – dort, wo der Boden zu den steilen Felsenhügeln anzusteigen begann, verlief er einfach im Sand.

Das war jedoch offensichtlich Jems Ziel – die Hügel. Er verließ den Weg und begann zu klettern, und seine kleine Gestalt verschwand fast vollständig hinter den wild wuchernden Farnen und den tief hängenden Ästen der Ebereschen auf dem tieferen Teil des Berghangs. Er folgte der bewährten Tradition aller Gesetzlosen der Highlands und flüchtete sich in die Heide.

Es war der Gedanke an die Gesetzlosen der Highlands, bei dem der Groschen fiel. Jem war zur Höhle des Dunbonnets unterwegs.

Jamie Fraser hatte dort sieben Jahre lang gelebt, nach der Katastrophe von Culloden, in Sichtweite seiner Familie, jedoch versteckt vor Cumberlands Soldaten – und gedeckt von seinen Pächtern, die niemals seinen Namen benutzten, sondern ihn den Dunbonnet nannten, Braunkappe also, nach der graubraunen Farbe der Strickmütze, die er trug, um sein feuerrotes Haar zu tarnen.

Das gleiche Haar flammte jetzt wie ein Leuchtfeuer auf halbem Weg zum Gipfel auf, bevor es wieder hinter einem Felsen verschwand.

Weil ihm klar wurde, wie leicht er Jem trotz der roten Haare in der zerklüfteten Landschaft verlieren konnte, verlängerte Roger seine Schritte. Sollte er ihn rufen? Er wusste in etwa, wo die Höhle war – Brianna hatte ihm die Stelle beschrieben –, doch er war bis jetzt noch nicht dort oben gewesen. Er fragte sich plötzlich, woher Jem wusste, wo sie war. Vielleicht wusste er es ja gar nicht und war auf der Suche danach.

Er rief nicht nach Jem, sondern machte sich stattdessen seinerseits an den Aufstieg. Jetzt, da er genauer hinsah, konnte er einen schmalen Wildwechsel im Unterholz sehen, und dort im Schlamm steckte der halbe Fußabdruck eines kleinen Turnschuhs. Bei diesem Anblick entspannte er sich ein wenig und wurde wieder langsamer. Jetzt würde er Jem nicht mehr verlieren.

Es war still auf dem Berghang, doch die Luft war in Bewegung und fuhr unruhig durch die Ebereschen, roch nach der Reife und der würzigen Rotte des Frühherbstes.

Die Heide erstarb allmählich zu winterlichem Grau, doch in den geschützten Vorsprüngen des hohen Felsens über ihm leuchtete es noch lila. Er fing noch etwas anderes in der Luft auf und wandte sich neugierig in die Richtung, aus der es kam. Wieder leuchtete es rot auf; ein Hirsch in vollem Geweih stand zehn Schritte unter ihm auf dem Hang. Er dünstete Brunftgeruch aus. Roger erstarrte, doch der Kopf des Hirsches fuhr in die Höhe, und seine geblähten schwarzen Nüstern nahmen die Witterung auf.

Roger begriff plötzlich, dass er die Hand an seinen Gürtel gepresst hatte, wo er früher ein Häutemesser getragen hatte, und dass seine Muskeln angespannt waren, bereit loszuspurten und dem Hirsch die Kehle durchzuschneiden, sobald der Schuss des Jägers das Tier gefällt hatte. Fast konnte er die zähe, haarige Haut spüren, das Platzen der Luftröhre und das heiße, stinkende Blut, das ihm über die Hände lief; fast konnte er die entblößten gelben Zähne sehen, an denen noch das Grün der letzten Mahlzeit des Tiers klebte.

Der Hirsch brüllte, ein lauter, schallender Kehllaut, seine Herausforderung an jeden anderen Hirsch in Hörweite. Einen Atemzug lang erwartete Roger, einen von Ians Pfeilen aus den Ebereschen hinter dem Hirsch sausen zu spüren oder Jamies Gewehr in der Luft widerhallen zu hören. Dann schüttelte er sich und kehrte in seine Haut zurück. Er bückte sich, um einen Stein aufzuheben – doch bevor er ihn werfen konnte, hatte ihn der Hirsch gehört und flüchtete raschelnd und krachend durch den Farn.

Er stand still und roch seinen eigenen Schweiß, immer noch orientierungslos. Doch dies waren nicht die Berge North Carolinas, und das Messer in seiner Tasche diente dazu, Schnüre zu zerschneiden und Bierflaschen zu öffnen.

Er hatte Herzklopfen, wandte sich aber erneut dem Pfad zu, immer noch auf der Suche nach Zeit und Raum. Gewiss würde es mit etwas Übung einfacher werden? Seit über einem Jahr waren sie zurück, und doch erwachte er manchmal nachts, ohne zu wissen, wo – oder wann – er war, oder schlimmer noch, er stolperte im Wachen durch ein plötzliches Wurmloch in die Vergangenheit.

Die Kinder, die nun einmal Kinder waren, schienen nicht so sehr an diesem Gefühl zu leiden, anderswo zu sein. Mandy war natürlich zu klein und zu krank gewesen, um sich an ihr Leben in North Carolina oder die Reise durch die Steine zu erinnern. Jem erinnerte sich daran. Doch Jem … Er hatte nur einen Blick auf die Autos auf der Straße geworfen, die sie eine halbe Stunde nach ihrem Auftauchen aus den Steinen auf Ocracoke erreicht hatten, und schon hatte er fasziniert dagestanden, ein breites Grinsen im Gesicht, wann immer ein Wagen an ihnen vorbeibrauste.

»Brumm«, hatte er zufrieden zu sich selbst gesagt, und schon schien er das Trauma des Abschieds und der Zeitreise vergessen zu haben – während Roger selbst kaum laufen konnte und das Gefühl gehabt hatte, dass ein wichtiger, unwiederbringlicher Teil seiner selbst noch in den Steinen gefangen war.

Ein freundlicher Fahrer hatte angehalten, ein mitfühlendes Ohr für ihre Geschichte mit dem Bootsunfall gehabt und sie in den Ort gefahren, wo ein R-Gespräch mit Joe Abernathy ihre unmittelbaren Bedürfnisse nach Geld, Kleidern, einem Zimmer und etwas zu essen gestillt hatte. Jem hatte auf Rogers Knie gesessen und mit offenem Mund durch das offene Fenster gestarrt, während sie die schmale Straße entlangfuhren und ihm der Wind durch die weichen, leuchtenden Haare fuhr.